Verschollenes Berlin: die „Berolina“ am Alex

Ja, eigentlich müsste ich eine neue Rubrik aufmachen, denn die Statue der „Berolina“ ist ja wohl eher eine verschollene „Sache“ und weniger ein Ort. Aber egal, sie ist tatsächlich unter geheimniskrämerischen Umständen verschwunden und somit eine stadthistorische „Legende“ geworden.

Die Allegorie auf Berlin, die in „Neulatein“ (Marke: „Borussia“ für Preußen, davon profitieren heute noch diverse Fussballvereine) benannte „Berolina“, wurde im 19. Jahrhundert in Form einer Statue materialisiert. Anlässlich des Besuches des Italienischen Königs Umberto I. ließ man 1889 am Potsdamer Platz eine Statue der Berolina aus Gips aufstellen. Emil Hundrieser wurde dafür als Bildhauer gewonnen.

BEROLINA2Offensichtlich muss diese reine Schmuck-Statue ohne geplanten, dauerhaften Wert den Zeitgenossen so gut gefallen haben, dass man Hundrieser später auch damit beauftragte, eine dauerhafte, aus Kupfer getriebene Berolina zu schaffen. Das Ergebnis war eine ca. 1 Tonne schwere und 7,55 m hohe Statue, die auf einem Granit-Sockel stand, der nochmal einige Tonnen wog und immerhin auch 6,25 m Höhe besaß. Das Standbild zeigt eine kräftige, junge Dame, wehrhaft in ein Kettenhemd gehüllt und mit einem Eichenkranz und einer Mauerkrone auf dem Haupt, deren linker Arm halberhoben lässig von sich fort weist. Dafür soll die 26-jährige, ehemalige Blumenverkäuferin Anna Sasse dem Künstler Modell gestanden haben. Am 01. Dezember 1895 (andere Quellen sprechen vom 17. Dezember) wurde die Berolina vor dem Haus „Alexanderstraße 70“ in der Berliner Stadtmitte enthüllt. Später, nämlich 1905, wurde unmittelbar hinter dem Standbild das Kaufhaus Tietz errichtet.

Alexanderplatz 1905 mit neueröffnetem Kaufhaus Tietz (links)
Alexanderplatz 1905 mit neueröffnetem Kaufhaus Tietz (links)

Als nach dem Ersten Weltkriege Pläne aufkamen, den Alexanderplatz zu einem noch größeren Verkehrsknotenpunkt umzugestalten und dafür mehrere U-Bahnlinien hierher zu führen, geriet die Berolina in Nöte. Denn der Umgestaltungsplan für den „überirdischen“ Alexanderplatz, welcher u. a. auch die Errichtung des „Alexanderhauses“ und des „Berolinahauses“ in Bahnhofsnähe nach sich zog, sah ausgerechnet an ihrem Standort einen U-Bahnausgang vor. Der Magistrat Berlins wollte daraufhin das „wilhelministische“ (wie sich Geschichte manchmal wiederholt, aber das sehen wir später noch) Denkmal komplett entsorgen. Weg mit den Symbolen der Kaiserzeit ! 1927 wurde sie tatsächlich abgebaut. Von den Medien begleitete Proteste vieler Berliner jedoch führten dazu, dass die Berolina am Ende nur ein wenig „umzog“ und einen neuen, scheinbar „zeitgemäßeren“ Basalt- und Betonsockel erhielt, als sie am 10. Dezember 1933 erneut enthüllt wurde. Vor dem Alexanderhaus stand sie dann ungefähr dort, wo sich heute die „Weltzeituhr“ befindet (siehe Foto oben).

Im Zweiten Weltkrieg wurden später ja viele Denkmäler abgebaut, um für ihren reinen Metallwert eingeschmolzen zu werden. Ich habe beim Thema des Reiterstandbilds Kaiser Wilhelms I. in Spandau schon einmal darauf hingewiesen. In diesem Zusammenhang geriet auch die Berolina ins Visier der „Wertstoffsammler“. Als die Berliner davon „Wind bekamen“ wurden sie trotz NS-Diktatur und Krieg sauer. Proteste standen zu erwarten. Deshalb wurde die Berolina dann „bei Nacht und Nebel“ mehr oder minder heimlich, so sehr das an einem zentralen Ort wie dem Alexanderplatz überhaupt möglich ist, abgebaut und zersägt. Wann genau, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Irgendwann 1943 oder 1944. Von nun an verliert sich die Spur von Hundriesers Statue. Ihr Sockel wurde 1958 ebenfalls abgebaut und es gibt nur Vermutungen, wo sich dieser heute befinden könnte.

Die beiden in etwa identischen Bauten des Architekten Peter Behrens (1868-1940), das Berolinahaus (rechts) und das Alexanderhaus (links) entstanden zu Beginn der 30er Jahre im Zuge der Umgestaltung des Alexanderplatzes. Beide Bauten, Stahlskelettbauten nach amerikanischem Vorbild im Stil des Bauhauses errichtet, wurden nach der Wende umfassend renoviert und entsprechend den Vorgaben des Denkmalschutzes erneuert. Im Hintergrund hinter der S-Bahn-Trasse das Kaufhaus Wertheim und das rote Rathaus. Ganz links ist die "Berolina" Statue zu erkennen, die als Wahrzeichen der und symbolische Allegorie der Stadt Berlin gilt. Das etwas ungeschlachte Denkmal war zunächst für einen Staatsempfang in Gips ausgeführt worden, es folgte eine neuere Ausführung in getriebenem Kuopfer. Diese wurde zum Ende des Krieges eingeschmolzen.
Alexanderplatz 1934, ganz links die Berolina,

Aber ein rühriger Verein, der sich für eine Neu-Errichtung der Berolina einsetzt, wurde im Jahre 2000 gegründet. Er drängte zunächst darauf, die Berolina nahe ihrem ursprünglichen Ort wiederaufzustellen, nachdem man sie neu gegossen hätte. Dafür wurden Spenden gesammelt und Freunde geworben. Die Senatsverwaltungen für Bauwesen und für Stadtentwicklung haben aber die Berolina komplett aus den Planungen für den Alexanderplatz und Umgebung herausgelassen. Angeblich aus „städtebaulichen Gründen“. Na, wir kennen das ja schon aus den Zwanziger Jahren. „Nieder mit dem Wilhelminismus !“ und insofern darf man mit einigem Recht darüber spekulieren, dass das alte Symbol der Stadt einfach nicht mehr ins neue (Welt-?) Bild der Politiker hineinpasst, die hier den Planungsrahmen vorgeben. Und diesmal ist außer den wenigen Aktivisten des besagten Fördervereins auch niemand mehr da, der protestiert.

So hat Berlin also kein Identifikationsbild auf seine Geschichte, auf seine Wehrhaftigkeit, das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Bürger und seine Unabhängigkeit mehr. Das im Jahre 2002 bewusst als Gegenbild zur alten Berolina geschaffene und am Hausvogteiplatz aufgestellte Kunstwerk, taugt dazu m. E. n. nicht, zumal es auch eher einen Bezug zum „Berolina-Haus“ herstellt, als an die Tradition der alten Berolina anzuknüpfen.

Man hofft bei dem Verein allerdings darauf, dass sich irgendwo im Stadtgebiet, jenseits der Senatsplanungen ein neuer Ort finden wird, an dem man eine neue, „klassische“ Berolina aufstellen kann. Die Hoffnung stirbt wohl zuletzt.

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Ein Gedanke zu „Verschollenes Berlin: die „Berolina“ am Alex“

  1. Die Stadt Berlin bräuchte so dringend eine schöne anzuschauende Stadtfigur als Denkmal mit der sie und ihre Bürger sich identifizieren können. Bei den quadratischen Bauklötzern die überall in den Quatieren hoch gezogen werden, verliert Berlin sein Gesicht. Allerweltsarchitektur die keiner sehen will und wegen der keiner kommt.
    Da wäre die alte Form der Berolina ein richtiger Leuchtpunkt im grauen Häuserklotzbautenmeer.
    Ein Symbol, ein Treffpunkt, einfach etwas auf dass man gern (zurück) schaut.

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