Mitte: ein „verschollener Ort“ – der „Königsplatz“

Oftmals wird die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als „gute, alte Zeit“ ein wenig überhöht. Ich weiß nicht, ob ich diese Sicht uneingeschränkt teilen kann, aber eines sage ich immer wieder: Berlin sah damals in weiten Teilen der Innenstadt, in seinen „repräsentativen“ Ecken zwischen Spreebogen und Stadtschloss sicher nicht hässlicher aus als heute. 

KÖNIGSPLATZ1Und das Ensemble aus „Krolloper“, Siegessäule, Bismarck-Denkmal und Reichstagsgebäude, das wir als „Königsplatz“ kannten, gehörte wohl auch irgendwie zum Wohlfühl-Ambiente der Hauptstadt dazu. Nichts davon ist auf der Freifläche vor dem Parlament heute noch zu erkennen. Der „Platz der Republik“ ist letztlich nur eine „Durchmarsch-Wiese“ zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof, die regelmässig eingezäunt werden muss, damit der zertrampelte Rasen eine Chance hat, nachzuwachsen. Demokratisierung der Verantwortungslosigkeit. Tja, das Reichstagsgebäude ist eben noch immer ein beliebtes Fotomotiv…

Spüren wir aber mal dem „Königsplatz“ nach und schauen, was er bedeutete und warum er „verschwand“. Eigentlich war das Gelände ja nur ein Randgebiet des Tiergartens. Als im 18. Jahrhundert die „Akzise“-(Stadtzoll)Mauer bis auf die Höhe des Brandenburger Tors verlegt wurde, war der spätere Königsplatz noch immer „außen vor“. Immerhin ließ man dort die Truppen aufmarschieren und paradieren, so dass ein schlammiger Übungsplatz daraus wurde.

Im Verlaufe des frühen 19. Jahrhunderts begann man damit, Ideen für das Gelände zu entwickeln. Und so kamen in den Vierzigerjahren fast zeitgleich zwei sehr unterschiedliche Bauten an das West- und Ostende. Die „Krolloper“, ein als hochwertiger Unterhaltungsbetrieb gedachtes Etablissement im Westen und das Palais des in preußischen Diensten stehenden, polnischen Diplomaten Fürst Raczynski im Osten. Das Krollsche Etablissment wechselte in der Folge öfter den Besitzer und es erwies sich, dass das Unterhaltungsbedürfnis und die Kaufkraft der Berliner noch nicht ausreichten, um dieses Haus gewinnbringend zu betreiben. Und das trotz eines ansprechenden Niveaus der Veranstaltungen. Das Palais Raczynski hingegen war nicht nur der Wohnsitz des Fürsten, sondern beherbergte auch dessen Kunst- und Gemäldesammlung, die dem Publikum zugänglich war.

1896 wurde aus dem Privatbetrieb Krolloper das „neue, königliche Operntheater“. Zu diesem Zeitpunkt war das Palais Raczynski bereits dem Reichstagsgebäude gewichen. Interessanterweise wurde lange darüber diskutiert, ob dieses, oder die Krolloper für das neue Parlamentsgebäude weichen solle. Was letztlich den Ausschlag gab ? Schwer zu sagen….
Immerhin wurde der Anspruch an ein neues, repräsentativeres Gebäude auch an das königliche Operntheater herangetragen. Bereits im Sommer 1914 begann man also damit, das Haus der Krolloper abzureißen, damit es einem größeren Neubau Platz machen könne. Der Erste Weltkrieg verhinderte jedoch die Vollendung dieses Vorhabens.

KÖNIGSPLATZ3Der Platz zwischen diesen beiden Gebäuden war immerhin schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts als Stadtplatz neu gestaltet worden. Spätestens die Errichtung der Siegessäule in seiner Mitte, 1873, erforderte dann eine planmäßige, sinnvolle Gestaltung des ehemaligen Exerzierplatzes. Nach der Vollendung des Reichstagsgebäudes 1894 und der Errichtung des Bismarck-Denkmals zwischen Siegessäule und Reichstag 1901 wurde auch der Platz repräsentativ ausgestaltet, indem man ein neues Wegenetz mit Mosaikpflaster erschuf.

Die ehemalige „Siegesallee“ führte ebenfalls von Süden her auf die Siegessäule und damit auf den Königsplatz zu, aber das ist eine andere Geschichte. 1904 und 1906 kamen zur „Abrundung“ der Gesamtanlage noch die zwei überlebensgroßen Statuen des ehemaligen Kriegsministers Roon und des Generalstabschefs von Moltke dazu. Der Königsplatz, wie ihn eine Generation von Berlinern und Berlin-Besuchern kannte, war vollendet. Aber Berlin ist ja eine schnellebige Stadt. Somit bleibt selten etwas beim „status quo“.

Bismarck-Denkmal am Großen Stern, 2015
Bismarck-Denkmal am Großen Stern, 2015

Denn: weder die Bomben des Zweiten Weltkrieges, noch eine möglicherweise verfehlte Baupolitik in der Nachkriegszeit haben dem Königsplatz die letzte Glocke geläutet. Es war der Größenwahn der Nazis, die hier im Spreebogen das Symbol der „Welthauptstadt Germania“ errichten wollten: ihre „große Halle des Volkes“. Zur Vorbereitung wurde bereits 1938 damit begonnen, das Ensemble des Königsplatzes aufzulösen, indem man die Siegessäule abbaute und im folgenden Jahr am „Großen Stern“ wieder errichtete. Ihr folgten Bismarck, Roon und von Moltke, die ebenfalls zum Großen Stern „umziehen“ mussten, wo sie noch heute am Nordrand zu finden sind. Immerhin erhielt die Siegessäule dabei eine weitere „Trommel“ und erhöhte sich somit um ca. 8 Meter. Wer den Ausblick von oben kennt, wird das zu schätzen wissen.

DSCI0088_compressedDer Königsplatz aber verschwand. Auch die „Siegesallee“, die durch ihre Ausrichtung auf das Zentrum des Platzes noch von ihm hätte künden können, überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht. Die sowjetische Siegermacht setzte einen „Riegel“ zwischen Platz und Allee, das Ehrenmal an der heutigen Straße des 17. Juni. Die Statuen der „Puppenallee“ konnten nur durch großen, persönlichen Einsatz interessierter Berliner vor der Zerstörungswut der Siegermächte gerettet werden, indem man viele von ihnen abtransportierte und im Park von Schloss Bellevue vergrub. Zerstörungswut übrigens, vor der auch die Siegessäule nicht ganz sicher war. Erst der Einspruch der Britischen Besatzungsmacht, die einer von den Franzosen vorgesehenen Sprengung nicht stattgaben, rettete diesen ehemaligen Mittelpunkt des Königsplatzes.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s