Geliebter Großvater – ein vergessener Haudegen

Manch ein „Preuße“ ist heute vergessen. Zu Recht oder Unrecht, das muss wohl im Einzelfall entschieden werden. Im Falle des hier von mir porträtierten Haudegens überstrahlte vielleicht der Bekanntheitsgrad seines Enkels den eigenen, was dazu führte, dass er in Vergessenheit geriet. Sein Grab ist ohnehin nicht mehr aufzufinden, obwohl  jeder Brandenburger und Brandenburg – Besucher dessen Ort kennt. Rätselhaft, wie sich uns die Geschichte manchmal als „scheues Reh“ zeigt, das mit viel Geduld gejagt werden will, oder als mysteriöses Wesen, welches oftmals zurückweicht, je mehr man sich ihm zu nähern versucht…

Wir alle kennen die preußischen Hofporträts des Malers Antoine Pesne. Die diversen Prinzen, Prinzessinnen etc. hat er in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Leinwand gebracht. Vor kurzer Zeit aber erst entdeckte ich sein Gemälde eines freundlich lächelnden Mannes mit Harnisch. Er trägt die übliche Perücke seiner Zeit. Sein rechter Arm steht quer über dem Körper und seine Hand formt dabei das, was wir heute eine „Pistole“ nennen würden, die vom Betrachter aus nach rechts zeigt. Merkwürdig. Worauf zielt dieser freundliche Herr im unfreundlichen Kriegsgewand ? Und wer ist er überhaupt ?

Es ist Heinrich-August, Baron de la Motte-Fouqué. Ja, ja, bitte nicht vorschnell „weiterdenken“, denn DER de la Motte-Fouqué, an den Sie vermutlich gerade denken, war auch preußischer Offizier aber eben erst zwei Generationen später. Als es darum ging, den französischen Psychopator Buonaparte, die menschgewordene Hybris Frankreichs, wieder aus dem Geschäft zu drängen. Dies ist aber eine andere Geschichte, die ich HIER schon einmal in Mikro-Fetzen angerissen habe.

1738, Antoine Pesne: Heinrich-August de la Motte-Fouqué

Sein Großvater, eben jener Heinrich-August (oder vielleicht am Beginn seines Lebens gar noch „Henri-Auguste“ ?) hingegen war noch ein Hugenotte vom „alten Schrot und Korn“. Geboren 1698 in Den Haag gehörte er zur ersten im Ausland geborenen Generation dieser französischen Protestanten. Er entstammte einem normannischen Adelsgeschlecht, das auch einst recht ordentlich mit Grundbesitz ausgestattet war. Dank Ludwig, dem „Sonnigen“ von Frankreich, der 1685 das Edikt von Nantes aufhob und mit seinem Edikt von Fontainebleau Frankreich de facto wieder zur „allerkatholischsten“ Nation machte, waren die Protestanten erneut vogelfrei. Kein Wunder, dass es sie in Massen ins Ausland zog, nach Holland, nach Kleve, ins Rheinland und gar nach Brandenburg, wo ihnen der „Große Kurfürst“ die Türen und Tore weit öffnen ließ.

Auch Heinrich-August kam dorthin, aber über einen interessanten Umweg. So geriet er noch im Kindesalter von ganzen acht Jahren als Page an den Hof von Anhalt-Dessau. Richtig, an den vom „Alten Dessauer“, dem Fürsten Leopold. Wie das zustande kam ? Die mir zugänglichen Quellen schweigen sich darüber aus. Immerhin kann es unserem Heinrich-August dort nicht schlecht ergangen sein. Er lernte, arbeitete, wuchs und gedieh prächtig. Als der „Alte Dessauer“ sich 1715 auf einen Feldzug gegen die Schweden nach Stralsund begab und dafür den Jungen de la Motte-Fouqué eigentlich in der Obhut seiner daheimbleibenden Gemahlin lassen wollte, hatte er aber nicht mit dem Feuer des 17-jährigen Hugenotten gerechnet. Wer war mit 17 nicht ein Feuerkopf, der Unsinn trieb ? Richten wir also nicht vorschnell über den späteren Baron (er erbte den Titel erst nach dem Tod seines älteren Bruders Heinrich-Karl 1742) !

Denn sein erster Biograph, der Königsberger Gottfried August Büttner, erzählt die Geschichte, dass sich unser Heinrich-August vom Hof in Dessau davonstiehlt, nach Halle begibt und dort anonym anmustert, um nun doch „mit von der Partie“ sein zu können. Ach, die unreflektierte Wildheit der Jugend ! Kann ich die jungen Leute auch heute noch darum beneiden ? Ich weiß es nicht. De la Motte-Fouqué beginnt in jedem Falle seine Militärlaufbahn als einfacher Soldat. Nicht die schlechteste Art, dieses „Handwerk“ kennenzulernen. Erst später bekommt er die Funktion eines Fähnrichs. 1719 wird er Leutnant, 1723 Hauptmann… Die Details dieser Karriere sind vielleicht nicht so faszinierend.

Soldatenkönig und Alter Dessauer (vorne links)

Spannender ist da schon, dass Heinrich-August auf den Radar des Soldatenkönigs von Preußen gerät und auch dessen Thronfolger, der vierzehn Jahre jünger ist, als de la Motte-Fouqué, ihn schätzen lernt. Das ist erstaunlich, da der „junge Fritz“ eigentlich der Generation und den Militärs seines Vaters recht wenig Respekt entgegenbringt. 1725 bekommt Heinrich-August eine erste Auszeichnung von den Hohenzollern. Es wird nicht das letzte Zeichen der Wertschätzung sein. An dieser Stelle springe ich mal gewaltig. Die diversen Feldzüge, Beförderungen etc. lasse ich mal beiseite.

De la Motte-Fouqué geriet so aber in den Dunstkreis des Thronfolgers Friedrich, wurde von diesem geschätzt, weil er scheinbar auch während des Zerwürfnisses Friedrichs mit dem Soldatenkönig nicht auf Distanz zu ihm ging. Mutig, wenn es denn wahr ist. Immerhin war unser Heinrich-August später auch gerngesehener Gast Friedrichs auf seinem „Musenhof“ in Rheinsberg. 1733 heiratete de la Motte-Fouqué in Halle Elisabeth Madeleine Masson. 1738 gründet ein Freundeskreis Friedrichs in Rheinsberg den sog. Orden der „Bayards-Ritter“, die sowohl der Aufklärung als auch der gegenseitigen Freundschaft verpflichtet sein wollen. „Ordensmeister“ wird Heinrich-August de la Motte-Fouqué. 1739 verlässt er für kurze Zeit dieses Umfeld, weil er sich (wiederum ohne Erklärung durch die Quellen) mit dem „Alten Dessauer“ überwirft. Meine Neugier ist geweckt, kann aber nicht befriedigt werden. Worüber ein Reichsfürst von Anhalt-Dessau und ein „noch-nicht-Baron“ wohl gestritten haben ? In jedem Falle heuert der Hugenotte in Dänemark an, wird aber schon bald vom frisch inthronisierten König Friedrich nach Preußen zurückgeholt. Dieser gibt ihm ein Regiment zur Ausbildung und ernennt ihn zum Obersten.

Und wieder könnte man damit beginnen, aufzuzählen, welche Schlachten in den drei Schlesischen Kriegen Heinrich-August mitgemacht hat. Lesen Sie eine Geschichte dieser Konflikte, wenn Ihnen das etwas gibt, liebe Leserinnen und Leser! Ich werde das auch irgendwann wieder tun, mute Ihnen das an dieser Stelle aber nicht zu. 1751 wurde de la Motte-Fouqué immerhin Generalleutnant und erhielt den Schwarzen Adlerorden verliehen.

Nach der Beendigung des „Siebenjährigen Krieges“ 1763 gab Heinrich-August seine Militärlaufbahn auf und wurde vom König Friedrich mit der „Präbende“ (ja, das ist das Selbe wie die sprichwörtlichen „Pfründe“, die man später immer dem Adel abnehmen wollte) als Dompropst von Brandenburg an der Havel belohnt. Dort verbrachte er seinen Lebensabend in Frieden, bis er am 03. Mai 1774 verstarb. Er wurde in der St. Johanniskirche ebendort beigesetzt. Sein Grabstein und seine Grabstätte sind durch die schweren Beschädigungen des Zweiten Weltkrieges bedingt, die diese Kirche erlitt, nicht mehr vorhanden.

Die erste, biographische Beschreibung des Lebens von Friedrich-August  de la Motte-Fouqué erschien bereits im Jahre 1788 in Königsberg. (Von vielen, seiner russischen Einwohner übrigens heute noch liebevoll „Kenig“ genannt, statt „Kaliningrad“. Danke, ihr Freunde von Kant….) Es ist das schon erwähnte, zweibändige Werk von Gottfried August Büttner. De la Motte-Fouqués Enkel, der Schriftsteller Friedrich dlMF, wird ihm 1823 ebenfalls eine liebevolle Biographie widmen.

Welches Fazit soll ich hier ziehen ? Ein Mann, der mit Mut und Verstand durchs Leben ging, kann niemals ganz in Vergessenheit geraten ? Oder: ein Gemälde erzählt uns oftmals nur einen Teil der Geschichte ? Wer weiß das schon. 🙂

Bildmaterial:

  • Von Antoine Pesne – Friederisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung, ed. Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Munich: Hirmer, 2012), p.file: James Steakley, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29385312
  • von mir, (c) 2016, 2017

Quellen:

  • wikipedia,
  • wikisource.org
  • „Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Königl. Preuß. Generals von der Infanterie, Freiherrn de la Motte Fouque“, Band 1 und 2, Gottfried August Büttner, über „google play“ – books.

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