Spandauer Weihnachtsmarkt: ein Schatten des Erinnerten

In der Adventszeit werden wir Berliner ja oftmals ungewöhnlich „gefühlig“. Wo vielleicht Sachsen oder Rheinländer ganz allgemein als ein wenig emotionaler gelten, da sind wir alteingesessenen Berliner ja eigentlich eher „abgebrüht“ oder „kaltschnäuzig“. Nicht so im Advent, wenn wir uns auf die Weihnachtsmärkte stürzen, die zumeist bereits Ende November ihre Pforten öffnen. Da werden wir sentimental. Ein persönlicher Erlebnisbericht:

Berlin ist in seiner Eigenwerbung stolz darauf, im Advent über 100 Weihnachtsmärkte zu „beherbergen“. Ob dies nun mehrwöchige Veranstaltungen im „high-class“-Niveau sind oder nur eintägige, kleine Märkte am Stadtrand: für jeden ist da wohl zwischen Gendarmenmarkt, Rixdorf, Spandau und Köpenick irgendetwas dabei. Die ungebrochene Begeisterung vieler Berline und ihrer Besucher spricht da wohl für sich.

DSCI1888_compressedVon der oben beschriebenen Sentimentalität getrieben, wollte ich also nun auch mal die „memory lane“, die Straße der Erinnerungen, hinabspazieren und begab mich also zum Spandauer Weihnachtsmarkt, an den ich mich noch aus der Kindheit so gerne zurückerinnere. Wie das aber bei der „memory lane“ so ist, erfolgt doch oft eine gewisse Ernüchterung, wenn man den „Ist-Zustand“ mit dem ganz gewiss durch die Jahre arg „versüßten“ und geschönten Bild vergleicht, das man sich über die Jahre hinweg bewahrt oder vielmehr wohl erst aufgebaut hat.

Zwar wecken die Gerüche von Glühwein, Pfannkuchen und sonstigem Gebratenen noch immer Bilder und Gefühle aus der Kindheit, aber man muss sehr genau aufpassen, dass die veränderte Realität diese kleinen Seifenblasen nicht allzu schnell platzen lässt. Vor allem, wenn man wie ich den Fehler macht, am ungünstigsten Wochentag und bei wirklich nicht zur Besinnlichkeit anregendem Wetter seinen Besuch durchzuführen. (Ich weiß, liebe Leser, Sie könnten mich jetzt ungeschickt nennen, aber ich hatte einfach zuvor keine Zeit für Weihnachtsmärkte in diesem Jahr und nahm die erste Gelegenheit wahr, doch noch einen Abstecher dahin zu machen.)

Statt „leise rieselnden“ Schneeflocken regnete es, statt fröhlicher Atmosphäre öffneten viele „Buden“-Anmieter ihre Geschäfte gar nicht erst an einem Mittwoch-Mittag. 😦 Viel trostloser hätte es gar nicht sein können, da hilft auch nicht die sanfte Berieselung mit Weihnachtsliedern, die man vielleicht noch nicht 10.000 mal gehört hatte, nur wenig. Und dennoch: die Spandauer und ihre Besucher ließen sich nicht wirklich stören in ihrem Adventsritual.

IDSCI1906_compressedmmer wieder musste ich, weil so viele Leute mir vor die Linse liefen, die Kamera absetzen, wenn ich einen „stimmungsvollen“ Schnappschuss zu machen versuchte. Natürlich waren das hauptsächlich Passanten, die eigentlich eine Arztpraxis, ein Geschäft oder ein Restaurant in der Altstadt aufsuchen wollten, aber dennoch konnte ich mich der Ahnung nicht erwehren, dass manches Paar, das da mitsamt Enkelkind ein „Quarkbällchen“ verdrückte, wohl ansonsten schneller durch die Spandauer Altstadt gegangen wäre. Dass mancher Glühwein-Konsument wohl ebenso wie ich bewusst ganz langsam und neugierig durch die Gassen von Büdchen, Nussknacker-Aufstellern, spärlich geschmückten Weihnachtsbäumen und Kartoffelpuffer-Auftankstationen lief.

DSCI1908_compressed
„Heilige drei Pinguine“ ???

Na, vielleicht bin ich tatsächlich Advents-naiv geworden, denn ich sah natürlich auch diverse unerklärliche Dinge wie die „Heiligen Drei Pinguine“, deren Anwesenheit ich mir nun so gar nicht erklären konnte, da doch der Legende nach der Weihnachtsmann am NORD- und nicht am Südpol zu Hause ist. Sowas. Das Gedränge blieb aber auch hier konstant enervierend, wie ich es auch aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Viel Publikumsverkehr und Kinder mussten oft genug fest an die Hand genommen werden, um nicht schnell mal „abhandenzukommen“.

Dass natürlich der übliche „Rummel“ vor dem Spandauer Rathaus sozusagen den „Abschluss“ des Weihnachtsmarktes bildet, tut m. E. nach dem Ganzen keinen Abbruch. Ein (man beachte den „fast-Widerspruch“) kleines Riesenrad, ein Kinderkarussell, eine umfangreiche „Losbude“ etc. All diese Dinge sind schon wieder so herrlich altmodisch, so „nostalgisch“, dass mir ganz warm ums Herz wurde. Und ich machte hier auch eine interessante Beobachtung: eine junge, muslimische Mutter mitsamt Hidschab fuhr hier neben  ihrer kleinen Tochter fröhlich lachend mit dem „minitrain“ mit. Soviel zum Argument, der „Weihnachtsrummel“ würde Muslime anwidern und „beleidigen“. Was ein echter Berliner ist, ob mit oder ohne „Migrationshintergrund“, der lässt sich von niemandem vorschreiben, wie er (oder sie) sich amüsieren soll. Der hat einfach Spaß mit dem, was er (oder sie) vorfindet.

DSCI1909_compressedMein Fazit also ? Natürlich gibt es mondänere Weihnachtsmärkte (Gerndarmenmarkt) oder solche mit viel mehr Angeboten, sich zu vernügen (Alexanderplatz). Oder eben diejenigen mit speziellen Themen oder Besonderheiten, die sich in vielen „Kiezen“ während der letzten Jahren etabliert haben. Auch sollte man wirklich auf Wetter und Wochentag Acht geben, sonst könnte man, gerade wenn man mit Kindern unterwegs ist, schnell enttäuscht sein. Aber der mittlerweile 42. Spandauer Weihnachtsmarkt entfaltet noch immer abends und an den Wochenenden eine gute Atmosphäre, auf die man, wenn man es denn mag, nicht verzichten sollte. Immerhin ist er nicht „exklusiv“ es gibt also keine Eintrittsgebühr.

Das gebe ich allen Berlinern, ihren Besuchern und Freunden mit auf den Weg, die noch beabsichtigen, in dieser Advents-Saison einen Weihnachtsmarkt aufzusuchen. VIEL SPASS dabei !!! Und: Frohe Weihnachten !

Ihr

Clemens Kurz

Spandauer Weihnachtsmarkt:

Wann: 25. November bis 23. Dezember 2015
Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 11 – 20 Uhr
Freitag 11 – 21 Uhr
Samstag 11 – 22 Uhr
Sonntag 11 – 20 Uhr
Eintritt: frei

Anfahrt:

U-Bahnhof „Altstadt Spandau“ oder „Rathaus Spandau“ (U7), diverse Buslinien (Bsp.: M45 vom Zoologischen Garten oder 638 vom Bahnhof Potsdam)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s