Friedrich-Wilhelms Einfluss auf Berlin-Brandenburg

Dem Berlin- und Brandenburg-Besucher wird früher oder später der „Große Kurfürst“ Friedrich – Wilhelm über den Weg „laufen“. Als Statue, als Staatsmann und als Freund der Kunst hat er Spuren hinterlassen. Hat als Herr über Brandenburg den Boden bereitet für vielerlei Dinge, die wir heute noch als „normal“, als „gegeben“ ansehen. Schauen wir uns das doch einmal kurz an:

Der brandenburgische Kurfürst Friedrich-Wilhelm herrschte so lange über seine Lande, wie keiner seiner Nachfolger. 48 Jahre. Das lag vor allem daran, dass er bei der Übernahme des Kurhutes erst 20 Jahre alt war. Und was für ein Brandenburg musste er da ab 1640 regieren ! Ein kaputtes, entvölkertes, vom Dreißigjährigen Krieg wie kaum eine andere, europäische Region verwüstetes Land. Es wurde von seinen Nachbarn mehr oder minder als „Beute“ angesehen. Die Steuern der niederrheinischen Gebiete wurden von Holland geklaut, die „Stände“ (Adel, Bischöfe, Städte) Ostpreußens machten, was sie wollten und hatten dafür die Rückendeckung Polens, die Schweden hatten große Teile des 1637 von Friedrich-Wilhelms Vater Georg Wilhelm ererbten Herzogtums Pommern besetzt und dachten nicht im Traume daran, diese herauszurücken, der Kaiser in Wien traute den Brandenburgern eh nicht über den Weg. Fatal. Wer hätte die Herkulesaufgabe übernehmen können, aus diesem Wrack von einer Herrschaft, dessen Ländereien nur auf die ausländischen Plünderer warteten, um auseinandergenommen zu werden, wieder einen aktiven Mitspieler im europäischen Mächte-Spiel zu machen ? Vom ohnmächtigen Objekt der Mächte des Dreißigjährigen Krieges wieder in ein handlungsfähiges Subjekt der Politik zu verwandeln ?

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Friedrich-Wilhelm und Luise-Henriette

Es war der während der schlimmsten Kriegsjahre in Küstrins Festung versteckte und später für vier Jahre in den relativ sicheren Niederlanden „geparkte“ Sohn des unglücklichen Georg-Wilhelm. Letzteres übrigens ein Glücksfall, da Friedrich-Wilhelm dort in Holland so einiges lernte. U. a. lernte er dort seine spätere, erste Ehefrau Luise-Henriette von Nassau-Oranien kennen. Vor allem aber war dieser 20 jährige Frischling von hoher Zuversicht erfüllt, aus Brandenburg wieder etwas machen zu können. Schlimmer hätte es ja auch kaum kommen können. 48 Jahre später hätte ihm wohl jeder bestätigt, dass ihm viel gelungen war. Da ich aber hier keine Kurz-Biographie des „Großen Kurfürsten“ verfassen will, soll es mit diesen, einführenden Sätzen einmal genug sein. Mein Thema heute sind die Spuren, die dieser „Reiter“ vom Foyer des Bodemuseums in Berlin und für die Nachwelt hinterlassen hat.

  1. Friedrich-Wilhelm als Gestalter Berlins
    img_3960_compressedBerlin um 1640 war vom Dreißigjährigen Krieg so sehr gezeichnet, dass Friedrich-Wilhelm bis auf weiteres nicht in seine Residenzstadt zurückkehrte. In Kleve verbrachte er die ersten Jahre seiner Herrschaft (vor 1648 ließ er sich an der Spree nicht mehr sehen, seiner Luise-Henriette wollte er die Berliner Trümmerstadt ohne vorherige Reparaturen nicht zumuten). Berlins Stadtschloss war eine Ruine, durch die, mangels intakter Fenster, der Wind pfiff, auf den Straßen Berlins rannte Borstenvieh mit Ziegen um die Wette, die Straßen waren verschlammt, die Bevölkerung um mindestens 50 % gegenüber der Vorkriegszeit zurückgegangen.
    Als Friedrich-Wilhelm 1688 (übrigens in Potsdam) das Zeitliche segnete, war das Berliner Schloss intakt, war der Berliner Lustgarten ein kleiner Park voller Statuen und Büsten, hatte der Bau der Dorotheenstadt schon begonnen und die Pläne für die Friedrichstadt lagen auch schon im Schreibtisch. Die zwischenzeitliche Phase der „Festung Berlin“ ignoriere ich hier einmal ganz bewusst. Weiterhin ließ er auch die „Linden-Allee“ vom Stadtschloss in den Tiergarten anlegen, die wir heute als Straße „Unter den Linden“ kennen. Das präzise Zulaufen dieser Allee auf das Berliner Residenzschloss war gewollt. Davon können wir uns heute noch (oder wieder) überzeugen. Die ersten Linden für das Projekt wurden im Übrigen 1647 gepflanzt.
    In Potsdam hatte Friedrich-Wilhelm sich des Weiteren eine zweite Residenz geschaffen, indem er ein altes, im Kriege verfallenes Schloss zurückkaufte und dann aus- sowie umbauen ließ. Heute finden wir in dessen Nachfolgebau den Brandenburger Landtag.
  2. Friedrich-Wilhelm als Kunstsammler
    Potsdam, ehemaliges Stadtschloss
    Potsdam, ehemaliges Stadtschloss

    Friedrich-Wilhelm ließ nicht nur im Kräutergarten die ersten „Erdäpfel“ (Kartoffeln) in Brandenburg anbauen, er ließ auch Kunstwerke in Europa ankaufen. Speziell Plastiken, aber auch vereinzelte Gemälde, Medaillen sowie schön gestaltete „Folianten“ ordnete er seiner Sammlung zu. Die „Kunstkammern“ des Berliner Stadtschlosses begannen sich zu füllen. Später entstand daraus der Grundstock der Berliner Museen. Dabei konnte es aber schon einmal vorkommen, dass er von seinen Einkäufern erworbene „italienische Meister“, die sich als Fälschungen herausstellten, zurückgehen ließ. Außerdem ist Friedrich-Wilhelms Interesse an Münzen und Medaillen schon seit seinen Jugendtagen belegt.
    Auch die schönen Künste im eigenen Land ließ er nicht unbeachtet. So versuchte er, durch gezielte Aufträge an Maler und Bildhauer, herausragende, europäische Künstler an seinen Hof zu binden. Aufgrund der spärlichen Finanzen (richtig: Künstler waren damals „Handwerker“ der Ästhetik, die vor allem gut bezahlt werden wollten. Vielleicht ehrlicher als mancher heutige „Artist“.) und der Überschaubarkeit der Aufträge gelang es aber nicht, die „erste Garde“, etwa der holländischen Malerschule, dauerhaft im Lande zu behalten. Dennoch hat der ein oder andere Maler oder Skulpturist seine „Duftmarke“ auch in Brandenburg hinterlassen. Davon ist leider durch Kriege und Bilderstürmerei der Nachkriegszeit fast nichts mehr erhalten. 😦

  3. Friedrich-Wilhelm als „Peuplierer“ der Mark
    Die entvölkerte Mark Brandenburg musste wieder „peuplieret“, also wiederbevölkert werden. Hierfür sah Friedrich-Wilhelm es als notwendig an, gezielt und unkonventionell nach neuen Bürgern zu suchen. Über religiöse Barrieren setzte er sich erstmalig hinweg, als er 1671 fünfzig jüdischen Familien aus Wien gestattete, sich in der Kurmark anzusiedeln. Ihre „business-connections“, ihr Geschäftssinn und ihre Tatkraft wurden in Brandenburg ebenso dringend gebraucht, wie später die Talente der „Hugenotten“. Diese kamen nach der Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes ab 1685 aus Frankreich nach Mitteleuropa. In Brandenburg siedelten sich etwa 20.000 von ihnen in der ersten Welle an. Interessantes Detail: das „Edikt von Potsdam“ des Großen Kurfürsten, in dem dieser die französischen Protestanten willkommen hieß, erfolgte in dem zuletzt genannten Jahre innerhalb von nur drei Wochen nach dem Edikt Ludwig des 14. von Fontainebleau ! Für ein Zeitalter ohne Telefon, Fax, Internet, Smartphone und Satellitenverbindungen ein atemberaubendes Tempo ! Blitzmerker Friedrich-Wilhelm !
  4. Friedrich-Wilhelm als Kriegsherr
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    Friedrich-Wilhelms-Statue in Rathenow

    Die vielleicht wichtigste Lektion, die Friedrich-Wilhelm aus dem Dreißigjährigen Krieg gelernt hatte, war, dass ein Land, das sich nicht wehren, das seinen Ansprüchen auf Ländereien und Rechte keinen militärischen Nachdruck verleihen kann, immer nur ein Spielball anderer Mächte sein wird und damit potentiell dem Untergang geweiht ist. In seinem politischen Testament von 1667 formulierte er das wortwörtlich so:
    „Allianchen seindt zwahr gutt, abre eigene Krefte noch besser, darauff kann man Sich sicherer verlassen.“
    Also entließ der junge Kurfürst zu Beginn seiner Herrschaft erst einmal die noch von seinem Vater kurzfristig angeworbenen und völlig außer Rand und Band geratenen, brandenburgischen Söldner. Diese waren ohnehin habsburgisch gesonnen und damit nutzlos. Kein Wunder, dass sie sofort nach Schlesien verschwanden und in kaiserliche Dienste traten.
    Nach dem Vorbild der Niederlande und Schwedens baute der Kurfürst daraufhin eine kleine, stehende Armee auf, die er durch den erfahrenen Söldner-Kommandanten Georg von Derfflinger ausbilden ließ. So schuf er sich einen Grundstock an Truppen, die bei Bedarf auf 30.000 Mann aufgestockt werden konnten. Bei Rathenow und Fehrbellin konnte diese Armee 1675 dann die höher eingeschätzten, schwedischen Truppen schlagen, die hinterrücks ins Land eingedrungen waren (auf französischen Wink, aber das ist auch eine andere Story).  Ab dann hieß Friedrich-Wilhelm schließlich „der Große Kurfürst“. Eigentlich eine eher despektierlich gemeinte Titulierung, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. FW war übrigens auch ein Freund der Seefahrt, weshalb er den holländischen Piraten Benjamin Raule anheuerte, um für ihn eine Flotte zu errichten, mit der er zumindest in der Ostsee ein bischen mitspielen wollte und sogar eine Handelsniederlassung in Afrika aufbaute. Der Sohn gab diesen Traum, ebenso wie die Buntglas-Herstellung des Johannes Kunckel auf der Pfaueninsel übrigens sofort wieder auf.
    Anmerkung am Rande: durch eine auf Durchsetzung seiner Militärhoheit gegründete Finanz- und Steuerpolitik im Inneren schuf der „Große Kurfürst“ die Grundlagen für überregionale, staatliche Behörden, wovon seine Nachfolger profitierten, die einen eigenen Staat namens „Preußen“ aufbauten. Trotz seiner Freude an Malerei und Skulptur, trotz seiner immensen Ausgaben für das Militär und das Bauwesen seiner Festungen und Paläste übergab Friedrich-Wilhelm am Ende seines Lebens dennoch ein finanziell einigermaßen stabiles Brandenburg an seinen Sohn. Dieses Maßhalten wird der erste „König in Preußen“ dann nicht mehr kennen…aber auch das ist eine andere Geschichte.

  5. Friedrich-Wilhelm im Stadtbild
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    Reiterdenkmal im großen Treppenhaus des Bodemuseums

    Schon der gerade erwähnte Sohn des „Großen Kurfürsten“ ließ dem Vater Denkmäler errichten. Die Bedeutung des Vaters für den Fortbestand Brandenburgs war ihm nur zu bewusst. Auch die Tatsache, dass Friedrich-Wilhelm mit der „Befreiung“ Ostpreußens aus polnischer Lehnshoheit dem Sohn die Hände freimachte für die Selbstkrönung zum „König in Preußen“ hat der „schiefe Fritz“ sicher dankbar anerkannt. Das Reiterstandbild, welches einst die Rathausbrücke zwischen Schlossplatz und Königsstraße schmückte, ist das Ergebnis dieser Dankbarkeit. Dass die „in Ketten gefesselten Feinde Brandenburgs“ am Sockel des Standbildes anzufinden sind, war übrigens zur Zeit seiner Errichtung ebenso unumstritten, wie es heute lächerlich wirkt.
    Ein Standbild Friedrich-Wilhelms finden wir übrigens auch in Rathenow im Havelland. (s. o.)
    dsci2650_compressedIn der Berliner „Siegesallee“ fanden wir den Großen Kurfürsten natürlich auch wieder. In der sog. „Gruppe 25“ als Standbild mit den begleitenden Büsten des schon erwähnten Georg, Freiherr von Derfflinger und des Oberpräsidenten Otto von Schwerin. Der Bildhauer Fritz Schaper hatte sie einst geschaffen. Den schwer beschädigten Derfflinger und den Großen Kurfürsten mit einem lustigen Hut (s. Foto. oben) und mit der Schärpe des britischen Hosenbandordens vor der Brust können wir übrigens seit 2016 auf der Zitadelle Spandau besichtigen.

Fassen wir zusammen:
„Unter den Linden“, die Berliner Museen und das Münzkabinett, die ersten beiden größeren Stadterweiterungen Berlins (Dorotheen- und Friedrichstadt), das Stadtschloss Potsdam, die preußische Armee, die Kartoffel in Brandenburg (ja, erst sein Urenkel Friedrich II. wird diese als „Massenlebensmittel“ zwangsweise anbauen lassen, weshalb auf seiner Grabplatte in Sanssouci noch heute Kartoffeln abgelegt werden, als Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass die Preußen dadurch immer etwas zu futtern hatten, auch in schweren Zeiten), das Aufblühen des Gewerbes durch eine zielgerichtete Ansiedlungspolitik, diverse Standbilder als öffentlicher Straßenschmuck…das alles geht auf Friedrich-Wilhelm, den „Großen Kurfürsten“ zurück. Dass wir seiner ersten Frau Luise-Henriette auch die Existenz des eigentlich nach dem Dreißigjährigen Kriege unbewohnbar gewordenen  Bötzow unter dem heutigen Namen Oranienburg verdanken, sei hier nur informationshalber noch angefügt.
Wir sehen: Friedrich-Wilhelm, war, trotz möglicherweise berechtigter Kritik an seiner Außenpolitik, seinen diversen Bündniswechseln, seiner zweifelhaften Hauspolitik (er wollte tatsächlich seine Ländereien unter den diversen Söhnen aus zweiter Ehe aufteilen) usw. im Inneren ein Herrscher, der Spuren hinterließ. Ein Kurfürst, der solide Fundamente schuf, auf denen seine Nachfolger aufbauen konnten und der aus Ländereien, die nur darauf warteten, von ausländischen Mächten annektiert zu werden, ein eigenes Staatswesen formte. Respekt !

Nachtrag:
Ein Bekannter machte mich gerade darauf aufmerksam, dass Friedrich-Wilhelm auch der Initiator des Müllroser „Oder-Spree-Kanals“ ist. 22 km Wasserstraße mit diversen Schleusen. Der Kanal schuf einen Wasserweg zwischen Breslau und Hamburg über Berlin. Der Große Kurfürst wollte damit den Schweden, die noch immer die Odermündung beherrschten, die Handelszölle abgraben. Gut überlegt ! Von 1662 – 1668 wurde hier gegraben.

Bildmaterial:

  • von mir, (c) 2010, 2014, 2015, 2017

Quellen:

  • Geschichte Preußens, Hannsjoachim W. Koch, Paul-List-Verlag, München,1980,
  • wikipedia,
  • „Die Mark – der Große Kurfürst“, Heft 59, 2005
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