Persönlichkeiten: Julius Sternberg – verratener Lokalpatriot

Die Geschichte wird von den „Großen“ geformt und von den „Kleinen“ erlitten. So will es das Sprichwort. Mir erschien das immer zu fatalistisch, zu wenig der Tatsache eingedenk, dass auch Einzelschicksale größere Wirkung haben können. Aber wenn ich an Lebenswege wie den von Julius Sternberg denke, bin ich fast davon überzeugt, dass da doch etwas dran ist. Schauen wir uns diesen „Kleinen“, diesen braven Spandauer einmal kurz an:

Auf dem obigen Foto sehen wir die Familie Sternberg. Aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1933 bei einer Geburtstagsfeier aufgenommen. Ganz links steht der eigentliche Familien-„Patriarch“ – Julius Sternberg. Wie hätte er wissen können, das er sechs Jahre später seine Heimat verlassen musste, weil sie ihn, den Juden, verriet und zum Hass- und Vernichtungsobjekt erklärte ?

Julius und Susanne Sternberg, im Urlaub 1931

Die Sternbergs waren seit 1841 in Spandau ansässig. Sie machten ihre Karriere als Händler. Das Handelshaus „Moses Kiewe Sternberg“ am Spandauer „Markt“ profilierte sich im Laufe der Jahre auch unter seinem Werbeslogan (ja, die gabs auch schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts !) „das Haus der guten Qualität“. Und, wie Kaufleute mir sicher bestätigen können: wer am Ende keine gute Qualität liefert, wird sich nicht durchsetzen können, nicht einmal auf einem so kleinen, regionalen Markt wie in Spandau. Gehen wir also getrost davon aus, dass das Kaufhaus Sternberg, das zwischen den beiden Weltkriegen bis zu 100 Angestellte hatte und wohl in Sachen Herrenoberbekleidung seine Basis hatte, seinem selbstgebastelten Ruf gerecht wurde.

Zu dieser Zeit war der Chef des Hauses bereits in dritter Generation der besagte Julius Sternberg. Ein braver Bürger Spandaus, wie er im Buche steht. 1879 in „Spandau“ geboren, nachdem die Stadt erst zwei Jahre zuvor das regionaltypische „-ow“ am Ende abgelegt hatte (siehe „Treptow“, „Mahlow“, etc.).  Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Feldwebel (s. Foto unten), mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet . Hier wird es bald zu einer seltsamen Skurrilität kommen, aber dazu später mehr. Sternberg jedenfalls war Spandauer mit Leib und Seele. Und er war Jude. Das war kein Widerspruch, das war der „Normalfall“. Bis 1933 jedenfalls.

Feldwebel Julius Sternberg

Im Café seines Kaufhauses ließ er 1927 eine Ausstellung mit historischen Bildern aus Spandau aufhängen. Das Motto damals: „Mit der Heimat eng verbunden.“ Von 1922 – 1935 stand er der jüdischen Gemeinde Spandaus vor. Sternberg, der die einzige „private“ Synagoge in seinem Geschäftshaus in Spandau besaß, „war jemand“ unter den lokalen Honoratioren. Das änderte sich 1933 mit der Machtübergabe an Hitler. Von nun an wurde das Trottoir vor dem Kaufhaus Sternberg mit judenfeindlichen Parolen beschmiert, es rannten SA-Leute mit dementsprechenden Slogans auf Papier oder im Mund durch die Spandauer Altstadt. Die Scheiben wurden eingeworfen… Der blinde Hass tobte sich aus. Ironischerweise hatte Sternberg als verdienter Frontkämpfer aber in dieser Zeit noch eine Belobigung aus dem Sekreteriat des „Reichskanzlers“ Hitler erhalten. Das schützte aber weder ihn noch seine Liebsten. Mehrere Verwandte wurden im Holocaust getötet.

1935 schließlich wurde Sternbergs Privathaus in der Schönwalder Allee 55 erstmalig von der Polizei durchsucht. Absurde Vorwürfe des „Hortens von Kriegswaffen“ führten dazu, dass Julius kurze Zeit in „Schutzhaft“ genommen wurde. 1938 schließlich musste er sein Geschäft aufgeben. Es wurde zunächst verkauft, dann aufgelöst. 1939 gelangten Julius Sternberg und seine engste Familie, vor allem Frau Susanne und Sohn Hans, über London nach Kolumbien, wo sie sich in Bogotá mehr schlecht als recht durchschlugen. Aber die alte Heimat, obwohl sie ihn so schmerzlich im Stich gelassen (in meinen Augen verraten) hatte, ließ Sternberg nicht los.

1950, als Julius Sternberg stolze 71 Jahre zählte, kehrten er und seine Familie zurück nach Berlin. Sternberg selbst fand in der „Breiten Straße“ 21 in Spandau, dem angestammten Sitz des Handelshauses Sternberg, nichts mehr vor, was man ihm hätte zurückgeben können. Die Bombenangriffe vom November 1944 und März 1945 hatten weite Teile der Altstadt zerstört. In seinem Alter wollte Julius Sternberg auch selbst kein Geschäft mehr neu eröffnen. Sein Sohn Hans (geb. 1925) jedoch führte die Familientradition fort und arbeitete für einen Handelskonzern. Für sein Engagement bei der Aufarbeitung der Familiengeschichte erhielt er 1980 das Bundesverdienstkreuz. Hans Sternberg lebt heute in Bad Kissingen.

an der Sternbergpromenade

Julius Sternberg verstarb am 25. Juli 1971. Er ist auf dem jüdischen Friedhof Heerstraße in Berlin beigesetzt.

Heute steht auf dem Grundstück, auf dem sich einst das Kaufhaus Sternberg befand, das Gebäude der „Sparkasse“. Immerhin erinnert seit dem Jahr 2000 eine Gedenktafel der Stadt Berlin an Julius Sternberg. Und seit November 2014 heißt auch die Uferpromenade Spandaus zwischen Dischingerbrücke und Juliusturmbrücke „Sternbergpromenade“. Im April 2016 wurde schließlich eine Informationstafel über die Familie Sternberg an „ihrer“ Promenade enthüllt. Hans Sternberg war dabei noch persönlich anwesend.

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