Charlottenburg: ein „verschollener Ort“ – die „Deutschlandhalle“

Oh, was erinnere ich mich noch an Konzerte und Sportveranstaltungen in der Berliner Deutschlandhalle. Für uns alte „Westberliner“ war das über Jahrzehnte DER Ort, wo man „was erleben“ konnte. Fussball-Hallenturniere mit Superatmosphäre, Hallenhandball auf höchstem Niveau und Konzerte mit Weltstars sowieso. Diese „event location“ existiert aber heute nur noch im Gedächtnis ihrer ehemaligen Besucher, denn das eigentlich denkmalgeschützte Gebäude wurde im Dezember 2011 abgerissen.

So etwas gibt es auch nur in Berlin. Man stelle sich vor, die New Yorker würden den „Madison Square Garden“ abreißen und stattdessen ein Kongresszentrum auf dieses Grundstück setzen. Der Aufruhr der New Yorker wäre fundamental, jeder Bürgermeister, der dies absegnet, würde abgewählt. Wir Berliner scheinen da bedeutend duldsamer zu sein, denn der Abriss der Deutschlandhalle rief praktisch keinerlei Widerstand hervor, obwohl das Gebäude denkmalgeschützt war.

Deutschlandhalle2jpgIch vermute bis heute, dass das ebenso an ihrem Errichtungdatum, 1935, liegt, wie an ihrem Namen. „Deutschland“ hat in bestimmten Kreisen keinen guten Namen. Und sie war halt ein „Nazibau“. Wir können also erahnen, was dem Berliner Olympiastadion irgendwann bevorstehen mag, selbst wenn dessen Planung in den 20ern begann und der Bau schon 1932.
Zurück zur Deutschlandhalle am Berliner Messegelände: Auch sie sollte den Olympischen Spielen von 1936 als Mehrzweckarena dienen und war terminlich dementsprechend geplant worden. Mit einem Fassungsvermögen von 10.000 – 16.000 Zuschauern galt die Stahlkonstruktion als eine der größeren Arenen ihrer Zeit. 1938 machte sie erstmalig Geschichte, als die Pilotin Hanna Reitsch den ersten „Indoor-Flug“ mit einem Helikopter darin durchführte.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Halle schwer beschädigt. Bei einem Treffer durch eine Brandbombe im Jahre 1943 brannte sie weitgehend aus.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit fanden sich keine Ressourcen, um diesem Bau, der mit dem S-Bahnhof „Eichkamp“ (heute: „Messe-Süd“) sogar über einen eigenen Nahverkehrsanschluss verfügte, neues Leben einzuhauchen. Ein entsprechender Senatsbeschluss konnte erst Mitte der 50er Jahre umgesetzt werden, so dass die Wiedereröffnung erst 1957 stattfand. Und wer sich in den kommenden Jahrzehnten nicht alles hier die „Klinke in die Hand“ gab: die Sechstage-Rennen der Radfahrer, das Berliner Fussball-Hallenturnier, „Holiday on ice“, sogar Muhammad Ali hat hier einen Demonstrationskampf gegen Georg Butzbach ausgefochten (1979). Hallenhandball (Reinickendorfer Füchse), die „Harlem Globetrotters“ und was nicht noch alles fand hier statt.

Hier provozierte Klaus Kinski sein Publikum, hier rockte Gianna Nannini, hier hielt die „Diva“ Whitney Houston Hof. Wer immer in den 70er und 80er Jahren irgendetwas bedeutete, trat hier auf. Ich selbst habe großartige Erinnerungen etwa an ein Konzert des mittlerweile verstorbenen, irischen Rockers Gary Moore. Wer jemals ein Konzert in der Deutschlandhalle erlebt hat, wird wohl kaum das dumpfe Trampeln des „Oberrings“ auf den Holzbalken ihrer Sitze vergessen können, wenn man „Zugaben“ erzwingen wollte. 1989 schließlich fand noch im November ein spontanes „All-Star“-Konzert anläßlich der Maueröffnung statt. Hier spielten aus Ost und West viele der damals beliebtesten Bands wie etwa „Silly“, „Pankow“, die „Toten Hosen“ und „BAP“. In dieser Konstellation war das zuvor undenkbar gewesen.

spektakuläre Sprengung des Daches der Deutschlandhalle, 3. Dezember 2011
spektakuläre Sprengung des Daches der Deutschlandhalle, 3. Dezember 2011

1995 schließlich wurde die Deutschlandhalle in den Bestand der denkmalgeschützten Gebäude Berlins aufgenommen. Aber schon 1998 wurde die Halle erstmalig geschlossen. Die Messegesellschaft Berlin, welche die Immobilie verwaltete, wollte den gesamten Südbereich des Messegeländes umgestalten und sowohl die Deutschlandhalle als auch die benachbarte „Eishalle Jaféstraße“ abreißen. Ein großzügiger „Südeingang“ für die Messehallen sowie ein Parkhaus waren stattdessen vorgesehen. Im damaligen Senat gab es jedoch Widerstand und ein Gegenkonzept für die Deutschlandhalle wurde entwickelt, das eine Komplettmodernisierung vorsah. Über all diese, typisch berlinische Bürokratie hinweg stand die Deutschlandhalle mehr als drei komplette Jahre lang leer, ohne Sicherungs-, Renovierungs- oder Umbaumaßnahmen. Kein Wunder, dass sie dabei zu verfallen begann.

2001 gab es noch einmal eine Neueröffnung als Eissport-Halle für den lokalen Nachwuchs im Eishockey oder Eislauf, aber die großen Zeiten waren damit endgültig vorbei. Ab 2008 betrieb der Senat dann selbst den Abriss der Halle, deren Dachkonstruktion wohl in einem beklagenswerten Zustand war. Dem Drängen der Berliner Messegesellschaft nach „neuen Räumlichkeiten“ wurde insofern Rechnung getragen, dass der „city cube“ (nicht mal der Name erinnert mehr an „Deutschland“), eine Art Kongresszentrum, auf dem Gelände der Halle erbaut wurde und im Jahre 2014 seine Pforten öffnete.

Nun sind all die Momente der Begeisterung, des Erstaunens, sind all der Sportlerschweiß, der hier vergossen wurde, nur noch Geschichte. Die Rock- und Pop-Rhythmen wurden durch Business-Meetings und ähnlich banales Zeug ersetzt. Und die Tatsache, dass selbst das Prädikat „denkmalgeschützt“ vor den Ansprüchen unserer „Gewinnmaximierungs“- Gesellschaft nicht mehr bestehen kann, lässt mich nachdenklich und wehmütig zugleich zurück. Und damit bin ich vielleicht nicht allein ? 🙂

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