Persönlichkeit: Eleonore Prochaska – die Opferbereite

Es gibt Geschichten, die transzendieren irgendwie Zeit und Kontext, in dem sie sich abgespielt haben. Die erzählen etwas scheinbar immer Gültiges, etwas, worüber man eigentlich lange nachdenken müsste, hätte man die Zeit dafür. Für mich ist eine solche Geschichte immer die von der Kriegsfreiwilligen Eleonore Prochaska aus Potsdam gewesen. Schauen wir mal, warum…

Die Umstände sind eigentlich bekannt. Es ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung Preußens. Der Mann, der scheinbar den Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts verkörperte, Napoleon, hatte es besiegt, hatte es 1806/07 beiseitegefegt, wie eine lästige Fliege. Nur einem recht „herablassenden“ Freund, dem Zaren Alexander, war es zu verdanken, dass es überhaupt noch existierte. Ein Rumpfstaat, seiner westlich der Elbe gelegenen Ländereien beraubt, seiner polnischen Territorien beraubt, in großen Teilen von französischen Truppen besetzt. Zu horrenden „Reparationszahlungen“ gezwungen (nein, diese Praxis war nicht von „bösen Deutschen“ nach dem Krieg von 1870/71 erfunden worden) und in einem Zustand permanenter „Umwälzung“.

Und auch in einem Zustand merkwürdiger Gegensätze gefangen. Noch der „Empereur“ selbst hatte sich z. T. angewidert von der Unterwürfigkeit der Berliner gezeigt, die sie bei seinem Einzug in die Stadt am 27. Oktober 1806 an den Tag legen. Augenzeugen berichten davon, dass alle Insignien Preußens, schwarze Adler, von den Amtsgebäuden, von Kleidung und Fahnenmasten verschwanden. Erste „vive l´empereur“-Sprechchöre kamen auf. In Bonapartes persönlichen Aufzeichnungen spürt man förmlich die Verachtung und den Ekel, den er für solche „Wendehälse“ empfand. Ausnahmsweise kann ich diese Anwandlung des Autokraten nachempfinden.

 

Gneisenau

Andererseits aber gab es auch zähen, fast schon irrationalen Widerstand gegen das „Unvermeidliche“. Die Stadt und Festung Kolberg in Pommern z. Bsp. , unter der Leitung von Major Gneisenau und Magistrat Nettelbeck, ließ sich auch von der längst kapitulierten Provinzialregierung nicht dazu bringen, seine Tore für französische Inspektionen zu öffnen. Zäher, sozusagen „zwischen zusammengebissenen Zähnen“ hervorgepresster Widerstand gegen ein scheinbar „unabänderliches“ Schicksal, das Preußen offensichtlich besiegt und letztendlich vernichtet sehen wollte.  (Später werden die Nazis den „Kolberg“-Mythos für ihre Zwecke missbrauchen, aber das ist eine ganz andere Geschichte…)

Und in dieser Geisteshaltung müssen wir auch das Schicksal der Eleonore Prochaska aus Potsdam sehen. Preußen war irgendwo gefangen zwischen unterwürfiger Bewunderung für die menschgewordene Hybris aus Korsika und einem recht plötzlich aufkommenden Bewusstsein seiner selbst, das sich immer tiefer in alle Bevölkerungsgruppen hineingrub.

Eleonore Prochaska

Marie Christiane Eleonore Prochaska wurde 1785 in Potsdam als Soldatenkind geboren. Die Familie könnte von böhmischen Glaubensflüchtlingen abstammen, was aber trotz umfangreichen Recherchen bisher unbewiesen ist. Nur der Nachname legt das nahe. Ihr Vater war Unteroffizier in der preußischen Armee. Im Jahre 1793 zog er in den Krieg, seine Frau sah sich nicht in der Lage, die Familie „über Wasser“ zu halten in dieser Zeit und so kam die Achtjährige ins „Große Militärwaisenhaus“ in Potsdam, ohne auch nur einen Elternteil verloren zu haben!

Vier Jahre verblieb sie dort und wir können nur erahnen, wie es ihr dort ergangen ist, was sie dort, freiwillig und gezwungenermaßen, gelernt, erlebt und erlitten hat. Kinder können grausam zueinander sein, die Erzieher dort, fast alle ehemalige Soldaten selbst, waren es ganz sicher auch zu ihren Schützlingen.

Als die Zwölfjährige 1797 wieder aus dem Waisenhaus kommt, hat ihr Vater den Militärdienst hinter sich und kann die Familie als Musiklehrer ernähren und bekommt eine Soldaten-„Rente“, die ebenfalls dringend gebraucht wird. Eleonore lebt aber nicht abgeschottet, sondern ist „mittendrin“ im Geschehen. Sie nimmt wahr, was in der Welt geschieht. Wir müssen also davon ausgehen, dass sie sehr wohl Zugang zu Zeitungen, Büchern und anderen Quellen von Nachrichten hat. Das war damals für „Kleinbürger“ und Menschen, die auf der „sozialen Leiter“ weiter unten standen, nicht alltäglich. Wie sehr sich doch die Zeiten verändert haben. Heute sehe ich praktisch jedermann unter 35 im öffentlichen Raum permanent auf smartphones starren, Unfälle damit verursachen etc. Ist das nun wirklich Fortschritt ? Vielleicht.

Eleonore jedenfalls lebte nicht in einer „Blase“ aus privaten Interessen, Familiendramen und Karrierewünschen. Nein, sie nahm sehr wohl war, wie es um „ihr“ Preußen stand. Vielleicht auch, weil sie seit 1810 für einen preußischen Beamten, den Hofbaurat Manger, als Küchenmädchen arbeitete. Nirgendwo sprechen sich Ereignisse, kleine wie große, schneller herum, als in einer Küche oder im Privathaushalt. Wem das nicht bewusst ist, der hat keine Familie oder lebt getrennt von ihr.

Lützows Grabstein in Berlin

Nach dem 17. März 1813, als der Aufruf „an mein Volk“ vom König Friedrich-Wilhelm dem Dritten ergeht, in welchem er die Preußen endlich zum Widerstand gegen Frankreich aufruft, legt Eleonore Prochaska einen Schalter in sich um. Sie verkauft alle ihre Sachen, erwirbt davon Herrnkleidung, verlässt ihren Dienst und schreibt sich als „August Renz“ beim Lützowschen Freikorps ein. Ja, bei der „wilden, verwegenen Jagd“, den schwarz-rot-goldenen Freiwilligen, die vielleicht das Beste verkörpern, das ihr Land damals zu bieten hatte. Obwohl viele von ihnen gar keine Preußen waren, sondern Sachsen, Hannoveraner etc.

Was die Potsdamer Küchengehilfin dazu brachte, nicht wie damals für Frauen üblich, als medizinische Helferin in einem Feldlazarett ihren Beitrag tun zu wollen, sondern an die Front zu gehen, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. In jedem Falle sagen uns die Quellen, sie habe die Strapazen des Soldatenlebens gut gemeistert und sei sogar zum Unteroffizier befördert worden ! Ein Frontkamerad erinnert sich sogar daran, dass ihre Sprache „nicht sonderlich fein“ gewesen sei. Sie fiel also nicht sogleich auf. Außer bei der Schuhgröße. Alle Soldatenstiefel waren ihr zu klein, so brauchte sie eine Spezialanfertigung für die zarten Damenfüße.

Beim Gefecht „an der Göhrde“, wo die Lützowschen Jäger in der Allianz mit preußischen Linientruppen, Russen, Mecklenburgern und Hannoveranern auf die Franzosen trafen,  fiel der Trommler ihrer Einheit. Es war der 16. September 1813 und die Legende will es, dass Eleonore Prochaska die Trommel aufgenommen und ihre Infanterie weiter zum Vormarsch gebracht haben soll. Das ist wohl eher nachträglich hinzugefügt worden. In Warhheit habe sie wohl einen verletzten Kameraden aus der Schusslinie geholt. Kartätschenkugeln sollen ihr daraufhin den Oberschenkel zerfetzt haben. Sie wurde von einem Feldscher, einer Art „Sanitäter“ behandelt, dabei als Frau entlarvt und nach Dannenberg verfrachtet, wo sie drei Wochen später verstarb. Die Quellen schweigen über die genauen Ursachen. Es darf zu hoher Blutverlust in Verbindung mit einer Infektion oder Blutvergiftung angenommen werden. Sie wurde auf dem St. Annen Friedhof in Dannenberg beigesetzt.

In der Folge wurde ihr Mut, ihre Liebe zu Preußen und ihre Bereitschaft, sich über gängige Konventionen hinwegzusetzen, weitgehend gewürdigt. Auf dem Dannenberger Friedhof wurde ihr zu Ehren 1865 ein Denkmal enthüllt. Auf dem „Alten Potsdamer Friedhof“ 1889 eine Gedenksäule errichtet. Ein Schauspiel (Text heute verschollen) wurde ihr zu Ehren verfasst, für das Beethoven die Musik schrieb. Ihr Andenken ist nicht vergessen.

Können wir Gegenwärtigen diese Art der Opferbereitschaft noch verstehen ? Nachdem uns vor allem die NS-Ideologen gezeigt haben, wie man solche Leidenschaft, solche Tugend für die allerabartigsten Ziele missbrauchen kann ? Es scheint, dass wir die Leidenschaften, die Werte und Motivationen unserer Altvorderen nach dieser Zäsur nicht mehr verstehen können. Manchmal bedauere ich das ein wenig.

Bildmaterial:

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