HSeg: tödliche Neugierde

Der Berliner hat ja ein unstillbares Unterhaltungsbedürfnis. Wenn man jetzt noch seine fast schon pathologische Neugierde dazurechnet, kommt der Wille des Berliners dabei heraus, überall hinzugehen, wo „etwas los“ sein könnte. Aber schon in den Zeiten unserer Altvorderen konnte diese Eigenschaft tödliche Konsequenzen haben.

fwundelisabethIch weiß, es fällt schwer, sich das vorzustellen, aber es gab einmal Zeiten ohne Internet, smartphones, Spielkonsolen und Fernsehen. In solchen Zeiten musste man eben die „Feste feiern, wie sie kommen“ um Zerstreuung und Unterhaltung zu finden. Und so war die Kombination aus der Einweihung von Berlins neuer Schlossbrücke und der bevorstehenden Hochzeit des preußischen Thronfolgers Friedrich – Wilhelm (ja, die Hohenzollern waren traditionell etwas phantasielos, was die Benennung ihrer Kinder anging) im November 1823 eine Lustbarkeit, der kaum ein Berliner widerstehen konnte.

Zumal auch die Braut, eine bayerische Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach mit Namen Elisabeth Ludovika, tatsächlich ein ebenso hübsches, wie freundliches Frauenzimmer war. Wer jetzt also nachträglich den Rummel um ihre Ankunft in Berlin von oben herab verachten will, der möge sich stattdessen einmal die ungebrochene Verbreitung der sog. „yellow press“ in unseren Tagen anschauen. Oder die Begeisterung, mit der auch heute noch z. Bsp. in Großbritannien von Hunderttausenden die Gelegenheit genutzt wird, den von einem Balkon im Buckhingham Palace herab winkenden Majestäten des Hauses Windsor zuzujubeln.

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gusseisernes Geländer der Schlossbrücke

So in der Art müssen wir uns die Stimmung am 28. November 1823 vorstellen. Einen Tag vor der Hochzeit von Prinzessin Elisabeth mit Kronprinz Friedrich-Wilhelm (eine der wenigen, wirklich funktionierenden Ehen an der Spitze von Haus Hohenzollern übrigens) sollte die neue Schlossbrücke eingeweiht werden. Schinkel hatte, genial wie er war, eine solidere, repräsentativere Überspannung des Kupfergrabens geschaffen, als es die ehemalige „Hundebrücke“ gewesen war. Die ca. 33 m breite, neue Brücke war (und ist) den Ausmaßen der Straße „Unter den Linden“ angepasst und sollte so die Verbindung vom Schloss zur Prachtstraße herstellen. Ihre Benennung ist von daher zu verstehen.

Als sich im Laufe des Tages der Eröffnung dieser Brücke dann das Gerücht verbreitete, sie werde längerfristig für den Besucherverkehr gesperrt bleiben und nicht nur während der anstehenden Hochzeitsfestlichkeiten, wurden die am Rande der „Linden“ wartenden Massen unruhig. Auf der Behelfsbrücke, die den Übergang über den Kupfergraben während der Bauarbeiten an der Schlossbrücke möglich gemacht hatte, entstand ein solcher Druck, eine solche Panik, dass die Geländer brachen und Menschen ins eiskalte Wasser stürzten.

Um nun zu sehen, was passiert war, drängten neue Massen heran, quetschten weitere Mitbürger ein, ließen weitere Menschen ins Wasser fallen. Chronisten zählten am Tage danach 22 Tote und mehrere Verletzte. Bilanzierende Historiker schreiben heute gar von 30 Toten, die in der Panik erfroren, zerquetscht und zertrampelt wurden.

img_3217_compressedInteressant ist im Nachgang, dass der preußische Hof den Gazetten sofort untersagte, größere Berichte über dieses Geschehen zu veröffentlichen und die Traueranzeigen der Familien abzudrucken. Die Freude über die Hochzeit des Kronprinzen und vor allem das „Wohlbefinden“ der bayerischen Prinzessin Elisabeth (später übrigens Tante der in den unsäglichen 50er-Jahre Kitschfilmen verklärten, österreichischen Kaiserin „Sissi“, die nach Elisabeth von Preußen benannt wurde !) sollten nicht durch allzuviel schlimme Nachrichten beeinträchtigt werden. Die Gazetten gehorchten. Weder zum ersten, noch zum letzten Mal, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Brücke geriet so ebenfalls für eine Weile in Verruf. Erst die endgültige Verzierung mit den Standbildern und der dauerhafte Gebrauch ließen die Toten vom Eröffnungstag langsam in Vergessenheit geraten.

Was lernen wir nun also daraus ? Menschenmassen haben ihr Eigenleben. Wenn irgendwo Panik ausbricht, sind ganz schnell Leben in Gefahr. Das war damals so und hat sich bis heute, bei allen polizeilichen und sonstigen Sicherheitskonzepten unserer Tage, nicht geändert.

Bildmaterial:

  • von mir, 2010/15, alle Rechte vorbehalten. Freigabe gerne, aber nur auf Anfrage !
  • Von Seidenweberei von Wilhelm und Carl Dieckmann in Elberfeld – Preußen – Versuch einer Bilanz. Ausstellungskatalog in 5 Bänden hrsg. von Gottfried Korff. Reinbek 1981. Bd. 1, S. 240., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6202399

Quellen:

  • Eberhard Cyran, „das Schloss an der Spree“, Arani-Verlag, Berlin, 6. Auflage, 1995
  • wikipedia
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