Mitte: ein „verschollener Ort“ – das Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz

Leichtfertig reden wir „Nachgeborenen“ heute von „Einkaufstempeln“, wo wir nicht nur vor Feiertagen unserem Konsumrausch frönen und Geld ausgeben können, das wir vielleicht erst noch verdienen müssen. Was ein wirklicher Konsumtempel war, das kann man heute in Berlin nur noch erahnen. Denn die „große Zeit“ der Kaufhäuser ist im Zeitalter des Online-Handels lange vorbei.

Das Konzept, unterschiedliche Waren „unter einem Dach“ anzubieten, entstammt dem 19. Jahrhundert. In Paris begann man damit, für den Verkauf verschiedener Waren ganze Industrie-Komplex-große Häuser zu bauen. Was übrigens deutlich weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass auch der bedeutende, preußische Architekt Schinkel Entwürfe für derartige „Verkaufshäuser“ erstellte, die aber zu seinen Lebzeiten noch keine Realisierung erhielten. Statt seines „Verkaufs-Ortes“ bekamen die Berliner „Linden“ später an dieser Stelle eine Universitätsbibliothek. Nun ja. Auch wichtig. Interessantes Detail: Mit den Kaufhäusern zog auch der „Festpreis“ in den Einzelhandel ein. Vorher durfte noch „gefeilscht“ werden wie auf einem orientalischen Basar.

Lichthof des Wertheim am Leipziger Platz
Lichthof des Wertheim am Leipziger Platz

Nun die „Zeit der Kaufhäuser“ schlug irgendwann auch in Berlin. Verantwortlich dafür waren hauptsächlich zwei aus Stralsund stammende Handelshäuser und -familien: die Familie Tietz und die Wertheims. Zwar eröffneten sie nicht die ersten Kaufhäuser in Berlin, aber ihre Häuser waren mit Abstand die spektakulärsten Bauten dieser Art in der Stadt (wenn man von Adolf Jandorfs „Kaufhaus des Westens“ in Charlottenburg mal absah, immerhin ist Charlottenburg erst seit 1920 ein Teil von „Groß-Berlin“). Das vielleicht beeindruckendste davon war das Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz, dessen erste Bauphase zwischen 1896 und 1906 lag. Der Luxus, der hier nicht nur verkauft, sondern auch verbaut wurde, war unvergleichlich in Berlin, ja vielleicht sogar in Deutschland. Der Architekt Alfred Messel durfte seiner Linie „Außen funktional, innen spektakulär“ ungehindert treu bleiben. Und bis in die Weimarer Republik hinein galt das „Wertheim am Leipziger“ als größtes Kaufhaus Europas, zumal es auch immer wieder auf benachbarte Grundstücke ausgedehnt wurde. Die Verkaufsfläche betrug um 1926 etwa 70.000 Quadratmeter. (Vergleich: die heutige „Mall of Berlin“ hat ca. 22.000 qm Fläche.)

Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz, 1910
Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz, 1910

Zeitgenossen aus den Kaiserjahren erzählen in ihren Memoiren z. T. davon, wie man damals „zum Wertheim“ ging, als ob man einen Ausflug zu irgendeiner schönen Naturlandschaft im Umlande machte. Einkaufen konnte dort natürlich nicht „jedermann“, dafür waren die Waren zumeist zu kostspielig, aber schauen war allemal drin. Seinen „Ritterschlag“ bekam das „Wertheim am Leipziger“ übrigens im Januar 1910, als der deutsche Kaiser Wilhelm II. mitsamt seiner Gemahlin, Auguste – Viktoria, dem Hause einen Besuch abstattete. Der Monarch zeigte sich, laut Bericht von Georg Wertheim, der das Kaiserpaar herumführte, vom 750 qm großen „Lichthof“ mit der „Arbeit“ genannten Statue beeindruckt. Danach war das Wertheim auch für die „vornehmen“ Kreise Berlins und den Kaiserhof „gesellschaftsfähig“. In der Weimarer Republik, 1927, soll hier im Hause auch die erste Rolltreppe Berlins eingebaut worden sein.

In der NS-Zeit wurde die „jüdische“ Familie Wertheim enteignet und die zu ihrem Konzern gehörenden Warenhäuser zwangsweise in die sog. „Allgemeine Warenhaus AG“ (AWAG) überführt. Die frechen Berliner, die „ihr“ Wertheim ins Herz geschlossen hatten, nannten dieses Unternehmen daraufhin „Aus Wut arisiert geworden“. Den zweiten Weltkrieg überstand der Bau nur schwer beschädigt. Noch zur Zeit der sowjetischen Besatzung wurde das Gelände in „Volkseigentum“ umgewandelt und schließlich wurden 1956 die Reste des Gebäudes gesprengt. Bis auf den ehemaligen „Tresorraum“ des Wertheim allerdings, der als freistehende Ruine erhalten blieb und später von 1991 – 2005 als Techno-Club „Tresor“ betrieben wurde.

Der Rest des Geländes blieb, da in unmittelbarer Nähe der „Berliner Mauer“ gelegen, während der DDR-Zeit eine Brache, die den Mauerschützen das Feuern auf potentielle „Republikflüchtlinge“ erleichtern sollte. Mittlerweile ist, nach diversen Klärungen und Streitigkeiten um die Eigentumsrechte an dem Grundstück, eine Bebauung des Grundstückes erfolgt. Von 2011 – 2014 wurde hier die „mall of Berlin – LP12“ (Adresse: „Leipziger Platz 12“) gebaut und damit die letzte Brache am Leipziger Platz geschlossen. Mittlerweile ist die „Mall of Berlin“ die zweitgrößte Einkaufsmeile der Stadt nach den Gropius – Arkaden in Neukölln. Aber die geplanten Ausbauten können auch dafür sorgen, dass die „moB-LP12“ wieder die „Nr. 1“ wird. Dem Andenken des „Konsumtempels“ Kaufhaus Wertheim, dem Luxus, der Größe und der Vornehmheit des alten Hauses, wird diese Mall aber nie gerecht werden können.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s