Mitte: ein „verschollener Ort“ – das „Ahornblatt“ auf der Fischerinsel

Jede Epoche hat in unserer Stadt ihre Spuren hinterlassen. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und manch stadtplanerischer „Fauxpas“ haben aber viele, vergangene Epochen schwerer zugänglich gemacht. Das sieht man u. a. anhand der Funde aus dem Spätmittelalter, die beim Bau der „U5-Verlängerung“ gemacht wurden. Die DDR-Zeit hingegen wird immerhin unübersehbar durch den mächtigen Fernsehturm würdig repräsentiert. Was aber ist außer dem „Ballast der Republik“ sonst noch verloren gegangen ? Hier ein Beispiel:

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Wenn die „Interbau“-Ausstellung in Tiergarten für Westberlins Bedürfnis nach moderner, funktionaler Architektur stand, dann kann man sicher die „Fischerinsel“ als dementsprechendes DDR-Vorzeigeprojekt im Osten der Stadt bezeichnen. Dieser Südabschnitt der eigentlichen „Spreeinsel“ auf der einst Cölln entstanden war, hatte nämlich noch bis in die 60er Jahre hinein einen gewissen, schmuddeligen, altmodischen Charme bewahrt. Der „Fischerkiez“ mit seinen abbruchreifen Altbauten bewahrte etwas vom am gegenüberliegenden „Krögel“ schon in den 30er Jahren verlorengegangenen Altstadtcharakter Berlins.

Immerhin hatte die engmaschige Altstadtbebauung des Fischerkiezes den Zweiten Weltkrieg relativ gut überstanden. Experten schätzten in den 50er Jahren den Prozentsatz der restaurierbaren Altbauten irgendwo zwischen 40 und 50 Prozent ein. Zunächst wurde vom Magistrat Ost-Berlins auch dementsprechend geplant. Neue, vierstöckige Wohnbauten sollten auf den Grundstücken der unrettbar verlorenen Gebäude entstehen, während die restlichen, alten Häuser restauriert werden sollten. Aber, wie es in Berlin (unabhängig von Ost oder West) nun einmal so war und auch heute noch ist: ein radikaler Wechsel in der Bau- und Stadtentwicklungspolitik wollte dann ab 1966 stattdessen eine „tabula rasa“ für die Neubebauung der Fischerinsel mit „Plattenbauten“ herstellen.

Dem Elan, mit dem nun die „Fischerinsel“ bebaut wurde, fielen zunächst einmal 30 denkmalgeschützte Altbauten und die enge Straßenführung des alten Kiezes zum Opfer. Dann wurden  sechs 21-Geschosser mit je 240 Wohneinheiten aufs Gelände daraufgesetzt und bis 1973 als „soziales Zentrum“ dieses neuen Quartiers die Großgaststätte „Ahornblatt“ (Name erklärt sich aus der markanten Beton-Architektur des Daches) erbaut. Die Teilnehmer der X. Weltjugendspiele nutzten diesen gastronomischen Betrieb als Kantine, später auch die Bauarbeiter des „Palastes der Republik“ und die „Werktätigen“ umliegender Betriebe und Behörden sowie diverse Schulen. Nachmittags und Abends öffnete man dann dem „normalen“ Publikum die Türen und wurde zu einer großen, aber ganz normalen Gaststätte.

Ahornblatt_Briefmarke1973Ein Zeichen für die Symbolwirkung, die das ganze Viertel inklusive Ahornblatt für den „Aufbau“ in der „Hauptstadt der DDR“ hatte, ist die Tatsache, dass bereits beim Abschluss der Bauarbeiten auf dem Gelände, 1973 eine Briefmarke mit der Fischerinsel als Motiv aufgelegt wurde. Auf dieser 15-Pfennig-Marke nahm das Ahornblatt eine zentrale Position ein (siehe Abbildung).

In seinen besten Zeiten hatte die Gaststätte 880 Plätze und das „Ahornblatt“ gab damals täglich bis zu 5.000 Mahlzeiten aus. In der Wendezeit war damit aber erst einmal Schluss. Ab 1991 stand das Gebäude, mangels interessierten und finanzkräftigen Nachnutzern, leer.  Ab 1993, hat dann hier ein Urvater des Techno, DJ „Tanith“, den Club „Exit“ betrieben, berichtet aber bis heute davon, dass die noch ein wenig in ihrer DDR-Mentalität gefangenen Anwohner wohl diesem Freizeitvergnügen der Nachwendejugend sehr skeptisch bis ablehnend gegenübergestanden haben sollen. Ich gestehe, dass ich selbst damals bereits keinen Anteil mehr an der „Jugendkultur“ Berlins hatte und insofern zu diesen Vorgängen nicht viel sagen kann. Immerhin lobt Tanith auch heute noch die Akustik des „Ahornblattes“.

Aber auch die Aufnahme in die Liste denkmalgeschützter Bauten Berlins konnte am Ende das Ahornblatt nicht mehr retten. Die Immobilie wurde vom Berliner Senat 1997 für 29 Millionen D-Mark an einen Investor verkauft, welcher mit der Stadtentwicklungs- und Bauverwaltung ein Konzept ausarbeitete, das am Ende den Abriss des Ahornblattes nach sich zog. Trotz massiver Proteste aus Architektenkreisen, von Denkmalschützern und auch trotz massiver Bedenken des Bezirksamtes wurde das Ahornblatt dann im Jahre 2000 abgerissen. Heute finden wir an seiner Stelle ein Novotel vor.

Ich selbst werde nachdenklich, wenn ich an das Schicksal des Ahornblattes denke. Einerseits wurden dem Bau des gesamten „Fischerquartiers“ denkmalgeschützte, alte Bauten geopfert, so dass man das Schicksal des Ahornblattes nur als ironisch bezeichnen kann. Andererseits haben immerhin viele Interessierte sich noch 1999 für dieses Gebäude eingesetzt, gerade WEIL es als markanter Bau der DDR-Architektur galt. Ein Unikum halt, das durch den phantasielosen Nachfolgebau auch tatsächlich nicht gleichwertig ersetzt wurde. Ein Schicksal, welches es übrigens mit der Charlottenburger Deutschlandhalle teilt, die als ebenso denkmalgeschützter Bau auch kein tragfähiges Nutzungskonzept mehr aufwies und ein paar Jahre später ebenso abgeräumt und durch einen ästhetisch langweiligen Glas- und Beton „Kubus“ ersetzt wurde, wie das Ahornblatt. Dann aber leider ohne lautstarke und politisch unterstützte Proteste und Eingaben. Na, ein „Nazibau“ halt, dem trauerte man nicht nach. Müssen wir nun beiden Bauten nachweinen ? Immerhin wurde unsere Stadt weder „reicher“ an kultureller Vielfalt noch ästhetisch ansprechender durch ihren Abriss.

Und das scheint die rote Linie Berliner Baupolitik zu sein: „wir machen die Stadt langweilig und hässlich, aber immerhin kommt so Geld ins Stadtsäckel“. Das lässt nicht viel für die zukünftige Umgestaltung des „Molkenmarktes“ und seiner Umgebung hoffen. Die Gleichgültigkeit, mit der die Verwaltung u. a. auch der Zerstörung der „Friedrichswerderschen Kirche“ Schinkels durch benachbarte, rücksichtslose Neubebauung zuschaut, spricht ebenfalls Bände. Ein Meisterwerk backsteinerner Raumeffizienz wird zum Kollateralschaden der baulichen Verdichtung zentraler Stadträume Berlins. Na, Prost auch.

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