Persönlichkeiten: Anna Sydow – Geliebte und Staatsgefangene

In der Geschichte Brandenburgs tauchen am Rande der Hofhaltung von Kurfürsten und Königen auch immer wieder Figuren auf, die einen Betrachter die Augenbrauen heben lassen. „Warum begab sich wer wohin und machte was ?“ Die ultimativen W-Fragen, die uns einer ansonsten nur in alten Papieren noch benannten Person näherbringen. Was machen wir nun also aus der „schönen Gießerin“ Anna Sydow ?

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Joachim II. „Hektor“

Wir wissen es aus Dokumenten, zeitgenössischen Berichten und tradierten Legenden: der Kurfürst Joachim II. (1505 – 1571, Kurfürst ab 1535) war ein Mann, der das Leben in vollen Zügen genoss. Jagen, Reiten, Bauten anregen, Geld verpulvern, Essen bis zum Umfallen. Joachim war ganz vorne mit dabei. Gut, dass er nur einen Teil Brandenburgs regierte (sein Bruder Johann von Küstrin regierte die Gebiete östlich der Oder, die „Neumark“), so dass er nicht ganz Brandenburg in die Pleite treiben konnte.

Joachim II. „Hektor“ ließ auch den Bau der Zitadelle Spandau beginnen. Ein Unternehmen, das ungefähr so kompliziert und langwierig war wie der BER unserer Tage. Und es erforderte das Anwerben italienischer Facharbeiter, die unter der Leitung des Architekten Gandino de Chiaramella, der die Kunst des Festungsbaus beherrschte, an der Spreemündung dem Kurfürsten einen Sicherungsbau erstellen sollten. Die mittelalterliche Burg an dieser Stelle sollte zum Anker der Sicherungsanlagen der Kurmark ausgebaut werden. Vielleicht traute der Kurfürst dem „Frieden“ nicht und er ahnte schon voraus, dass es in der Folge der Reformation, die er selbst in Brandenburg abrundete, noch zu größeren, europäischen Verwerfungen kommen würde.

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Anna Dieterich, geb. Sydow

Wie dieser lebensfrohe Herrscher nun genau die Bekanntschaft der Anna Dieterich, geb. Sydow (1525-1575), machte, die später als „schöne Gießerin“ in die Brandenburg-Legenden eingehen würde, ist nicht bekannt. Hatte er geschäftlich mit ihrem Mann, dem Geschützgießer Michael Dieterich zu tun ? Vermutlich, denn in wessen Auftrag sonst hätte dieser wohl seine Kanonenrohre hergestellt ?

Wohlmeinende Historiker jedenfalls wollen dem Filou unter den Fürsten immerhin unterstellen, dass er sich die „Dauergeliebte“ Anna Dieterich erst nahm, nachdem seine eigene (zweite) Ehefrau,  Hedwig von Polen (vielleicht aufgrund einer Verletzung), etwa um 1549 das Interesse am Sex mit ihm verloren hatte. Was Michael Dieterich, der betrogene Ehemann darüber dachte, ist übrigens nicht verzeichnet. Aber es ist bekannt, dass er vom Fürsten mit der Stelle des Vorstehers der kurfürstlichen Gießhütte in Grimnitz/Schorfheide für die Demütigung ein „Hahnrei“ zu sein, entschädigt wurde.

Immerhin „stand“ der Kurfürst zu seiner Geliebten. Er genierte sich nicht, mit ihr und den gemeinsamen Kindern öffentlich gesehen zu werden, was ihm von Zeitgenossen viel Kritik und Unwillen einbrachte. Hat er sie vielleicht deshalb in seinem Jagdschloss Grunewald aus der „Schusslinie“ gebracht ? Immerhin können wir davon ausgehen, dass diese Tatsache ein Grund dafür war, dass Joachim einen „Knüppeldamm“ von Berlin nach dem „Grunen Walde“ bauen ließ, damit er den dortigen Jagdsitz bequemer besuchen konnte. Bis heute nennen wir diese Straße „Kurfürstendamm“. Die Jagdleidenschaft jedenfalls soll Anna mit dem Fürsten geteilt haben. Sogar aktiv und angeblich in Männerkleidung. „Crossdresserin“ im 16. Jahrhundert. Respekt !

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Juliusturm, Zitadelle Spandau

Interessant ist auch, dass Joachim seinem ältesten Sohn und Nachfolger Johann Georg mehrfach das Versprechen abnahm, seine Geliebte nach dem eigenen Ableben anständig zu behandeln und sie sowie die gemeinsamen Kinder abzufinden. Er selbst adelte eines dieser illegitimen Kinder noch zu Lebzeiten und verpasste ihr den Titel „Magdalene, Gräfen zu Arneburg“. Der Sohn wird später diesen Titel annullieren, dem Mädchen aber eine gutbürgerliche Heirat ermöglichen. Johann Georg jedoch hielt sich nicht an das dem Vater gegebene Versprechen und verfrachtete Anna nach dem Tode des Vaters 1571 umgehend auf die noch im Bau befindliche Zitadelle Spandau. Im dortigen Juliusturm fristete sie ihre letzten Lebensjahre bis sie 1575 verstarb. Die Zitadelle war zu diesem Zeitpunkt übrigens noch immer nicht fertiggestellt. Ich sagte ja: wie der BER. Immerhin begründete sich so auch die unselige Tradition der Zitadelle als „Staatsgefängnis“ Brandenburgs und später Preußens. Aber das ist eine andere Geschichte.

Immerhin, Johann Georg hielt mit dem Bruch des Versprechens an seinen Vater auch eine Tradition des eigenen Vaters aufrecht. Dieser hatte sich gegenüber seinem eigenen Vater, dem Kurfürsten Joachim I. „Nestor“ (1484 – 1535), verpflichten müssen, die „Secten und Kezereyen“ in Brandenburg nicht zu genehmigen. 1539 nahm er in Spandau jedoch unter massivem politischen Druck dann doch selbst das Abendmahl in „beyderley Gestalt“ an und entsagte so für Brandenburg dem Katholizismus. Brandenburg wurde lutherisch, aber „sanft“. Brutale Bilderstürmereien, wie in anderen, deutschen Fürstentümern, blieben die Ausnahme und traten fast nirgendwo auf. Joachim II. brach also das Wort, das er dem Vater gegeben hatte, so wie Johann Georg sein Wort betreffs Anna Dieterich brach.

Auf die „schöne Gießerin“ soll übrigens die Legende von der „Weißen Frau“ im Berliner Stadtschloss zurückgehen. Diese besagt, dass eine Frau im Weißen Gewande immer dann durch die Raumfluchten des „Schlosses an der Spree“ geisterte, wenn der Tod eines Herrschers oder eines nahen Angehörigen desselben unmittelbar bevorstand.

In diesem Sinne also, liebe Leserinnen und Leser, lassen Sie sich nicht erschrecken, wenn sie auf der Spandauer Zitadelle den Juliusturm besuchen, der Annas letzte Unterkunft gewesen sein soll ! 🙂

Ihr

Clemens Kurz

Bildmaterial:

Quellen:

 

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