Verschollene Orte: der Anhalter Bahnhof

Der „Anhalter Bahnhof“ am Askanischen Platz in Berlin war einst das „Tor zur Welt“ und erster Eindruck ankommender Reisender von Berlin zugleich. In unmittelbarer Nähe zur Berliner City gelegen, entwickelte sich der Anhalter im Laufe der Zeit zum verkehrsreichsten der Berliner Kopf-Bahnhöfe. Seine Dimensionen und sein opulentes Dekor beeindruckten und waren repräsentativ zugleich. Wie so vieles überstand der Bahnhof die Bombenteppiche des Zweiten Weltkrieges nur schwer beschädigt. Und über den Rest möchte man eigentlich schweigen…

Welche Bedeutung das Aufkommen der Bahn für den Güter- und Personenverkehr hatte, können wir heute kaum noch erahnen. Die Bahn ist zwar noch immer ein beliebtes Transportmittel, aber durch diverse „huch, im Winter fällt Schnee“ – Skandale um ausfallende Heizungen, oder sonstige Probleme beim Einhalten ihres eigenen Fahrplanes, hat das Image der Bahn in den letzten Jahrzehnten doch etwas gelitten.
Wie auch immer: Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Transport tiefgehend und die Gewichte verschoben sich schnell. Behielt die Binnenschifffahrt dabei ihre Bedeutung zunächst weitgehend bei, so übernahm die Eisenbahn doch schrittweise den Verkehr auf Mittel- und Fernstrecken von den Ochsenkarren und Pferdekutschen.

Der Bahnverkehr in der Hauptstadt Berlin wurde dabei von sog. „Kopfbahnhöfen“ übernommen. Das Konzept eines einzigen „Kreuzungsbahnhofes“ als Hauptbahnhof (oder überhaupt eines einzigen Hauptbahnhofes) ist in Berlin ein „Nachwendeprodukt“ und somit noch verhältnismäßig jung an Jahren. Die Umgestaltung des ehemaligen „Lehrter Bahnhofes“ zum Hauptbahnhof hat also kein historisches Vorbild und über die x-beliebige Optik dieses heutigen „Zentralbahnhofes“ will ich gar nicht erst anfangen, nachzudenken.

Franz Schwechtens Siegerentwurf für den Bahnhof 1871/74
Franz Schwechtens Siegerentwurf für den Bahnhof 1871/74

Der Anhalter jedenfalls war anders. Er folgte einem Vorgängerbau von 1841 und wurde  1880 sowohl vom Eisenbahnskeptiker Bismarck als auch vom Kaiser Wilhelm selbst eröffnet. Letzterer soll bei dieser Gelegenheit das „Zeitalter der Bahn“ ausgerufen haben und wäre damit schon zu diesem Zeitpunkt sicher zu spät drangewesen, weil das Zeitalter der Schienenwege bereits im vollen Lauf war.

Schon die Dimensionen der Bahnhofshalle waren für damalige Verhältnisse großzügig. 34 m Höhe und 62 m Länge waren damals üppig. Vom „Anhalter“ aus, der seinen Namen der einstigen Berlin-Anhaltischen Eisenbahn verdankte, begaben sich Reisende bevorzugt nach Dresden (ab 1882), nach Leipzig und Frankfurt/Main, Wien oder Budapest, nach Rom, Marseille oder Athen. Vom Januar 1916 bis Kriegsende 1918 startete hier sogar der sog. „Balkanzug“, der als Ersatz für den nicht mehr verkehrenden „Orientexpress“ gedacht war. Endstation des Balkanzuges war Istanbul.

dsci2863_compressedStaatsgäste wurden ebenfalls am „Anhalter“ empfangen. So traf z. Bsp. am 21. Mai 1913 der Zar Nikolaus II. hier in Berlin ein. Die Umgegend des Askanischen Platzes und des Bahnhofes musste also „schick“ sein und bleiben. Kein Wunder, dass also noch zu Kaisers Zeiten hier ein „Business-Hotel“ der gehobenen Kategorie namens „Excelsior“ gebaut wurde. Auf eigene Kosten ließen es die Eigentümer des Hotels 1928 mit dem gegenüberliegenden Bahnhof durch einen 100 m langen, unterirdischen Fußgängertunnel verbinden.

Der Zweite Weltkrieg hat die Umgegend des Askanischen Platzes massiv getroffen. Bahnhof, Excelsior und andere Bauten wurden schwer beschädigt. Später abgerissen. Um den Bahnhof gab es diesbezüglich die ein oder andere Kontroverse, da er sowohl schon seit den 30er Jahren unter Denkmalschutz stand, als auch von Fachleuten als „wiederaufbaufähig“ eingeschätzt wurde. Eine Bewertung, die sich während des Abrisses in den 50er Jahren bestätigen sollte, da die noch stehenden Seitenwände der Bahnhofshalle und Teile des Portikus einer „unsachgemäßen“ Sprengung zunächst widerstanden.

dsci2877_compressedAls Erinnerung und Würdigung ist deshalb ein kleiner Teil des Portikus erhalten geblieben, der von 2003 – 2005 saniert wurde. Die auf diesem, zu beiden Seiten der ehemaligen Uhr, angebrachten allegorischen Figuren „Tag“ und „Nacht“ befinden sich heute als Originale im Deutschen Technikmuseum Berlin, welches sich interessanterweise z. T. auf dem Gelände des Bahnbetriebswerkes des ehemaligen „Anhalters“ südlich des Landwehrkanals befindet. Abgüsse der beiden Figuren sind jedenfalls noch immer auf der Ruine zu sehen. Im besagten Technikmuseum findet sich übrigens auch ein hübsches, kleines Modell des „Anhalters“ im Maßstab 1:87, von dem aus eine Modelleisenbahnstrecke betrieben wird.

Einziges Überbleibsel des Anhalter Bahnhofes ist ansonsten nur ein unterirdischer S-Bahnhof gleichen Namens, der seit 1939 den Fernbahnhof mit dem Berliner Nahverkehr verband. Bis auf das Foto des Portikusrestes stammen übrigens alle Bilder dieses Beitrages aus der Vorhalle dieses S-Bahnhofes, in der mittels großen Bildern an den „überirdischen Anhalter“ erinnert wird.

Anmerkung: Es gäbe noch viel mehr Geschichten vom „Anhalter“ zu erzählen. Z. Bsp. davon, dass der Excelsior-Tunnel in den 80er Jahren dann bei Straßenbauarbeiten eingerissen und zugeschüttet wurde. Insofern erhebt meine kleine Erinnerung an den Anhalter Bahnhof keinen Anspruch auf Vollständigkeit ! 🙂

Noch eine Anmerkung: ich denke gerade darüber nach, ob und inwiefern die diversen Hotels für Geschäftsleute, welche derzeit am „Hauptbahnhof“ entstehen (oder schon entstanden sind), mit dem alten „Excelsior“ vergleichbar sind. Solche Kurzzeit-Obdachstätten für alle, die nicht länger in der Stadt bleiben, scheinen ja Tradition zu haben. Optisch sind die rund um „Washingtonplatz“ und Hauptbahnhof entstandenen Absteigen jedenfalls kein Genuss. Da hatte das Excelsior einst immerhin mehr zu bieten…

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