Persönlichkeiten: Rahel Levin – die Netzwerkerin

Rahel Levin betrieb zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Berlin einen der renommiertesten literarischen Salons. Diese Mode war aus Frankreich herübergeschwappt, wo es schon gegen Ende des „ancién régime“ üblich geworden war, dass sich Intellektuelle unterschiedlicher Herkunft zum Gedankenaustausch trafen. Frau Levin musste ihren Salon nach der Niederlage gegen Napoleon aufgeben, zunächst jedenfalls. Sie beendete ihre Tage unter dem Namen Friederike Varnhagen von Ense. Genügend Stoff für ein kurzes Porträt dieser interessanten Frau. 

Die sog. „Salonkultur“ blühte in Berlin am Ende des 18. Jahrhunderts bis ins neue, das 19. Jahrhundert hinein. In einem „literarischen Salon“ trafen sich Intellektuelle und solche, die es sein wollten, mit Künstlern, Adligen, Diplomaten, Lebedamen… Diese Salons wurden fast ausschließlich von Frauen gestartet und am Leben gehalten. Das vermeintlich „schwache“ Geschlecht konnte hier ins Geschehen eingreifen, diskret Kontakte knüpfen und vermitteln sowie Informationen erhalten, die ihnen im zumeist bürgerlichen Ambiente ihrer Herkunft verschlossen geblieben wären.

rahel_levinDie Namen von Henriette Herz, Dorothea, Herzogin von Kurland, Henriette von Crayen und eben Rahel Levin stehen für die Ausprägung dieser Salonkultur in Berlin. Bei Abendgesellschaften, zu denen diese Damen einluden, gaben sich Geistesgrößen wie Wilhelm von Humboldt, Friedrich de la Motte-Fouqué oder Friedrich Schleiermacher ebenso die Klinke in die Hand wie etwa Prinz Louis-Ferdinand von Preußen mit seiner Geliebten Pauline Wiesel. Mit letzterer verband Frau Levin eine besonders innige Freundschaft, aber gehen wir mal zum Anfang zurück. Niemand kommt ja „aus dem Nichts“.

Rahel Levin wurde am 19. Mai 1771 in Berlin als älteste Tochter des jüdischen Bankiers und Diamantenhändlers Markus Levin geboren. Mit dieser Abstammung wird sie ihr Leben lang hadern. Sehr genau spürte sie nämlich, dass sie als Frau und als Jüdin ihrer Zeit eine doppelte Last mit sich trug, da an Emanzipation und Gleichberechtigung in jener Epoche nicht annähernd zu denken war. Diese gesellschaftliche Zurücksetzung mag ihren an sich zielstrebigen Charakter dazu bewogen haben, ihre ganz eigenen, gesellschaftlichen Wege zu beschreiten. Diverse feministische und politische Interpretationen ihrer Lebensgeschichte aus neueren Zeiten wollen das jedenfalls so sehen.

In jedem Falle verweigerte sich die junge Rahel dem Druck aus ihrer Familie, eine „anständige“ Ehe schon in jungen Jahren einzugehen. An sich ein „unerhörtes“ Verhalten für gutbürgerliche Töchter ihrer Zeit. Das Anknüpfen von „günstigen“ Verbindungen über Ehen war an sich üblich, aber die „spröde Jungfer“ wollte partout nicht mitspielen. Ihrem orthodoxen Elternhaus entwuchs sie desweiteren auch dadurch, dass sie sich die damals verwendete, deutsche Sprache selbst beibrachte. Denn im Elternhaus sprach man ausschließlich „Jargon“, also eine Mischung aus Hebräisch, Französisch und Altdeutsch. So kann es nicht überraschen, dass die aufgeweckte Rahel bald ein Interesse an der zeitgenössischen, deutschen Literatur entwickelte.

louis_ferdinand_of_prussiaNach dem Tode des Vaters im Jahre 1790 übernahm ihr Bruder dessen Geschäfte und Rahel war etwas mehr „Spielraum“ im Vaterhause in der Berliner Jägerstraße 54 gegeben. In der dortigen Dachstube versammelte sie zunächst Jugendfreunde, die dann irgendwann jemanden mitbrachten… und der Ball kam ins Rollen. Ab etwa 1793 hielt Rahel Levin die schon erwähnten Gesellschaften hier ab. Ihre Vermittlung des Kontaktes zwischen der koketten Deutsch – Französin Pauline Wiesel und dem Liebling ALLER Berliner Salons, dem ebenso musischen wie abenteuerlustigen Prinzen Louis – Ferdinand von Preußen im Jahre 1804 ist belegt. Dieser war ein Neffe des „alten Fritzen“, der Sohn von dessen jüngstem Bruder Ferdinand, und genoss den Ruf eines „preußischen Apoll“ (nicht meine Worte).

Als die Niederlage Preußens gegen Napoleons Frankreich 1806 sowohl diesen Prinzen aus dem Leben riss, als auch das Salonwesen in Berlin erst einmal beendete, geriet Rahel Levin auch in Schwierigkeiten. Weniger durch die französische Besatzung, als durch materielle Engpässe, die sich noch verschärfen, als ihre Mutter, die ihr eine Art Leibrente aus dem väterlichen Nachlass gezahlt hatte, 1809 verstirbt. Rahels diverse, unglückliche Verliebtheiten einmal außen vorgelassen, lernt sie im Jahre 1808 den Diplomaten und Publizisten Karl-August Varnhagen kennen.

karl-varnhagen-von-ense-1839-zeichnung-von-samuel-friedrich-diezZu dieser Zeit steckt Rahel in einer anderen, wiederum komplizierten Beziehung fest. Einer scheinbar perspektivlosen Affäre mit einem Mitglied des brandenburgischen Altadels, Alexander von der Marwitz. Diese Liaison bricht sie 1809 ab, um sich u. a. mehr der Bekanntschaft, später Freundschaft, mit Varnhagen widmen zu können. Diese beiden verbanden ihre Interessen an Literatur, Kultur und Zeitgeschehen, obwohl sie 14 Jahre im Alter trennten, denn Rahel war die Ältere von beiden. 1814 schließlich, nach dem Ende der französischen Besatzung, werden beide heiraten. Sie konvertierte dafür zum Christentum (die Quellen sind sich nicht einig, protestantisch oder katholisch, wie Karl-August) und nahm den Namen „Friederike Antonie Varnhagen von Ense“ an. Seit 1811 trug nämlich Karl-August diesen Familientitel. Trauzeuge der beiden war übrigens der ebenfalls schon erwähnte Schriftsteller Friedrich de la Motte Fouqué, der ebenso wie ihr Mann in den Befreiungskriegen gekämpft hatte. Auch Rahel war nicht untätig gewesen: sie hatte in Prag die Verwundeten-Versorgung der Kriegsgeschädigten organisiert und dafür Spenden eingeworben. Heute würde man sie vielleicht eine „intellektuelle Charity-Queen“ nennen. Das schreibe ich völlig ohne Häme und in dem Bewusstsein, dass sie heutigen society – Damen an Wissbegierde, Geist und Eloquenz vermutlich meilenweit voraus wäre.

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Gedenktafel für Rahel Levin am Hauseingang Jägerstraße 54.

So ist es auch nicht überraschend, dass Frau Varnhagen von Ense im Jahre 1827 noch einmal den Salonbetrieb in Berlin aufnahm. Diesmal nicht mehr in der Jägerstraße, sondern in der Mauerstraße 36. Auch jetzt wieder ließen sich dort Männer von Geist wie Heinrich Heine oder der Fürst Pückler-Muskau sehen. Die große Zeit des Salons war aber letztlich bereits vorüber.

Karl-August Varnhagen von Ense blieb übrigens ein interessanter Autor, der später u. a. sehr populäre Kurzbiographien vom Fürsten Blücher, der Königin Sophie-Charlotte und dem Feldmarschall Graf von Schwerin verfassen wird. Erstere habe ich sogar selbst im Bücherregal. Aber zurück zu seiner „besseren Hälfte“: Rahel wurde vor allem durch ihre diversen Briefwechsel bekannt, die ihren Ruf als Kennerin der Literatur und hellsichtige Beobachterin des Zeitgeschehens festigten. Karl-August gab schon vor der Hochzeit einige ihrer Briefe heraus wodurch Rahels Name noch größere Bekanntheit erlangte. Der größte Teil ihrer Schriften wurde jedoch erst posthum einem breiteren Publikum bekannt, als wiederum ihr Mann die gesammelten Betrachtungen und Briefe „Friederike Antonies“ bündelte, redigierte und veröffentlichte.

Friedrike Antonie Varnhagen von Ense starb am 07. März 1833 in Berlin. Ihre gemeinsame Grabstätte mit Karl-August liegt auf dem „Dreifaltigkeitsfriedhof I“ in Kreuzberg. Sie ist noch immer eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin. Heute sind in mehreren, deutschen Städten Straßen nach Rahel Varnhagen von Ense benannt. U. a. eine Straße im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain ihrer Heimatstadt.

Quellen:

  • „preussenchronik.de“,
  • „wikipedia“
  • „varnhagen.info“
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