Heinrich Dathe – der Zoologe

Heinrich Dathes Glück begann mit der Teilung Berlins. Was für die Stadt ein Unglück und eine jahrzehntelange, im wahrsten Sinne des Wortes „mörderische“ Wunde war, brachte ihm einen Traumjob ein. Heinrich Dathe wurde der erste Direktor des „Tierparks Friedrichsfelde“ in Berlin und zu einem der beliebtesten Zoologen des „Arbeiter- und Bauernstaates“. 

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Schloss Friedrichsfelde. Heute Teil des Tierparks Berlin.

Diese Einführung klingt Ihnen zu negativ ? Nein, sie war ja auch nicht gegen den rührigen Tierpark-Organisator selbst gerichtet, über den wohl niemand, der ihn kannte, ein böses Wort sagen konnte und wollte. Von der großen Ausnahme in seiner Biografie abgesehen, auf die ich später noch zu sprechen komme. Dathe immerhin, war und blieb bis an sein Lebensende 1991  populär als „Tierpapa“.

Dathe stammte aus dem Vogtland und wurde dort in Reichenbach im Jahre 1910 geboren. Als Heinrich vierzehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Leipzig. Dort macht er 1930 sein Abitur und nimmt dann an der Universität die Fächerkombination von Zoologie, Botanik und Geologie in Angriff. Im Leipziger Zoo nimmt er 1934 auch seine erste Stelle an, wo er Assistent des prominenten Zoologen Karl Max Schneider wird. Dieser befasste sich auch mit der „Psychologie“ der Tiere und stieß Programme zur Auswilderung von Löwen an. Während seiner Zeit am Leipziger Zoo verfasste Dathe seine Doktorarbeit und wurde schließlich 1940 stellvertretender Direktor.

Ich habe es angekündigt: Dathe hatte auch eine problematische Vergangenheit. 1932 bereits trat er in die NSDAP ein. Er begründete dies stets damit, dass er seinen patriotischen Gefühlen nachgehen wollte. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er in Leipzig auch als „Blockwart“, organisierte NS-Symbolveranstaltungen in seiner Wohngegend. Immerhin hatte Dathe später jederzeit das Rückgrat, über diese Dinge nicht zu schweigen und zu seinen Verstrickungen während der NS-Zeit offen zu stehen. Auch diverse „Kommissionen“, die über die Nazi-Jahre forschen, können Dathe bis heute keine maßgebliche Verstrickung in konkrete Verbrechen nachweisen. Immerhin.

Heinrich Dathe kehrte 1947 aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Leipzig zurück. Dort jedoch konnte er nicht sofort wieder als Zoologe arbeiten, da er als ex-Nazi (ja, im Gegensatz zum inflationären Gebrauch des „N“-Wortes heutzutage, stimmte der Begriff hier mal) ja „vorbelastet“ war. Es dauerte schließlich bis 1950, nach der Gründung der DDR, bis Dathe wieder am Leipziger Zoo angestellt wurde und auch an der Hochschule lehren konnte. Von 1955 – 1957 war Dathe sogar kommissarischer Leiter des Zoos in der sächsischen Metropole.

IMG_3744_compressedZu diesem Zeitpunkt verfolgte der gefragte Zoologe jedoch bereits sein ehrgeizigstes und letztlich (fast) lebenslanges Projekt: die Errichtung und Aufrechterhaltung eines zweiten Tierparks in Berlin. Seit 1954 bereits mühte sich der Magistrat von (Ost-) Berlin damit, aus dem ehemaligen Landgut Friedrichsfelde, welches einst der Familie von Tresckow gehört hatte, einen großzügig angelegten Tierpark zu machen. Immerhin war ja der „Zoologische Garten“ im anderen Stadtteil verblieben und für die DDR „verloren“. Spiritus rector und bis zur Wende auch „guter Geist“ des neuen Tierparks wurde dabei Heinrich Dathe. 1957 wurde ihm eine Professur angetragen.

Mit seinen Rundfunk- und TV-Sendungen, in denen er aus dem Tierpark berichtete und über diverse Tierarten „philosophierte“ machte er nicht nur dieses Idyll der Zoologie prominent, nein, er wurde auch selbst sehr populär. Ich selbst treffe heute noch (2016) ehemalige DDR-Bürger, die mir mit Begeisterung im Blick und Rührung in der Stimme von Prof. Dathe erzählen, den sie so sehr gemocht hatten. Seine Sachkenntnis im Tierreich und die Tatsache, dass in Tierprogrammen relativ wenig „politisiert“ wurde, trug sicher zu seiner großen Beliebtheit bei. Selbst meine Mutter selig, die durch und durch „Westberlinerin“ wurde, nachdem sie als „Heimatvertriebene“ 1945 aus den „Ostgebieten“ kam, schaute immer mal wieder im DDR-Fernsehen rein, wenn Prof. Dathe stolz über Neuzüchtungen im Tierpark berichtete oder über eine neu dort angesiedelte Tierart sprach. So kannte auch ich schon als Kind seinen Namen.

Zu Wendezeiten 1990 war Dathe dann bereits knapp 80 Jahre alt, aber immer noch der maßgebliche Mann im Tierpark. Da aber der Einigungsvertrag nicht vorsah, öffentlich Bedienstete von mehr als 60 Jahren weiter zu beschäftigen, wurde der „große, alte Mann“ ratz-fatz arbeitslos. Im Dezember 1990 wurde er pensioniert. Am 06. Januar 1991 verstarb Heinrich Dathe dann bereits an einem Krebsleiden. Sein Grab auf dem Neuen Friedrichsfelder Friedhof im Lichtenberger Ortsteil Berlin-Karlshorst ist seit 2010 eine Ehrengrabstätte des Bezirks Lichtenberg.

Elefant_compressedDathes Bedeutung für die Zoologie und sein Engagement für den Tierpark Berlin blieben jedoch auch posthum wirksam. Eine Oberschule im Bezirk Friedrichshain ist nach ihm benannt, was 2009 noch einmal für einige Schlagzeilen sorgte. Die Nazi-Vergangenheit Dathes (wie gesagt, von ihm nie geleugnet oder relativiert) wurde als problematisch erachtet, woraufhin sich Schüler, Eltern und Lehrerschaft jedoch solidarisierten und für den Verbleib des Namens „Dathe“ für ihre Schule eintraten. 2005 wurde eine Freifläche am U-Bahnhof „Tierpark“ in „Heinrich-Dathe-Platz“ umbenannt. 2012 erhielt er eine offizielle Gedanktafel der Stadt Berlin am Elefantenhaus des Tierparks.

Interessanterweise wird Dathe so zitiert, dass er ursprünglich keine Sympathien für Tierparks gehabt hätte. Er habe sie immer als „Tiergefängnis“ angesehen. Er wollte in seinen Jugendjahren ein „Reisender“, ein unermüdlicher Forscher sein. Dass er später jahrzehntelang hinter einer Mauer gefangen blieb und an einem einzigen Ort seine bedeutende Wirkung entfaltete, ist dann wohl als „Ironie der Geschichte“ anzusehen.

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