Ausflugstip: das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder

Ob der brotlose Wortkünstler Heinrich von Kleist noch immer Schulstoff unserer Heranwachsenden ist, mag ich nicht beurteilen. Zu meiner Zeit hatte der Mann aus Frankfurt/Oder, je nach Vorlieben der Deutschlehrer, immerhin noch einen kleinen Platz im Unterricht.

Einen Platz in seiner Geburtsstadt hat er in jedem Falle seit 1969 wieder. Seitdem existiert die „Kleist Gedenk- und Forschungsstätte“. Seit 1995 betreibt ein privater Verein dieses Zentrum der Kleist-Forschung mitsamt des dazugehörigen Museums. Seit 2013 findet sich dort die Dauerausstellung „Rätsel, Kämpfe, Brüche“. Seit demselben Jahr besteht auch ein Archiv mit zugehöriger Forschungsbibliothek in einem Anbau. Das Museum selbst ist in der ehemaligen Garnisonsschule Frankfurts untergebracht, weil das Geburtshaus Kleists im Zweiten Weltkrieg abbrannte.

IMG_3689_compressedIch gestehe es Ihnen, liebe Leser, ich bin altmodisch. Zu meiner Zeit hatte noch der Gedanke Gültigkeit, dass eine Kulturgemeinschaft sich auch durch die gesellschaftlichen Bezüge definiert, die von einer Mehrheit der Bürger verstanden werden. Wenn im 19. Jahrhundert jemand über seine Ehefrau sagte „Schaut die rasende Megäre“, dann erhielt er unter literarisch Gebildeten vielleicht noch den ein oder anderen Lacher. Das Bild der von Zorn und Wut „rasenden“ Frau gebrauchte Kleist u. a. in den Bühnenstücken „Käthchen von Heilbronn“ und „Penthesilea“ und machte es bis zu einem gewissen Grad populär. Es war weitgehend geläufig. Megaira war übrigens eine der altgriechischen Rachegöttinnen.

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Literatur in die Alltagssprache eingreifen konnte. Zumindest zu einer Zeit, wo man über mehr als läppische 140 Twitter-Zeichen zu kommunizieren verstand. Kleist war in meinen Augen ein zwiegespaltenes Genie, was sich auch in seinem Werk ausdrückt. Den in wohlgesetztem, geschliffenen Deutsch verfassten Novellen stehen die hochemotionalen, von exzessiver Expression geprägten Bühnenwerke gegenüber. Für ein tieferes Einsteigen in Kleists Werk und Leben ist hier nicht der geeignete Ort. Vielleicht aber ist es das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder.

DSCI1680_compressedZumindest aber kann es Anregung geben, sich mit der Zeit und dem Leben des tragischen Getriebenen näher zu befassen, der sich 1811 am Kleinen Wannsee zu Berlin den Freitod gab. Das Wohnhaus seiner letzten zwei Jahre befindet sich übrigens in der Berliner Friedrichstadt. Auf meinen Stadtwanderungen durch die Hauptstadt gehe ich immer mal wieder dort vorbei, auch wenn außer einer kleinen Gedenktafel dort nicht viel zu sehen ist.

Nun lasse ich abschließend den Dichter selbst zu Wort kommen. Vielleicht kann man diese Worte aus der „Penthesilea“ als eine Art „Credo“ verstehen:

Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte!
Die abgestorbene Eiche steht im Sturm,
Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
Weil er in ihre Krone greifen kann.

Kleist-Museum in Frankfurt/Oder:

  • Faberstraße 6-7
    15230 Frankfurt
    Tel.: 0335-387221-0
    E-Mail: info@kleist-museum.de
  • Geöffnet: Dienstag – Sonntag, 10 – 18 Uhr
  • Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s