Machtzentrum einer anderen Zeit: das Berliner Stadtschloss

Durch das „Humboldtforum“ erlebt das einstige Stadtschloss der Hohenzollern in Berlin KEINE Auferstehung. Das Schloss „starb“ endgültig bei den Abrissarbeiten für das „Marx-Engels-Forum“ im Jahre 1950. Die Nutzung durch Museen, Hochschule und sonstige Kulturträger macht aus dem Neubau eine eigene Schöpfung, wenn auch z. T. in der Anmutung, viel wichtiger aber in den Dimensionen des alten Prachtbaus. Das vorweg geschrieben, macht eine Beschäftigung mit der Geschichte des Vorgängerbaus aber nicht überflüssig. Im Gegenteil:

Also: was bedeutete das alte Stadtschloss in der Berliner Stadtmitte ? Darauf gäbe es sicher viele Antworten. Architektonische, stadtplanerische und vor allem historische. Alles begann damit, dass die mit der Befriedung und Verwaltung der ins Chaos verfallenen Mark Brandenburg beauftragten Hohenzollern beschlossen, sich eine feste Residenz zu schaffen und diese auf der „Cöllner“ Stadtinsel erbauen zu lassen. Dies geschah zur Mitte des 15. Jahrhunderts, nachdem feststand, dass die Mark so bald nicht mehr aus den Händen der Hohenzollern genommen werden würde.

Das Stadtschloss sollte also sowohl als Residenz als auch als Symbol ein Ausrufezeichen werden. Das „Interregnum“ zwischen den Askaniern und dem neuen Herrscherhaus war endgültig beendet. Für Berlin und viele andere Städte Brandenburgs, die sich im 14. Jahrhundert oftmals, aus der Not der allgemeinen Anarchie heraus geboren, Rechte und Privilegien angemaßt (oder schlicht und ergreifend gekauft) hatten, die eigentlich einem Landesherren zugestanden hätten, war das allerdings ein „hartes Brot“. Die neuen Regenten planten, auch tatsächlich „vor Ort“ anwesend zu sein. Kein Wunder, dass im sog. „Berliner Unwillen“, die Berlin-Cöllner 1448 erstmal gleich die Baugrube für das neue Machtzentrum unter Wasser setzten.

Friedrich II. , „Eisenzahn“

Das alles half aber nichts, der „Eisenzahn“ genannte, zweite Hohenzoller unter dem Brandenburger Kurhut ließ sich dennoch seinen Wohnsitz erbauen. Von nun an wurde von hier aus regiert. Mehr oder weniger, jedenfalls. Öfter auch mal nicht, aber das sind andere Geschichten. Jedoch die relative Unabhängigkeit der Städte, speziell der Residenzen, wurde wieder beschnitten. Allerdings hatten Städte als Residenzen auch Vorteile: Gewerbe und Handwerk hatten meistens mehr zu tun, als in der „Provinz“. Es gab Aufträge von Hofschranzen und Herrschern. So verlor Berlin also nicht nur, sondern gewann auch durch diese Entwicklungen.

Das Schloss erlebte in jedem Falle ab jetzt eine bunte Geschichte. Diverse Um- und Ausbauten durch mehr oder minder begabte Architekten sorgten immer wieder für ein neues Aussehen der Anlage. Ein Zirkel von schleichender Vernachlässigung und bemühter Rekonstruktion bzw. diversen Ausbauten erzählt eine Geschichte, die den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde. Googlen Sie selbst oder lesen Sie das hochinteressante Buch „Das Schloss an der Spree“ von Eberhard Cyran. Interessant: fast in Vergessenheit geriet, dass auch der Vollender der Zitadelle Spandau, Graf Rochus zu Lynar, hier mal kurze Zeit Hand anlegte. Ebenso interessant: in der Renaissance-Periode gab es am Stadtschloss eine sog. „Stechbahn“, einen Turnierplatz für das möglichst realistische Nachstellen mittelalterlicher Ritter-Turniere. Wenn ich mir anschaue, welche Menschenmassen sich heutzutage für „Mittelalter-Märkte“ oder „Hussitenfeste“ in Bewegung setzen, kommt mir die einstmals von mir für skurril gehaltene Idee dieser Kampfarena nicht mehr gar so absonderlich vor.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege war das Schloss aber verfallen. Es heißt, dass der Wind durch offene Fensterrahmen  pfiff und Getier sich in den Innenräumen breit gemacht habe. Erstaunlicherweise hat der „Große Kurfürst“ Friedrich-Wilhelm, dem es oblag, Brandenburg wieder aufzubauen, keinen wirklichen Schlossum- oder Ausbau in Berlin angeordnet. Seine Aufträge für das Gebäude waren eher kosmetischer Natur. Vielleicht lag das an seiner Vorliebe für Potsdam, wo er sich ein neues Residenzschloss erbauen ließ. Erst sein Sohn der „schiefe Fritz“, der sich 1701 selbst zum König „in“ Preußen krönte, schob das „ganz große Ding“ an. Er gab den Auftrag, sein Residenzschloss in Berlin „repräsentativ“ und „groß, größer, am größten“ zu machen. Um buchstäblich jeden Preis. So kann man ein Staatsbudget auch ruinieren.

Dieser Auftrag war eine Aufgabe, der nicht ein, sondern nur zwei Architekten gewachsen waren. De facto sogar mehr als zwei, aber die bedeutendsten sind natürlich Andreas Schlüter und Eosander von Göte. Die Namensgeber der zwei Innenhöfe des Barockpalastes, die auch im Humboldtforum wieder gewürdigt werden sollen. Der „Schlüterhof“ wird nämlich eine moderne Ost-Fassade haben, der „Eosanderhof“ durch das gleichnamige, beeindruckende „Eosanderportal“ zu betreten sein.
Allein die Bauphase von Friedrichs Machtdemonstration verbindet sich mit vielen Geschichten, von denen in diversen Werken berichtet wird. Der Einsturz des sog. „Münzturmes“ auf der Lustgartenseite machte z. Bsp. erst die Erweiterung um einen zweiten, den „Eosanderhof“ möglich.

Allein die Rivalität zwischen dem bodenständigen Danziger Schlüter und seinem in Hofintrigen erfahreneren Nachfolger Eosander gäbe ein nettes Fernsehspiel ab. Spätestens 1711 war das Stadtschloss dann weitgehend fertig gebaut. Aber noch lange nicht „vollendet“, denn als deutlich sichtbarste Ergänzung erhielt die Westfassade über dem schon erwähnten Eosanderportal ab 1853 eine Kuppel. Über deren „Kreuz“-Abschluss auf der neuen Kuppel des Humboldtforums übrigens im Jahre 2017 heftigst gestritten wurde, nachdem aus der Linkspartei und von den Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus deutliche Ablehnung des christlichen Symbols signalisiert wurde.

Auch nach dem Ende der Hohenzollernherrschaft 1918 blieb das Schloss ein wichtiger Ort in Berlin. Museen zogen ein, insofern ist die Verbindung zum kommenden Humboldtforum dann doch wieder hergestellt. Bis 1920 übrigens war das Schloss verwaltungstechnisch betrachtet ein eigener Gutsbezirk im brandenburgischen Landkreis Niederbarnim ! Ob das wohl steuerliche Vorteile gebracht hatte ?

Am Ende des Zweiten Weltkrieges jedenfalls war das Gebäude schwer beschädigt, aber alles andere als komplett abbruchreif. Schon schnell nach der Einstellung der Kampfhandlungen fanden wieder Ausstellungen und Kulturveranstaltung in den noch nutzbaren Räumlichkeiten statt. Der Abbruch 1950 hatte dann auch eher politische und finanzielle, als bausicherungstechnische Gründe. Der geplante Aufmarschplatz für die „Arbeiter- und Bauernmassen“ machte einen Abriss dieses „Horts des Feudalismus“ erforderlich. Angeblich kam das letzte Placet dafür sogar direkt aus Moskau, wie der ehemalige Ostberliner Oberbürgermeister Ebert später zu Protokoll geben wird.

Und nun also kommt ein Betonklotz mit Barockfassade an seine Stelle. Mitsamt Kuppel, aber ohne den „grünen Hut“ oder den Apothekenflügel-Anbau. Und vermutlich auch ohne die „Rossebändiger“-Statuen auf der Lustgartenseite. Der Neptunbrunnen vor der Südfront wird wohl ebensowenig zurückkehren wie der Heilige Georg von August Kiss in den Eosanderhof . Das Standbild, welches heute im nahegelegenen Nikolaiviertel eine neue Heimat gefunden hat. Dafür wird es wohl auf der ehemaligen „Schlossfreiheit“ bald die „Einheitswippe“ geben. Ein  von niemandem jenseits des Bundes- und Landesparlamentes wirklich gewolltes Denkmal von umstrittener, ästhetischer Qualität.

In jedem Falle wird aber der „Hohenzollernungeist“ wohl nicht wieder auferstehen wie von vielen befürchtet. Dennoch bekommt das historische Stadtzentrum wieder einen Fixpunkt. Die Straßenführung der Allee „Unter den Linden“ sowie die Brückenkonstruktionen über Kupfergraben und Spree sind darauf ausgerichtet und angewiesen, um einen Sinn zu ergeben. Möge aber der „zugige Kasten“ (Kaiser Wilhelm I. zugeschrieben, der tatsächlich nicht im Stadtschloss wohnte, sondern in einem äußerst bescheidenen Palais neben der „Kommode“ am heutigen Bebelplatz) namens „Stadtschloss Berlin“ in Frieden ruhen.

Fotos:

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