HSeg: Zieten und Friedrich

Mit den gängigen „Preußenlegenden“ ist es ja so eine Sache. Entweder stellen sie verklärende Rosarot-Blenden dar oder sie verdunkeln als „damnatio“ das Angedenken unserer Vorfahren. Zumeist sind beide Sichtweisen unangemessen, auch wenn letztere seit Jahrzehnten vorherrscht. Eine der „rosaroten“ Legenden hingegen betrifft das Verhältnis von Friedrich dem Großen zum Husarengeneral Hans-Joachim von Zieten. Der eine diente brav und unterwürfig, heißt es, der andere wusste die Loyalität des Haudegens zu schätzen. Ist das aber der Erkenntnis letzter Schluss?

Ich nehme es vorweg. Die einleitende Frage kann ich mit „Nein“ beantworten. Denn nur Teile der Legende sind wahr. Zieten diente tatsächlich, im Rahmen seines Charakters, untadelig und mutig. Seine Husaren waren wirklich eine Waffe, die der Monarch im Gefecht mit tödlicher Präzision einzusetzen wusste. Friedrich besaß aber ein paar unzweifelhaft schlechte Eigenschaften, die auch der später legendäre „Zieten aus dem Busch“ am eigenen Leibe zu spüren bekam.

img_2650_compressedSo konnte Friedrich extrem kleinlich, nachtragend und neidisch sein. Von „Größe“ an dieser Stelle keine Spur. Es ist also keine Überraschung, dass der König seinem General den nach dem Zweiten Schlesischen Krieg aufkommenden Ruhm neidete. Er begann, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, Zieten zu kritisieren, seine Husaren als eine Art „Sauhaufen“ hinzustellen etc. Dies ging soweit, dass Friedrich 1753 einen ungarischen Oberst namens Nadytschzander engagierte, um die Husaren zu kommandieren. Eine Demütigung für Zieten, mit der er sich nur schwer abfinden konnte.

Zieten hatte es nämlich ohnehin schwer, im Offizierskorps der Armee Friedrichs zu bestehen. Er war ja, das sei ohne Häme oder nachträgliche Herablassung angemerkt, ein ungebildeter Provinzler reinsten Wassers. Sozusagen der Prototyp des oftmals zu Unrecht gescholtenen „Landjunkers“. Hochadlige und weitgereiste Männer wie Jakob von Keith oder der Kavalier Graf von Schwerin hatten letztlich einen ganz anderen Zugang zur Gedankenwelt Friedrichs, als wohlmeinende, aber im Geiste eher beschränkte Haudegen wie Zieten. (Eine Tochter Zietens aus zweiter Ehe wird später aber in die Familie von Schwerin einheiraten und damit den Namen der Familie in „Zieten-Schwerin, Herren auf Gut Wustrau“ abändern können. Späte Genugtuung ? Beurteilen Sie das selbst.)

hans-joachim_von_zieten
Hans-Joachim von Zieten

Nach jahrelangem Schurigeln durch den König jedenfalls und nachdem seine erste Ehefrau im März 1756 verstarb, reichte Zieten entnervt den Abschied  ein. Er wollte fortan auf  Gut Wustrau seinen Lebensabend verbringen und ansonsten seine Ruhe haben. Erst eine Vermittlung durch den Friedrich-Intimus Hans Carl von Winterfeldt versöhnte beide Parteien wieder. Friedrich sah letztlich ein, dass er den Bogen überspannt und den gutmütigen Zieten über dessen Leidensfähigkeit hinaus gequält hatte. Die Tatsache, dass Friedrich erkannt hatte, dass die Koalition seiner Feinde bereits am Krieg gegen Preußen werkelte und er so bald wieder ins Feld ziehen würde, mag diese Versöhnung ebenfalls beschleunigt haben. Schließlich wurde jeder erfahrene Offizier benötigt.

Noch einmal wird Friedrich, als religiös indifferenter und dem klassischen Gottesglauben abgeneigter „Philosoph von Sanssouci“ mit Zieten in Widerspruch geraten. Die Geschichte soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Zieten wurde an einem Karfreitag zur Mittagstafel des Königs geladen. Er lehnte mit der Begründung, dass er an diesem Tage gerne das Abendmahl in der Kirche nähme und danach alleine bleiben wolle, ab. Ein Affront für den Monarchen, aber für Zieten typisch, wie wir gleich sehen werden. Denn Friedrich lud ihn für den nächsten Tag wiederum zu sich. In angeregter Runde fragte er ihn dann, ob er wohl „den wahren Leib und das wahre Blut Christi gut verdaut“ hätte.

friedrich_zweite_altZietens Geduld war wiederum am Ende. Seinen Glauben verhöhnt zu sehen, selbst durch einen König, war ihm zuviel, so dass er angeblich zu einer ruhigen, aber dennoch bitterbösen Protestrede ausholte, in der er der Hofgesellschaft klarmachte, dass er zuerst dem lieben Herrgott und erst dann den weltlichen Autoritäten verpflichtet sei. Mit Bezug auf Jesus soll er geäußert haben:

Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube, mein Trost und meine Hoffnung, im Leben und im Tode. …Unterminieren Eure Majestät diesen Glauben, dann unterminieren Sie zugleich damit die Staatswohlfahrt.
(aus „Preußische Anekdoten“, s. u.)

Die gesellige Runde soll daraufhin merklich ruhiger geworden sein und früher als üblich geendet haben. Das ehrliche Bekenntnis Zietens, das eindeutige Zurechtrücken seiner Prioritäten war den zwar wortgewandten, aber zynischen Hofschranzen offensichtlich ebenso unangenehm wie der scheinbare Affront gegenüber dem König. Friedrich jedenfalls zeigte sich einsichtig, lobte Zieten und bat ihn nach dem Ende der Gesellschaft noch auf ein persönliches Gespräch in sein Kabinett. Von diesem Gespräch kennen wir jedoch keine Details.

Wir sehen: die auch durch das Fontane-Gedicht, in dem er „Zieten aus dem Busch“ und sein Verhältnis zum König schönredete, entstandene Zieten-Legende ist bestenfalls ein Teil der Wahrheit.

Was lernen wir daraus ? „Preußischer Kadavergehorsam“ ist eine Legende, die mit vielen Gegenbeweisen infrage gestellt werden kann. Vielleicht bestimmen aber auch hier nur die Ausnahmen die Regel. Wer weiß. Immerhin haben Zieten, Seydlitz, Marwitz und andere auch dem absoluten Monarchen von Preußen die Meinung zu sagen gewusst. Selbst, wenn sie dafür in Ungnade fielen (oder eben auch nicht, wie Zieten). Charakter musste man dafür aber haben. Ein Charakter, der auch uns Zeitgenossen oft nicht übel anstünde.

Bilder:

Quellen:

  1. wikipedia,
  2. „preussenchronik.de“
  3. „Friedrich Syben: Preußische Anekdoten, Nachdruck im Arani-Verlag, Berlin, 2001“
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