Verschollene Orte: die „Siegesallee“ im Tiergarten

Die „Siegesallee“ im Berliner Tiergarten war ein reines Prestigeprojekt des letzten, deutschen Kaisers. Hier wollte der Monarch seine „Ahnenreihe“ der Herrscher über Brandenburg, die Markgrafen, Kurfürsten und Könige, repräsentativ dargestellt sehen. Ein begehbares Symbol brandenburgischer Historie und Macht sozusagen. Von Anfang an ein umstrittenes Vorhaben.

Wilhelm II. gab viel auf sichtbaren Ausdruck seiner Macht. Ebenso auf eine in seinen Augen angemessene Repräsentation des Hauses Hohenzollern und seiner Vorgänger als Herrscher über Brandenburg. So überraschte es denn auch kaum, dass der Monarch im Jahre 1895 die Idee einer „Siegesallee“ lancierte, in der sämtliche Regenten über Brandenburg, von „Albrecht dem Bären“, einer Art mittelalterlichem Condottiere aus dem Hause Askanien, bis zum eigenen Großvater, Kaiser Wilhelm I. , dargestellt werden sollten.

Reinhold_Begas1911Unter der künstlerischen Leitung des vielleicht renommiertesten, Brandenburger Bildhauers seiner Zeit, Reinhold Begas, und wissenschaftlich beraten vom Historiker Reinhold Koser, entstand so bis 1901 ein 750 m langer, Nord-Süd-Spazierboulevard zwischen Kemper- und Königsplatz, den die Berliner auch reichlich nutzten, wie alte Fotos zeigen. 32 überlebensgroße Herrscher-Statuen flankierten nun also diesen Spazierweg durch den Tiergarten und wurden schnell von den Berlinern zu „Puppen“ umgewidmet. „Puppenallee“ war der etwas abfällig gemeinte, neue Spitzname der Siegesallee. Dieser Spott traf den „Stifter“ umso härter, als sich auch in den Zeitungen viel Kritik an der vermeintlich ästhetisch zweitklassigen Umsetzung des Prachtboulevards fand. Der künstlerisch verantwortliche Bildhauer, der schon erwähnte Reinhold Begas, verteidigte öffentlich weder die Anordnung noch die Umsetzung der Statuen, so dass der Monarch seinem „Vorzeige-Skulpturisten“, der immerhin zwei Gruppen selbst verantwortete („Kaiser Wilhelm I.“ und „Markgraf Waldemar“ kamen aus Begas Werkstatt), zu grollen begann.

Siegesallee3Als in der NS-Zeit damit begonnen wurde, den Spreebogen und Teile des Tiergartens für die Pläne zur „Welthauptstadt Germania“ umzugestalten, wurde mitsamt der Siegessäule auch die Siegesallee „verlegt“. Sie führte nun in südöstlicher Richtung vom Großen Stern, und damit wieder von der Siegessäule her, zur Tiergartenstraße, ungefähr auf Höhe der italienischen Botschaft (, die übrigens immer noch dort beheimatet ist). Im Zweiten Weltkrieg erlitten die Statuen und die sie flankierenden Büsten z. T. massive Schäden. Mindestens drei Gruppen müssen als Totalverluste angesehen werden.

Siegesallee2Die verbliebenen Skulpturen sollten nach einem Magistratsbeschluss von 1947 abgerissen und wohl auf Druck der Siegermächte (speziell Frankreich und die Sowjets taten sich gerne als „Bilderstürmer“ hervor…Stichwort „Siegessäule“) auch zerstört werden. In einer „Nacht- und Nebel“-Aktion sollen, so eine schöne Berlin-Legende, besorgte Berliner die verbliebenen „Puppen“ abgebaut und im Park des Schlosses Bellevue vergraben haben. Erst in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Überreste der Siegesallee wieder „an die Luft“ gelassen und in ihrer Mehrheit im sog. „Lapidarium“, einem  ehemaligen Abwasserpumpwerk am Halleschen Ufer, aufbewahrt. Albrecht, der „Bär“ kam bereits damals auf die Spandauer Zitadelle, wo er noch heute zu finden ist.

Die Skulpturen auf der Zitadelle. Links vorne, die einzige "Doppelstatue" der Markgrafen Johann und Otto.
Die Skulpturen auf der Zitadelle. Links vorne, die einzige „Doppelstatue“ aus der Siegesallee: die Markgrafen Johann und Otto.

2009 folgten ihm die restlichen 28, mehr oder minder gut erhaltenen Statuen und ihre ergänzenden Büsten, als das Lapidarium geschlossen und an eine Kommu-nikationsagentur verkauft wurde. In der Zitadelle Spandau wurden seitdem einige Konservierungsarbeiten an den Skulpturen vorgenommen, um sie auf die bevorstehende Ausstellung „Enthüllt – Berlin und seine Denkmäler“ vorzubereiten. Die Eröffnung derselben wurde zwar seit 2014 in regelmäßigen Abständen ein ums andere Mal verschoben, aber der Termin „Frühjahr 2016“ wurde dann doch eingehalten.

Die Ausstellung ist, wie ursprünglich vorgesehen, am 29. April 2016 eröffnet worden. Die Überreste von 26 der Skulpturengruppen der Siegesallee können jetzt, fein gruppiert und beschriftet, tatsächlich eingesehen werden. Es gibt sogar eine gute Übersichtsführung durch die Ausstellung „enthüllt-Berlin und seine Denkmäler“, zu der die Stücke jetzt gehören. Gute Sache !

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