Am Anfang war … „der Bär“

Das Mittelalter. Unendliche Weiten. Und ein Mann, der dahin vorrückt, wo noch kein Ritter zuvor geritten war ? 🙂 Na, ja. Diese Legende stammt wohl aus späteren Zeiten, als man mit Deutschtümelei peinlichster Art keine Probleme mehr hatte. Der Anfang der „Mark Brandenburg“ ist jedenfalls komplizierter, als gedacht. Und dennoch: am Anfang steht, wenn man es ganz nüchtern betrachtet, eben doch „der Bär“ aus Ballenstedt. Schaun wir mal:

Nein, eine „Geschichtslektion“ werde ich jetzt nicht abhalten. Ich lasse es damit genug sein, dass ich betone, die „Ostsiedlung“, die Christianisierung und Einverleibung des Elbe-Oder-Raumes durch das Deutsche Reich im Mittelalter wurde Anno Domini 983 durch den sog. „Slawenaufstand“ jäh gestoppt. Nachvollziehbar, dass man als Völkchen, dem es eigentlich gut geht, das sich wohl fühlt in seiner Haut, das noch dazu in einer Region wohnt, die durch den Handel und aufgrund natürlicher Vorzüge (Wasserreichtum, wenig Bodenerhebungen) sich ein ständiges Einkommen sichern kann, keine Lehnsherren von „außen“ haben wollte. Mit der „Nordmark“ wars also im o. e. Jahr erst einmal vorbei. Während in Polen, Pommern, Sachsen oder Mecklenburg so langsam „Strukturen“ der mittelalterlichen Feudalgesellschaft eingezogen wurden, lebten die Stämme der Heveller und Sprewanen urgemütlich in ihrem Territorium. Lässig formuliert: sie machten in und um Brandenburg an der Havel und Köpenick ihr „eigenes Ding“ (siehe Karte unten).

Und das blieb auch lange so, bis ein Condottiere (ja, ich weite diesen Begriff einfach mal ins Hochmittelalter aus, pedantische Historiker mögen mir dies nachsehen oder auch nicht) aus dem Harz sich aufmachte, sich mit Vertrag und Schwert ein eigenes Land zu erobern. Seine Ziele ? Schwer zu sagen. Ich neige zu einer gewissen Nüchternheit und behaupte: hehre Motive mögen ihn sicher nicht bewogen haben. „Christianisierung“ der Elbslawen oder „das Voranbringen der Zivilisation“, „Eroberung für das Reich“ ? Man wird ihn später in dieser Richtung interpretieren. Übersprudelnder Tatendrang, Gier nach Land und das Ziel, in die Geschichtsbücher einzugehen, mögen es jedoch wohl eher gewesen sein, die einen Grafen aufs Schlachtross trieben. Ritter des Mittelalters suchten sich ihre „Jobs“ eben oftmals auch selbst.

Wer also war „Adelbert von Ballenstedt“, den spätere Generationen als „Albrecht, den Bären“ titulieren werden ? Nun, der Beiname wird von mir ehrlich gesagt mehr im Sinne der native-americans interpretiert. Wenn Häuptling „Springender Hirsch“ sich mit seinem Totemtier identifizierte, dann durfte sicher auch ein mittelalterlicher Adliger in Deutschland als „Bär“ bezeichnet werden. Wild und kraftvoll. Ein unzivilisiertes Image, sagen Sie, liebe Leser ? Nun, bis in unser 21. , gar so kultiviertes Jahrhundert ist es ja auch noch ein bischen hin. Denn „der Bär“ wird im Jahre 1100 geboren. Wo, ist der Historie jedoch entgangen. Allzuviele Aufzeichnungen verbrannten in nachfolgenden Kriegen. Immerhin wissen wir, dass er als Sohn des Grafen „Ottos des Reichen“ von Ballenstedt im Harz, geboren wird. Nach dem benachbarten Aschersleben wird übrigens später das Haus benannt werden: „Ascanius“, die Askanier sind da.

Albrecht war umtriebig. Wo immer es etwas Land zu gewinnen, einen Titel abzustauben, oder in einen Krieg zu ziehen ging, war er nur allzugerne mit dabei. Details seiner Sinnsuche erspare ich Ihnen mal, erwähne aber am Rande, dass er als Gefolgsmann des Deutschen Kaisers Lothar an einem vermutlich sinnlosen Feldzug nach Italien teilnahm. Der damalige Markgraf der „Nordmark“ kam dabei zu Tode, Albrecht überlebte und der Kaiser bedankte sich mit dem freigewordenen Titel beim Bären für die Teilnahme. Denn die Nordmark war zu dieser Zeit (1134) nicht mehr als ein „de jure“-Titel, wie der des Bischofs von Brandenburg. De facto herrschten noch immer die Slawen in diesem Gebiet und mit dem Christentum wars auch noch nicht gar so weit her. Ein paar Fürsten waren mehr oder minder pro forma Christen geworden. Allerdings hatte Albrecht zu diesem Zeitpunkt bereits einen netten „Deal“ in der Tasche: er hatte seit etwa 1125 mit dem Heveller-Prinzen Pribislaw (später „Heinrich“, nach der Taufe) eine Art Freundschaftsvertrag geschlossen, der sehr zu Gunsten des Ballenstedters ausfiel. Denn Pribislaw, der, wenn die Quellen nicht irren, gar nicht erbberechtigt als Herrscher der Heveller gewesen wäre, wollte mit Hilfe des Bären in Brandenburg/Havel die Macht ausüben und versprach dafür, den Askanier zu seinem Erben zu machen. „Nach mir die Sintflut“, so kann man auch Herrscher sein und sozusagen „geborgte“ Macht ausüben.

Albrecht gedachte jedoch, langfristig an diesen Zuständen etwas zu ändern. Als sich die Chance für den „Wendenkreuzzug“ ergab, putzte er den Rost vom Harnisch, kletterte auf die Rosinante und schaute sich schon mal zwischen Elbe und Oder um. Immerhin war er ja der Markgraf der Nordmark. Jetzt noch flugs ein Kreuz auf den Umhang genäht und schon konnte der „Binnenkreuzzug“ im Gefolge Dänischer, Polnischer und Sächsischer Fürsten losgehen. Immerhin ist der Weg ins Heilige Land ja auch sehr weit und die Slawen lagen hingegen nahe. Kreuzzugs-Bequemlichkeit. 1147 gings los. Witzigerweise konnten sich aber die Fürsten nicht so recht entscheiden, wohin die Reise gehen sollte und so gingen zwei Heeresgruppen schließlich auf die „Reise“. Eine unter Heinrich dem Löwen von Braunschweig, dem Intimfeind Albrechts, und die andere unter, welche Überraschung, Adelbert von Ballenstedt selbst. Das letztere dann mehr nach Osten unterwegs war, während der Braunschweiger „Löwe“ (schon wieder ein Totemtier !) eher an Mecklenburg und Niedersachsen Interesse hatte, sei hier nur am Rande erwähnt. Albrecht zog also mit einigen Kriegs-Leutchen und Bischöfen im Schlepptau weiter bis nach Stettin, wo ihn überraschenderweise bereits ein Pomeranen (oder darf ich sie schon „Pommern“ nennen ?) – Fürst namens Ratibor erwartete, der längst christianisiert war. Nix wars mit dem „Evangelisation mit dem Schwert“. Aua. Große Schlachten gabs auch keine zu schlagen, da die „Wenden“ sich einfach beim Vorüberziehen der Ritterheere in ihre Fluchtburgen zurückzogen, die Zugbrücke hochzogen und den Spuk abwarteten.

Drei Jahre später trat der von Albrecht so dringend erwartete „Erbfall“ ein: Pribislaw – Heinrich, Fürst der Heveller, verstarb. 1150. Frisch-fromm-fröhlich griff sich „der Bär“ einen Gaul und ritt mit ein paar Gefolgsleuten nach Brandenburg/Havel, um dort seinen Machtanspruch durchzusetzen. Aber, so einfach war es dann doch nicht. Diverse schlechtgelaunte Heveller-Adlige riefen „Jaxa de Copnic“ (im Deutschen später auch als „Jaczow von Köpenick“ bezeichnet) ins Land. Dieser bestens mit Kontakten nach Polen ausgestattete Sprewanen-Fürst rekrutierte ein Heer aus Sprewanen, Polen und unzufriedenen Hevellern, eroberte mit List und Gewalt die „Brandenburg“ vom Bären. Dieser wiederum schlug mit eigenen Kräften zurück, die er sich z. T. vom Bischof Wichmann von Magdeburg auslieh, nahm die Brandenburg am 11. Juni 1157 ein und nannte sich erstmals in einer Urkunde vom 03. Oktober 1157 „Markgraf von Brandenburg“. Das heutige Bundesland feiert deshalb seine Gründung an diesem Tag. Die 850 Jahrfeier 2007 war dabei besonders üppig.

Praktisch sofort holte der neue Markgraf Siedler aus dem Harz, dem Rheinland und sogar aus Flandern („Fläming“ !) ins Land. Die Sicherung seiner Herrschaft vertraute er lieber neuen, als alten Einwohnern an. 1160 gab er der Stadt Stendal das Marktrecht. Etwa um diese Zeit soll er auch eine Burg in Spandau haben errichten lassen. Zunächst als Grenzfestung gegen die Sprewanen. In Stendal soll er 1170 gestorben sein. Beigesetzt wurde er vermutlich im Hauskloster der Askanier in Ballenstedt. Zuvor hatte er seinen jahrzehntelangen Kampf um die Herrschaft in (Nieder-)Sachsen aufgeben müssen. Der schon erwähnte Welfe „Heinrich der Löwe“ hatte sich durchgesetzt. Zehn Jahre später wurde jedoch Albrechts Sohn Bernhard mit dem Herzogtum Sachsen belehnt. Posthume Genugtuung für das Haus Askanien.

Von „Albrecht, dem Bären“ existieren diverse, verklärende Nachbilder. Speziell im Kaiserreich sollte er zu einem „Bringer des Christentums“ für die heidnischen Slawen umgewidmet werden. Das Standbild aus der ehemaligen „Siegesallee“ hält denn auch ein Kruzifix in die Höhe. (siehe Bild oben) Kann man sicher auch dem Fürsten des Mittelalters die Christianisierungsabsicht nicht komplett absprechen, so dürften dennoch Territorialgewinn und der Prestigezuwachs als Markgraf doch die entscheidende Triebfeder für sein Handeln gewesen sein. Müssen wir das heutzutage um jeden Preis verurteilen ? Oder einfach nur zur Kenntnis nehmen ? Entscheiden Sie selbst.

Nachwort: Liebe Leser, Sie kennen sicher die „Schildhornsage“, haben das Schildhorndenkmal im Grunewald vielleicht selbst schon besucht oder auf einer Dampferfahrt über die Unterhavel davon gehört. Ich erspare Ihnen diesen Blödsinn ganz bewusst. Und das mit dem Hinweis darauf, das Jaczow von Köpenick aller Expertenmeinung nach längst Christ war, als er in Konflikt mit unserem Albrecht geriet. Wieder nix mit der Evangelisation ! Oder mit Pferden, die durch die Havel schwimmen… Das Standbild Albrechts aus der schon erwähnten Siegesallee finden wir übrigens heute auf der Spandauer Zitadelle in einer Dauerausstellung wieder.

Bildmaterial:

Quellen:

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