Verschollene Orte: die Garnisonkirche in Spandau

Auch Soldaten wollten im „alten Preußen“ seelsorgerisch betreut werden und so gibt es deutschlandweit unzählige „Garnisonkirchen“, in denen Militärs und ihre Angehörige bis zu Beginn des 20. Jahrhundertes Gottesdienst feierten. Auch in Berlin und Umgebung fanden sich solche Kirchengebäude. Mehr als eines davon ist allerdings heute „verschwunden“. 

Über die Potsdamer Garnisonkirche wird ja viel geschrieben, diskutiert und publiziert. Ihre schwere Beschädigung im Zweiten Weltkrieg und ihr Abriss zu DDR-Zeiten sind heute noch und wieder ein Thema, wo doch über einen Wiederaufbau diskutiert wird. Und vom „Tag von Potsdam“ erzähle ich an dieser Stelle erst gar nichts.

Die ebenfalls im Zweiten Weltkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogene Garnisonkirche in Spandau ist hingegen offensichtlich komplett in Vergessenheit geraten. Nur wenige „Lokalhistoriker“ und Neugierige wie ich wissen überhaupt noch, wo dieses Bauwerk einst stand.
Denn: die gesamte Umgebung des ehemaligen „Hafenplatzes“ nördlich der Spandauer Altstadt wurde nach 1945 umgestaltet, so dass heute nichts mehr an diese Kirche erinnert.

Garnisonkirche_Spandau,_Ansicht_von_OstenHolen wir sie also mal kurz aus der Vergessenheit zurück: die „Garnisonkirche Spandau“ war eine logische Konsequenz der Tatsache, dass die Kleinstadt Spandau im Havelland, am Zusammenfluss von Spree und Havel gelegen, schon zu Zeiten des Soldatenkönigs Einquartierungen „stehender“ Einheiten zu erdulden hatte. Die nahe der Zitadelle gelegene Gewehrfabrik wollte schließlich beschützt sein. Der Preußen-Prinz August Wilhelm gar, ein Bruder des „alten Fritzen“, ließ in seiner Zeit als Stadtkommandant in Spandau ganze Friedhöfe abreißen, um dort exerzieren zu lassen. Man war also auch beim Einquartieren nicht gerade zimperlich.

Als die Einquartierungen im 19. Jahrhundert durch Kasernen für die stehenden Einheiten ersetzt wurden, bekam Spandau ebenfalls einen satten Anteil davon ab. Sogar „Garde“-Einheiten, wie das „5. Garde-Grenadier-Regiment“ hatten ihre Kasernen „beiderseits der Havel“. Einige, wenige alte Militärgebäude und Siedlungen finden sich gar heute noch über den Bezirk verteilt, sind aber als solche kaum noch kenntlich. Immerhin ist es so nicht verwunderlich, dass die Spandauer Garnison immer größer wurde und auch ein Gotteshaus benötigte.

Garnisonkirche_Spandau,_GrundrissDieses wurde von 1887 – 1890 nach Plänen des aus Kassel stammenden Architekten Ernst – August Roßteuscher (1849 – 1914) vor dem „Oranienburger Tor“ der Spandauer Altstadt erbaut. Am 16. März 1890 wurde die Kirche im Beisein des Monarchen Wilhelm II. eingeweiht (andere Quellen sagen sogar, dass das „Kaiserpaar“ anwesend war). Es handelte sich bei der Garnisonkirche um eine schlanke, einschiffige Kirche im neogotischen Stile. Sie besaß am Ostende (Achtung: ungewöhnlich, da Kirchen üblicherweise ihre Türme im Westen vorbauten !) einen 70 m hohen Turm, der weithin, auch von der Havel aus, sichtbar war.

In unmittelbarer Nähe der Kirche wurde übrigens im Jahre 1909 das einzige Reiterstandbild in Spandau eingeweiht. Es zeigt den in Bronze gegossenen Kaiser Wilhelm I. , der in lässiger Pose, in der Uniform des 1. Garde-Regiments zu Fuß und in 4,5 m Größe der Havel entgegenreitet. Der Sockel soll noch einmal so hoch gewesen sein. Die Bürger Spandaus hatten zwölf Jahre lang für dieses Standbild gespart, welches ca. 52.000 Reichsmark verschlang. Bereits 1942 wurde es jedoch im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges wieder eingeschmolzen. Heute stehen nur doch drei Stufen am Parkplatz vor dem Brauhaus Spandau, die auf die Existenz dieses Denkmals hinweisen.

Garnisonkirche_AltstadtSpandau1Die Garnisonkirche selbst erlitt im Verlauf des Zweiten Weltkrieges Bombenschäden, die aber nicht jenseits des Reparablen gewesen wären. (Andere Quellen sprechen jedoch von schweren Beschädigungen und einer echten Einsturzgefahr. Nun, ich war nicht dabei, halte aber die erste Version für glaubhafter.) Die Spandauer Stadtverwaltung beschloss aber, die Kirche abzureissen. Am 04. Oktober 1949 wurde das Bauwerk gesprengt.  In der Folge, bis ca. 1961, wurde die gesamte Straßenführung zwischen Hafenplatz und Altstadt verändert. Die Neuendorfer Straße verlegt, der „Falkenseer Platz“ neu geschaffen, der „Altstädter Ring“ verbreitert und der „Wröhmännerpark“ angelegt.

Durch diese Maßnahmen bedingt, ist der Ort, wo die Garnisonkirche einst stand, nur noch auf Grund alter Fotos und Postkarten (siehe Titelbild dieses Beitrages) erkennbar. Bei einem Rundgang durch die Spandauer Altstadt mache ich gerne mal einen „Schlenker“, um Gäste auf dieses Bauwerk hinzuweisen.

P.S.: Die Garnisonkirche in Berlin, die ebenfalls von Ernst-August Roßteuscher entworfen wurde, steht sogar noch. Sie heißt nur heute „Kirche am Südstern“, kann aber mühelos besucht werden, um sich einen Eindruck von der Arbeit Roßteuschers zu machen.

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