Verschollene Orte: das „Luftfahrtgerätewerk“ in Spandau

Der Berliner Bezirk Spandau war spätestens seit dem 19. Jahrhundert eine der „Waffenschmieden Preussens“. Hier wurden systematisch Rüstungsbetriebe angesiedelt, da die „Festungsstadt Spandau“ diese auch absichern sollte. 

Diese Tradition endete eigentlich bereits 1918 mit dem Ende des Ersten Weltkrieges. Da sich aber Traditionen oft irrational lange halten, wurde mit der Aufrüstung der NS-Zeit auch wieder an Spandau als Standort für Betriebe des Waffenindustrie gedacht. So kam es dazu, dass das „Siemens-Luftfahrtgerätewerk“ nördlich des sog. „Nordhafens“, zwischen Streitstraße und Havel, in Hakenfelde angesiedelt wurde. Der Gesamtkomplex dieser Anlage besteht heute noch, sein Sammelsurium an Nachnutzungen ist aber in gewisser Weise atemberaubend.

DSCI1311_compressed
Uhrenturm im Hofbereich

Der hauseigene Architekt Hans Hertlein, der für Siemens unter anderem auch das als Industriedenkmal nicht ganz unbekannte „Wernerwerk“ entworfen hatte, plante 1938 diesen Komplex. Er besteht aus einem der Streitstraße zugewandten sog. „Hofbereich“, der noch zwei nördlich und südlich gelegene Seitenflügel hat und einem über 220 m langen Ostflügel, in dem die Produktionshallen untergebracht waren. Der Hofbereich enthielt die Labor- und Verwaltungsräume und ist durch den markanten, elfgeschossigen Uhrenturm gekennzeichnet, in dem sich übrigens einmal ein Wassertank befunden haben soll. Von 1939-42 wurde der Komplex errichtet und seine Fassade hatte damals noch die kriegsbedingte „Tarnfarbe“ dunkelgrün. Vielleicht deshalb überstand er die Bombenteppiche auch relativ unbeschadet.

Im Luftfahrtgerätewerk wurden Armaturen und Gerätschaften für die Luftwaffe hergestellt. Das Gerücht, dass hier u. a. Höhenmesser für den Sturzkampfbomber Junkers 87, den berüchtigten „Stuka“, hergestellt wurden, will nicht verstummen. Ungefähr 1.000 Zwangsarbeiterinnen einer Außenstelle des Lagers Sachsenhausen produzierten diese Gerätschaften. Als die Arbeiterinnen gegen Kriegsende nach Oranienburg verbracht werden sollten, gelang es aber, sie zu befreien.

Nach 1945 begann dann das Karussell der Nachnutzungen und Aufsplittungen der Immobilie. Die Maschinen der Rüstungsbetriebe wurden aus den Fertigungshallen entfernt, leichte Kriegsschäden beseitigt und schon konnte im bombenzerstörten Berlin die Nutzung weitergehen. Schließlich hatte man ja nicht mehr viele, unbeschädigte Immobilien zur Verfügung.

DSCI1307_compressed
ehemaliges Pförtnerhäuschen des „Luftfahrgerätewerks“

Und hier könnte ich Sie, liebe Leser, mit Zahlen und Daten von Ein- und Auszügen langweilen, Ihnen persönliche Eindrücke schildern usw. Ich beschränke mich aber, da dieser Beitrag nicht übermässig lang werden soll, auf einige Eckpunkte.
Von 1950 – 1993 war hier z. Bsp. die „Hans-Carossa-Oberschule“ untergebracht, ein Gymnasium, welches mittlerweile in den Ortsteil Kladow umgezogen ist und sich in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Flughafens Gatow befindet. Aus dieser „Schul-Zeit“ stammt aber noch der heutige Name des Hofbereichs, der sich jetzt „Carossa-Quartier“ nennt. Der ehemalige Schulhof der Heranwachsenden ist so heute zum Parkplatz für Shopper geworden. Ich selbst habe als „Pennäler“ dort noch Fussball gespielt. Auch eine Polizeiwache war im Nordflügel einmal untergebracht, im Südflügel fanden wir die „Friedrich-Koeltze-Schule“, die nach dem langjährigen Bürgermeister Spandaus benannt war, und eine Außenstelle der Stadtbibliothek Spandau war im Keller des Südflügels zu finden.

Das alles ist heute Geschichte, ebenso wie die nur bis September 2015 dauernde Nachnutzung des Südflügels durch das Arbeitsamt Spandau, welches jetzt nach Siemensstadt umgezogen ist. Das „Carossa-Quartier“ selbst beherbergt nun verschiedene Geschäfte des Einzelhandels, eine Apotheke, eine Physiotherapie-Praxis, eine Spielhalle und ein Fitness-Studio. Die Filliale einer weiteren Lebensmittelkette wurde gerade erst geschlossen, um keine Konkurrenz mit dem nördlich des Carossa-Quartiers gelegenen, neuen Maselake-Areal entstehen zu lassen.

Dieser zum Carossa-Quartier umstrukturierte Hofbereich wurde übrigens ab 2001 saniert, wobei u. a. eine durch die unterschiedliche Nachkriegsnutzung verlorengegangene Einheitlichkeit der Fenster-Anlage und Fensterrahmung wieder hergestellt wurde. Auch die Entscheidung, auf das ursprüngliche „Dunkelgrün“ der Fassade bei der Sanierung zu verzichten und eine art mattes Gelb stattdessen anzusetzen, welches wir (siehe Fotos) auch heute noch vorfinden, wurde damals getroffen.

DSCI1291_compressed
Ostflügel

Der ehemalige „Produktionsflügel“ im Osten des Komplexes wurde dabei aber nicht miteinbezogen. Dieser Gebäudeteil hat ohnehin eine ganz eigene Geschichte. Als Pflegeheim, Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge und heute als Büro-Etagen für diverse Einrichtungen der Erwachsenenbildung und -beratung war dieser Flügel schon seit der unmittelbaren Nachkriegszeit vom vorderen, der Streitstraße zugewandten Bereich des Komplexes abgeteilt. Auch eine Briefverteilstelle der Deutschen Post AG finden wir hier heute.

Die Zukunft des Komplexes war mit dem Ende des Schulbetriebes in den 90er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts gefährdet. Planungen zur Neugestaltung des „Maselake-Areals“ im Zuge der sog. „Wasserstadt Oberhavel“ in Spandau sahen durchaus den Abriss von Teilen des Luftfahrtgerätewerkes für Neubauten von Ein- oder Zweifamilienhäusern vor. Nur der denkmalgeschützte Hofbereich war und ist bis heute relativ „sicher“ vor Abrissmaßnahmen. Durch die Maueröffnung sich neu bietende Möglichkeiten der Stadtentwicklung und des Bauens außerhalb der ehemaligen Betonmauern in Brandenburg stoppten jedoch die Entwicklungs-Pläne und die Gelder für diese Unternehmung, so dass eben nichts abgerissen wurde. Das „Quartier-Maselake-Zentrum“ entstand nicht, stattdessen wurden weite Teile des Gebietes zu Gewerbe-Standorten umgewidmet und dienen nun einer Lebensmittelkette und diversen, anderen Geschäften als Domizil und Parkplatz.

DSCI1322_compressed
ein letzter Rest des ehemaligen Fassadenschmucks des Gerätewerkes

Die Zukunft des Gebäudekomplexes „Luftfahrt-gerätewerk“ ist dennoch ungewiss. Die permanenten Ein-, Aus- und Umzüge in allen Teilen der Immobilie lassen darauf schließen, dass sowohl die dortigen Gewerbemieten zu hoch sind, als auch die Kaufkraft und demographische Struktur der Anwohnerschaft nicht ausreichen, um höherwertige Nutzungen sowohl im Hofbereich, als auch im weniger gut modernisierten und nicht so gut gepflegten Ostflügel zuzulassen. Na, warten wir mal ab, was der „Hertleinbau“ (so von Stadtplanern und Denkmalschützern benannt) noch alles erleben wird. Eine Schönheit war er nie, wirklich bedeutsam auch nicht, aber eben nützlich.

Advertisements

4 Kommentare zu “Verschollene Orte: das „Luftfahrtgerätewerk“ in Spandau”

  1. „Im Luftfahrtgerätewerk wurden Armaturen und Gerätschaften für die Luftwaffe hergestellt. Das Gerücht, dass hier u. a. Höhenmesser für den Sturzkampfbomber Junkers 87, den berüchtigten „Stuka“, hergestellt wurden, will nicht verstummen“.
    Obige Vermutung kann ich nun bestätigen. Ich habe über einen noch lebenden Zeugen den Namen eines Ing. ermittelt, der im Luftfahrt-gerätewerk Hakenfelde, Berlin-Spandau gearbeitet und ein Höhenmessgerät entwickelt hat, das die Landung von Flugzeugen auf dem Wasser ermöglicht. Dazu wurdenTestflüge über den Müggelsee durchgeführt.

    Gefällt mir

  2. Mein Großvater war als gelernter Optikermeister in den ersten drei Kriegsjahren dort beschäftigt. Er war in einer Abteilung die dort die ersten Autopiloten entwickelt haben. Er erzählte mir u.a., das es sich um ein im Vakuum befindlichen „Kreisel handelte, der mit mehreren tausend Umdrehungen/Minute bewegte und so dem Fluggerät DIE Richtung vorgab. Er habe auch Testflüge mit der JU 52 über dem Harz und nach Paris unternommen. Ich befinde mich noch im Besitz seines Werkausweises aus dem „LGW“, wie er immer sagte.

    Gefällt mir

    1. Danke für diesen Hinweis. Schön, einen „Originalton“ von der Arbeit im LGW zu hören ! 🙂 Mein Vater zog erst nach dem 2. Weltkrieg hierher und kannte das Gebäude demnach auch nur in seinen Nachkriegsnutzungen. Er konnte mir infolgedessen solche Geschichten nicht mehr erzählen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s