Persönlichkeiten: Friedrich-Wilhelm, Freiherr von Seydlitz

Der lässigste der vier Generäle, deren Standbilder wir am Zietenplatz seit 2009 wieder „bewundern“ dürfen, ist vielleicht Friedrich-Wilhelm, Freiherr von Seydlitz. Schon zu Lebzeiten eine Art „wilder Reiter“ und beinahe schon so eine Art affektierter „Popstar“ unter den Kavallerie-Kommandeuren des „alten Fritzen“, hat sich der Bildhauer August Kiß bemüht, diesen Geist in der Statue einzufangen.

dsci0244_compressedSeydlitz, der „Held von Roßbach“, war selbst unter Seinesgleichen ein Unikum. Es sind zahlreiche Anekdoten von ihm überliefert, die sicherlich alle mehr oder minder auf Fakten beruhen. Zumindest mag ich das mal glauben. 🙂 Wer sich das Standbild vom Zietenplatz anschaut, sieht einen extrem entspannten Seydlitz, (würde man ihn nach heutigem slang „eine extrem coole Sau“ nennen ? Alle, die unter 35 sind, mögen mir diese Frage beantworten…) den linken Arm lässig auf die Hüfte gelegt, den Degen an derselben Seite gesichert und mit der Rechten zu Boden weisend. Was er uns damit sagen will ? Ich gestehe, da müsste selbst ich raten. „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ ? Vielleicht nicht. Vielleicht deutet das eher die Verletzung an, die eine Kugel ihm bei der Schlacht von Kunersdorf 1759 beibrachte. Seine Rechte wurde dabei zerschmettert, Splitter seines Degenkorbes wurden in die Hand getrieben. Nie wieder sollte er die Hand danach wieder vollständig gebrauchen können.

Aber ich will mal nicht vorgreifen. Das „wilde Leben“ selbst eines bunten Hundes wie Seydlitz beginnt ja nicht mit Gefechten und Krieg. Sondern in seinem Falle in Kalkar am Niederrhein 1721. Als Seydlitz 7 Jahre alt ist, stirbt sein Vater und die Familie zieht vom Rhein nach Bad Freienwalde in Brandenburg um. Im Dienst als Page für den Markgrafen von Brandenburg/Schwedt entwickelt der Jugendliche Friedrich-Wilhelm sein Interesse an der Reiterei. Zu Pferde unterwegs zu sein, wird seine Leidenschaft. Aber in den fünf Jahren im Dienste Schwedts lernt Seydlitz auch Französisch und Latein, bekommt eine solide Bildung vermittelt. Zumindest im Vergleich mit vielen seiner späteren Offizierskameraden.

1740 wird Seydlitz ins Kürassier-Regiment des Markgrafen aufgenommen. So beginnt mit den Schlesischen Kriegen auch die Militär-Laufbahn des jungen Freiherrn. Schon bald zeichnet er sich durch besonderen Wagemut aus, der aber auch mit einer gewissen Kaltblütigkeit gepaart ist. Später wird man von Seydlitz sagen, dass er abwarten konnte, bis der optimale Moment zum Einsatz seiner Kavallerie gekommen war.

Als Kommandeur legte er besonderen Wert auf die reiterischen Fähigkeiten seiner Soldaten. Wenn die Zeit dafür war und es erforderlich wurde, bildete Seydlitz auch schon mal einzelne Reiter aus und verbesserte ihre Fähigkeiten. Ein für seine Zeiten ungewöhnlicher Einsatz eines Kommandeurs. Auch die zu dieser Zeit üblichen Prügelstrafen lehnte er ab, wollte stattdessen durch sein eigenes Vorbild zu einem einwandfreien Dienst motivieren.

reitergeneral_seydlitzAlle Geschichten aus den Schlesischen Kriegen nachzuerzählen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Im dritten dieser Konflikte zeichnete sich Seydlitz durch besondere Initiative aus, die z. Bsp. den geschlagenen Truppen nach der Schlacht von Kolin 1757 einen geordneten Rückzug ermöglichte. Die Schlacht von Roßbach entschieden seine Reiter gar gleich selbst. Eine Beförderung zum Generalmajor war für einen erst 36-jährigen Oberst auch nicht „normal“, sondern ein Spiegelbild seiner Fähigkeiten. Aber Seydlitz kam auch mit „Frechheiten“ durch, für die andere ihren Hut hätten nehmen müssen.

Als Seydlitz etwa im Jahre 1758, vor dem Gefecht von Zorndorf, nach Ansicht des Königs die Reiterei zu langsam vorrücken ließ, schickte der Monarch diesem eine Botschaft, die ihm verhieß, sich nach der Schlacht vor Seiner Majestät verantworten zu müssen. Seydlitz ließ ihm daraufhin ausrichten:

Sagen Sie dem König, nach der Schlacht steht ihm mein Kopf zu Befehl, in der Schlacht aber möge er mir noch erlauben, daß ich davon für seinen Dienst guten Gebrauch mache.

Die Reiterei behielt ihr Tempo. König Friedrich aber ließ diese „freche“ Antwort seinem (außer Zieten) vielleicht besten Reitergeneral  durchgehen, da dessen Kavallerie auch bei Zorndorf wieder entscheidend ins Gefecht eingriff. „Typisch preußischer Kadavergehorsam“ ? Nee, der sieht anders aus. Interessant nur, dass ein König Friedrich wohl durchaus willkürlich mit Widerspruch umging, wenn man an die Anekdote mit Johann von der Marwitz zurückdenkt, aber auch dies ist eine ganz andere Geschichte.

Seydlitz schließlich wurde, wie schon erwähnt, bei Kunersdorf 1759 schwer verwundet. Seine rechte Hand von einer Kartätschenkugel zerschmettert. Wundstarrkrampf war die Folge, Fieber und ein vermutlicher Schlaganfall setzten Seydlitz außer Gefecht. Schon diverse Verletzungen, die er in den Jahren zuvor auf dem Schlachtfeld erlitten hatte, waren nur langsam verheilt. Sein Körper reagierte damit auf verschiedene Infektionen und vor allem die Syphilis, die er mit sich herumtrug.

Denn Seydlitz war unzweifelhaft auch das, was man heute neudeutsch einen „ladies man“ nennt. Ein „player“ und Frauenheld. Frauen schätzten offensichtlich seine frohgemute, unkomplizierte Art und er schätzte die Frauen. Scheinbar auch die im wahrsten Sinne des Wortes „versyphten“ unter ihnen. Wie dem auch sei, Seydlitz konnte erst 1761 wieder in den Dienst seines Königs treten und griff nicht mehr entscheidend in das Kriegsgeschehen der letzten Jahre des Dritten, Schlesischen Krieges ein.

Der Monarch vergaß seinen Vorzeige-Kavalleristen aber nicht. Nach dem Krieg ließ er ihn die größte Reiterei-Inspektion Preußens, die Schlesische, leiten. Die Ausbildung einer modernen Kavallerie war zu wichtig, um sie nachrangigen Leuten zu überlassen. 1767 wurde Seydlitz zum General der Kavallerie befördert. Am 08. November 1773 verstarb Friedrich-Wilhelm, Freiherr von Seydlitz, im schlesischen Ohlau.

Er wurde im Mausoleum neben seinem Herrensitz Seydlitzruh (Minkowsky Pałac), ehemals Kreis Namslau in Schlesien, beerdigt. Der Leichnam wurde 1945 beim Einmarsch der Roten Armee von russischen Soldaten geschändet und gilt seither als verschollen. Das Mausoleum wurde später von Polen abgerissen.
(wikipedia)

P.S.: Warum habe ich Seydlitz im Eingangstext als „affektiert“ bezeichnet ? Weil er die Marotte gepflegt haben soll, vor jeder Attacke seiner Truppe eine Tabakspfeife in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Sinnvolles Signal zum Angriff oder Ausdruck von Nervosität ? Wer weiß das schon…. Auch die schon von Zeitgenossen kritisierte Angewohnheit von Seydlitz und seinen Reitern, besonders lange Steigbügel zu nutzen, in denen sie notfalls „stehen“ konnten, erinnert erst einmal an einen „Spleen“,  der möglicherweise (ich bin kein Reiter, insofern…) sogar Sinn machte.

Fotos:

  1. „Von unbekannt – Der neue Deutsche Jugendfreund, 1861, S. 528, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=8838540“, Abbild von Seydlitz,
  2. Sämtliche Fotos der Statue stammen von mir. Aus dem Jahr 2015. Eine Weiterverwendung ist NACH ABSPRACHE MIT MIR möglich. Ich bin großzügig mit der Freigabe, möchte aber wissen, WER meine Bilder WO einsetzt und behalte mir die Rechte bis zur ausdrücklichen Erteilung dieser Erlaubnis vor !

Quellen:

  1. „Preussenchronik.de“,
  2. „wikipedia“,
  3.  „Friedrich Syben: Preußische Anekdoten, Nachdruck im Arani-Verlag, Berlin, 2001“

Die anderen Teile der Serie „die vier Statuen vom Zietenplatz“:

  1. Teil 1: Jakob von Keith,
  2. Teil 2: Hans Carl von Winterfeldt,
  3. Teil 3: Kurt Christoph, Graf von Schwerin
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