Persönlichkeiten: Harald Juhnke, der „tragische Clown“

Wer sich mit Berlin ab den 50ern befasst, kommt um Harald Juhnke, den Schauspieler, Entertainer, Showmaster, Synchronsprecher und Schlagersänger kaum herum. In gewisser Weise verkörperte er den „Aufbruchsgeist“ des westlichen Teils der Mauerstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber vieles davon war scheinbar nur Fassade…

JUHNKE2Denn die „Abstürze“ Juhnkes waren, als ich noch jünger war, geradezu legendär. Die Boulevardpresse wartete förmlich darauf, dass Juhnke nach einer TV- oder Theater-Premiere oder einem erfolgreichen Film wieder „auf Tour“ ging. Die Bilder des Betrunkenen, die O-Töne und Sex-Eskapaden lieferten jahrelang Auflagen für diverse Zeitungen in Berlin. Ich bedauerte in solchen Momenten immer seine Ehefrau Susanne. Bei ihm lagen halt Selbstzerstörung und Genialität immer direkt nebeneinander. Oder vielmehr folgten sie zumeist direkt nacheinander. Wie eine Facebook-Freundin von mir einmal so passend schrieb: „Immer barfuß oder Lackschuh.“

Harry Heinz Herbert Juhnke wird 1929 in Berlin geboren und gehört damit zur Generation meiner Eltern. Kein Wunder, dass sie ihn als „einen von Ihnen“ betrachteten und bis an ihr Lebensende mochten. Juhnke wuchs an der Berliner „Plumpe“, dem Gesundbrunnen, auf und ist 16 Jahre alt, als der Krieg endet. 1948 entschließt er sich, die Schule zu verlassen und Schauspieler zu werden. Bereits nach nur dreieinhalb Monaten Unterricht hat er seinen ersten Auftritt auf einer Bühne. Man darf also davon ausgehen, dass es ihm an Talent nicht mangelte. Beweise dafür wird er im Laufe seiner Karriere noch viele abliefern.

Seine weitere Karriere werde ich hier nicht minutiös nachzeichnen, dafür gibt es wikipedia oder sonstige „Fanseiten“ im Netz. Es reicht aus, zu wissen, dass Juhnke den üblichen Weg des Theaterschauspielers seiner Zeit ging, indem er Engagements annahm, wo immer sie sich boten. Selbst im damals zur DDR gehörenden Neustrelitz. Und das im Jahr nach dem Ende der Berliner Luftbrücke, 1950 ! Offensichtlich ging es ihm also mehr um die Kunst (bzw. sein „Handwerk“) und die Gage, als um politische Rücksichtnahmen. Eine Haltung, die man vielen Theater-machern unserer Tage wünschen möchte.

Bald schon entdeckte man Harald Juhnke aber auch als „jungen Liebhaber“ oder „frechen Berliner“ für den Film. Juhnke wird später über diese kleinen Rollen sagen (zitiert nach „wikipedia“:)

„Wenn das Telefon klingelte und irgend eine halbseidene Figur bot mir eine Filmrolle an, interessierten mich in den fünfziger Jahren nur drei Fragen: Wie hoch ist die Gage für den Quatsch? Wie hübsch sind meine Partnerinnen? Wo wird der Heuler heruntergespult, wie sonnig ist es dort?“

Ganz Profi und ganz „sonnyboy“ eben. Oder pflegte der abgebrühte Juhnke mit solchen Sprüchen nur nachträglich dieses Image ? Wer weiß… Immerhin kam Juhnke über die Schauspielerei auch zu seiner Tätigkeit als Synchronsprecher, die er von 1952 bis 1994 ausübte. Im Lande des Kulturimports aus dem Englisch-sprachigen Raume war das zu seiner Zeit eine wichtige und z. T. immerhin durchschnittlich einträgliche Beschäftigung. Juhnke synchronisierte dabei Ikonen wie Marlon Brando in „die Faust im Nacken“ und Peter Sellers im „rosaroten Panther“.

Als im damals noch rein öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Zeitalter der „großen Show“-Programme anbricht wird Juhnke nachgefragt und bekommt die Stelle des ungeheuer beliebten, aber zu früh verstorbenen Peter Frankenfeld als Gastgeber von „Musik ist Trumpf“ im ZDF. Er gibt dabei den eleganten sonnyboy mit „Frank-Sinatra-Touch“ und erreicht Millionen TV-Zuschauer zur besten Sendezeit.

Auch sein komisches Talent, welches er in den 50ern schon auf der Bühne und im Film erprobte, konnte er im TV noch einmal aufpolieren. Mit Grit Boettcher etablierte er die Sketch-Comedy „ein verrücktes Paar“ ebenfalls beim ZDF und erhielt dafür die „goldene Kamera 1980“.  Mit „Harald und Eddie“, gemeinsam mit der ehemaligen „Edgar-Wallace-Film“-Ikone Eddie Arendt, führt er in der ARD später diese Comedy-Tradition noch einmal fort.

In den 90ern kehrt Juhnke noch einmal auf die Leinwand zurück. Gereift und mit der Erfahrung der Jahre versehen, liefert er jetzt seine vielleicht besten Auftritte als Schauspieler ab. So etwa in der Komödie um die sog. „Hitler-Tagebücher“ namens „Schtonk“. Auch TV-Filme und Theater-Rollen werden jetzt seriöser, ernsthafter, teils geradezu selbsterforschend. Etwa wenn er den „Trinker“ aus dem Roman von Hans Fallada verkörpert. Offen gesagt ein Film, den ich mir ob der Intensität von Juhnkes Spiel nur ein einziges Mal ansehen konnte, weil er mich zu sehr deprimiert. Sorry, liebe Leserinnen und Leser, das Fremdschämen ist mir manchmal einfach zu viel (geht mir sonst nur bei Politikern so).

JUHNKE3Denn die Selbstzerstörung eines Alkoholikers war für Harald Juhnke keine Rolle, sondern ein großer Teil seines Lebens.  Schon 1959 wird er nämlich wegen Trunkenheit am Steuer, Widerstands gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung verhaftet und verurteilt. Was heute vielleicht als „Kavaliersdelikt“ durchginge, noch dazu bei „Promis“, brachte ihm damals noch eine siebenmonatige Haftstrafe ein, von denen er immerhin vier absaß, bevor er wegen guter Führung entlassen wurde. Seitdem verzichtete er darauf, selbst ein Motorfahrzeug zu führen und überließ das lieber Taxifahrern. Was den Nachteil hatte, dass seine nächtlichen Eskapaden dann von diesen ausposaunt werden konnten.

Wie sehr seine Familie darunter gelitten haben mag, kann man nur erahnen. Juhnke war seit 1971 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Susanne Hsiao verheiratet und hatte mit dieser einen Sohn, Oliver. Dieser begleitete ihn später öfter auf Reisen zu Drehorten und musste oft genug hinter dem außer Rand und Band geratenen Vater „aufräumen“. Harald Juhnkes oftmals nicht vorhersagbare „Abstürze“ kosteten ihn oft genug Engagements und diverse Rollen. Z. Bsp. trennte sich das ZDF 1981 wieder von ihm, weil sie negative Presse und die Unzuverlässigkeit Juhnkes fürchteten. Auch seine Theaterrolle des „Hauptmanns von Köpenick“ am Berliner „Maxim-Gorki-Theater“ (1996), für deren Darstellung er die allerbesten Kritiken erhielt und sogar eine Einladung, diese Rolle auch in einem Fernsehfilm darzustellen, hielt ihn nicht über Wasser. Schon die zweite Aufführung „schmiss“ er, so dass schließlich Regisseurin Katharina Thalbach die Rolle übernehmen musste (und ebenfalls hochgelobt wurde !).

Im Jahre 2000 wird bei Juhnke das „Korsakow-Syndrom“ diagnostiziert, eine durch den Alkoholmissbrauch ausgelöste Demenzerkrankung (nicht ganz grundlos von einem Russen zunächst als Krankheitsbild erkannt und nach diesem benannt), die sich in massiven Ausfällen des Gedächtnisses äußert. Für einen Darsteller natürlich ein unhaltbarer Zustand, so dass Juhnke sofort seine Karriere beendet und sich in ein Pflegeheim an Rande Berlins zurückzieht.

2005 verstirbt Harald Juhnke in einem Krankenhaus in Rüdersdorf bei Berlin. Seine Grabstätte auf dem Waldfriedhof Dahlem ist eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin. Auf seinem Grabstein finden sich folgende Worte des Dramaturgen Max Reinhardt:

„Der wahre Schauspieler ist von der unbändigen Lust getrieben,
sich unaufhörlich in andere Menschen zu verwandeln
um in den Anderen am Ende sich selbst zu entdecken.“

JUHNKE4Immerhin ist Harald Juhnke einer der wenigen, die das Bild unserer Stadt sowohl geprägt, als auch repräsentiert haben, der auch tatsächlich gebürtiger Berliner war (anders etwa als Hildegard Knef) und fast bis ans Lebensende auch hier wohnen blieb. Was bleibt hängen ? Juhnke, wie viele Schauspieler und andere Leute im „Show-business“ konnte dem Druck der „Doppelexistenz“ nicht standhalten. Die permanente Verwandlung in andere Charaktere klappt eben nur, wenn man sehr genau weiß, wer man ist und in sich ruht. Weil man dann etwas hat, wohin man zurückkommen kann, wenn das Engagement oder der Dreh zu Ende ist. Wenn dieses Fundament fehlt oder nicht ausreichend stark ist, helfen der lauteste Applaus, die beste Bezahlung oder die großartigsten Kritiken nicht aus, die Leere zu füllen, die man in sich fühlt. Fragen wir mal Leute wie Philip Seymour Hoffman oder Heath Ledger. Im Prinzip hat sich Juhnke mit seinem jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch wie diese beiden US-Schauspieler ebenfalls selbst vernichtet. Da gibt es weder etwas zu beschönigen, noch darüber Häme auszugießen. Es ist einfach nur traurig, wenn auch allzu menschlich.

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