Persönlichkeiten: der „Freibeuter des Fürsten“ – Benjamin Raule

Die brandenburgisch-preussische Geschichte ist ja voll von skurrilen und „kantigen“ Charakteren. Nicht alle davon haben unter dem Roten oder Schwarzen Adler das Licht der Welt erblickt. So führte ein Bankrott auf der einen Seite und ein Ostsee-Krieg auf der anderen Seite zwei Männer zusammen, die eine Vision teilten. Den Holländer Benjamin Raule und den Kurfürsten Friedrich-Wilhelm.

Brandenburg als Seemacht ? Ein Gedanke, der heute mehr für ein herablassendes Lächeln bei echten „Seebären“ sorgt. Für einen sehr kurzen Zeitraum in der Geschichte Brandenburg-Preußens war diese Entwicklung aber möglich. Hätte sie den Lauf der Geschichte verändert ? Preußen langfristig in einen Konflikt mit England getrieben, statt mit Österreich ? Müßig, heute darüber zu spekulieren, denn es kam nicht dazu.

BENJAMIN_RAULE2Zurück zum Freibeuter Benjamin Raule aus Vlissingen in den Niederlanden. Im 17. Jahrhundert war die Grenze zwischen seriösen Kaufleuten und in Grauzonen fischenden Händlern offensichtlich noch fließend. Nachdem der eigentlich erfolgreiche und vermögende Kaufmann Raule (geb. 1634), der vor allem mit dem Frankreich-Handel sein Geld verdient hatte, im Englisch-Französischen Konflikt 1672 sein Vermögen und seine Handelsverbindungen einbüßte, weil die Niederlande auf der Seite Großbritanniens standen, musste er sich nach neuen Einnahmequellen umschauen. Dies dauerte einige Zeit, aber im Kurfürsten Friedrich – Wilhelm von Brandenburg fand er schließlich einen Gönner, der ihm bis ans Lebensende (des Fürsten, wohlgemerkt) gewogen blieb.

Denn Raule versorgte den im Konflikt mit Schweden um Vorpommern stehenden Fürsten mit etwas, das zuvor nur rudimentär, wenn überhaupt, vorhanden war: einer Flotte. Der Kurfürst soll Raule 1675 einen Kaperbrief ausgestellt haben, der diesen dazu berechtigte, im Namen und unter der Flagge Brandenburgs schwedische Handelsschiffe zu kapern und die „Prise“ auf eigene Rechnung zu verkaufen. Soviel zur Theorie. Was passiert, wenn nur zwei Männer die Spielregeln der „Freibeuterei“ (im Gegensatz zur „Piraterie“, die unter niemandes Flagge erfolgt und IMMER nur dem Eigennutz der Piraten selbst dient) einhalten, sollte sich später zeigen.

Denn die erfolgreiche Raulesche Flotte, die den Schweden zu schaffen machte, fand keine Abnehmer für ihre Beute, da kein anderes Land das Abkommen zwischen Friedrich-Wilhelm und Raule anerkannte. Auch die mit Hilfe der Schiffe Raules eroberten Städte und Gebiete Vorpommerns, inklusive der Insel Rügen, musste Brandenburg 1679 im „Frieden von St. Germain“ wieder herausgeben. Warum ? Vermutlich, da keine der europäischen Großmächte einen neuen „Mitspieler“ im Machtpoker ihrer Zeit haben wollte. Ein Ressentiment, das noch zu Zeiten des Siebenjährigen Krieges (1756-63) unter Friedrich II. gegenüber Preußen eine Rolle spielen sollte. Der kontinentale „Emporkömmling“ behagte noch immer den „Alten Mächten“ nicht.

Otto von der Groeben
Otto von der Groeben

Zurück zu Raule. „Wenn es mit der Freibeuterei schon nicht so recht klappt, dann kann man ja immer noch seriösen Handel betreiben.“ dachte er sich und versuchte das im Auftrage seines Gönners auch zu tun. Dass Brandenburg-Preußen sich damit in den weltweiten Sklavenhandel einzuklinken begann, war die aus heutiger Sicht sehr fragwürdige Folge dieser Bemühungen. Als 1683 der Kapitän Otto Friedrich von der Groeben im heutigen Ghana die Flagge Brandenburgs hisste und „Groß-Friedrichsburg“ damit auf den Weg brachte, war Benjamin Raule bereits seit Monaten Chef der sog. „Afrikanischen Handelsgesellschaft“, die auch keine Scheu davor hatte, menschliche „Waren“ zu verkaufen. Kleines Detail am Rande: der Grundriss des „Fort Groß-Friedrichsburg“ erinnert auffällig an den der Zitadelle Spandau.

Schloss Friedrichsfelde im Tierpark
Schloss Friedrichsfelde im Tierpark

1686 schließlich hatte Benjamin Raule ausreichend Geld verdient, um sich das etwas verlotterte Landgut „Rosenfelde bei Berlin“ kaufen zu können und dort ein hübsches Landhaus drauf zu erbauen. Einen kleinen Park gönnte er sich ganz im Geschmacke der Zeit dann auch noch dazu. Auch den Kurfürsten hat er dort kurz vor dessen Tode 1688 noch bewirten können. Man darf von einem „Freundschaftsbesuch“ ausgehen, denn Raules Handelsgesellschaft war ja dafür vorgesehen, Brandenburg durch Überseehandel ähnlich reich zu machen wie die Niederlande aus denen Raule stammte. Heute besuchen viele Menschen das ehemalige „Rosenfelde“, ohne zu wissen, dass sie in einer „Sklavenhändler- und Freibeuterhöhle“ spazierengehen. Denn heute befindet sich dort der Tierpark „Friedrichsfelde“. 1699 erfolgte übrigens die Umbenennung des Besitzes.

Die „goldene Zeit“ Raules ging aber mit dem Tode des „Großen Kurfürsten“ schnell zu Ende. Dessen Nachfolger Friedrich III. räumte „ruckzuck“ mit den Günstlingen seines Vaters auf. Ob zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt. Auch das für den Bestand Brandenburg-Preußens gefährliche Testament seines Vaters, welches Besitzteilungen unter seinen Nachkommen vorgesehen hätte, zerfetzte Friedrich III. Raules Geschäftspraktiken gerieten so in der Folge unter das Mikroskop und da stellte sich heraus, dass Raule zwar ein wagemutiger Mensch und Unternehmer war, aber mit der Abrechnung schon mal etwas „kreativ“ wurde. Da er aber direkt für den Staat tätig war, wurde ihm dies zum Verhängnis. Am 12. Dezember 1698 wurde Raule nach langem Prozess und Enteignung zu Verbannung auf die Zitadelle Spandau verurteilt. 1702 entließ man den ehemaligen Freibeuter von dort wieder, jedoch mit der Auflage, sich im preußischen Emden anzusiedeln. 1705 wurde er auch dieser Verpflichtung enthoben und konnte nach Hamburg übersiedeln wo er 1707, völlig verarmt, verstarb.

Der Traum von der Seemacht war da aber schon länger ausgeträumt. Friedrich III. , der sich seit 1701 auch „Friedrich der I. IN Preußen“ nennen durfte und damit eine Königskrone trug, hatte die Seehandels- und Flottenträume seines Vaters ratz-fatz entsorgt. Groß-Friedrichsburg schließlich verkaufte der Enkel des „Großen Kurfürsten“, der „Soldatenkönig“ Friedrich – Wilhelm I. , 1717 an….die Holländer ! Welche Ironie.

"Brandenburgs Marine" 1684
„Brandenburgs Marine“ 1684

War diese Vision von einem Brandenburg als See- und Seehandelsmacht realistisch ? Immerhin standen dem „Großen Kurfürsten“ nur sehr wenige Küstenstreifen, vor allem an der Ostsee, zur Verfügung. So wenige, dass seine Flotte z. T. noch im inländischen Havelberg gebaut werden musste. Übrigens erinnert noch heute die Existenz eines rührigen Traditionsvereins in Havelberg namens „Raule und Meer“ an diese Begebenheit. Als eigentlich klassische Kontinentalmacht ohne direkten Zugang zu einem Weltmeer stand der Traum von Raule und Kurfürst Friedrich-Wilhelm ohnehin auf tönernen Füßen.
Andererseits hätte das arme Preußen die Einnahmen aus regem Handel und Wandel mit der „großen, weiten Welt“ gut gebrauchen können. Dass diese Einnahmen dann aber auch aus dem Sklavenhandel hervorgegangen wären, hätte aber für uns heutige Nachfahren und Erben der alten Brandenburger einen extrem galligen Nachgeschmack. Akzeptieren wir also die Entscheidungen von Friedrich-Wilhelms Sohn und bleiben bei unseren „Kartoffeln und Parks“ und überlassen die „Hohe See“ den Hanseaten. (Obwohl ja auch Berlin eine Hansestadt war, aber das ist eine ganz andere Geschichte….) 🙂

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