Ein neues Jahr – eine neue Saison „Stadtspaziergänge“

Wann immer ich in Berlin spazierengehe, entdecke ich irgendetwas neues. Eine Gedenkplakette, die ich noch nie vorher bemerkt hatte, einen historischen Ort, der sich bislang vor mir versteckt hatte, oder ich begegne Menschen, die ich vorher noch nicht kannte. Allein schon deshalb wird es nie langweilig, wenn ich in Berlins historischer Mitte oder in Brandenburg unterwegs bin.

Das Jahr 2017 fängt gut an. Die Temperaturen schwanken minimal um den Nullpunkt. Es ist spürbar Winter und ich persönlich mag das ja. Echte Jahreszeiten. Ich kenne Freunde, die in Landstrichen dieser Erde wohnen, wo das nicht selbstverständlich ist. Insofern: Winter OK !

img_4626_compressedAuch die „Clemens Kurz Stadtspaziergänge“ beginnen bei Temperaturen knapp unter der Frostgrenze. Diesmal habe ich mir eine neue, leicht überarbeitete Route durch die Friedrichstadt überlegt, so dass ich gleich mal an einem Ort der deutschen Zeitgeschichte vorüberschlendern kann. Hier, in der Mohrenstraße 37/38 befand sich einst das „internationale Pressezentrum“ der DDR. Klingelt es da bei Ihnen/Euch ? Richtig, hier verkündete Günter Schabowski, frisch eingesetzter ZK-Sekretär der SED für „Informationswesen“ (auf gut deutsch: Pressesprecher) am 09. November 1989 die Reisefreiheit für DDR-Bürger. De facto war dies das Ende der „Berliner Mauer“. Dass er vielleicht etwas übereilt auf eine Journalisten-Frage bemerkte, diese neuen Reiseregelungen (oder „Deregulierungen“!) gelten ab „sofort, unverzüglich“, sprengte dank multimedialer Verbreitung in Ost und West endgültig den Geduldsfaden der Untertanen von Krenz und Co. Sie eilten sofort an die Grenzübergänge, um dieses „sofort, unverzüglich“ mal auf die Probe zu stellen. Der Rest ist Geschichte. 🙂 Ich persönlich erinnere mich noch daran. Am darauffolgenden Wochenende stand ein Cousin aus Ost-Berlin bei mir auf der Matte. Zum ersten Mal auf „dieser“ Seite der Mauer, zuvor hatten wir uns ausschließlich bei ihm zu Hause sehen können. Ok, Ok, liebe Leserinnen und Leser, ich beginne, sentimental zu werden. Zeit, das Thema zu wechseln.

img_4631_compressedDennoch: ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich liebe es, an Orten meiner Stadt vorbeizuspazieren, wo Geschichte gemacht wurde. Insofern ist der Gendarmenmarkt (siehe Titelselfie von mir mit der „Deutschen Friedrichstadtkirche“) auch wieder so ein Platz. Ich kann gar nicht alle interessanten Geschichten oder Anekdoten so schnell erwähnen, wie sie mir einfallen. Immerhin ein witziges Detail zu diesem Ensemble sei erwähnt: es gab tatsächlich im 19. Jahrhundert ernsthafte Bemühungen, die beiden kleinen, alten Kirchen aus dem frühen 18. Jahrhundert zu Gunsten repräsentativerer, klassizistischer Gebäude abzureißen. Schinkel, der Architekt des Konzerthauses Berlin, soll die entsprechenden Pläne schon in der Schublade bereitgehalten haben. Und sowohl der König Friedrich-Wilhelm III. als auch sein Sohn und Nachfolger gleichen Namens sollen sehr ernsthaft erwogen haben, diesen Überlegungen nachzugeben. Warum es nicht geschah ? Schwer zu sagen. Ich vermute, die Gemeinden haben Widerstand geleistet oder das Geld für diese Art der Stadtverschönerung war gar nicht da. Wer weiß.

Immerhin traf ich hier auf dem Gendarmenmarkt eine sehr angeregte, fröhliche Gruppe junger Japaner, die unbedingt ein Foto vor dem Konzerthaus Berlin von sich haben wollten. Na, den Gefallen tat ich ihnen gerne und drückte ein paarmal auf das smartphone ihres Lehrers. Ich vermute mal, die waren nicht wegen der Gastronomie- und Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche“ in der Stadt. Und wieder ein Argument für die „alte, klassische“ Architektur: Oder können Sie sich vorstellen, liebe Leser, dass japanische Touristen Schnappschüsse vor den Hochhäusern der Fischerinsel oder den diversen „Schießscharten“-Neubau-Hotelkomplexen in der Stadt machen ? Nee, das können sie alles zu Hause haben und das vermutlich sogar noch ansprechender. Dafür kommen die nicht hierher…

dsci3327_compressedDass der berühmte „literarische Salon“ der Rahel Levin auch ganz in der Nähe des Gendarmenmarktes abgehalten wurde, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Zumindest, weil ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit darauf hinweise. 😀 Im 18. und 19. Jahrhundert war das mit dem Gedankenaustausch „auf Distanz“ so eine Sache. Eine „Depesche“ konnte schon mal ein paar Stunden oder gar Tage brauchen. Wenn sich also „Intellektuelle“, die auf einen anregenden Gedankenaustausch aus waren, „in der Nähe“ befanden, lud man sie einfach zu sich nach Hause ein. Wer im „networking“ richtig gut war, wie Rahel Levin oder Henriette von Crayen, der bekam so eine ganze „Bude“ voller großer Geister zusammen. Da muss es ja so recht interessant dahergegangen sein.

Humboldts, Schleiermacher (der übrigens auch in der Friedrichstadt wohnte), Prinz Louis-Ferdinand von Preußen, usw. Man traf dort so manchen bekannten Namen. Und bekam Infos aus erster Hand, bonmots um die Ohren geworfen und so manche Liebelei wurde ebenfalls hier angestiftet. Man denke nur an die kokette Deutsch-Französin Pauline Wiesel, die es dem Prinzen Louis-Ferdinand angetan hatte, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach genau hier bei Frau Levin kennenlernte. Die Salons hatten ihren Reiz. Einerseits wurden bürgerliche Bildungsideale gelebt und unterschiedlichste Kreise miteinander in Kontakt gebracht, andererseits wurde aber auch dem Moralkodex des Rokoko (oder eben der Abwesenheit eines solchen) gnadenlos weitergefrönt. Echte Fachleute der Literatur und der Sozialgeschichte nennen dies wohl auch „Sattelzeit“. Na, wer da wohl wen geritten hat, will ich gar nicht wissen. 🙂 (OK, ich weiß, dass diese Bezeichnung anders gemeint ist. Man gestatte mir auf meinem eigenen Blog bitte auch die ein oder andere pikant-humorige Anmerkung.)

img_4657_compressedEin Spaziergang in der Friedrichstadt geht natürlich immer weiter. Irgendwann kann man dann auch zum Zietenplatz kommen. Ich persönlich hatte an diesem Tage Lust auf ein Selfie mit einem der dortigen Generäle. Na, nur mit der Statue eines Generals, aber immerhin. Als „Bürgerlicher“ wäre ich wohl zu dessen Zeiten gar nicht in die Nähe des Fahnenträgers Kurt-Christoph, Graf von Schwerin, gekommen. Zumindest nicht außerhalb einer lebensgefährlichen „Bataille“. Da lobe ich mir unsere friedlichen Zeiten.

Und ein Stadtspaziergang geht natürlich noch weiter. Aber für diesen Artikel soll es jetzt mal genug sein. Schließlich möchte ich ja Sie, Dich oder Euch vielleicht noch in diesem Jahr auf einen weiteren Spaziergang hier einladen und kann ja nicht schon vorab alles erzählen. In diesem Sinne, hoffentlich bis zum nächsten Mal ! Nicht nur in der Friedrichstadt.

Ihr

Clemens Kurz

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