Auf den Spuren der Reformation in Brandenburg: Spandau

Die Reformation feiert Jubiläum: 500 Jahre Thesenanschlag zu Wittenberg. Wir „modernen“, sprich im Kern konfessionslosen und meist zu einer „Zivilreligion“ neigenden Menschen können uns kaum noch vorstellen, welche geistige, politische und befreiende Sprengkraft dieses Ereignis in sich barg. Der „kleine Augustinermönch“ Luther wirkte in einem sich rapide verändernden, sozialen Umfeld, das die Bedeutung einer veränderten Kirchenordnung multiplizierte. 

Wie aber spielte sich das in Brandenburg konkret ab ? Zogen hier Bauern mordend und plündernd durch die Lande ? Standen gar die „Hussiten“ wieder auf ? Gab es Bilderstürmereien und Gewalt gegen Mönche, Priester und Bischöfe ?

Die Antwort muss lauten: kaum. Im Vergleich zu anderen, deutschen Landstrichen fast gar nicht. Woran mag das gelegen haben ? Daran, dass Brandenburg erst relativ spät „offiziell“ lutherisch wurde ? Und eben auch nicht so richtig „lutherisch“ sondern vielmehr nur „autonom“ von Rom ? Viele Fragen stellen sich da. Und wo könnte man das besser tun, als an einem der Schauplätze, an dem sich ein Schlüsselmoment der Reformation in Brandenburg abgespielt hat: Spandau.

dsci2631_compressedDie Zitadelle Spandau hatte ich mir dabei als Ausgangspunkt gewählt. Diese alte Renaissancefestung „im Wasser“ spielte in der Brandenburger Geschichte so manche Rolle. Entgegen der ursprünglichen Absicht war sie dabei eher weniger ein „Bollwerk“, sondern, trotz ihrer wuchtigen Bastionen und fast 200m langen „Kurtinen“ (Längs- und Querbefestigungsmauern, die ein Quadrat bilden) überwiegend Staatsgefängnis und brandenburgisch-preußischer „Staatstresor“. Es gäbe viele Geschichten zu erzählen, was ich mir aber heute untersage, weil „Reformation“ ja unser Oberbegriff ist.

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Dr. Martin Luther

Nur ganz kurz soviel: die Reformation in Brandenburg begann mehr oder minder „im Geheimen“, denn als 1517 Luther offen Reformen von der Kirche einforderte und den Ablasshandel, eine von Fürsten und dem Papst angestiftete, üble „Abzockmasche“ für Christen, anprangerte, traf das offensichtlich überall in Europa, speziell auch in Deutschland, einen Nerv. Durch die Entdeckung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern (erfunden eigentlich schon viel früher in China) und die Gründung diverser Universitäten verbreitete sich Wissen im 16. Jahrhundert nicht nur weiter, sondern auch schneller, als im Hochmittelalter. Es gab also ein „Publikum“ gelehrter, auch Nichtadliger, die mit den in Latein verfassten Thesen Luthers (die vielleicht nicht oder nicht von ihm selbst ans „Schwarze Brett“ der Wittenberger Universität, die Tür der Schlosskirche, genagelt wurden) etwas anzufangen wussten. Männer, die verstanden, worauf er damit hinauswollte.

Ohne jetzt in diverse Details einsteigen zu wollen und diesen Beitrag unnötig aufzublähen sei gesagt, dass der damalige Kurfürst von Brandenburg, Joachim I. , ein Bruder eines der Verursacher der oben erwähnten Abzockmasche war. Sein Bruder Albrecht, Erzbischof von Mainz, hatte die diversen Ablasshändler vom Schlage eines Johannes Tetzel auf den Weg geschickt, weil er sich eine weitere Bischofsmütze „kaufen“ wollte und ebenso wie der Papst Geld brauchte.  Sehen Sie, worauf das hinausläuft ? Richtig geraten: DIESER Joachim von Brandenburg war demzufolge einer der knallhärtesten Gegner Luthers und der Reformation. Seinem Bruder mochte er nicht ans Bein pinkeln. Jedes Nachdenken über die Hintergründe kirchlicher Praxis verbot er für Brandenburg radikal. Da sich Gedanken aber nicht „löschen“ lassen, schlichen dennoch bald erste von „Reformationsvirus“ angesteckte Männer durch Joachims Länder. Sie beeinflussten lokale Magistrate, Ortsgemeinden und andere Einflusspersonen. Als Joachim I. 1535 starb, war das Fundament der Reformation bereits gelegt.

Sein Sohn gleichen Namens, der ihm unter dem Kurhut nachfolgte, beabsichtigte ebenfalls, am „rechten Glauben“, dem, was wir heute „Katholizismus“ nennen, festzuhalten. Er war kein Mann religiöser Dispute und theoretischer Diskurse wie es noch der Vater gewesen war. Nein, er war ein „Genussmensch“, ein Lebemann, der sich mehr der Jagd, den Frauen und dem guten Essen widmete, als über des Menschen Seelenheil nachzugrübeln. Aber er hatte ein gutes Näschen dafür, was die „Zeichen der Zeit“ waren. Außerdem war seine Mutter, Elisabeth von Dänemark, spätestens seit 1527 protestantisch geworden. Natürlich versuchte auch sie, ihre Söhne dahingehend zu beeinflussen. Gegen den Widerstand ihres Mannes, weshalb sie 1528 ins Exil gegangen war.

Was hat aber dieser Joachim (II.) nun mit der Zitadelle zu tun ? Richtig, er ist der Auftraggeber dieses Bauwerkes, dessen Fertigstellung er nicht mehr erleben wird (wir kennen das heute unter dem Begriff „BER“ und wissen, wieviel Geduld man in unseren Landen mit Großprojekten aufbringen muss). Als klassischer Verschwender lässt er den ehemaligen Witwensitz der Mutter, die mittelalterliche Spandauer Burg, nach deren Tod zu einer „modernen“ Festung ausbauen. Ohne Rücksicht auf die Kosten holt er dafür einen italienischen Baumeister, Francesco Chiaramella de Gandino, nach Brandenburg, der gleich 200 Facharbeiter mitbringt. Die ersten „Gastarbeiter“ in der Kurmark, wie man vermuten darf. Und in dessen Geisteskind ging ich nun also spazieren.

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Joachim I.

Und zwar schnurstracks zur Ausstellung „Enthüllt-Berlin und seine Denkmäler“, wo sich die Überreste der ehemaligen „Siegesallee“ aus dem Berliner Tiergarten anfinden. Joachim I. , eben jener „Anti-Reformer“, findet sich hier an prominenter Stelle wieder. Sein Sohn, der „Zitadellenfreund“ leider nur noch als kopfloses Standbild. Nun, das ist kein Beinbruch, denn auf diesen Fürsten treffen wir später noch. (Foto s. u.)

Zurück zur Reformation: Joachim II. , der Sohn und Nachfolger des Mannes auf dem obigen Bild, sah schließlich die Vorteile der Reformation in politischer Hinsicht ein. Kaum hatte er selbst am 01. November 1539 durch die Einnahme des Abendmahls in „beyderley Gestalt“ die Reformation anerkannt (siehe Titelbild dieses Artikels), gab er eine Kirchenordnung in Brandenburg heraus, die im Juli 1540 in Kraft trat und im Vergleich zu den Forderungen diverser Reformatoren nur relativ geringe Veränderungen in der Praxis des Gottesdienstes mit sich brachte. Die vielleicht bedeutsamste: Gottesdienste mussten fortan in deutscher Sprache abgehalten werden, damit die Gläubigen auch verstehen, worum es geht. Latein blieb aber noch lange die Sprache der Gebildeten.

Was aber den politischen Spürsinn Joachims II. anging, so hatte er erkannt, dass er mit dieser Kirchenordnung sich selbst durch die größere Unabhängigkeit von Rom auch mehr Unabhängigkeit innerhalb des Deutschen Reiches erkaufen konnte, wenn er schlicht und ergreifend die Kirche in Brandenburg selbst anführte. Eine Überlegung, die wir historisch z. Bsp. auch vom englischen König Heinrich VIII. kennen. So richtete Joachim II. also ein „Konsistorium“ von Theologen ein, welches ihn als „summus episcopus“ zum obersten Bischof Brandenburgs machte, 1543. Übrigens war selbst Friedrich der Große ab 1740, also fast 200 Jahre später, in seiner Eigenschaft als Kurfürst von Brandenburg noch immer „summus episcopus“, also oberster Bischof, seiner Länder. Für einen in religiöser Hinsicht indifferenten Mann wie Friedrich war das sicher Anlass für gesteigerte Heiterkeit und so manch zynische Bemerkung bei seinen geselligen Runden in Sanssouci.

dsci1369_compressedIn der schon erwähnten Ausstellung auf der Zitadelle finden wir übrigens auch die Büste von Rochus zu Lynar, der den nach 19 Jahren Bauzeit von faulen Bauleuten, vertragsbrüchigen Lieferanten, miesen Materialien und schlammigem Untergrund frustrierten Chiaramella 1578 ablöste. Im Auftrage des nunmehrigen Kurfürsten Johann Georg („oeconomus“, der Sparsame), der dem verschwenderischen Vater nachgefolgt war, führte er erstmal eine rigide Bauordnung ein, damit die Schlamperei beim Bau aufhörte (ach, Lynar, wo bist du, wenn man einen Flughafen baut ?).  Die Zitadelle bekam er aber so am Ende dann 1594 doch „fertiggebaut“. Und darauf kam es ja an. Nur am Rande sei erwähnt, dass auch Graf Lynar ein Protestant war, allerdings ein Calvinist.

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selfie mit Kurfürst

Irgendwann machte ich mich dann auf, zur Spandauer Altstadt hinüberzuspazieren. Denn in der dortigen Kirche St. Nikolai soll der Kurfürst Joachim II. das besagte Abendmahl nach neuem Ritus empfangen haben. Da er gleich noch ein paar seiner Adligen im Schlepptau dabeigehabt haben soll, wird das Ganze auch als „Adelsmesse“ bezeichnet (siehe noch einmal das romantisierende Titelbild dieses Artikels). Vor der Kirche steht aus diesem Anlass seit 1889 ein Standbild Joachims II. Das entschädigt für den „verpassten“ Kurfürstenkopf auf der Zitadelle. Wie aber schon erwähnt, begann mit diesem Akt die „Reformation von oben“ in Brandenburg. Mit der Verkündung der neuen Kirchenordnung von 1540 wurde sie später „offiziell“ und mit der Einrichtung des nur dem Kurfürsten verpflichteten, geistlichen „Konsistoriums“ 1543 schließlich auch von Luther und „Wittenberg“ weitgehend unabhängig. War Joachim II. nun ein überzeugter Protestant ? Eher nicht, aber er sah die Vorteile für sich und seine Länder.

img_0216In der Kirche St. Nikolai finden wir übrigens auch einen Altar, der tatsächlich noch genau derselbe ist, den der von mir oben schon erwähnte Baumeister Graf Rochus zu Lynar einst 1582 finanzierte. Er und seine Familie sind in den Seitenflügeln desselben kniend und betend abgebildet.

Diese und noch viel mehr Geschichten teile ich gerne mit Ihnen. Am liebsten jedoch „vor Ort“, wo sie sich vielleicht am stärksten einprägen. In diesem Sinne lade ich Sie, liebe Leser, auch weiterhin dazu ein, bei meinen künftigen Spaziergängen durch Berlin und Brandenburg mit dabeizusein. Falls Ihnen meine Geschichten aus der Geschichte der Region gefallen, dann schauen Sie doch ab und an mal bei den „Terminen“ nach, lesen auf der „Facebook-Seite“ mit und schließen sich an, wenn ich die kleinen Ausflüge „hinter das Offensichtliche“ unternehme. Bitte empfehlen Sie mich und meine Spaziergänge doch auch als sachkundige Begleitung durch Berlin und Brandenburg weiter ! 😀 DANKESCHÖN !

Ihr

Clemens Kurz

Bildmaterial:

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