HSeg: zwei bunte Geschichten…

Manche Dinge, die uns aus der älteren und jüngeren Stadtgeschichte überliefert werden, klingen im ersten Moment absurd. Fast unglaublich. Nicht unbedingt immer, weil sie so „großartig“ oder auch „großspurig“ daherkommen, sondern eher, weil sie so deutlich die Banalität des Besonderen verkörpern. Schauen wir uns mal diese zwei Sächelchen an:

Erstens:
Hätten Sie gewusst, dass Berlin auch mal eine „Schweizer Garde“ hatte ? Sie lesen richtig. Eigentlich kennen wir die „Schweizer“ ja als farbenfrohes Detail aus einem Rom-Besuch. In ihren knallbunten, traditionellen Uniformen bewachen sie den Vatikan und dessen wichtigsten Bewohner: den Papst.

img_0129_compressedDer prunksüchtige König Friedrich I. „in“ Preußen wollte nun im frühen 18. Jahrhundert auch seine eigenen „Schweizer“ haben und ließ dafür einige, wohlgestaltete Soldaten in Phantasie-Uniformen stecken. Bevor wir das als „ewiggestrige“ oder „überholte“ Marotte belächeln, denken wir mal an die aufgeputzten „Janitscharen“, die seit einiger Zeit den Phantasiepalast vom türkischen Präsidenten Erdogan zieren oder die strammen Kerls, die man auf Kreml-Übertragungen immer neben den Türen stehen sieht, durch die Präsident Putin schreitet. Also Vorsicht, mit dem herablassenden „heute gibts das ja nicht mehr“-Lächeln. Das gilt vielleicht nur für Berlin…

Egal, hier jedenfalls ein Auszug aus Eberhard Cyrans Standardwerk „das Schloß an der Spree“ (ja, tatsächlich noch mit SZ):

Die im Schloß an der Spree stationierte „Schweizer Garde“ war eine Mustertruppe, zu der die schönsten jungen Männer herangezogen wurden. Ihre Uniform: blaues Tuch mit Karmoisinsamt und Gold; dazu weiß wallende Federn auf schwarzen Samthüten. Die Offiziere zeichneten sich durch scharlachfarbene Westen und Hosen und silberbetreßte Röcke aus.
(Quelle: „das Schloß an der Spree“, Eberhard Cyran, arani-Verlag, 6. Auflage, 1995)

Abenteuerliche Farbkombination ! Kein Wunder, dass schon Friedrichs Nachfolger, der „Soldatenkönig“ diesem Treiben ein Ende machte und den kostspieligen Mummenschanz seines Vaters aufhob. Nebenbei bemerkt kam vermutlich kein einziger dieser Gardisten aus der Schweiz.

Zweitens:
Da wir gerade bei „Friedrichen“ sind. Der zweite dieses Namens reitet ja derzeit als Standbild wieder Unter den Linden. In unmittelbarer Nähe von Humboldt-Uni und Bebelplatz. Eine witzige Geschichte rankt sich um die Wiederaufstellung des einst in einer entlegenen Ecke des Parks von Sanssouci „zwischengeparkten“ Reiterstandbilds.

img_2651_compressedIm Jahre 1980 ordnete Erich Honecker persönlich die Aufstellung des „alten Fritzen“ am historischen Platz mitten auf der Allee Unter den Linden in Berlin an. Eine Neubewertung bestimmter, preußischer Tugenden war dem vorausgegangen. Die DDR wollte sich im Vorfeld der 750-Jahrfeier Berlins die besten Traditionen der Vorfahren sozusagen „per Staatsakt“ aneignen und warf dafür ihre Feudalismus-Phobie und die systemimmanenten Berührungsängste mit dem „Preußentum“ ein Stück weit über den Haufen. Soweit, so bekannt.

Pjotr Abrassimow
Pjotr Abrassimow

Hätten Sie aber gewusst, dass der damalige, sowjetische Botschafter in der DDR, Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, ein mächtiger Mann, der ebenfalls Unter den Linden residierte, massive Einwände gegen die Aufstellung des Standbildes geltend machte ?
Erstaunlicherweise protestierte er aber weniger gegen die Aufstellung als solche, sondern gegen DIE RICHTUNG, IN DIE DER MONARCH REITET ! Absurd, skurril, aber wohl wahr, wenn man der TV-Dokumentation des RBB über die sowjetische Botschaft aus dem Jahre 2009 glauben darf.

Darin schildert ein ehemaliger Nachrichtendienstler, wie sehr sich selbst die Berufs-Spione über das Zerwürfnis zwischen DDR-Spitze und Abrassimow wunderten. Nun, wir wissen alle, wie die Geschichte ausging, denn wir können ja heute noch am Standbild vorbeischlendern, das eben NACH OSTEN reitet und nicht NACH WESTEN, wie es Abrassimow gerne gesehen hätte. Die klassische, traditionelle „Richtung“ setzte sich also am Ende durch. Die DDR hatte nämlich, so wollen es Gerüchte wissen, beim sowjetischen Außenministerium in Moskau ihr Unverständnis über Abrassimows Haltung geschildert, woraufhin man dort wohl den Botschafter zurückpfiff und darauf aufmerksam machte, dass die Sowjetunion wichtigere Dinge habe, mit denen sie sich beschäftigen müsse, als die Ausrichtung von Reiterstandbildern. Nachvollziehbar.

So, das waren mal wieder zwei kleine Schmankerl aus Berlin. Ich hoffe, diese waren für Sie, liebe Leser, interessant und unterhaltsam. In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal ! 🙂

ihr

Clemens Kurz

Foto Abrassimow:
Von Original Image ALDOR46This cropped extract: Charles01 – Cropped extract of File:Член ВС ГСВГ Губин И.А. с супругой Посол СССР в ГДР Абрасимов П.А., Зайцева М.И. и Главком Зайцев М.М.. Берлин 1983..jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39795652

Alle anderen Bilder:
von mir. Jahreszahlen sind als Wasserzeichen vermerkt. Bilder bitte nur nach Rückfrage bei mir verwenden ! (Bin großzügig mit der Freigabe, mag nur gern wissen, WER sie WOFÜR benutzt.) Dankeschön ! 🙂

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s