Wedding: ein „verschollener Ort“ – die „Plumpe“ am Gesundbrunnen

Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, mein Vater war ein noch größerer Fußball-Fan als ich selbst. Lange hatte er nach dem Zweiten Weltkrieg noch bei meiner Großmutter im Wedding gelebt. Nun, ja, er war ja auch erst 12, als der Krieg endete. Aber so hat er zwar die „große Zeit“ von Hertha BSC nicht mehr persönlich erlebt, aber er kannte von Freunden und Bekannten her noch alle „Heldengeschichten“ um Hanne Sobek, die „Plumpe“ am Gesundbrunnen und die Herkunft des Blau-Weißen Fußballvereins. Er selbst hat an der „Plumpe“ noch viele Spiele erlebt, bevor die Immobilie verkauft werden musste. Ich selbst bin hingegen schon ein Kind der „nächsten Generation“ und kenne Hertha BSC selbst nur noch aus dem Berliner Olympiastadion.

PLUMPE2Aber fangen wir mal von „vorne“ an. Hertha BSC war letztlich ein Arbeiter-Verein, sowie Fussball von Anfang an mehr der Sport der „einfachen Leute“ war. Heute wie damals amüsierte sich die „high society“ eher beim Pferdesport oder Tennis. Im alten „Arbeiterbezirk“ Wedding siedelte sich Hertha 92, der Namensvorgänger noch ohne die Buchstaben „BSC“, im Jahre 1904 an. Zuvor spielte man auf dem Gelände des heutigen „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks“, dem sog. „Exer“, weil es mal das Exerziergelände des Alexanderregiments war.

Da der nun genutzte Sportplatz im Wedding einst dem Kneipier Joseph Schebera gehörte, sprach man noch lange (bis 1924) vom „Schebera“-Sportplatz, der sogar immer noch existiert und „Nord-Nordwest“-Gelände heißt.  Noch vor dem Ersten Weltkrieg begann Hertha 92 damit, sich auf den Schebera-Platz Gegner von internationalem Renommée einzuladen. Die auch heute noch bekannten „Tottenham Hotspurs“, „Blackburn Rovers“ oder der „FC Sunderland“ fanden sich hier ein. Auch die erste Berliner Meisterschaft wurde hier bereits 1906 errungen.

PLUMPE4Na, ich werde jetzt nicht weiter Zahlen und Daten herunterrattern, sondern darauf hinweisen, wie wichtig eine feste Spielstätte auch damals schon für die Fußballvereine war. Traditionell musste mangels Eigentum eine Pacht für die Nutzung des Geländes gezahlt werden und im Gefolge der Wirtschaftkrise und Inflation 1923 musste Hertha 92 einsehen, dass sie nicht mehr in der Lage waren, diese Gebühren an die Nachfolge-Gesellschaft Scheberas zu zahlen. Daher rührt dann auch die Fusion mit dem finanzkräftigeren „Berliner Sport Club 1899“, die das Überleben am Gesundbrunnen sicherte. Was lernen wir daraus ? Richtig: „Hertha BSC“ gibt es als Namen hauptsächlich deshalb, weil der Verein hier am Gesundbrunnen verbleiben wollte. Schließlich legte man sogar soviel Geld zusammen, dass ein eigenes Grundstück, direkt gegenüber des bisherigen, in Privatbesitz verbleibenden, Schebera-Platzes erworben und mit dem Ausbau desselben begonnen werden konnte. Dies wurde dann zur eigentlichen „Plumpe“ an der sog. „Millionenbrücke“ (siehe Bild oben). Der Name „Plumpe“ stammt übrigens von den Wasserpumpen des Luisenbades am Gesundbrunnen. In der besten Zeit konnten auf diesem Platz 35.000 Zuschauer die Spiele sehen, davon 3.600 auf überdachten Plätzen.

Nun, da ich aber keine Geschichte von Hertha BSC schreiben, sondern nur auf die Plumpe hinweisen wollte, erwähne ich nur kurz die „großen Zeit“ der Hertha Ende der zwanziger- , Anfang der dreißiger Jahre, als man die bis heute einzigen zwei deutschen Meistertitel gewinnen konnte. Untrennbar damit verbunden ist natürlich der Name „Hanne Sobek“. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Plumpe leider nicht wirklich. Ca. 200 Bombenkrater hatten den Rasen zerlegt und ein Brand am 06. Mai 1945 fackelte den größten Teil der Holztribüne ab, da kein Löschwasser zur Verfügung stand. Die Wiederherrichtung der Plumpe dauerte bis Dezember 1950. Jetzt fasste das Gelände aber nur noch 20.000 Zuschauer.

PLUMPE5Zur Einführung der Bundesliga 1963 musste Hertha BSC dann aber ins Olympiastadion umziehen, weil die Plumpe zu klein geworden war, um die Auflagen des DFB zu erfüllen und außerdem am Gesundbrunnen auch keine Flutlichtanlage zur Verfügung stand. Von 1965 – 68 kehrte man noch einmal zur Plumpe zurück, da Hertha BSC damals nur in der Regionalliga spielte, für die die Auflagen geringer waren. 1968 kehrte man dann aber in die Bundesliga und damit ins Olympiastadion zurück. Im Zuge des Bundesligaskandals von 1971 wurden Herthas Schulden dann so immens, dass man die Plumpe schließlich verkaufen und den Berliner Senat dazu bringen musste, sie zum Bauland zu erklären. Das letzte Spiel sollte hier am 22. Oktober 1974 stattfinden. Als Gegner war der Traditionsclub „1. FC Nürnberg“ eingeladen, aber sintflutartige Regenfälle verhinderten den Anpfiff. Ein Ende im Schlamm. Der „Himmel weinte“, bevor Herthas große Vergangenheit wenige Tage später in einer Baugrube begraben wurde.

Ich persönlich denke, die „Plumpe“ am Gesundbrunnen war Hertha BSCs Verbindung zur alten Zeit. Zur Größe der Stadt- und deutschen Meisterschaften ebenso wie zur Tradition des „kleine-Leute-Clubs“ der Weddinger Arbeiter. Seit den 70er Jahren ist Hertha BSC zum „Hauptstadtclub“ geworden, der keine „Kiez“-Verbindungen mehr aufweist, auch keine mehr aufweisen kann. Nun müssen alle Berliner, aus allen Bezirken angesprochen werden und die Geschäftsstelle saß ja schon zu meinen „Fan“-Zeiten in den 80er Jahren, als man sich noch „Stadionausweise“ ausstellen lassen musste, um in „voller Kluft“, sozusagen als „Hertha-Frosch“ (weiß heute noch jemand, was das war ?), ins Olympiastadion zu dürfen, in Charlottenburg.

Und dennoch ist für die aussterbende Generation der „alten Fans“, die noch mit meinem Vater gemeinsam Hertha am Gesundbrunnen zugejubelt haben, die „Plumpe“ ein Sehnsuchtsort, ein Ort, wo der Verein ein gerüttelt Maß an Bodenhaftung hatte. Ein „verschollener Ort“, auf dem heute Wohnblöcke stehen. Ruhe in Frieden, „Plumpe“.

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