Persönlichkeiten: der „eiserne Gustav“

Liebe Leser, ich gestehe es: ich habe eine gewisse Sympathie für „Don Quijot“-ische Charaktere. Für Menschen mit der Sehnsucht nach einer „guten, alten Zeit“, die so vielleicht niemals existiert hat. Daran erinnerte ich mich, als ich letztlich in einem Buch wieder über den „eisernen Gustav“ stolperte. Schaun mer mal:

Fortschritt ist so eine Sache. Vor lauter „neuen und faszinierenden Errungenschaften“ verliert der Mensch manchmal Dinge, die besser erhalten geblieben wären. War es dieser Gedanke, der im Jahre 1928 den in Berlin tätigen Droschkenkutscher Gustav Hartmann, später als „eiserner Gustav“ bekannt, dazu brachte, mit einem Einspänner von Berlin nach Paris und zurück zu fahren ? Wollte er einfach eine Lanze für das aussterbende Pferde-Transport-Gewerbe brechen oder war es der heute von Chronisten eher bevorzugte Gedanke der „Völkerverständigung“ zwischen Frankreich und Deutschland, der ihn motivierte ? Oder vielleicht beides ?

eiserner_GustavWir werden es vielleicht nie genau wissen. Was wir aber wissen ist, dass Gustav Hartmann ein Magdeburger war und ein gelernter Bäcker. Er zog später nach Berlin, eröffnete dort ein Lebensmittelgeschäft, konnte es aber nicht am Leben erhalten. Auch das ein interessantes Detail: er musste sich also, wie man es heute so schön nennt, irgendwann in seinem Leben „neu erfinden“. Klingt das nicht sehr modern und vertraut ?

Er erfand sich neu als Fuhrunternehmer der sog. „Wannseedroschken“, die vom Bahnhof Wannsee aus durch Zehlendorf und anliegende Regionen fuhren, vor allem als „Taxis“. Das Geschäft lief gut, Hartmann hatte sogar, entgegen der späteren Legendenbildung, selbst ein Automobil in seinem „Fuhrpark“. Spät in seinem Leben, im 68. Lebensjahr, erfüllte sich Gustav Hartmann einen Traum: in einer Kutsche, die vom Wallach „Grasmus“ gezogen wurde, fuhr er die ca. 1.000 Kilometer von Berlin nach Paris und zurück.

Auch schon damals war ein solches Unternehmen kaum ohne „Sponsoren“ denkbar und so brachte sich der Ullstein-Verlag als Unterstützer ein, unter der Bedingung, dass einer seiner Mitarbeiter, H.H. Theobald, exklusiv täglich über den Fortschritt der Reise berichten durfte. Am 02. April 1928 brach Gustav Hartmann von seinem Wohnhaus in der Alsenstraße 11 in Wannsee auf. Am 04. Juni 1928 erreichte er Paris, wo er durch seine Medien-Berühmtheit bedingt bereits erwartet und gefeiert wurde. Bei seiner Rückkehr nach Berlin am 12. September, diesmal durch das Brandenburger Tor, war er ein, modern gesprochen, „Superstar“.

Gustav_Hartmann_1Das brachte ihm einiges an Sondereinnahmen, die Hartmann in die nach ihm benannte Stiftung einbrachte, welche noch heute „Droschkenkutschern“ (Taxifahrern) beisteht, die durch die Folgen von Gewalttaten oder ähnliche Dinge in Not geraten sind. Zehn Jahre später, 1938, verfasste Hans Fallada den Roman „der eiserne Gustav“, der auf dem Leben Hartmanns basiert. Er zeichnet darin einen Mann, der dem Automobil und allem, wofür es steht, feindlich gesonnen ist. Na, ja. Der Roman wurde 1958 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle verfilmt, 1978 widmete sich eine TV-Serie mit Gustav Knuth als Kutscher noch einmal dem Thema. Seit dem Jahr 2000 gibt es in Berlin ein Denkmal für den „eisernen Gustav“ aus der Werkstatt des Bildhauers Gerhard Rommel. Das Gezerre um den besten Standort dafür habe ich noch in Erinnerung, es war einfach nur würdelos und zeigt nur, wie „politisch“ Denkmäler in der Hauptstadt mittlerweile geworden sind. Ein Charakter wie Gustav Hartmann, der sich für keine Partei-Agenda missbrauchen lässt, findet nur sehr wenige Fürsprecher, auch wenn er seit Jahrzehnten verstorben ist.

So finden wir Hartmann, angetan mit seinem Kutschermantel und dem unvermeidlichen Zylinderhut auf dem Kopf, heute nicht in Wannsee oder am Brandenburger Tor, sondern in der Potsdamer Straße, nahe dem Landwehrkanal, wo er ein wenig wehmütig zum Kulturforum herüberblickt. 1938 verstarb der echte „eiserne Gustav“ und wurde auf dem alten Friedhof Wannsee beigesetzt, wo noch heute seine, mittlerweile zum Ehrengrab der Stadt Berlin erhobene, letzte Ruhestätte zu finden ist. Der Bahnhofsvorplatz des S-Bahnhofes Wannsee trägt mittlerweile auch seinen Namen. An seinem Wohnhaus prangt ebenfalls eine Plakette, die seine Fahrt nach Paris würdigt.

Was also war Gustav Hartmann ? Ein Nostalgiker, der das abgelaufene Zeitalter der Droschken feiern wollte ? Nun, er hatte 1928 selbst schon ein Taxi. War er ein „Aktivist“, wie es eine Berliner Journalistin schrieb, oder nur eine begabte Werbefigur in eigener Sache, der für sein Unternehmen Publicity bekam ? War er ein Wohltäter, der an „seine“ Kutscher dachte, als er die Stiftung zu ihren Gunsten ins Leben rief oder nur ein Mann, der sich einen persönlichen Traum erfüllte und vom Rummel ein bischen überrascht wurde ? Ach, suchen wir uns doch etwas aus und feiern es. Vielleicht ist jedes dieser Details ein Stückchen Wahrheit. 🙂

Ihr

Clemens Kurz

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