Persönlichkeiten: Melli Beese – die Flugpionierin

Berlin als Ort der Luftfahrtgeschichte hat so einiges anzubieten. Diverse Flugplätze waren Orte, an denen wichtige, spektakuläre und bedeutsame Dinge geschahen. Eines dieser Dinge ist mit dem Namen der Melli Beese verbunden.

Wie so oft sind Leute, die in Berlin-Brandenburg Geschichte machten, gar keine Brandenburger. Im Falle der Amelie Hedwig Beese, genannt „Melli“ noch nicht einmal eine „Preußin“. Denn sie wurde 1886 in Laubegast bei Dresden geboren. Also in Sachsen, wo die „hübschen Mädels wachsen“. Na, ja, man verzeihe mir diesen altmodischen Spruch.

ADN-ZB/Repro 29.6.1983 Erinnerungen an die erste deutsche Motorfliegerin Melli Beese (1886-1925) aus Dresden widmete sich nach einem Bildhauerstudium in Stockholm ab 1910 mehr und mehr der Fliegerei. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei mehreren Fluggesellschaften, die sie als Pilotin ablehnten, weil Frauen "ungeeignet" seien, kam sie schließlich für hohes Schulgeld bei der "Deutschen Wright-Gesellschaft" unter. Am 27. Juli 1911 startete sie als einzige Pilotin unter 115 Fliegern in Deutschland zu einem Alleinflug mit einer "Rumpler-Taube". Im September 1911 stellte sie mit 825 Meter einen neuen Höhen-Passagier-Weltrekord für weibliche Piloten auf. Bald darauf gehörte ihr auch der Dauerweltrekord mit Passagier für Frauen. Bei der Herbstflugwoche 1911 in Johannisthal (Berlin) belegte sie unter 24 Teilnehmern aus verschiedenen Ländern den fünften Platz. Sie heiratete den bekannten französischen Piloten Charles Boutard. Mit Beginn des I. Weltkrieges wurde ihr die Flugerlaubnis entzogen und ihr Mann verhaftet. Vor dem Weihnachtsfest 1925 schied sie aus dem Leben.
Melli Beese vor einer „Taube“.

Melli Beese war ein Einzelkind relativ wohlsituierter Eltern. Diese förderten ihre Tochter, wo immer möglich. So studierte Melli von 1906 – 09 in Stockholm Bildhauerei. Damals waren weder Auslands-Studien noch weibliche Bildhauer weit verbreitet, das muss man als Kontext wohl erwähnen. In Schweden entwickelte Melli dann auch ihre Leidenschaft für das Hochsee-Segeln und ein erstes Interesse an der „Aviatik“. Dem Fliegen „schwerer als Luft“ ohne Ballons oder Luftschiffe.

Als 1910 mit Raymonde de Laroche in Frankreich die erste Europäerin ihren Pilotenschein erwarb, regte sich auch in Melli Beese die Begeisterung für das Fliegen immer stärker und sie begann schon bald damit, Nägel mit Köpfen zu machen. Auf dem seit 1909 existierenden Flugplatz Berlin-Johannisthal suchte sie nach einem Fluglehrer. Ein Unterfangen, das zu dieser Zeit mit mehr als nur Skepsis begleitet wurde, wie sich herausstellen sollte. Die Motorfliegerei steckte immerhin noch in den Kinderschuhen und sie war weitestgehend ein „Club der wagemutigen Männer“, der es z. T. auch bleiben wollte.

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Flugplatz Johannisthal

Nach einigen Ablehnungen und dem üblichen „wir machen sowas nicht, gehen Sie zur Firma XY“ fand sich schließlich ein widerstrebender Fluglehrer, der Frau Beese Stunden gab. Vielleicht nur, um es ihr wieder abzugewöhnen, aber Melli Beese hatte der Flugvirus gepackt und so wurde man sie nicht mal nach einer Bruchlandung im Dezember 1910 wieder los, bei der sie sich den Knöchel brach. Fatalerweise beginnt hier aber die Dramatik in Melli Beeses Leben, denn als Schmerzstiller verschrieb man ihr Morphin, woraus sich eine Abhängigkeit ergab, die bis an ihr Lebensende anhielt.

Trotz Sabotageversuchen männlicher Flieger machte Melli Beese am 13. September 1911 auf einer „Rumpler Taube“ ihre „Flugzeugführerlizenz Nr. 115“. Und zwar in den frühen Morgenstunden, damit der „normale Flugbetrieb“ nicht gestört würde. Sie war damit die erste Deutsche, die einen „Pilotenschein“ ihr Eigentum nennen konnte. Eine historische Begebenheit, die erst viele Jahre später gewürdigt wurde.

1912 gründete Melli Beese auf dem Flugplatz Johannisthal die „Flugschule Melli Beese GmbH“. Zwei Partner brachten dabei ihre eigenen Flugzeuge mit und Frau Beese ihre Rumpler-Taube. Diese Gründung ist als Kritik an dem ungeregelten Schulungsbetrieb für Piloten zu sehen, der zuvor kaum Regeln unterlag. In diesem Rahmen baute Frau Beese dann auch die „Taube“ nach, verkaufte diese an Interessierte und entwickelte „nebenbei“ noch die Idee eines Flugbootes.

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Melli Beese und Charles Boutard

1913 heiratete Melli Beese ihren Geschäftspartner Charles Boutard und nahm dabei dessen französische Staatsbürgerschaft an. Eine fatale Entscheidung, so sehr sie auch im rein Persönlichen gegründet sein mochte. Denn der Erste Weltkrieg stand bevor und dieser brachte die Entwicklung der jungen Firma zum Erliegen. Die Eheleute Boutard wurden als Franzosen behandelt und für die Dauer des Krieges in Wittstock/Dosse interniert. Ihr bereits in Warnemünde fertiggestelltes Flugboot wurde konfisziert und zerstört. Mit dem Fliegen war bis Kriegsende erst einmal Schluss. Die gelangweilte Melli Beese-Boutard stürzte sich immer tiefer in ihre Morphium-Abhängigkeit.

800px-gedenktafel_sterndamm_82_joh_melli_beeseAls Melli Beese-Boutard 1919 nach Johannisthal zurückkehrte waren ihre sämtlichen Fluggeräte zerstört und ihr Flugzeugschuppen geräumt worden. Einen Rechtsstreit gegen die staatlichen Behörden, die diese Maßnahmen angeordnet hatte, gewann Melli Beese – Boutard schließlich und erhielt eine finanzielle Entschädigung von 80.000 Mark, welche sie in ein Fahrzeugunternehmen investierte. Ihr Mann musste sich derweil in Frankreich dafür rechtfertigen, dass er nicht wie ein „braver Patriot“ in die „grande nation“ zurückgekehrt war und für diese gekämpft hatte.

Die Investition in den Fahrzeugbau zahlte sich nicht aus, das Unternehmen ging in Konkurs. Wenn ich die sehr ungenauen Quellen dazu richtig verstanden habe, hat die deutsche Inflation der Zwanziger Jahre dazu ihren Beitrag geleistet. Die Beese-Boutards gaben aber noch nicht auf, sondern planten einen von Kameras begleiteten Parallelflug mit zwei Maschinen „rund um die Welt“. Dafür fanden sich jedoch kaum Sponsoren und nur die Fokker – Werke waren bereit EIN einziges Flugzeug zur Verfügung zu stellen. Der Traum fiel in sich zusammen.

Als Melli Beese 1925 ihre Pilotenlizenz verlängern sollte, war ihre Ehe bereits gescheitert und die Eheleute lebten bereits getrennt voneinander. Der entscheidende Flug für eine neue Lizenz (der laut einer leider unzuverlässigen Quelle vom Flugplatz Staaken gestartet sein soll) endete ebenso in einer Bruchlandung, wie die Ehe der Boutards. Melli Beese war „ganz unten“ angekommen und ihre Drogensucht war ihr in dieser Situation keine Hilfe. Ohne Widerstandskraft gegen die Verzweiflung schrieb sie am 21. Dezember 1925 folgende Nachricht auf einen Zettel:

Fliegen ist notwendig. Leben nicht.

und erschoss sich daraufhin. Sie wurde auf dem Friedhof Berlin-Schmargendorf beigesetzt. Seit 1975 ist ihre Grabstätte ein Ehrengrab des Landes Berlin.

friedhof_schmargendorf_-_grab_melli_beeseErst posthum, Jahrzehnte nach ihrem Tod, erhielt Melli Beese öffentliche Anerkennung. 1971 wurde eine Grünanlage in Berlin-Halensee nach ihr benannt, eine Schule in Berlin-Treptow trägt ihren Namen und seit 1994 ist eine Straße in der Nähe des Geländes des mittlerweile nicht mehr existierenden Flugplatzes Johannisthal nach ihr benannt. Ebenso wie eine kleine Straße am ehemaligen Flughafen Gatow in Berlin-Spandau. Im Bezirk Tempelhof gibt es seit 2004 eine „Melli-Beese-Promenade“.

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