verschollene Orte: der verschwundene Hoch-Bahnhof

Berlin ist schon eine phänomenale Stadt. Es gibt sogar Dinge, die es gar nicht (mehr) gibt. Z. Bsp. einen verschwundenen Bahnhof. Wer es nicht wüsste, könnte ihn heute nicht mehr finden. Na, offen gesagt, gibt es noch einen ähnlich gelagerten Fall, aber dieser besondere hier ist wirklich aus der Rubrik: traurige „Magie“.

Die Berliner „Hoch- und U-Bahn“ ist nicht die älteste ihrer Art in der Welt, hat weder das größte Streckennetz noch die meisten Fahrgäste. Dennoch hat sie eine ganz einzigartige Geschichte, die es zu entdecken gilt, wenn man sich dafür begeistern kann. Die Tatsache, dass sie anfangs weitgehend eine „Hochbahn“ war, verdanken wir dem Vorurteil (welches selbst der E-Bahn-Erfinder Werner von Siemens teilte), dass man im schlammigen Bau- und Untergrund von Berlins Stadtzentrum keine Tunnel bauen könne, die tatsächlich den Betrieb einer elektrischen Bahn ermöglichen. So stellte man die Schienen eben auf „Stelzen“ aus Stahl. Dass man dann doch in den „Untergrund“ ging, ist übrigens den Charlottenburgern zu verdanken. Sie wollten keine Stahlstelzen-Bahn um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herum haben. Würde den Blick auf die „hübsche Kirche“ versauen, dachten sie und zwangen dann doch dieses Verkehrmittel unter Bodenniveau.

1902 ging es mit dem Linien- und Fahrgastverkehr dann schließlich los. Und zwar auf einem Ausgangsbahnhof, den man heute nur noch auf alten, vergilbten Fahrplänen und Streckenübersichten findet: auf dem Hochbahnhof „Stralauer Thor“ (ja, damals noch geschrieben wie der nordische Gott, gemeint war aber „Tor“, wie Tor in der Akzisemauer. Eine andere Geschichte…). Dieser Bahnhof befand sich unmittelbar an der Oberbaumbrücke. Und sah in etwa so aus wie auf dem alten Foto, welches diesen Beitrag „krönt“.

Seit 1924 hieß er dann „Osthafen“ (weil 1913 der Hafen fertiggestellt worden war), war aber weiterhin reichlich frequentiert, obwohl bereits am 17. August 1902 die Linie zur „Warschauer Brücke“ (heute U-Bahnhof: „Warschauer Straße“, die Berliner benennen gerne alles um, siehe den Trubel um den U-Bahnhof „Mohrenstraße“) fortgeführt worden war. Um ganze 300 Meter !!!! Die ersten Strecken führten übrigens vom Stralauer Tor zum Potsdamer Platz. Dann vom Potsdamer Platz zum Zoo, dann zum „Knie“ (Ernst – Reuter – Platz), vom Stralauer Tor, später von der Warschauer Brücke zum Zoo, später „Knie“… Ende 1902 hatte man etwa 11,4 km zum Befahren.

Der Bahnhof Stralauer Tor jedenfalls wurde am 10. März 1945 von einem Bomben-Volltreffer schwer beschädigt. In Mauerzeiten lohnte es sich nicht, ihn wieder aufzubauen, weil er unmittelbar im Grenzgebiet gelegen hätte und so wurden die Reste abgetragen. (Man vergleiche das mal mit dem S-Bahnhof „Wollankstraße“. Nur so ein Tip.) Und nach der Wende ging man einfach nach praktischen Erwägungen: für 300 m baut man keinen Bahnhof, noch dazu einen so prächtigen, wieder auf. Lohnt sich nicht. So ist heute praktisch nichts mehr von dem Ort erkennbar, an dem die Berliner U-Bahngeschichte begann.  Am 18. Februar 1902. Und das „Stralauer Tor“ bleibt somit auch der einzige kriegszerstörte U-Bahnhof Berlins, der nicht wieder aufgebaut wurde!

Ruhe in Frieden, Stralauer Tor/Osthafen.

P.S.: Mehr über die Oberbaumbrücke, die Grenzkontrollen dort in Mauerzeiten etc. erzähle ich bald auf einer neuen Tour durch Berlin. Bleiben Sie aufmerksam, ich werde sie Ihnen ankündigen, versprochen !

Ihr

Clemens Kurz

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