Gedenkstätte Hohenschönhausen – bedrückend nah, erschütternd wahr

Kaum zu glauben, liebe Freunde der kleinen Ausflüge und Stadtspaziergänge in Berlin und Brandenburg, aber es gibt tatsächlich noch einige Orte von historischer Bedeutung in Berlin, wo ich mich noch nie habe sehen lassen. Einer davon war bis vor kurzem die „Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“. Dies habe ich nun geändert, vor allem, weil mich eine zeitlich befristete Sonderausstellung dorthin gelockt hatte. Schaun mer mal….

Liebe Stadtspaziergänger und -gängerinnen, es gibt Orte, die mich spontan verstummen lassen. Die durch ihre Geschichte, die durch alte Hallen weht, eine Schwere aufs Gemüt legen, welche oft nicht leicht erklärlich ist. Vor allem, wenn man keine persönlichen Erfahrungen oder Erfahrungen von Freunden und Verwandten mit diesen Orten verbinden kann. Einer dieser Orte ist für mich, neben einigen anderen in unserer Region, die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Wer sich ihr zu Fuß nähert, so wie ich es getan habe, wähnt sich unmittelbar vor der Genslerstraße, welche die Adresse des Komplexes ist, fast wieder in der unseligen, alten Zeit der zweiten, deutschen Diktatur. Riecht fast noch den Trabbi-Zweitakter-Abgas-Gestank, der einem Ost-Berlin-Besucher nach dem Überschreiten der Grenzanlagen sofort in die Nase stieg. Es können einem kalte Schauer über den Rücken laufen, wenn man durch die Metalltüren und Zäune das Gelände betritt, welches noch immer wie ein tristes, innerstädtisches Gefängnis aussieht.

Und genau deshalb weiß ich nicht genau, ob ich mich darüber freuen soll, dass mir beim Eintreten in das ehemalige Stasi-Gefängnis eine kleine Gruppe fröhlich vor sich hin babbelnder und offensichtlich von keinerlei „spiritus loci“ angekränkelter Jugendlicher entgegenkam, die ihren Gruppenrundgang wohl gerade abgeschlossen hatten. Sie tippten schon wieder auf ihren smartphones herum, kramten Zigaretten hervor (wann ist Rauchen wieder „cool“ geworden ?) und scherten sich nicht einmal um das Gästebuch, welches doch das ein oder andere Lob oder wenigstens ein „ich war hier am XX.XX.20XX“ gerne aufgenommen hätte.

Mich hatte es hauptsächlich wegen der Sonderausstellung „der rote Gott“ hierher gezogen. Eine Exposition, die sich ausschließlich dem perversen Personenkult um den „Generalissimus“ Stalin widmete ? Hatte es sowas in den letzten paar Jahren schon gegeben ? Ich konnte mich dessen nicht erinnern, wurde neugierig und nun stand ich hier. Eisiger Wind pfiff durch den Hof. Ein wenig verloren trabte ich erstmal etwas hin und her, bevor ich den Hinweis zur Sonderausstellung bemerkte.

Und diese war tatsächlich das Herkommen wert. In großartiger Kleinarbeit wurde hier zunächst Stalin als Person, sozusagen „im Kurzporträt“ vorgestellt, bevor es dann an bestimmte Themen-Komplexe ging. Von dem Verhältnis der KPD in der Weimarer Republik zu Stalin über Stalin im Zweiten Weltkrieg bis zum eigentlichen Ausstellungsschwerpunkt, dem Stalin-Kult in der SBZ und später der DDR, konnte man sich voranarbeiten. Viele Original-Druckwerke wurden hier präsentiert und zweisprachig (auch in Englisch) kommentiert. Büsten von Stalin, eine ehemalige Statue aus Ulan-Bator, verklärende Gemälde und besondere Absurditäten dieses Personenkultes wurden schonungslos ehrlich gezeigt. Oder hätten Sie aus „der hohlen Hand“ gewusst, dass Eisenhüttenstadt noch bis November 1961 „Stalinstadt“ hieß ? (Ironisch: auf Russisch wäre das „Stalingrad“ gewesen…wie hat man wohl damals diese beiden Städte unterschieden ?) Ist es ansonsten Allgemeinwissen, dass die Sowjetunion erst am Rande ihres Untergangs, im Jahre 1991, die Existenz des fatalen „Hitler-Stalin-Paktes“ von 1939 einräumte ? Die „Befreier“ (Ost-) Europas wollten nicht zugeben, dass sie gar zu gerne Polens Osten (Weissrussland) mit Zustimmung des Irren aus Braunau annektiert hatten. Solcherlei Fakten finden sich, ganz beiläufig in Bildkommentaren präsentiert, in der Ausstellung.

Überhaupt beeindruckt diese Sonderausstellung durch viele, unbekannte Details, die auch im offiziellen, oberflächlichen Narrativ deutscher Geschichtsschreibung in Vergessenheit gerieten oder einfach unerwünscht sind. So war ich überrascht, zu erfahren, dass Stalin mehr Politbüro-Mitglieder der KPD hat ermorden lassen, als Hitler. Brüderliche Fürsorge und „Genossenschaft“ der Arbeiterklasse war in der KPdSU längst dem Cäsarenwahn Stalins gewichen, der überall „Spione“ und „Abweichler“ witterte. Auch, dass Stalin sich seit 1929, seinem 50. Geburtstag, „Führer“ nennen ließ, ein Begriff, den wir ja sonst nicht zu Unrecht auf den anderen, verrückten Schnauzbartträger der Weltgeschichte anwenden, war mir neu.

So könnte ich noch viele, interessante Details hier anführen, welche die Ausstellungsverantwortlichen berücksichtigt haben, aber vielleicht würde ich ja Ihnen, liebe Leser, damit den Anreiz nehmen, auch einmal selbst vorbeizuschauen. Bis zum 30. Juni 2018 können Sie selbst diese Ausstellung noch besuchen.

Auch die Dauerausstellung über die Geschichte des Ortes ab 1945, zunächst als Lager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, dann als Stasi Gefängnis mit nahegelegenen Dienststellen des DDR-Geheimdienstes ist sehenswert. Persönliche Zeugnisse von Ex-Häftlingen erinnern als Video-Clips an deren Eindrücke, diverse Exponate machen die manchem vielleicht zu „trockenen“ Fakten dann doch lebendig. Und die Höhepunkte sind natürlich Gruppenführungen durch die Haft-Zellen-Blöcke, welche zumeist von Zeitzeugen durchgeführt werden. Diese Führungen müssen gebucht werden und sind kostenpflichtig, aber dennoch absolut bezahlbar. Lohnend ! Während die Sonder- und Dauerausstellungen hingegen kostenfrei besucht werden dürfen. Auch lohnend ! 🙂

Adresse:

Genslerstraße 66,
13055 Berlin,

Öffnungszeiten:

täglich, 09.00 – 18.00 Uhr

Anfahrt:

(öffentliche Verkehrsmittel): Straßenbahn M5 von Alexanderplatz, Richtung „Zingster Straße“, bis Haltestelle „Freienwalder Straße“, von dort etwa 10 Minuten Fußweg.

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