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Persönlichkeiten: das letzte Opfer – Winfried Freudenberg

Die Geschichte der Berliner Mauer ist erzählt. Ihre Beschaffenheit, der Hintergrund ihrer Errichtung, die spektakulärsten Fluchten und Fluchtversuche, praktisch ist heute alles darüber bekannt. Was aber bei Berlin-Besuchern und allen, die sich mit dem Thema befassen, fast immer den tiefsten Eindruck hinterlässt, sind die Einzelschicksale der Menschen, die an der Mauer oder die „mauerbedingt“ zu Tode kamen. Zumeist Bürger der „DDR“, welche versuchten, den Zwängen des Regimes zu entkommen und mehr Kontrolle über ihre eigenen Lebensbedingungen zu erlangen. Hier also in wenigen Absätzen die Geschichte des letzten Opfers der Grenzanlagen in Berlin. Sie soll stellvertretend für alle stehen, die sich mit den Repressionen und der Gewaltherrschaft des SED-Regimes nicht abfinden wollten:

Allen Leserinnen und Lesern gebe ich nur kurz mit auf den Weg, dass noch lange nach dem Fall der Mauer 1989 über die genaue Anzahl der Todesopfer an dieser Grenzbefestigung um „Westberlin“ herum gestritten wurde. Forschungsgruppen, Opferverbände und diverse Interessierte hatten alle ein Problem: die sonst so kleinbürgerlich – spießige DDR führte nämlich nicht Buch über die Toten. Die Opfer ihres „antifaschistischen Schutzwalls“ waren ihnen scheinbar so peinlich, dass sie nicht nur strengstes Stillschweigen über viele der Fälle verordneten, sondern auch die Dokumentation dieser Dinge äußerst fahrig, wenn überhaupt, betrieben. Die großen „Schredderaktionen“ der Wendezeit taten noch ihr übriges dazu, denn nicht nur die Stasi ließ Akten vernichten. Auch bei den „Grenztruppen“ gibt es noch immer „Löcher“ in der Chronik. So sind derzeit irgendwo zwischen 136 – 142 Todesoper an den Berliner Grenzbefestigungen „sicher“, je nachdem, welche Quellen man zu Rate zieht. (Anm.: Als „Berliner Mauer“ im engeren Sinne bezeichne ich in der Folge nur noch die besonders ausgebauten Grenzanlagen zwischen dem sowjetischen Sektor Berlins und den anderen drei Sektoren.) Im Gegensatz zu der nicht nur von mir selbst viele Jahre lang gehegten Annahme, dass Chris Gueffroy der letzte „Mauertote“ gewesen sei, sind jedoch die ernsthaften Forscher heute der Ansicht, dass ein anderer Name als „letztes Opfer“ der Mauer genannt werden muss.

Der Fall „Winfried Freudenberg“ nämlich gehört heute zu den am besten dokumentierten und analysierten Todesfällen, die mit der Deutschen Teilung in Zusammenhang stehen.
1959 in Sachsen – Anhalt geboren, lebte er von Kindesbeinen an im „Schatten“ der innerdeutschen Grenzsperren. In einem kleinen Ort namens Lüttgenrode im Harz. Ein „selfmade“-man, einer, der nach der Elektrikerlehre sein Abitur nachholt, ein Studium beginnt und als Elektroingenieur auch abschließt. Der während des Studiums seine Frau Sabine kennenlernt und sich mit dieser schnell einig ist: die DDR kann ihren Ansprüchen an eine gemeinsame Zukunft nicht gerecht werden.

Die Reisebeschränkungen, Kontaktsperren und die permanente Bevormundung durch staatlich beauftragte Institutionen und Einzelpersonen gehen ihnen so sehr gegen den Strich, dass sie unmittelbar nach ihrer im Herbst 1988 erfolgten Hochzeit beschließen, „abzuhauen“. Dafür lässt sich Winfried Freudenberg nach Berlin versetzen, zum Energiekombinat. Was ihm u. a. auch den Zugang zu Gasvorräten ermöglicht. Eine „Ballonflucht“ erscheint also möglich. Das Ehepaar kauft in kleinen, unauffälligen Mengen Kunststoff-Folien, die sie im Winter 88/89 zu einer Ballonhülle zusammenfügen. Jetzt müssen sie nur noch auf die „richtigen Winde“ warten und dann kann es losgehen. Denken sie zumindest.

Am 07. März 1989 schließlich scheinen die Bedingungen günstig zu sein. Die Freudenbergs fahren in der Nacht nach Blankenburg zu einer Reglerstation der Gasversorgung und beginnen damit, die Ballonhülle mit Heißluft aufzufüllen. Doch bevor der Ballon vollends „reisefertig“ ist, beginnt die ganze Fluchtaktion schiefzugehen. Ein spätnachts von der Arbeit heimkehrender Kellner sieht die halbaufgeblasene Hülle, folgert richtig und benachrichtigt umgehend die „Volkspolizei“. Was mich übrigens daran erinnert, dass auch heute wieder das „Informieren“ und „Benachrichtigen“ über politisch unliebsame Zeitgenossen in Mode zu kommen scheint. Ironischerweise von Leuten mit derselben Geisteshaltung wie damals initiiert.

Wie dem auch sei: die Freudenbergs geraten unter Zeitdruck, da die Polizei an der Station auftaucht. Noch ist der Ballon nicht auf volle Größe gebracht, da müssen sie sich entscheiden, denn er wird voraussichtlich noch nicht beide Personen tragen können. Winfried steigt schließlich ein, während sich Sabine davonschleicht, zunächst noch ohne der eintreffenden Polizei zu begegnen. Winfried fliegt mit dem Nordostwind in Richtung Westberlin.

das „Fenster des Gedenkens“ an der Bernauer Straße in Berlin, hier finden wir kleine Porträts diverser Maueropfer, darunter auch Winfried Freudenberg

Aber die Ballonkonstruktion ist fehlerhaft. Sie lässt sich nicht „höhensteuern“, die Heißluft in Kombination mit Ballast-Material erfüllt ihre Aufgabe zunächst nicht. Der Ballon mit Winfried Freudenberg an Bord treibt zu hoch, gerät in einen Nordwind und treibt schließlich über den Flughafen Tegel. Später wird er auch über dem Teufelsberg gesichtet werden. Als es Freudenberg endlich gelingt, ruckartig Heißluft abzulassen, befindet er sich schon über Zehlendorf und gerät in Gefahr, wieder in die DDR hineinzutreiben. Schließlich stürzt der Ballon ab, sein Passagier prallt in einem privaten Gartengelände auf und stirbt auf der Stelle.

Sabine Freudenberg wird, als sie später am Tag in Berlin-Prenzlauer Berg nach Hause kommt, schon von der Polizei und der Stasi erwartet. Vor Ort in Blankenburg hatte man zurückgelassene Personalpapiere aufgefunden. Später wird sie wegen „versuchtem Grenzdurchbruch“ zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt werden. Einen ins Gespräch gebrachten „Freikauf“ durch die Bundesregierung lehnt sie ab. Am 27. Oktober 1989 wird sie aber letztlich amnestiert.

Das wirklich Tragische, rückblickend, ist die Tatsache, dass diese Flucht und dieser Tod sich nur wenige Monate vor dem 09. November 1989 ereigneten. Winfried Freudenberg konnte es nicht wissen, aber schon wenige Monate nach seinem Grenzüberflug hätte er mitsamt seiner Frau in aller Seelenruhe durch die von „Mauerspechten“ zersiebten Grenzanlagen spazieren können. Ich selbst habe das getan und nur wenige Tage nach dem Mauerfall am Potsdamer Platz die Grenze passiert (in der anderen Richtung, aber seis drum), um mir ein Konzert im gleichnamigen „Konzerthaus Berlin“ am Gendarmenmarkt anzuhören. Dieser so „überflüssige“ Tod eines Elektroingenieurs aus Sachsen-Anhalt sollte aber nicht die Tatsache verschleiern, dass jeder Tod, der auf das „Einknasten“ der eigenen Bürger durch das DDR-Regime zurückgeht, einer zuviel war. Ganz unabhängig davon, ob er nun direkt durch Einwirkung der Grenztruppen erfolgte oder nicht. Hier gibt es m. E. n. nichts zu relativieren oder nachträglich schönzureden.

Vielleicht hat Sie, liebe Leser, ja dieser Beitrag ein wenig nachdenklich gemacht. Dann empfehle ich einen Besuch der „Gedenkstätte Berliner Mauer“ an der Bernauer Straße.

Quellen:

Text:

Fotos:

  • by „Brewer Bob“, 2015, used under CC BY-SA 4.0 – license. Überarbeitet/geschnitten für das Titelbild.
  • von mir, 2014
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verschollene Orte: das „Stadion der Weltjugend“

Nichts erinnert heute noch an das einstige Vorzeigeprojekt der stalinistischen Sportpolitik in der „DDR“. Wo einst das „Stadion der Weltjugend“ stand, befindet sich heute das Gebäude einer Bundesbehörde. Der Ort sozialistischen Sport-Enthusiasmus´ vergangener Jahrzehnte wurde schon kurz nach der Wende „entsorgt“. Erinnern wir uns trotzdem. Wo war das Gelände, das, noch bevor es das „Sportforum Hohenschönhausen“ gab, als Sportkomplex der DDR Repräsentations- und Trainingszwecke erfüllte ?

Ich kann es Ihnen ja jetzt gestehen, liebe Leserinnen und Leser, ich kannte das „Stadion der Weltjugend“ noch aus meinen Jungmänner-Jahren. Das Endspiel des DDR-Fußballpokalwettbewerbs „FDGB-Pokal“ wurde nämlich hier ausgetragen. Von 1975 – 1989. Und eines schönen Tages fand sich auch der „Kult-Club“ 1. FC Union Berlin darin wieder. Allen Schiedsrichter-Manipulationen, die immer dem Stasi-Club „BFC Dynamo Berlin“ zu Gute kamen und Union sowie andere Clubs der „DDR-Oberliga“ benachteiligten, zum Trotz. Es war ein offenes Geheimnis in der DDR, dass die Meisterschaft immer über den BFC Dynamo führte. Der FDGB-Pokal auch. Und das eben nicht immer nur, weil dort viele der talentiertesten Spieler der Region zusammengefasst wurden, sondern eben auch, weil es Stasi-Boss Erich Mielke so wollte und entsprechenden Druck auf den Fußball-Verband DFV ausübte.

Wie dem auch war: Union Berlin war im Endspiel. 1986, so wollen es die Annalen wissen. Gegen die hochfavorisierten Leipziger von der „Lokomotive“. Und mein Lieblingscousin hatte mir Karten dafür besorgt. Ich habe ihn auch später nie gefragt, wieviele und welche Gefallen er dafür einlöste. Es müssen so einige gewesen sein. Und hier passierte mir etwas zutiefst peinliches: ich vertat mich beim Stadion. Als „Westler“ hatte ich einfach keine Ahnung oder war etwas desorientiert, was mir in meinen Jugendjahren eher selten passierte. Jedenfalls wollte ich zum „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark“ und musste  mich erst mit Hilfe einiger freundlicher und wohlmeinender Berliner dann zum Stadion der Weltjugend durchmanövrieren. Diese netten Leute erzählten mir auch zum ersten Male von dessen Spitznamen „Zickenwiese“, der sich tatsächlich bis in die 80er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts erhielt. Am Ende kam ich sehr spät zum Spiel, konnte an einem regnerischen Samstag nicht viel sehen, weil vor mir jeder einen Schirm aufgespannt hatte und „mein“ Sympathieträger-Verein verlor auch noch sang- und klanglos.

Zentralbild Schack 23.5.51 Berlin 1951. UBz: Blick in das „Walter-Ulbricht-Stadion“.

Aber so hatte ich das Stadion der Weltjugend immerhin mal von innen gesehen. Und deshalb erzähle ich heute mal ein wenig von seiner Geschichte:
Wie jedes Regime hatte auch die „Diktatur des Proleteriats“ in Ostberlin ein verstärktes Repräsentationsbedürfnis. Die „glorreichen Errungenschaften des Sozialismus“ sollten auch augenfällig repräsentiert werden. Dafür boten sich massive Bauprojekte an, die auch noch den Vorteil hatten, dass sie zu einer „kollektiven Anstrengung für den Fortschritt“ deklariert werden konnten. So wurden etwa um die gleiche Zeit, in der das „Walther-Ulbricht-Stadion“, wie es zunächst hieß, errichtet wurde, auch andere Projekte angegangen, wie etwa der „Havelkanal“. Dieser war als „bypass“ für die Westberliner Havel gedacht und sollte den Güterverkehr per Schiff um den „imperialistischen Sektor Berlins“ herumführen (und tut dies theoretisch bis heute). Es war immerhin noch die Zeit des Stalinismus, in der auch „Eisenhüttenstadt“ projektiert wurde etc. „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ und solche kollektiven Anstrengungen sollten dementsprechende Dinge in der SU nachahmen.
Nebenbei: in der Erstbenennung des Stadions an der Chausseestraße liegt auch die Basis für seinen Spitznamen „Zickenwiese“. Der Spitzbart Walther Ulbrichts machte diesen (s. o.) langlebigen Beinamen möglich.

Aber zurück zum Stadion: allein die Auswahl seines Geländes, einer Immobilie zwischen Chausseestraße und Habersaathstraße in Mitte, war kein Zufall. Hier lag bis 1945 das sog. „Polizeistadion“, das aber im Bombenhagel des Krieges schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nachdem tonnenweise Schutt abgeräumt worden war, konnten Anfang 1950 die Bauarbeiten für ein neues Stadion beginnen. Das „Walther-Ulbricht-Stadion“ wurde dann am 20. Mai 1950 durch seinen Namensgeber eröffnet. Nach nur etwa 120 Tagen Bauzeit. Ein gewisser Berliner Flughafenbetreiber wird jetzt rot vor Neid. Das Stadion immerhin war als Schauplatz für das sog. „Deutschlandtreffen der Jugend“, einer FDJ-Propagandashow, gedacht und somit von Anfang an in mehr als einer Hinsicht ein ausgesprochenes Politikum.

So darf es auch nicht verwundern, dass die „Zickenwiese“ von den wütenden Arbeitern und Protestlern des 17. Juni 1953 als Ziel für Vandalismus herhalten musste. Der Zorn der Arbeiter, der den „Arbeiter- und Bauernstaat“ am Ende dazu brachte, die Rote Armee um Hilfe  anzuflehen, ließ sich an Beschädigungen, speziell von Emblemen der DDR, erkennen. Leider gingen auch ein paar Sitzreihen und Fenster im Stadion zu Bruch, bevor der Aufruhr unter den Panzerketten der auffahrenden T-34-Panzer plattgewalzt wurde.

ADN-ZB Sturm -5.8.1951 Berlin: Die grosse Sportschau der Jugend nach der Eröffnung der Weltfestspielen am 5.8.1951
Die Losung „Frieden“ wird in deutscher, russischer und englischer Sprache von den Sportlern zum Abschluss der Veranstaltung dargestellt.

In der Folge wurden immer wieder sportliche Großveranstaltungen hierhin verlegt. Das Finale der „Internationalen Friedensfahrt“, eines Amateur-Radrennens durch die Staaten des Warschauer Paktes, von 1955 zum Beispiel. (Siehe Titelbild oben) Auch ein historisches „Geisterspiel“ der Fußball-Auswahlen von DDR und Bundesrepublik fand hier 1959 statt. Im Rahmen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1960 konnten sich der „Deutsche Fußball Verband“ (DDR) und der „Deutsche Fußball Bund“ (Bundesrepublik Deutschland) nicht auf einen gemeinsamen Auswahlmodus für das vom IOC geforderte, einheitliche Team einigen. So einigte man sich auf einen „Kompromiss“, wobei der DFV sich in Sachen „Ausscheidungsspiele“ durchsetzte und der DFB in Sachen „interne Sichtung ohne Öffentlichkeit“. So kam es zu zwei „Länderspielen“, den ersten Aufeinandertreffen von DFV und DFB überhaupt, die praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit abliefen. Eines am 16. September 1959 im „Walther-Ulbricht-Stadion“, ein weiteres im Düsseldorfer Rheinstadion eine Woche später. Die aus Amateuren bestehende DFB-Auswahl unter Sepp Herberger gewann beide Spiele. Das in Berlin 2:0, das in Düsseldorf 2:1.

Für die „10. Weltfestspiele der Jugend“ im Jahre 1973 machte sich die „Hauptstadt der DDR“ dann noch einmal so richtig schick. Wer genau hinschaut, erkennt bis heute z. Bsp. die Metallkunstwerke im Treptower Park, die damals zu Verschönerungszwecken aufgestellt wurden. Auch das Stadion an der Chausseestraße wurde zu diesem Anlass umgebaut, seine Kapazität von etwa 70.000 auf sicherere 50.000 Zuschauer heruntergeschraubt, davon 20.000 Sitzplätze. Auch der Name wurde dafür geändert. Walther Ulbricht war bereits 1971 kalt entmachtet worden durch die Honecker-Gang und so konnte der schon schwer kranke Ulbricht nicht mehr gegen die Umbenennung protestieren. Seit dem 28. Juli 1973 hieß es also „Stadion der Weltjugend“.

Die Umbenennungen hatten auch eine kuriose Auswirkung auf die nahegelegene U-Bahnstation in der Chausseestraße, die seit dem Mauerbau 1961 ein „Geisterbahnhof“ auf der Westberliner Linie U-6 war, wo der Zug langsam durchfuhr, ohne zu halten. Ursprünglich war dieser Bahnhof 1923 unter dem Namen „Schwartzkopfstraße“ eröffnet worden. 1951 erhielt er dann den Namen des Stadions „Walther-Ulbricht-Stadion“ (siehe Foto rechts), den er auch nach dem Mauerbau als Geisterbahnhof, der von Ostberlin aus nicht betreten werden durfte, behielt. 1973 bekam auch dieser U-Bahnhof neue Schilder mit dem Namen „Stadion der Weltjugend“, die aber nur von den Kunden der Westberliner BVG gesehen werden konnten ! Diese durften aber hier, wie gesagt, gar nicht aussteigen ! 1991 erhielt der Bahnhof seinen allerersten Namen von 1923 zurück, den er bis heute behalten hat. Full circle.

Wie schon erwähnt, fanden die FDGB-Pokalendspiele hier bis 1989 statt. Im Rahmen der Vorbereitungen auf die Olympiabewerbung Berlins sollte dann hier eine neue Sportstätte gebaut werden. Praktisch das „dritte“ Stadion an gleichem Ort. Denn das „Stadion der Weltjugend“ war in die Jahre gekommen und galt als mehr oder minder marode. Vielleicht war es auch seine politisch aufgeladene Geschichte, welche die Verantwortlichen dazu bewog, einem Abriss wenig Widerstand entgegenzustellen. Die „Zickenwiese“ hatte ausgedient und wurde 1992 abgerissen. Nun, die Spiele 2000 wurden nach Sydney vergeben und das Gelände lag ab 1993 dann brach. Ein Golf-Abschlagplatz und ein paar Beach-Volleyball-Felder fand man später hier. Diese habe ich selbst noch gesehen.

Der Bund sicherte sich das Gelände dann 2005 und ab dem nächsten Jahr begann hier der Bau für die Zentrale des „Bundesnachrichtendienstes“ des Auslandsgeheimdienstes der Bundesrepublik Deutschland. Dieser verlegte nämlich seine Zentrale von Pullach bei München hierher. Als Dienststelle, die dem Bundeskanzleramt, welches ebenfalls in Berlin ansässig ist, untersteht, macht das auch Sinn. Sport wird aber hier seit 1993 höchstens noch im neuen Bürokomplex, der 2018 fertig wurde, betrieben. Vielleicht haben die „Schlapphüte“ vom BND ja Laufbänder oder Hanteln zur Verfügung. 🙂

Quellen:

Text:

Bilder:

  • vom Bundesarchiv, Bilder Nr. :
    183-30477-0001, 183-10721-0001, 183-10280-0001, 183-11500-1062
    published under CC BY-SA 3.0 DE -license

 

 

Kleine Berliner U-Bahn Kuriositäten

Die Berliner „Untergrund-Bahn“ steckt voller kurioser Details, wenn man sich die Mühe macht, diese zu Tage zu fördern.  Dem täglichen Besucher, den sie nur von A nach B bringen soll, mögen diese oft nicht so wichtig sein, aber manche interessante Geschichte kann mit ihnen erzählt werden. Zumindest dem, der sich für solche Skurrilitäten und „Schnurren“ interessiert und ich hoffe, SIE gehören dazu. Schauen wir mal, was es da an Besonderheiten zu erwähnen gilt:

  • Ich persönlich habe mich immer gefragt, warum die U-Bahnhöfe der Linie 2 „Bismarckstraße“ und „Deutsche Oper“ so dicht nebeneinander gelegen sind. Der Abstand lohnt sich eigentlich gar nicht, so schnell hält der Zug bei der Durchfahrt schon wieder an.
    Die Antwort ist einfach: „Deutsche Oper“ WAR einmal der U-Bahnhof „Bismarckstraße“, bis die Linie 7 im Jahre 1978 verlängert wurde und es baulich günstiger war, einen neuen Kreuzungsbahnhof mit der heutigen Linie 2 ein wenig weiter (ca. 380 m, weniger als eine Stadionrunde) zu errichten. Dieser neue Bahnhof erhielt den alten Namen „Bismarckstraße“ und das wars. In vergleichbaren Situationen hat die BVG dann Bahnhöfe oftmals geschlossen, entschied sich aber im Falle von „Deutsche Oper“ dagegen. Er wurde halt nur dahingehend umbenannt.
  • Dass die alte „Bismarckstraße“/Deutsche Oper aber mal Züge zum „Wilhelmplatz“ (heute Richard-Wagner-Platz) weiterleitete, ist noch immer daran zu erkennen, dass dieser kleine Durchgangsbahnhof vier Gleise und zwei Bahnsteige hat. Für den reinen Opernbesuch wären die nämlich gar nicht alle notwendig.
  • Es gibt immer wieder „verschollene Bahnhöfe“. Wie z. Bsp. den Bahnhof „Stralauer Thor/Osthafen“, über den ich hier im Blog schon berichtet habe. Sie wurden aus unterschiedlichen Gründen aus dem Verkehrsnetz Berlins entfernt.
    Einer davon ist der U-Bahnhof „Nürnberger Platz“ an der Grenze zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf. Dieser Bahnhof, der 1913 eröffnet wurde, hatte durch seine Lage die Besonderheit, zwei völlig unterschiedlich gestaltete Zugänge zu besitzen. Den mit Steinpylonen geschmückten Zugang in Wilmersdorf, den die dortigen Stadtväter favorisierten und den aus Stahlträgern bestehenden Zugang in Charlottenburg. 1959 wurde der Zugbetrieb auf dem Bahnhof endgültig eingestellt und zum neuen Kreuzungs- U-Bahnhof „Spichernstraße“ verlegt. Da jetzt aber auf der heutigen Linie 3 zwischen „Wittenbergplatz“ und Spichernstraße zu viel Abstand für „den Innenstadtbereich“ registriert wurde, baute man einfach mit „Augsburger Straße“ einen neuen Bahnhof, der 1961 eröffnet wurde.
  • Der von Alfred Grenander gestaltete und 1913 eröffnete U-Bahnhof „Klosterstraße“ der Linie 2 weist ebenso die Besonderheit auf, dass er einst zwei Bahnsteige besaß. Die Verfüllung, wo einst ein Mittelgleis verlief, ist noch heute auf dem nun zusammengelegten, einzigen Bahnsteig erkennbar, wenn man genau hinschaut ! Ebenso sind die sich auf dem Absatz trennenden zwei Treppenzugänge ein unmissverständliches Indiz dafür, dass es hier einmal ganz anders aussah. Von hier aus sollte nämlich die Strecke nach Friedrichsfelde verlaufen. Der Erste Weltkrieg verhinderte das und später wurde diese Idee verworfen. (Wir wissen ja: die U-5 verläuft heute vom Alexanderplatz aus und wird gerade zum Hauptbahnhof verlängert.)
  • Dieser U-Bahnhof Klosterstraße ist übrigens auch einer der wenigen, die keinerlei Werbe-Plakate auszuhängen haben. Hier wird, ähnlich wie etwa auf dem Bahnhof „Märkisches Museum“ eher dekorativ-informatives an den Wänden dargeboten. Im Bahnhof Klosterstraße in Form von Bildern alter Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs.
  • Haben Sie sich auch mal gewundert, warum auch einer der Endbahnhöfe der U-Bahnlinie 7, „Rathaus Spandau“ zwei „tote“ Gleisbetten besitzt ? Auch hier ist die Antwort einfach: Rathaus Spandau war eigentlich nicht als Endbahnhof konzipiert, sondern sollte weiteren Verlängerungen der Linie 7 als „Durchgänger“ dienen oder sogar Abzweigungen verarbeiten. Zu diesen Verlängerungen oder Abzweigungen ist es aber bis heute nicht gekommen und vermutlich wird das auch nichts mehr, bevor die Welt endet. Aktuelle Verkehrsplanungs-Ideen in Berlin setzen wohl eher auf S- und Straßenbahn. Zwei weitere ungenutzte Bahnsteighälften und Gleisbetten verrotten dort unten also vor sich hin.
  • Haben Sie vielleicht beim Betrachten des Verlaufs der Linie U-8 mal den absurden „Knick“ bemerkt, den diese U-Bahn zwischen „Kottbusser Tor“ und „Heinrich-Heine-Straße“ macht (nicht auf dem Netzplan, aber auf dem Stadtplan, schauen sie ruhig selbst mal nach) ? Den „Moritzplatz“ hätte diese Linie eigentlich nie anlaufen sollen, sondern vielmehr am Oranienplatz einen Stop einlegen müssen. Die geradlinige Streckenführung hätte das vorausgesetzt. Da hatte die U-Bahn aber die Rechnung ohne das Kaufhaus „August Wertheim“ gemacht. Diese Kette besaß seit 1913 eine Filiale an besagtem Moritzplatz (, die heute nicht mehr vorhanden ist, Kriegsschaden). Und wer ein Kaufhaus besitzt, hat auch gerne U-Bahn-Anschluss, fragen Sie nur mal bei Karstadt am Herrmannplatz nach, wo man noch heute direkt vom U-Bahnsteig der Linie 7 zum Shoppen gehen kann.  Eine kleine Spende an die Verkehrsbetriebe (man spricht von 5 Millionen Reichsmark) durch Wertheim und 1926/27 wurde die heutige Linie 8 zum Moritzplatz umgelenkt. Und das hält eben bis heute. Vermutlich weil kein Großspender einen U-Bahnhof „Oranienplatz“ bauen will. 🙂
  • Hätten Sie gewusst, dass 21 Prozent des Schienenverlaufes der Berliner „Untergrund-Bahn“ überirdisch verläuft ? Denn die Berliner U-Bahn begann einst im Jahre 1902 als „Hoch- und Untergrundbahn“, zumal das Bauen von Schienen „auf Stahlstelzen“ auch einfacher und kostengünstiger war und bis heute ist, als das Wühlen im Untergrund. Zur „U-Bahn“ wurde sie hauptsächlich deshalb, weil die Stadtväter Charlottenburgs im Bereich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am heutigen Breitscheidplatz (damals „Viktoria-Luise-Platz“) keine Stahlträger-Hochbahnhtrasse haben wollten, die den Blick auf die damals hübsche, relativ neue Kirche verdeckt hätten.
  • Der U-Bahnhof „Olympiastadion (Ost)“, der heute das Berliner U-Bahnmuseum beherbergt, ist als reine Haltestation älter, als das Olympiastadion selbst. Eröffnet wurde er nämlich 1913 als Gelegenheits – Halt mit dem Namen „Stadion“. Denn die von Otto March entworfene Vorgänger-Sportstätte des Olympiastadions lag schon am gleichen Ort. Dieser U-Bahnhof wurde jedoch bis 1922 nur im Rahmen von Sportveranstaltungen angefahren. Erst, als man vom „Reichskanzlerplatz“ (Heute „Theodor-Heuss-Platz“) aus einen Zwischenbahnhof mit Namen „Neu – Westend“ einfügte, wurde das „Stadion“ auch eine „normale“ Endhaltestelle.
  • Berliner U-Bahnhöfe werden auch immer mal wieder umbenannt. Entweder bekommt ihr Name eine „Ergänzung“ oder Erweiterung, oder der Name wird gleich ganz verändert. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Mal wird der Platz oder die Straße, die dem U-Bahnhof den Namen gab, umbenannt. Mal wird der Name anderweitig „gebraucht“ (ein Bsp. hatten wir schon s. o. im Falle von „Bismarckstraße“) und einem neuen Bahnhof gegeben. Ich gestehe, ich habe es nicht nachgezählt, aber zwei der Bahnhöfe, die die meisten Namensänderungen hinter sich haben, liegen in unmittelbarer Nähe zueinander auf der Linie U2 in Berlin-Mitte.
    Da wäre zunächst einmal der heutige Bahnhof „Stadtmitte“. Geplant war er als Bahnhof „Mohrenstraße“, eröffnet wurde er 1908 unter dem Namen „Friedrichstraße“. Dieser Name wanderte später nach Norden weiter, so wie wir es heute noch kennen. Dann wurde unser Bahnhof kurzfristig auf den „Netzspinnen“-Plänen unter dem Namen „Friedrichstadt“ geführt. In „Leipziger Straße“ umbenannt, später als „Stadtmitte (Mohrenstraße)“ identifiziert und heute lassen wir gleich die Mohrenstraße weg, weil jetzt ein anderer U-Bahnhof so heißt.
  • Und damit bin ich auch schon beim anderen U-Bahnhof, der fleißig umbenannt wurde, was vor allem politische Gründe hatte. Waren die Umbenennungen der heutigen „Stadtmitte“ noch weitgehend willkürlich, so passte man den Namen seines Nachbar-Bahnhofes einfach nur den Umbenennungen „über der Erde“ an. Machen Sie sich auf etwas gefasst:
    Zunächst war der im Bereich der Wilhelmstraße liegende U-Bahnhof als „Wilhelmplatz“ geplant. Als man feststellte, dass es bereits einen gleichnamigen U-Bahnhof in Charlottenburg gab, begann das Rätseln über die Neubenennung. Auch hier gab wieder die Wirtschaft die Lösung her. Da nämlich seit 1875 am benachbarten Zietenplatz das Hotel „Kaiserhof“ zu finden war, das erste Grand-Hotel Berlins, gab es dann auch dem U-Bahnhof den Namen: „Kaiserhof“. Das Hotel wurde 1943 durch Bomben zerstört, nach dem Krieg wollte man auch vom „Kaiser“ (nicht mal von Jakob, Sie verstehen !) im sowjetischen Sektor nichts mehr wissen. Also benannte man Platz und Bahnhof um in „Thälmannplatz“. Das blieb so bis 1986. Ob man Ernst Thälmann die 750-Jahr-Feier der Stadt 1987 nicht zumuten wollte, oder was sonst der Grund war, weiß ich nicht. Jedenfalls hieß dieser Bahnhof, der seit dem Mauerbau Endbahnhof der Ost-Berliner Linie A geworden war, weil der U-Bahnhof „Potsdamer Platz“ direkt unterhalb von Mauer und Todesstreifen lag, für ein paar Jahre „Otto-Grotewohl-Straße“. 1991 erhielt er seinen jetzigen Namen „Mohrenstraße“, wobei sich Antirassismus – Aktivisten seit Jahren darum bemühen, Straße und U-Bahnhof umbenennen zu lassen. Es kann also sein, dass dieser Bahnhof auch in Zukunft wieder den Namen wechseln wird. Vielleicht sollte der Bahnhof den Namen „Barack Hussein Obama Bahnhof“ tragen, so von wegen „change“….

So, jetzt wurde dieser Beitrag viel länger, als ich das wollte. Aber wenn ich mal am Schreiben bin…
Vermutlich wird es bald mehr über die Geschichte der Berliner U-Bahn hier auf dem Blog der „Clemens Kurz Stadtspaziergänge“ zu lesen geben. Ich wühle immer weiter nach aussagekräftigen Fakten. Versprochen.

Euer/Ihr
Clemens Kurz

Quellen:

Text:

Bilder:

  • von mir, 2015, 2018
  • gemeinfrei, Sammlung Axel Mauruszat

der „Sozialistenfriedhof“ Friedrichsfelde

Ich bin mir ganz sicher, liebe Leser, dass auf dem städtischen „Zentralfriedhof Friedrichsfelde“ in Berlin auch „Nichtsozialisten“ beigesetzt wurden. Vermutlich gibt es keine posthumen Gesinnungsprüfungen Verstorbener, bevor man hier zur letzten Ruhe gebettet wird. Wie kam dieser Ort also zu seinem Beinamen, unter dem er sogar im Internet gefunden werden kann ? Eine längere Geschichte. Ich werde mal versuchen, Sie Ihnen zuliebe ganz kurz und knapp zu skizzieren und einen Spaziergang dort Revue passieren zu lassen. Also, los:

Ein diesiger Tag. Kühl, aber nicht windig. Hohe Luftfeuchtigkeit aber immer noch nicht wirklich unangenehm. November in Berlin. Genauer gesagt in Berlin-Friedrichsfelde, einem Ortsteil des Bezirks Lichtenberg. Mit einem Freund, der mich seit Jahren auf Stadtspaziergängen und sonstigen Touren begleitet, erkunde ich heute zum ersten mal den „Zentralfriedhof Friedrichsfelde“, ein etwas über 32 ha großes Gelände nördlich der Frankfurter Allee.

Bekannt geworden ist der Ort hauptsächlich dadurch, dass hier früh im Jahr seit Langem immer die politische Linke des Landes aufmarschiert, um den hier einstmals beigesetzten Revoluzzer-Ikonen von 1918/19, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zu gedenken. Ein mir als „Westprodukt“ immer ein wenig unverständliches Ritual, aber seit DDR-Zeiten scheinbar nicht wegzudenken. Zumal in Ostberlin.

Aber die Geschichte des Friedrichsfelder Zentralfriedhofes fängt natürlich schon früher an. Schauen wir also mal nach… Nach der Reichsgründung 1871 fängt die „Reichshauptstadt“ an, zu „boomen“. Die Metropole erlebt innerhalb weniger Jahre einen rapiden Bevölkerungszuwachs, den sie irgendwie bewältigen muss. Aber wo Menschen in größeren Zahlen zuziehen, versterben sie auch irgendwann. So erkannte man etwa gegen 1880, dass neue Begräbnisplätze für Berlin gebraucht wurden. Die Berliner Stadtväter kauften daraufhin Carl von Treskow, welcher knapp jenseits der damaligen Berliner Stadtgrenzen im Osten über einen mächtigen Grundbesitz verfügte, das Gelände des heutigen Friedhofes ab. Gestaltet wurde es dann vom Berliner Gartenbaudirektor Hermann Mächtig. Eröffnet wurde diese Begräbnisstätte schon 1881.

So weit, so gut. Wie wurde dieser Friedhof dann aber sozusagen „sozialistisch“ ? ( 🙂 ) Hier könnte man lange, ausführlich Erklärungen einfügen. Ich bleibe mal kurz und knapp, damit dieser Beitrag nicht gar zu lang wird: Im Jahre 1900 wurde hier der „grandseigneur“ der frühen SPD und langjährige Reichstagsabgeordnete, Wilhelm Liebknecht, beigesetzt. Zwei Jahre später bekam seine Grabstätte dann eine markante Dekoration (s. Foto) mit Büste und Motivplatte. Dies hatte dann einen gewissen „Sog-Charakter“ und in der Folge ließen sich hier Gewerkschafter, Künstler mit Neigung zur SPD etc. beisetzen.

1919 wurden dann hier auch im sog. „Januaraufstand“ Getötete beigesetzt. (Sorry, liebe proletarische Romantiker, ich kann sie nicht als reine „Opfer“ bezeichnen, denn wer seine politischen Vorstellungen mit Waffengewalt durchsetzen will, muss auch damit rechnen, mit Waffengewalt daran gehindert zu werden.) Darunter der Prominenteste natürlich Wilhelms Sohn Karl Liebknecht. Einige Monate später dann auch dessen Mitaufständlerin Rosa Luxemburg. Ab 1926 wurde speziell für diese beiden auf dem Friedhof ein massives Beton-Mahnmal unter dem Namen „Revolutionsdenkmal“ errichtet. Und zwar eines, dass der nicht ganz unbekannte Ludwig Mies van der Rohe entworfen hatte.

Kein Wunder, dass die Nazis dann ausgerechnet hier ein Exempel statuieren wollten und 1935 dieses Mahnmal wieder abrissen. 1941 ebneten sie auch die umliegenden Grabstätten inkl. denen von Luxemburg und Liebknecht ein. Heute erinnert hier ein dezentes, kleineres Mahnmal an diese traurigen Ereignisse.

Kein Wunder also, dass dieser Zentralfriedhof in der DDR wieder an Bedeutung gewann. Der erste und einzige Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, ein ehemaliger Mitstreiter Karl Liebknechts, setzte sich nachdrücklich für die Errichtung einer „Gedenkstätte der Sozialisten“ ein, die sich im Eingangsbereich des Geländes anfindet. Den damit beauftragten Architekten soll Pieck denn auch, wie die Legende es will, mächtig und oft „über die Schulter geschaut“ haben. Das Ergebnis ist aber m. E. n. durchaus ästhetisch ansprechend geworden. Die Mauer aus dem regionaltypischen Baustoff „roter Backstein“ fasst einen kreisrunden Raum ein, in dessen Mitte ein Fels mit der Aufschrift „die Toten mahnen uns“ aufragt.

Hier und in der unmittelbaren Nähe sind denn auch diverse DDR-Spitzenfunktionäre beigesetzt, die dem „Politbüro der SED“ würdig erschienen, um hier derart geehrt zu werden. U. a. der ehemalige Bürgermeister von Ost-Berlin, Friedrich Ebert jr. oder der Schriftsteller Friedrich Wolf. Direkt gegenüber dem Zugang zur kreisrunden Gedenkstätte finden wir übrigens seit 2006 noch eine dezente, kleine Tafel mit der Aufschrift „den Opfern des Stalinismus“.

Puh, jetzt wird der Artikel doch wieder länger, als gedacht. Dann fasse ich meine Eindrücke also jetzt kurz zusammen:

  • uns fiel auf, dass wir keine sog. „Ehrengrabstätten der Stadt Berlin“ hier finden konnten. Vielleicht lag es an der dicken Schicht von Blättern, die um jedes Grab herum zu finden waren, aber die uns von so ziemlich allen anderen Friedhöfen bekannten, „roten Backsteine“ mit dem Stadtwappen fehlten hier scheinbar ganz. Anwärter, wie etwa den Astronomen Friedrich Archenhold, hätte genug gegeben. Merkwürdig.
  • Die Hauptwege des Zentralfriedhofes Friedrichsfelde sind gepflastert. Andere Waldfriedhöfe in Berlin mit Landschaftscharakter zeichnen sich ja leider eher durch „Stock und Stein“-Schleichwege aus, auf denen man besser nicht stolpert. Ein schönes Detail also hier in Friedrichsfelde und mir persönlich sehr angenehm !
  • Die Beschilderung hier ist sehr, sehr hilfreich. Wichtige „Ecken“ werden mit Informationstafeln greifbar gemacht. An bestimmten Kreuzungen stehen Wegweiser, sogar mit Streckenlängen-Angabe. Auch dafür ein Extralob. Auch das ist nämlich keinesfalls selbstverständlich !

Unser Fazit also, nachdem wir tatsächlich stundenlang auf dem Gelände unterwegs waren, fiel recht positiv aus. Ein Spaziergang hier offenbart viele interessante Beobachtungen. Unterschiedlichste Begräbnisformen finden sich hier an. Der Wald-Charakter des Geländes ist dank reicher Nadelbaumbepflanzung auch im Spätherbst/frühen Winter noch nachvollziehbar und zu genießen. Wir wurden am Ende fast schon von der einsetzenden Dunkelheit vom Gelände gescheucht.

Prädikat: empfehlenswert. 🙂 Gehen Sie/geht doch selbst mal dorthin, wenn Sie/Ihr Spaziergänge auf Friedhöfen nicht gruselig, sondern nur beruhigend und angenehm finden.

Adresse:

Städtischer Zentralfriedhof Friedrichsfelde
Gudrunstraße 20
10365 Berlin-Lichtenberg

Quellen:

Bilder:

  • von mir, 2018, all rights reserved,

Text:

Verschollene Orte: der S-Bahnhof „Fürstenbrunn“

Im Berliner Nahverkehr passieren immer wieder faszinierende Dinge, wie das komplette „Verschwinden“ von Linien, Haltestellen oder ganzen Bahnhöfen. Die Geschichte geht über sie hinweg oder sie werden „einfach nicht mehr gebraucht“, da der Nahverkehr Berlins in geradezu auffälliger Manier der „Stadtentwicklung“ folgt. Manchmal bleiben Relikte ihrer Existenz stehen und verrotten „romantisch“ vor sich in, wie die Strecke der „Siemens-Bahn“. Manchmal bleibt aber auch gar nichts stehen, erinnert nichts mehr an die Existenz dieser Orte. Einer dieser komplett „verlorenen“ Plätze ist der S-Bahnhof „Siemensstadt-Fürstenbrunn“. 

Eine Stadt, die „immer in Bewegung“ ist, wie Berlin, bastelt natürlich auch permanent an ihrem Nahverkehrsnetz herum. Politische und andere Ereignisse führen und führten dazu, dass die Betriebe des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), die heute im „Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg“ (VBB)  organisiert sind, aktiv wurden. Neue Strecken aufbauten, alte aufgaben, Bahnhöfe umbenannten, verlegten, eröffneten und schlossen. Darüber eine gründliche Chronik zu führen ist praktisch ein Unternehmen der Unmöglichkeit. Aber anhand einzelner Beispiele kann man Verkehrsgeschichte „in Aktion“ erkennen. Als „Stichprobe“ sozusagen.

verfallender Bahnsteig, Blick nach Osten, 1986

Der S-Bahnhof „Fürstenbrunn“, später „Siemensstadt-Fürstenbrunn“ ist so ein Ort, an dem man eine solche Betrachtung anstellen kann. Heute komplett aus dem Stadtbild verschwunden und schon während der letzten Betriebsjahre nur noch selten genutzt, kann er als Beispiel für den Einfluss von Politik und veränderten Anforderungen der Personenströme auf die Verkehrsflüsse herhalten.

Fangen wir mal am Anfang an: Die Firma Siemens breitete sich schrittweise seit etwa 1890 im Bereich der ehemaligen „Nonnenwiesen“ zwischen den damals noch unabhängigen Städten Charlottenburg und Spandau aus. Ihre Betriebe sollten natürlich auch für die Mitarbeiter erreichbar sein. Eine einzelne, vorhandene Straßenbahnlinie im Bereich der heutigen Nonnendammallee erschien den Ansprüchen von Siemens nicht gerecht werden zu können. So baute man also mit dem Segen der Eisenbahnverwaltung, aber erstaunlicherweise gegen den Einspruch der Stadt Charlottenburg, an deren Grenze der Bahnhof lag, zunächst mal einen „Haltepunkt“ am Fürstenbrunner Weg, an dem ab 1905 Arbeiter und Angestellte von Siemens ankamen und von dem aus sie zum Betriebsgelände marschierten.

Zu „Schichtwechsel“-Zeiten wurde die Frequenz des sog. „Vorortzuges“, der hier verkehrte, deutlich erhöht. Der Haltepunkt wurde so gut genutzt, dass er bereits 1907 ein zweites Gleis bekam und somit endgültig als „Bahnhof“ angesprochen werden konnte. Im Jahre 1911 betrug der Zugabstand zum schon erwähnten Schichtwechsel nur etwa 3 Minuten !
1925 bekam der Bahnhof den Namenszusatz „Siemensstadt“. Schon vier Jahre danach jedoch verlor er aber zum ersten Male spürbar an Bedeutung. Da Siemens neue, große Werke weiter nach Norden und Westen gebaut hatte, war der Abstand zum Bahnhof Siemensstadt-Fürstenbrunn zu groß geworden. Viele „Siemensianer“ brauchten neue Lösungen, um zur Arbeit zu kommen, so dass die Firma, wiederum auf eigene Kosten wie im Beispiel „Fürstenbrunn“, die schon erwähnte „Siemensbahn“ erbaute. Sie verlief von „Gartenfeld“ über „Siemensstadt“ und „Wernerwerk“ und verband diese mit dem Bahnhof „Jungfernheide“ und damit auch mit der Ringbahn. Am 18. Dezember 1929 eröffnete diese Strecke.

Blick stadtauswärts, 1986

Bis 1951 fuhren weiterhin Dampf-getriebene „Vorortzüge“, welche früher die äußeren Ränder des Speckgürtels mit der Berliner S-Bahn verbanden, auf der Strecke über Siemensstadt-Fürstenbrunn. Zwischen Lehrter Bahnhof und Bahnhof Spandau (heute „Stresow“). Ab dann wurde die Strecke elektrifiziert und ebenfalls über „Jungfernheide“ mit der Ringbahn verbunden. Der Bahnhof war jetzt „S-Bahnhof“. Aber die Bedeutung der Strecke und des Bahnhofes nahmen weiter ab. Im Rahmen von Mauerbau und dem Ausbau der Buslinien in „Westberlin“ (und der Unlust vieler Westberliner, die von Ostberlin „gemanagte“ S-Bahn überhaupt zu nutzen, nennen wir es „S-Bahn-Boykott nach 1961“) gingen die Fahrgastzahlen derart dramatisch zurück, dass die Strecke nach dem „Großen S-Bahnerstreik“ von 1980 endgültig aufgegeben wurde. Der S-Bahnhof „Siemensstadt-Fürstenbrunn“ damit ebenfalls.

Die Strecke wurde auch im Rahmen der Veränderung der „Großwetterlage“ der kommenden Jahre nicht mehr benötigt. Heute verkehrt eine Buslinie der BVG am ehemaligen Bahnhof vorbei und das ist alles, was an Verkehr im Bereich Fürstenbrunn auch noch benötigt wird. Der S-Bahnhof selbst wurde schrittweise abgerissen. Das Zugangsgebäude schon 1987, nachdem drei Jahre vorher die S-Bahn von „Westberlin“ übernommen worden war und die Eigentumsrechte geklärt waren. 1996 wurde auch der Bahnsteig beseitigt. Auf der Trasse fahren heute die Fernverkehrszüge nach Hannover. Die S-Bahn-Verbindung von Spandau in die Innenstadt wird heute ausschließlich über das Westkreuz geführt, da die „Jungfernheide“ seit 1984 über eine U-Bahnlinie mit Spandau verbunden ist.

Was lernen wir daraus ?

  1. Verändertes Fahrgastverhalten, veränderte Anforderungen an die Personenbeförderung und deren -ströme etc. haben ganz konkret erfahrbare Konsequenzen im Alltag. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann.
  2. Siemens hat nicht auf „den Staat“ gewartet, um dringend notwendige Investitionen vorzunehmen, sondern hat stattdessen zweimal im 20. Jahrhundert in die eigene Tasche gegriffen, um die „Siemensstadt“ und die darin befindlichen Betriebsteile verkehrstechnisch zu erschließen.
  3. Kunden-Boykott kann sich lohnen ! Das ist aber eine längere Geschichte, die ich vielleicht bald einmal in einem eigenen Beitrag erzählen werde.
  4. Ich kann Ihnen keine eigenen Fotos von einem hübsch „dekorativ-romantisch“ verrottenden Bahnhof zeigen, da nichts mehr von ihm übrig ist. 😦 Die Bilder im Beitrag stammen aus dem Jahr 1986 und wurden leider nicht von mir selbst gemacht (siehe „Quellen“, unten).

Bis bald wieder, Ihr/Euer

Clemens Kurz

Quellen:

Text:

Bilder:

  • by „Roehrensee“, 1986, 19861015a Siemensstadt-Fürstenbrunn.jpg, foto-file used unter CC-BY-SA 3.0 – license, i do NOT own the copyrights, no changes were applied, if any other rules or laws were touched by the material itself or the photographer: this happened without my knowledge, help, other means of contribution or approval.
  • by „Roehrensee“, 1986, „19861015b Siemensstadt-Fürstenbrunn.jpg“, foto-file used unter CC-BY-SA 3.0 – license, i do NOT own the copyrights, no changes were applied, if any other rules or laws were touched by the material itself or the photographer: this happened without my knowledge, help, other means of contribution or approval.
  • „berlin-charlottenburg-nord_postkarte_006.jpg“ used as public domain

der Anekdoten – König: Amüsantes vom „alten Fritzen“

Wer in unserer Region unterwegs ist, stößt natürlich immer mal wieder auf den „alten Fritzen“. Als Gemälde, Büste oder Anekdote, die mit lokalen Sehenswürdigkeiten verbunden wird, ist Friedrich II. von Hohenzollern, König VON Preußen, auch heute noch ausgesprochen präsent. Man kann fast von einem „Kult“ um diese historische Figur sprechen. Ein Kult, dem ich immer mit einer gewissen Ambivalenz begegnet bin. Einerseits ist das gefühlige und übermäßig sentimentale Erinnern an Friedrich II. ein Teil der touristischen Folklore unserer Region und sorgt für klingelnde Kassen. Der „Touristiker“ in mir versteht das. Andererseits ist die gelegentlich etwas seichte und unkritische Heldenverehrung dem „kleinen Historiker“ in mir immer etwas unheimlich, oder zumindest unangenehm. 

Denn mein Friedrichs-Bild ist durchaus mehrseitig. Er war einerseits gefühlskalt und zynisch, wenn es um Dinge wie die eigene Familie, die eigene Ehefrau oder Themen wie etwa die Religion ging. Andererseits legte sein Zynismus auch Wahrheiten frei und auch Gedanken, die andere Zeitgenossen, vor allem gekrönte Häupter, wohl kaum in dieser Form geteilt haben. Er kannte sowohl sich selbst als auch die Menschen an sich.
Vor allem seine bekannte „Gegenspielerin“, die Königin von Österreich und Ungarn Maria-Theresia, war ihm intellektuell nicht gewachsen. Ihre Stärke lag im Aufstacheln von Emotionen, so etwa, als sie sich vor dem Ungarischen Adel geschickt als „Opfer des Bösen Mannes in Potsdam“ zu inszenieren vermochte, so daß dieser Adel ihr enthusiastisch bis hin zum Fanatismus die Gefolgschaft schwor.

Diese Fähigkeit hatte Friedrich in der Form nicht. Die ganze „Gefühlsduseligkeit“ lag ihm fern und dennoch entwickelte sich schon relativ bald nach seinem Tod im Jahre 1786 ein reger Anekdoten- und Zitate-Schatz, an dem fleißig gebastelt wurde und mit dem so mancher Verleger und Publizist seinen „Thaler“ zu machen verstand. Damals wie heute. Das liegt natürlich vor allem an der „Nostalgie“, die keine Erfindung unserer nüchternen Neuzeit ist, sondern sich weit in die Geschichte hinein zurückverfolgen lässt. Der Mensch, der am Ende eines Zeitalters lebt und sich dessen bewusst wird, blickt sozusagen „ganz natürlicherweise“ auf die vermeintlich gute, vielleicht gar bessere „alte Zeit“ zurück.

Soviel sei also vorausgeschickt, wenn ich hier ein paar alte Anekdoten und Zitate von und über Friedrich den Großen wieder ins Gedächtnis zu bringen versuche:

  • Schon im 18. Jahrhundert galt: Titel sind wichtig. Wenn sie auch nur Beamtentitel sind. So bat ein junger Verlobter den König um den Titel des „Geheimen Raths“, weil ihn die junge Frau seines Herzens sonst nicht heiraten würde. Friedrich ließ dem Mann bescheiden: „Ich ernenne Sie zum Geheimen Rath, da aber zu dieser Tätigkeit die Verschwiegenheit gehört, dürfen Sie es niemandem erzählen.“
  • Einer adligen Dame, die sich angeblich beim König über die schlechte Behandlung durch ihren Mann beklagte, soll Friedrich gesagt haben: „Das geht mich wirklich nichts an.“
    „Aber mein Mann schimpft auch immer über Ihre Majestät !“
    „Das wiederum geht Sie nichts an.“
  • Als der König einem Offizier in Friedenszeiten eine Auszeichnung verleihen wollte, bemerkte er dessen fehlende Freude darüber.
    „Majestät, ein Offizier Ihrer Armee sollte sich seine Auszeichnung auf dem Schlachtfeld verdienen.“
    „Guter Mann, ich kann doch Ihretwegen keinen Krieg anfangen !“
  • Als in der preußischen Armee ein neues Regiment aufgestellt wurde, bewarben sich dort ungewöhnlicherweise viele italienische Adlige auf Offiziersstellen. Der Regimentskommandeur fragte darauf beim König nach, was er tun solle. Friedrich beschied ihm:
    „Die Italiener mag ich. Ich bezahle viele von ihnen als Künstler an der Oper in Berlin. Als Soldaten aber taugen sie nichts, da es beim Militär nicht aufs Singen und Tanzen ankommt.“
  • Als vor Beginn des Ersten Schlesischen Krieges die Truppenbewegungen der Armee sich herumzusprechen begannen, fragte der neugierige, aber nicht in die Planungen eingeweihte General von Kalckreuth den König:
    „Wir werden doch wohl nach Schlesien ziehen ?“
    „Sind Sie verschwiegen ?“
    „Ja, Majestät.“
    „Sehen Sie, ich auch.“
  • Ein zugewanderter Kolonist, der vom preußischen Staat ein Grundstück, ein Haus und etwas Vieh erhalten hatte, dachte, er könne noch mehr herausschlagen. Er ließ sich beim König melden, wurde vorgelassen und erhielt abschlägigen Bescheid.
    „Dann werde ich wohl wieder gehen und woanders hinziehen müssen.“
    „Das tun Sie mal ruhig, ich würde es auch. Wüsste ich einen Ort, an dem es mir besser ginge, wäre ich auch dorthin unterwegs.“ (Phhh. Schwer, mir hier einen Kommentar mit Bezug zu aktuellen Ereignissen zu sparen.)
  • Ein Major wollte einst ein Fräulein von Kummer heiraten. Er bat den König um die Erlaubnis dazu. Friedrich schrieb ihm folgendes:
    „Haben wir auf Erden nicht schon genug Kummer, als dass Sie sich noch mehr davon aufladen müssen ?“
  • Eine Adlige bewarb sich immer wieder um die Stelle der Vorsteherin des Marienstifts in Königsberg wurde aber abgelehnt. Der König ließ die Angelegenheit prüfen und beschied ihr schließlich:
    „Die Stelle ist noch besetzt und ich kann ja schlecht die jetzige Vorsteherin totschlagen.“
  • Friedrich II. schätzte als Künstler oder Philosophen nur Franzosen oder Italiener. Von Deutschen hingegen hielt er nichts in diesem Bereich der Kultur. Als man ihm eine deutsche Sängerin für die Berliner Opfer empfahl, soll er gesagt haben:
    „Lieber will ich mir von einem Pferd eine Arie vorwiehern lassen, als eine deutsche Sängerin zu hören.“
    Es sagt aber viel über ihn aus, dass er der Dame dennoch eine Chance gab und laut Überlieferung soll sie sehr gut vom Blatt ab gesungen haben.
  • Abendessen beim König konnten z. T. lange dauern. Er lud sich Freunde und interessante „Durchreisende“ ein, tafelte ordentlich, aß viel und schwer und trank einiges an Wein. Als er älter wurde, konnte es vorkommen, dass er im Laufe des Abends einschlief. Da sich niemand der Anwesenden traute, die Runde zu verlassen, ohne das vorherige placet des Monarchen, konnte es zu folgender Szene kommen: Gegen 04.00 Uhr morgens erwachte Friedrich, fand die Kerzen heruntergebrannt und die Gäste dösend vor. Er knallte dann geräuschvoll seinen Spazierstock auf den Tisch und verkündete:
    „Meine Herren, Sie können jetzt heimgehen und sich ausschlafen. Ich hingegen fange dann mal gleich mit dem Arbeiten an.“

Es sei hier ausdrücklich angemerkt, dass sämtliche Anekdoten, die ich hier frei zitiere, unbelegt, unbewiesen und letztlich vielleicht von späteren Erzählern frei erfunden sind. Da sich einige dieser Geschichten jedoch in mehreren Anekdotensammlungen wiederfinden, sind diese zumindest populär oder vielleicht auch wieder wahr. Wer weiß…

Quellen:

Bilder:

  • von mir, 2015, 2017, 2018, all rights reserved

Anekdoten:

  • frei zitiert nach Norbert Albrecht, „Der Alte Fritz in Anekdoten“, Buchendorfer Verlag München, 2000

 

Friedhöfe: Waldspaziergang „in den Kisseln“

Zu den Orten, von denen man sich im Großstadtgewirr vielleicht am ehesten „Ruhe und Frieden“ verspricht, gehören sicherlich Parks und Friedhöfe. Wobei manchmal beides sich oft angenehmerweise überlappt und Friedhöfe auch interessante Parklandschaften abgeben, auf denen es sich gut spazierengehen lässt. Ein solcher „Gottesacker“ ist sicher der Spandauer Waldfriedhof „in den Kisseln“.

Sie wissen es ja vielleicht schon, liebe Leserinnen und Leser, dass ich vor ein paar Jahren damit begann, mich ein wenig auf den Friedhöfen der Stadt Berlin umzuschauen. Und wer meine älteren Beiträge kennt, weiß ja auch, dass ich nicht aus morbider Neigung dorthin gehe, vielleicht um Tote heraufzubeschwören, dem Teufel zu huldigen oder sonstige, finstere Rituale abzuhalten. Nein, anfänglich erstreckte sich meine Neugier rein auf Prominentengrabstätten, auf die ich während der Recherche für den ein oder anderen Stadtausflug hingewiesen wurde.

Später dann kam der angenehm beruhigende Aspekt eines Friedhofs-Spazierganges für mich hinzu. Es hat einfach etwas sehr schön Calmierendes, wenn man im langsamen Tempo, „super-entschleunigt“ sozusagen, durch die Reihen der Grabstätten schreitet, sich den gelegentlich aufwändigen Grabschmuck anschaut oder die alten Familiengrabstätten aus alten Zeiten bewundert. Zumeist sind Friedhöfe auch gut mit Bäumen bewachsen, so dass man auch im Hochsommer hier etwas Schatten findet. Ich persönlich empfinde das als angenehm.

So bietet etwa der 1886 eröffnete und ca. 60 ha große Waldfriedhof „in den Kisseln“ in Spandau dem langsamen Spaziergänger ebenfalls eine gute Gelegenheit, ein wenig sein „memento mori“ aus dem Hinterkopf ins Bewusstsein zu holen. Den Namen hat dieser Ort übrigens von einer alten Flurbezeichnung bekommen. „Küsseln“ wurden einst Kiefern-bewachsene Sandhügel genannt. Man kann sich also vorstellen, welcher Baum hier vorherrscht und wie die Bodenqualität bewertet werden muss.

„Ihren im Weltkrieg 1914 – 1918 gefallenen Söhnen, die Stadt Spandau“

Man wird aber auch nachdenklich an solchen Orten. Wenn man etwa zu diversen Grabfeldern für Opfer der Weltkriege gelangt. Oftmals mit interessanten Gedenksteinen, Plastiken oder Sinnsprüchen geschmückt, wird man oft erst hier ein wenig beklommen. Bekommt erst hier manche Details zu erfahren, die man eigentlich gar nicht „fassen“ möchte. So etwa auf dem Gräberfeld für die Gefallenen Spandauer des Ersten Weltkrieges. Das Erstaunliche nämlich ist, dass viele von ihnen Todesdaten von nach dem 11. November 1918 haben. Der Waffenstillstand wurde an diesem Tag unterschrieben, aber hier finden wir Opfer vom Dezember oder Januar 1919. Opfer von Kriegsverletzungen ? Gasvergiftungen ? Opfer der Revolutionswirren, für die man keine anderen Beisetzungsplätze fand ? Auf den ersten Blick ist das nicht zu erkennen. Es lässt den Besucher etwas ratlos zurück.

Auf dem Spandauer Friedhof „in den Kisseln“ finden sich mehrere Grabfelder für Soldaten und andere Opfer von Krieg und Diktatur. Es finden sich auch noch alte Familiengrabstätten, die einstmals die „Außenmauer“ des alten Friedhofes bildeten, bevor dieser zu Anfang des 20. Jahrhunderts erstmalig erweitert wurde. Schon damals war er und ist es bis heute geblieben, der wichtigste Friedhof Spandaus, sozusagen sein „Zentralfriedhof“.

Grabstätte Koeltzes in Spandau.

Seine Bedeutung ist auch daran zu ersehen, dass diverse Bürgermeister, Berliner Stadtälteste und sonstige Lokalpolitiker hier eine eigene „Abteilung“ haben. So ist etwa der erste, letzte und einzige „Oberbürgermeister“ Spandaus, der tatkräftige Friedrich Koeltze, hier beigesetzt. Wie es heißt, auf eigenen Wunsch übrigens nicht mit vollem Namen „Friedrich Wilhelm Georg“, sondern nur als „Fritz“ Koeltze.

Nun, auch die „Totenruhe“ kann natürlich nicht immer Priorität haben und so sind die eifrigen Grünpfleger des städtischen Friedhofs immer damit befasst, Rasenkanten zu trimmen, Äste zu beschneiden etc. Maschinenlärm und gelegentlich vorbeiflitzende Fahrzeuge der Friedhofsbetreuer mindern den Eindruck von Ruhe und Frieden gelegentlich etwas, aber man ist ja, die Spandauer mögen mir diese Aussage verzeihen, immer noch in Berlin, wo es eben immer etwas lebendiger zugeht, als anderswo.

Die Inschrift auf einem einzelnen Grabstein hat mich immerhin ein wenig mitgenommen, weil sie sich so merklich von den biblischen Sinnsprüchen und diversen rührseligen „wir vermissen dich“ – Botschaften abhob: „warum nur, warum“. Der unbewältigte Schmerz der Hinterbliebenen, das völlige Unverständnis darüber, wie ihre Lieben (es war ein Doppelgrab) ihnen vermutlich so abrupt entrissen werden konnten. Darüber lässt und ließe sich viel nachgrübeln. Über die Unvermeidlichkeit des Todes und die Tatsache, dass er oftmals zum „falschen Zeitpunkt“ für das persönliche Umfeld eintritt. Die krampfhafte Untröstlichkeit derer, die keinen Halt in Dingen wie dem Glauben, irgendeiner obskuren Philosophie oder Ähnlichem finden, sprang mich aus diesen drei Worten auf dem Grabstein an und machte mich ein wenig beklommen.

Nun, die Glocken des Turmes der „Feierhalle“ (da es kein kirchlicher Friedhof ist, kann man es nicht „Kapelle“ nennen) weckten mich dann aus meinen Überlegungen und so beschloss ich, meinen Vormittagsspaziergang wieder am Haupteingang zu beenden. Ich empfehle es weiter, sich hier ein wenig Ruhe beim Spazierengehen zu verschaffen, sich ein wenig mit Zeit und Vergänglichkeit, mit Krieg undTrost, Ruhe und gelegentlichem Fluglärm auseinanderzusetzen. Es erdet den Besucher ein klein wenig. Auch wenn der Friedhof „in den Kisseln“ kein ausgesprochener „Prominentenfriedhof“ sein mag, so ist er in jedem Falle die Zeit wert, sich ihn anzuschauen.

Nachtrag vom 12. November 2018:
Wenn der Friedhof „in den Kisseln“ für etwas Schlagzeilen machte in den letzten Jahren, dann war das die „Invasion der Schwarzkittel“. In anderen Worten: Wildschweine haben es sich auf dem Gelände gemütlich gemacht.
Wer es noch nicht wusste: seit Jahren schon dringen aus den Brandenburger Forsten Wildschweinfamilien nach Berlin ein. Da sie unverantwortlicherweise von Anwohnern gefüttert werden, haben sie oftmals die natürliche Scheu vor dem Menschen verloren und vermehren sich so fleißig, dass die Außenbezirke mit ihren Parks und Forsten schon öfters von ihnen heimgesucht wurden. Die Grünflächen vor meinem Wohnhaus z. Bsp. wurden vor einigen Jahren regelmässig von Wildschweinen aufgewühlt. Wer morgens das Haus verließ, sah die Spuren ihrer Suche nach Nahrung deutlich. Ein einzelnes Wildschweinpaar soll (ich habs nicht persönlich gesehen) sich vor einigen Jahren sogar bis zum Alexanderplatz durchgeschlagen haben. Einzelne Forsten haben zwischenzeitlich schon besonders beharrliche „Rotten“ zum Abschuss freigegeben.  Allerdings nicht durch private Jäger sondern nur durch Angestellte und Beauftragte der Forstämter.

die „wilde Wutz“

Langer Vorrede, kurzer Sinn: auch das eigentlich gut durch Zäune gesicherte Gelände des Friedhofes „in den Kisseln“ wurde irgendwann vom „wilden“ Borstenvieh entdeckt. Da Wildschweine keine dummen Tiere sind, fanden sie, wie so oft, einen Weg aufs Gelände. Wühlten sich sozusagen „unter den Zäunen durch“. Das Spandauer Bezirksamt, dem dieser Friedhof untersteht, versucht also seit längerer Zeit, diese Einfallsmöglichkeiten zu sperren. Durch Fundamente unter den Zäunen etc. Derweil haben es sich aber manche Schwarzkittel schon auf dem Gelände gemütlich gemacht. Das geht soweit, dass sie Grabstätten beschädigen und Absperrungen durchbrechen. Mittlerweile haben sich Betroffene Familienangehörige an das Bezirksamt gewandt und um Abhilfe gebeten.
Erst im September 2018 wurde in der Lokalpresse bekannt, dass ca.  150 Unterschriften gesammelt und über einen Vertreter der Friedhofsgärtnerei der Verwaltung überbracht wurden. Die Frage ist natürlich: wie bekommt man die „wilde Wutz“, wenn sie es gemütlich hat, wieder vom Gelände ? Na, ja, wir wissen, der Amtsschimmel wiehert laut, aber läuft sehr, sehr langsam. Ich bleibe dran und werde verfolgen, ob etwas passiert. Vermutlich gibts bald einen „Runden Tisch“ mit Vertretern von Tierschutzverbänden, der „Farm der Tiere“ und dem Rennschwein Rudi Rüssel….

Anfahrt:
am besten mit den „Öffentlichen“:
von „Rathaus Spandau“ mit dem Bus 134, Richtung „Wasserwerk Spandau“, bis Station „Friedhof in den Kisseln“.

Geöffnet:

07.30 Uhr – 18.00 Uhr