Verschollene Orte: die „AVUS“-Nordkurve

Die Geschichte der Motorisierung und des Motorsports brachte viele, sonderbare Dinge hervor: Interessante Produkte der Ingenieurskunst ebenso wie die „Helden“, die diese über die Straßen jagten. Eine der sonderbarsten Rennstrecken war in jedem Falle die „Allgemeine Versuchs- und Übungsstrecke“, genannt „AVUS“ in Berlin. 

Heute, in den Zeiten, wo Automobile „grün“, elektrisch oder mindestens hybrid sein sollen, können wir uns die Begeisterung, welche die Pioniere der Motorisierung in Deutschland empfanden, kaum noch vorstellen. Die plötzliche Unabhängigkeit von Vierbeinern als Zugtieren und auch von Schienenwegen als Vorgaben für schnellen Transport von Menschen und Gütern muss als geradezu „befreiend“ empfunden worden sein. Ein „Durchbruch“. So kann es auch nicht verwundern, dass diese neuen „Motorkutschen“ denn auch schon früh für „Rennen“ genutzt wurden.

AVUS_3Dafür brauchte man aber etwas anderes, als holprige Feldwege für Kutschen oder uralte Knüppeldämme. Sowohl der Straßen- wieder Automobilbau bedingten einander, um unsere „Mobilitäts-Kultur“ der Neuzeit zu schaffen. Die „Allgemeine Verkehrs- und Übungsstrecke in Berlin“ sollte beispielhaft hierfür stehen.

Bereits 1909 gründete sich eine Gesellschaft, die mit dem Bau einer Forschungs- und Rennstrecke die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie fördern wollte. Im Jahre 1913 begannen dann die ersten Arbeiten an einer Strecke entlang der „Wetzlarer Bahn“ durch den Grunewald. Der erste Weltkrieg verhinderte jedoch zunächst die Vollendung der Bauarbeiten.

Erst 1921 konnte auf Initiative privater „Sponsoren“ der Bau vollendet und am 24. September eröffnet werden. Somit war die erste, reine Autostraße Deuschlands perfekt. Die AVUS war eine ganz einzigartige Strecke, die durch ihre weitgehend geradlinige Führung zum „Rasen“ einfach einlud. Zwei parallele „Geraden“ und die Südschleife bei Nikolassee sowie die spektakuläre Nordkurve am Funkturm ergaben einen 19 km langen Kurs, der eher durch seine Gefährlichkeit „berüchtigt“ wurde, als durch anspruchsvolle Passagen. Bis 1940 war die AVUS übrigens eine geschlossene Privatstrecke ohne Anschluss an Berlins Straßennetz.

Privatfahrer durften jedoch für anfangs stattliche 10 Reichsmark eine „Runde“ auf der AVUS drehen. Die weitere Geschichte der AVUS ist von Versuchen mit dem Straßenbelag, schwindendem Interesse einer mit der Weltwirtschaftskrise hadernden Automobilindustrie und diversen Unfällen gepflastert, die ab und an auch tödlich ausgingen.

AVUSNordkurve1937 wird dann, um den Wert der AVUS aufzustocken, die Nordkurve umgebaut. Ihr Radius wird verringert, dafür die Neigung auf 43,6 Grad erhöht. Ein Richtwert, der selbst für die heutige US-NASCAR-Serie, die gerne auf Ovalen mit starker Kurvenneigung fährt, spektakulär wäre. Auch der Zielrichterturm stammt aus dieser Zeit. Wie gesagt, wird die AVUS 1940 ans Berliner Straßennetz angeschlossen. Eine geplante Steilkurve auch für die Südkehre wird zwar begonnen jedoch im Zweiten Weltkrieg nicht mehr beendet. Ihre schon aufgeschütteten  Wälle dienten später der US-Schutzmacht als Schießplatz.

Ab 1951 wird auf der inzwischen von Kriegsschäden befreiten Strecke wieder Rennsport betrieben. Der erste „Nachkriegssieger“ war überraschenderweise der „DDR“-Fahrer Paul Greifzu. Der Suhler siegte im Formel-2-Rennen auf einem BMW-Eigenbau.  Da der internationale Rennsportverband FIA aber Steilkurven für zu gefährlich hält (wie gesagt: die von der FIA unabhängige NASCAR und die Indycar-Serie in den USA scheren sich bis heute darum einen feuchten Wind) musste die Nordkurve 1967 wieder abgerissen werden und stand so nur 30 Jahre in der vielleicht spektakulärsten, aber auch gefährlichsten Form. Hier zitiere ich nun mal „wikipedia“:

Das Rennen am 30. Mai 1937 dominierten die Silberpfeile. Der Sieger Hermann Lang auf Mercedes-Benz erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 400 km/h, Bernd Rosemeyer fuhr mit seinem Auto-Union-Rennwagen die schnellste Rennrunde mit einem Schnitt von 276,39 km/h; eine Durchschnittsgeschwindigkeit, die auf der AVUS durch die folgende Verkürzung der Strecke nie wieder erreicht und erst Jahrzehnte später beim Indianapolis 500 übertroffen wurde.

AVUS-Nordkurve4Man verdeutliche sich das mal: 1937 wurde hier eine Maximal-geschwindigkeit von 400 km/h erreicht und ein Schnitt von 276 km/h ! Kein Wunder, dass Rennsport damals eine lebensgefährliche Angelegenheit war. So ist es auch kein Wunder, dass bei einem Sportwagenrennen auf der AVUS 1956 der Fahrer Richard von Frankenberg mitsamt seinem Porsche 645 Spyder über den Rand der Steilkurve hinausschoss und auf dem danebengelegenen Parkplatz aufschlug. Der Wagen ging in Flammen auf, der Pilot blieb aber weitgehend unverletzt. Jean Behra hatte in seinem Porsche 718 im Jahre 1959 dann weniger Glück. Er verlor bei einem Regenrennen im Vorfeld des einzigen Formel-1-Rennens auf der AVUS die Kontrolle über den Wagen, krachte gegen den Sockel einer ehemaligen Flak-Stellung und wurde gegen einen Fahnenmast geschleudert. Der Pilot überlebte nicht.

Damit begann dann der Niedergang nicht nur der Nordkurve, sondern auch der AVUS als solcher. Rennen der allerhöchsten Kategorie fanden hier kaum noch statt. Durch den Bau einer „entschärften“ Nordkurve, eine Verkürzung der Strecke und die Errichtung künstlicher Schikanen wurde die Strecke noch einmal „befahrbar“ gemacht, wobei sie jedoch bis zum Ende des Rennbetriebes 1998 als absolut nicht mehr zeitgemäß galt. Dennoch kamen sowohl die DTM als auch diverse Nachwuchsserien bis zum Ende zur AVUS. Die spektakulären, in unmittelbarer Nähe zur inzwischen ebenfalls abgerissenen Deutschlandhalle befindlichen Zuschauertribünen sorgten immerhin dafür, dass die Begeisterung der Berliner Motorsportfans einen Platz fand.

Heute ist die AVUS eigentlich nur noch im Gedächtnis der Motorsport-Gemeinde vorhanden. Die Geraden dieser Strecke gehören heutzutage einfach nur noch zur Autobahn  A 115 und stellen die Verbindung vom „Dreieck Funkturm“ zum Berliner Ring dar. Die Zeiten der Schnitte über 200 km/h liegen weit, weit in der Vergangenheit. Träumt die AVUS heute noch manchmal von den „Silberpfeilen“ oder zumindest von den DTM-Boliden, die statt umweltfreundlicher SUVs mit Kleinfamilien und Coupés mit scheinreichen Angebern über ihren Asphaltbelag rasen ? Ach, wer weiß…

 

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