der Waldfriedhof Heerstraße in Berlin

Berlin weist so einige interessante Friedhöfe auf. Die historische Ausbreitung der Stadt ist u. a. auch an der Anlage neuer Begräbnisstätten abzulesen, deren ältere sich mehr im Stadtzentrum befinden, während neuere zumeist im Rahmen von Stadterweiterungen oder von den vor 1920 noch unabhängigen Nachbargemeinden Berlins vorgenommen wurde. In diesem Kontext ist auch der „Waldfriedhof Heerstraße“ zu sehen.

Ursprünglich wurde der Friedhof Heerstraße nur für eine sehr überschaubare Nachbarschaft gebaut. Nämlich für die Villenkolonie Heerstraße, die ihm den Namen gibt. Denn diese Begräbnisstätte liegt gar nicht an der Heerstraße, sondern an der Trakehner Allee, in unmittelbarer Nähe zum Olympiastadion.

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Als nämlich um etwa 1910 mit den Planungen für den Friedhof begonnen wurde, sollte er ausschließlich der neu angelegten Kolonie dienen. Als der „Zweckverband Groß-Berlin“ zwei Jahre später die Planungen übernimmt, wird dann aber größer geplant. Aus einer auf etwa 0,6 ha projektierten Anlage wird „über Nacht“ ein ca. 5 ha großer Landschaftfriedhof mit zentralem See und geschwungener Wegeführung. Er wird bewusst als erster, überkonfessioneller und religionsoffener Friedhof für die bald entstehende Gemeinde „Groß-Berlin“ definiert, so dass sich im Laufe der Zeit hier Verstorbene der unterschiedlichsten Religionsgruppen bestatten lassen konnten.

Der Erste Weltkrieg und die Wirtschaftskrise unterbrechen dann  die Planungen, so dass erst in den 20er Jahren mit der Umsetzung begonnen wird. Erwin Barth, Charlottenburger Gartendirektor, übernimmt dabei die Gestaltung der Gesamtanlage, während der Architekt Erich Blunck die Kapelle entwirft. Ab etwa 1924 können wir den Friedhof Heerstraße als vorerst „fertig“ ansehen. Zweimal noch wird er später Erweiterungen erfahren, so dass er jetzt auf seine heutige Größe von etwa 13,8 ha angewachsen ist. Das hatte immerhin zur Folge, dass man dort jetzt in relativer Ruhe (die S-Bahn ist zu sehen und zu hören) Spaziergänge unternehmen kann, auf denen man nur wenigen Mitmenschen begegnet.

Für die Olympischen Spiele in Berlin wird dann 1936 das eigentlich pyramidenförmige Dach der Kapelle im wahrsten Sinne des Wortes „plattgemacht“. Die Sichtachsen auf das jetzt fertiggestellte Berliner Olympiastadion sollen nicht durch den Hinweis auf einen Friedhof „gestört“ werden. Noch dazu einen Friedhof, auf dem eben auch Juden beigesetzt wurden. Nazi-Ideologie halt. Das Flachdach hat die Kapelle jedenfalls bis heute behalten.

Die Anlage selbst senkt sich von den Eingängen jeweils zum zentralen See, dem sog. „Sausuhlensee“ ab, der einst künstlich aus zwei hier gelegenen Tümpeln gebildet wurde. Durch diese Ausgestaltung des Friedhofs in den Ausläufern der sog. „Murellenberge“ zwischen Spandau und Charlottenburg, ergeben sich für den Spaziergänger hier An- und Abstiege, die im Winter bei Schnee und Eis mit Vorsicht, angemessenem Schuhwerk und geeignetem Schritt-Tempo bewältigt werden sollten. An sich aber ist der Friedhof recht idyllisch gestaltet, viel Baumbestand sorgt auch im Sommer für Schatten und den Lärm etwa der hier direkt vorüberfahrenden S-Bahn ignoriert man ohnehin schnell und blendet ihn aus.

Vor allem aber ist der Friedhof Heerstraße als ein weiterer Prominentenfriedhof bekannt und auch sozusagen als „Spazierpark“ entdeckt worden. Schauspieler, Politiker, Schriftsteller und Künstler fanden hier ihre letzte Ruhe. Mit etwa 150 Prominentengräbern und davon 51 Ehrengräbern der Stadt Berlin hat er mehr dieser Auszeichnungen aufzuweisen als etwa der Waldfriedhof Zehlendorf, der ebenso als Prominentenfriedhof angesehen werden kann. Jetzt alle dieser Prominenten aufzuzählen, wäre eine Riesenaufgabe, die mit gewissenhafter Präzision aber „wikipedia“ schon geleistet hat. Ich beschränke mich auf die Grabstätten bekannter Persönlichkeiten, die ich selbst auf meinem „kreuz- und quer“-Spaziergang dort gesehen habe.

GEDSC DIGITAL CAMERADa wäre zunächst mal eine Überraschung. Der erste, deutsche Olympiasieger aller Zeiten, der Turner Carl Schuhmann liegt hier begraben. Bei den allerersten Olympischen Spielen von Athen 1896 gewann er nicht nur den Ersten Sieg für Deutschland, sondern gleich viermal ingesamt. Überraschenderweise übrigens auch im Ringen, wo ihm, dem eher „normalgewachsenen“ Athleten und eben als Turner angetretenen Sportler der baumlange Grieche Georgios Tsitas gegenüberstand, den er in einem über zwei Tage laufenden Wettbewerb, der insgesamt mehr als eine Stunde dauerte, besiegen konnte. Der gelernte Goldschmied Schuhmann verstarb 1946.

Dann passierte ich u. a. die Grabstätte von Joachim Ringelnatz. Die Grabinschrift war zwar nicht zu lesen, da eine festgefügte Eis-Schicht sie verdeckte, aber die markante Bierflasche auf dem Grab-Deckel sprach für sich. Der Lyriker, Schriftsteller und Satiriker, welcher in der Zeit der Weimarer Republik eine deutschlandweite, große Popularität genoss, war u. a. mit den damals ebenso bekannten Schauspielern Asta Nielsen und Paul Wegener befreundet. Den Nazis war er nicht gleichförmig, nicht angepasst genug, so dass sie seine Bücher verboten und verbrannten. Seine Auftritte auf Kabarettbühnen verboten sie ebenso und nahmen ihm so die Einnahmequellen. Ringelnatz starb 1934 völlig verarmt in Berlin an Tuberkulose. Sein Grab ist eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin.

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In unmittelbarer Nähe zur Kapelle findet sich übrigens die Grabstätte des Schauspielers und Berliner Idols Horst Buchholz. Dieser aus den „glorreichen Sieben“, „eins, zwei, drei“ und „das Leben ist schön“ bekannte Akteur arbeitete sich im Nachkriegs-Berlin auf Bühnen und in Synchronstudios hoch, bevor er um 1950 damit begann, ernsthaft eine Karriere auch im Film anzupeilen. Er verstarb 2003 an einer Lungenentzündung. Seine Grabinschrift lautet: „Liebe die Welt und die Welt wird dich lieben.“ Nun, ja, entspricht sicher nicht meinem Credo, aber unvergessen bleibt der „Halbstarke“ dann eben doch. Seine Grabstätte ist ein Ehrengrab des Landes Berlin.

Und so weiter… Die Zahl der Prominentengräber und Ehrengrabstätten ist hoch hier. Ich passierte die Gräber des Schauspielers Vadim Glowna, des ehemaligen Berliner Parlamentspräsidenten Jürgen Wohlrabe, des Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann, der Diva Tilla Durieux u. v. m. Aber, wie mir die Begegnung mit ein paar jungen Leuten, die wie Studenten aussahen und irgendetwas von „wo issn Loriot“ murmelten, klarmachte: das vielleicht am meisten besuchte Grab ist wohl das von Bernhard – Victor von Bülow.

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Besser bekannt unter seinem Bühnen-Namen „Loriot“ nach dem französischen Namen des Pirolvogels, der im Familien-Wappen derer von Bülow präsent ist. Wer erinnert sich nicht an die von ihm gezeichneten Knollen-Nasen-Männchen und die Zeichentrick-Filme, u. a. den der „Männer im Bad“? Weil dort die Ente „nicht rein“ durfte, stehen heute kleine Gummi-Entchen auf dem Grabstein von Bülows. Respektlos ? Vielleicht. Die Friedhofsverwaltung ist es eigentlich leid, diese alle paar Wochen wieder abräumen zu müssen. Aber diese Gummi-Entchen sind auch ein Zeichen der Anerkennung des Lebenswerks von „Loriot“. Der Humorist und Schauspieler Bernhard – Victor Christoph Carl von Bülow aus uraltem mecklenburgisch-preußischem Adelsgeschlecht verstarb am 22. August 2011 in Ammerland am Starnberger See. Unvergessen. Seine bösartig-filigranen Persiflagen des deutschen Alltags prägten sich ein. Kleine, persönliche Anekdote am Rande: An seinem Todestag besuchte ich mit Freunden seine Geburts- und Taufstadt Brandenburg an der Havel. In dem Moment, wo ich ihnen seine Taufkirche zeigte, war er bereits von uns gegangen, ohne dass wir es wussten. Bemerkenswerter Zufall. …

GEDSC DIGITAL CAMERADamit beende ich mal meine Betrachtung über diesen Friedhof. Bei schönem Wetter ist er sicher einen, ruhigen und respektvollen, Spaziergang wert. Und sei es nur wegen der Landschaft. Seine Lage zwischen Bahngleisen, einer erstaunlich vielbefahrenen Straße und dem Parkplatz des Olympiastadions kann man bei einem Besuch zwar nicht gänzlich übersehen, aber dennoch ist ein Spaziergang hier nicht nur für „Promi-Sucher“ interessant.

Adresse:

  • Trakehner Allee 1,
    14053 Berlin

Anfahrt:

  • S-Bahnhof „Olympiastadion“, Fußweg, ca. 12 Minuten

Serie „Friedhöfe in Berlin“:

  1. der Dorotheenstädtische Friedhof
  2. der Invalidenfriedhof
  3. der alte Garnisonfriedhof

Bildmaterial:

  • von mir, (c) Clemens Kurz, 2017

Quellen:

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