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Quer durch Berlin auf der Spree – Köpenick und sein Hauptmann

Berlin vom Wasser gesehen. Immer wieder beliebt. Bei schönem Wetter immer wieder eine Freude. Wenn man dann noch von Spandau nach Köpenick und zurück „schippern“ kann, bekommt man einiges zu sehen. Was könnte als Auftakt meiner Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“ also zwangloser sein ? Ein Besuch beim „Hauptmann von Köpenick“ als leichter Einstieg in ein schweres Thema. 

100 Jahre ist es her, dass die letzte, deutsche Monarchie sich auflöste. Meine Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“ befasst sich deshalb mit dieser ein wenig stiefmütterlich behandelten Epoche deutscher Geschichte. Trocken ? Langweilig ? Nicht mit mir ! Also fing ich mal mit dem sicher allgemein bekannten „Hauptmann“ in Köpenick an. Und wenn man dann noch bei schönem Wetter über die Spree „dampfern“ kann, wie sollte ein Anfang des Themas unterhaltsamer und angenehmer daherkommen ?

Ich gestehe: der „Hauptmann“ von Köpenick hinterlässt bei mir schon länger einen zwiespältigen Eindruck. Die ganze „Tränenzieher-Geschichte“ des vom rigiden Kastensystem der Kaiserzeit „Ausgespuckten“, armen Schusters, der sich trickreich verschafft, was ihm zusteht, erscheint viel zu sehr eine gefällige Legende zu sein, als dass sie einem genaueren Hinsehen standhielte. Und so ist es auch. Das, was wir als „Köpenickiade“ im Kopf haben, ist zum guten Teile eher dem Schriftsteller Carl Zuckmayer geschuldet, als den Fakten. Zuckmayer, der geschickt und detailreich in seinem Theaterstück das Bild des geläuterten Kriminellen schildert, der von allerlei Bürokratie an der Resozialisierung gehindert wird, gestaltet diesen Charakter vor dem Hintergrund eines militaristischen, unmenschlichen Systems des Kaiserreiches, welches dem „einfachen Manne“ keine Chance ließ, sich erfolgreich einzugliedern.

Zwar ist diese Betrachtung nicht völlig falsch, vieles, was Zuckmayer uns beschreibt ist einfach faktisch und kann leicht anhand von Quellen nachvollzogen werden. Dennoch ist es nur ein Teil der „Wahrheit“ über das kurzlebige Kaiserreich der Hohenzollern. Das hier auszuführen, würde diesen Beitrag unnötig verlängern. Wer auf dem Ausflug dabei war, dem habe ich meine Argumente ja auch ausgeführt. An dieser Stelle soll es mal ausreichen, zu betonen, dass uns Zuckmayer und die folgenden Verfilmungen seines Theaterstückes, mit so renommierten Darstellern wie Heinz Rühmann oder Harald Juhnke in der Titelrolle, ein stark „gefiltertes“ Bild der Kaiserzeit vermitteln. Ganz sicher auch ein gefiltertes Bild von Friedrich-Wilhelm Voigt, einem Manne, der schon im zarten Alter von 14 Jahren erstmalig straffällig wurde und letztlich eine lange „Karriere“ im Strafvollzug hinter sich hatte, bevor er das Rathaus von Köpenick besetzen ließ. „Opfer der Umstände“ ? Ja, teilweise, aber eben nicht ausschließlich. Auch hier muss präzise und mit Augenmaß differenziert werden, wie so oft beim „Blick zurück“ in die Geschichte.

Wie gesagt, darauf habe ich während unseres kurzen Spaziergangs durch die Köpenicker Altstadt ja schon hingewiesen, Details erübrigen sich dazu an dieser Stelle also. Stattdessen werde ich ein paar Eindrücke von der „Dampferfahrt“ an sich hier ventilieren:

  1. Baukräne, wohin man sieht

    Berlin sollte sein Wappen ändern. Allgegenwärtig im Stadtbild ist schlicht und ergreifend weniger der Bär, als vielmehr der Baukran. Als Mann, der gerne „Schnappschüsse“ von seinen Ausflügen mit nach Hause bringt, knipse ich gerne in alle Richtungen und alle Motive, die mir interessant erscheinen. Bei unserer Spreefahrt fiel es mir schwer, irgendwo einen schönen Blickwinkel hinzubekommen, auf dem KEIN Baukran mit auf dem Bild erschien. So gab ich irgendwann auf und ließ die Kräne erscheinen. Ist halt Realität in Berlin. Es wird gebaut. Viel und potthässlich. Wer etwa die Umgebung des Hauptbahnhofes oder die Region am Ostbahnhof um die „Mercedes – Benz Arena“ betrachtet, könnte denken, die Fassadengestaltung bei diversen Architektenbüros würden die Vorschul- und Krabbelkinder der dortigen Angestellten übernehmen. Klötzchenbildung mit etwas Glas oder mit Schießscharten-Fenstern. Lego-Ästhetik. Einfarbig zumeist. Einem Bau-Ästheten könnten dabei kalte Schauer über den Rücken laufen. Auch wegen der oftmals gewaltigen Dimensionen solcher Bauten. Eine bewusste „Verhässlichung“ Berlins ist im vollen Gange, ein Bauen ohne Rücksicht auf den Ort, eine De-Lokalisierung, die dazu führt, dass manche „Stadtquartiere“ jüngerer Bauart so aussehen, als könnten sie genauso in Hamburg, Frankfurt, Cottbus, Montpellier, San Bernardino oder Shanghai stehen. Man erkennt Berlin nicht wieder. Als Mann, der seine Stadt und deren Besonderheiten auch gerne mit Besuchern teilt und ihnen Berlin zeigt, möchte man ab und an einfach vor Scham im Boden versinken. Vor Peinlichkeit dessen, was dank Leuten wie der Berliner Oberbau-Direktorin Regula Lüscher, seit Jahr und Tag hier in den Märkischen Boden gerammt wird.

  2. Kraftwerk Reuter – West

    Die Berliner Spree ist letztlich in weiten Teilen kein „schöner“ Fluss. Und dies war lange Zeit auch so gewollt. Die Ansiedlung und der Weiterbetrieb von Industrie sowie die Nähe zu diversen Kraftwerken, die lange Zeit hier auch ihr Kühlwasser abzogen, hat eine mächtige Tradition. Eine Tradition, die schon in der Zeit vor der „Reichseinigung“ 1871 ihren Anfang nahm und danach noch einmal massiv beschleunigt wurde. Oberschöneweide, Adlershof, Siemensstadt…wo immer die Spree vorbeikommt, war einst auch Schwerindustrie zu finden.
    Das hat auch Auswirkungen bis heute. Letztlich sind die „fotogenen“, die „hübschen“ Abschnitte der etwa 45 km langen „Berliner“ Spree zahlenmäßig begrenzt. Die Strecke zwischen Lutherbrücke und Treptower Hafen etwa kann mit vielen, interessanten (Foto-) Motiven aufwarten, wie etwa dem Kanzleramt, der Mühlendammschleuse oder der Oberbaumbrücke. Dann wird es stromaufwärts erst wieder kurz vor Köpenick so recht interessant und später darüberhinaus ohnehin, aber so weit ging unsere Fahrt an diesem Tage eben nicht.

  3. „Wappen von Spandau“

    Ein ehrlicher Dank an die Reederei, die uns an diesem Tage durch die Stadt schipperte. Ich werde ihren Namen nicht nennen, um keine „Schleichwerbung“ zu machen, nur den des fast noch „nagelneuen“ Schiffes, welches sie dafür einsetzte, erwähne ich mal: „Wappen von Spandau“. Erst im April in Dienst genommen. Doppelt so viele Toiletten, wie üblich…wer Stunden auf dem Schiff verbringt, weiß das zu schätzen, :-). Die Dieselmotoren hatten auch ordentlich „Druck“, wenn es mal gegen Strömungen anging. Dass die Farben Schwarz-Rot-Gold am Heck wehten, wusste ich „böser, alter, weißer, nationalistischer Mann“ auch zu schätzen in einem Land, dessen Fußballer diese Farben gerade von ihren Trikots verbannt haben.
    Die Getränke waren teuer, aber superkalt. Ein „live – Moderator“ erzählte selbst mir erfahrenem cityguide noch einige Dinge, die selbst ich nicht gewusst hatte. Leider funktionierte die Lautsprecheranlage auf dem hinteren Oberdeck nicht gut und auch die fröhlich dahinquasselnde Damenrunde am Nachbartisch überdeckte manch interessante Info des Sprechers.
    Dankbar bin ich für die Hinweise, wann eine Brücke sehr flach über unsere Köpfe hinwegging, damit wir rechtzeitig die Köpfe einziehen konnten. Stichwort: „Jannowitzbrücke“. Auch hier ein Dankeschön an die freundlichen Mitarbeiter der Reederei !

Uniformrock des „Hauptmanns“ in Köpenick

Fazit: Vergnüglich gings zu auf dem ersten Ausflug der Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“. Das Wetter war gnädig, die schwüle Hitze der vorangegangen Tage war abgezogen und die Sonne beschenkte uns mit schönen Ansichten der Stadt. Dem „Hauptmann von Köpenick“ konnten wir uns direkt „vor Ort“ widmen. Seine Uniform sehen und den Tresor, den er ausräumen ließ. Das Köpenicker Heimatmuseum hat dazu nämlich im Rathaus zwei Informationsräume eingerichtet, die man kostenfrei an jedem Öffnungstag besichtigen kann. Ich denke, es war ein guter Anfang für das Thema. Nicht zuviel trockenes „Blabla“, stattdessen viel entspanntes Dahindampfern auf der Spree und nette Gespräche. Zu denen sich auch noch ein „Zufallsbesucher“ aus den Reihen der anderen Gäste gesellte, der über die Hohenzollern mehr Anekdoten kannte, als sogar ich.

Weiter gehts dann bald mit einem Spaziergang durch den Park Babelsberg. Auch dort wieder halten wir kurz die Zeit an und widmen uns dem „Rad der Geschichte“, welches hier ins Rollen kam. An einer höchst profanen Stelle sogar, aber mehr dazu, sobald es losgeht. Bitte schauen Sie demnächst wieder auf der „Termine“-Seite vorbei, wo ich wie immer die Details bekanntgeben werde. 🙂

Bis bald also wieder Ihr

Clemens Kurz

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In eigener Sache: Veränderungen dank „Datenschutz“

Liebe Teilnehmer und Freunde meiner kleinen (kostenlosen bzw. von mir nicht mit eigenen Kosten belegten, darauf muss ich jetzt immer hinweisen !) Stadtspaziergänge und Ausflüge in unsere Region: 
Die EU hat uns ein „hübsches, neues Geschenk“ gemacht. Die DSGVO, eine Datenschutzverordnung, die ab 25. Mai 2018 in Kraft tritt. Was sich daraufhin hier im Blog ändern wird, liste ich in diesem Beitrag kurz auf. Denn obwohl ich KEIN kommerzielles Angebot selbst erstelle, nutze ich dennoch mit wordpress und einigen derer plugins Drittanbieter, die möglicherweise Daten von Nutzern dieses Blogs erfassen könnten. Insofern gilt jetzt:

  • Hier im Blog werden ab sofort KEINE neuen Fotos von noch lebenden, natürlichen Personen mehr erscheinen. Zumindest nicht mehr „ungefiltert“, wo dann die Person als Individuum erkennbar wäre. Die Einspruchs-, Widerspruchs- und sonstigen Rechte, die Abgelichtete jetzt haben, da Digitalfotos ja laut EU eine Art von „Datenerfassung“ seien, können zu absurden Einsprüchen der entsprechenden Personen und zu ebenso skurrilen Löschanordnungen von Gerichten führen. Ich bin eben kein von einem Massenmedium angestellter Profifotograf. Für die gelten Ausnahmen.
    Auf Rechtsstreitigkeiten dementsprechender Art habe ich keine Lust, ich habe kein Geld, sie zu führen und will auch keine Zeit und keine Nerven für solchen Blödsinn aufwenden. Kurz gesagt: alle Fotos, die ich selbst erstelle, mir von frei nutzbaren Quellen legal verschaffe etc. werden ab sofort keine Personen mehr abbilden, die noch leben, die als Individuen eindeutig kenntlich sind (ich denke über Ausnahmen für zeitgeschichtlich relevante Personen nach…), oder diese Abbildungen werden nur noch mich selbst zeigen. Da ich MEINE Zustimmung zur Erfassung, Bearbeitung und Publikation meines eigenen Abbildes grundsätzlich immer voraussetzen kann. 🙂
  • Ab sofort werden alle neuen Beiträge dieses Blogs nicht mehr DIREKT über wordpress oder über Anbieter wie „Disqus“ etc. kommentiert werden können ! Das tut mir sehr leid für Sie, liebe Leser, aber anders geht das nicht mehr. Da Sie beim Kommentieren zur Preisgabe von Namen und e-mail-Adresse aufgefordert werden, werden also persönliche Daten von Ihnen erfasst, was ich vermeiden will. Denn sonst können schlaue „Abmahnanwälte“ versuchen, mich mit Unterlassungserklärungen usw. in den Ruin zu treiben. Weil ich ein Privatmann und kein Unternehmer bin, würden sie direkt mein Privatvermögen angreifen.
    Kommentare können Sie in Zukunft nur noch (ANONYM, sorry, beschweren Sie sich bitte bei Ihrem Europa-Abgeordneten oder bei der Bundesregierung, ich bin dafür nicht verantwortlich !) per e-mail an: „ckstadtspaziergaenge@gmx.de“ abgeben. Bitte unter Angabe des Artikels, den Sie kommentieren mögen. Danke ! Oder kommentieren Sie doch bitte die geteilten Beiträge auf der Facebook-Seite „https://www.facebook.com/Stadtspaziergaenge weiterhin direkt.
    Ich muss um Ihr Verständnis bitten, dafür, dass ich bis auf weiteres so vorsichtig vorgehen muss. Sollte sich die Rechtspraxis in der Zukunft dazu durchringen, hier Änderungen herbeizuführen, zumindest für Privatleute, dann werde ich auch darauf zu reagieren wissen. Versprochen.
  • Hat sich Heinrich von Stephan, der Vorkämpfer für internationalen Postverkehr und damit Datenaustausch, das so vorgestellt ? Vermutlich nicht.  Ruhe er in Frieden. Übrigens auf einem der „Friedhöfe vor dem Halleschen Tore“ in Berlin.

In diesem Sinne verbleibe ich bis zur ersten Abmahnung, weil ich wieder irgendein Detail übersehen habe, und dann meinen Blog dichtmachen muss:

Ihr

Clemens Kurz

Museumsfest 2018 in Karlshorst

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kann ich es ja gestehen: der Achte Mai ist meist ein schöner Tag für mich. Frühling liegt in der Luft und das „Deutsch-Russische Museum Karlshorst“ in Berlin feiert sein Museumsfest. Aus gegebenem Anlass, natürlich. Denn hier endete am 08. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa. Ein Freund erinnerte mich in diesem Jahr rechtzeitig wieder an das Datum und so trabten wir beide denn wieder nach Karlshorst, um beim Museumsfest anlässlich des Achten Mai mit dabei zu sein. 

Hof des Museum. Festtag, Festwetter !

Das Programm, welches die Museumsleute von Karlshorst dort auf die Beine stellen, gefällt mir eigentlich immer recht gut. Es ist nicht zu „rummelig“ oder aufgeblasen. Der Anlass verbietet das m. E. n. auch von selbst. Der Garten hinter dem Museumsgebäude wurde mit Zelten gefüllt. Einige davon boten Informationen an, wie etwa der Verein „Zeitreise Seelower Höhen e. V.“, der im Oderbruch ein ganzes Bündel an hochinformativen Ausflügen anbietet. Wer sich noch an unseren Ausflug vom April erinnert, wird wissen, was ich meine. Andere Vereine informierten über ihre Arbeit, es gab einen Büchertisch und natürlich war auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Ein „SU-100“ Jagdpanzer aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, dessen Inneres seit Jahren schrittweise konserviert wurde, konnte wieder von innen besichtigt werden, was ja sonst nicht so oft möglich ist und die kostenlosen Führungen durch die Dauerausstellung des Hauses boten wieder viel Informationen und Anregungen zum Nachdenken.

Friedensgottesdienst am 08. Mai

Überhaupt war das „nie wieder“ von Krieg, Vertreibung, Gewalt und Massenmord der Rote Faden, der sich durch Vorträge, Gespräche und sogar Gebete zog. Denn das Museum hat an diesem Tag auch traditionell einen ökumenischen Friedensgottesdienst auf dem Programm, den ich persönlich mir nie entgehen lasse. Dass in diesem Jahr beinahe demonstrativ ein russisch-orthodoxer Geistlicher dabei fehlte, wurde vom Museumsdirektor Jörg Morré, mit dem ich ein kurzes Gespräch unter vier Augen führen konnte, damit begründet, dass die russisch-orthodoxe Kirche derzeit mit der Ökumene größere Schwierigkeiten habe. Nun, ja, meinen Informationen nach hat die allzugroße Verweltlichung der „Westkirchen“ den Orthodoxen der „Ostkirchen“ auch wenig anderes übrig gelassen, aber das sei mal dahingestellt, es ist nicht Thema dieses Beitrages. Auch die Ironie, dass beim Gottesdienst Friedensgebete unterhalb der Kanone eines Kampfpanzers, eines Instruments des Krieges, gesprochen werden, entgeht dem Beobachter natürlich nicht (s. Foto oben).

Auch die fast schon „obligatorische“ Kundgebung von Rechtsextremisten, die aus irgendeinem Grund dieses Fest seit Jahren von draußen auf der Straße zu stören versuchten, fiel diesmal möglicherweise dem schönen Wetter zum Opfer. Auch Neonazis gehen am 08. Mai bei strahlendem Sonnenschein vielleicht mal lieber zum Baden, wer weiß das schon. Möglicherweise gab es auch keine Genehmigung für eine Kundgebung wie im letzten Jahr. Gefehlt haben die Krakehler jedenfalls niemandem der Anwesenden. Mir ganz sicher auch nicht.

Soweit zu den erfreulichen Aspekten des Museumsfestes 2018 in Berlin-Karlshorst. Leider beschlich mich in diesem Jahr stärker als in der Vergangenheit auch ein mulmiges Gefühl an diesem Ort, das am Ende des Tages einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterließ. Schon bei der Eröffnung des Festes, bei der u. a. der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Herr Sergej Netschajew, zugegen war, gab es m. E. n. den ein oder anderen kommentierenswerten Vorfall. So sprach ein Vertreter der „Veteranen der Westgruppe der Streitkräfte der Roten Armee“ uns alle gleich mal pauschal als „Genossen“ an. Was in mir die Erinnerung daran weckte, dass dieser sicherlich hochverdiente Offizier einst Truppen kommandierte, die meinem Land, der Bundesrepublik Deutschland, bei entsprechendem Befehl den Garaus gemacht hätten. Die mich, meine Freunde, Bekannten und Verwandten allesamt unter dem Rasseln von Panzerketten dem Staatssozialismus unterworfen hätten. Auch die Bilder vom 17. Juni 1953 erschienen wieder vor meinem geistigen Auge, bei denen T-34s der Roten Armee wie etwa der im Museum zu sehende den Volksprotest plattwalzten. Dazu finde ich im Museum übrigens auch nichts mehr. Hm. Mein Freund bemerkte dazu, dass der gerade erwähnte Veteran halt schon ein älterer Herr sei und das mit den „Genossen“ nicht besser wisse. Er hat natürlich Recht. Dennoch bleibt bei mir das mulmige Gefühl zurück.

Aber das ist natürlich „Schnee von Gestern“, ebenso wie der Heldenkult um Marschall Schukow, der aber durch das Geschenk einer staatlichen, russischen Kulturorganisation (eine Büste von Schukow mit Mütze, eine „ohne Mütze“ hatten wir schon mal im Museum) ein wenig penetrant wieder zutage trat. Sorry, aber wir Deutschen haben spätestens seit 1945 ein gestörtes Verhältnis zu militärischen „Helden“. Vielleicht mehr zu unseren eigenen, als denen der „Sieger“, aber dennoch. Ohne der Tatsache, dass Georgij K. Schukow sicherlich der militärisch fähigste Marschall der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg war, zu nahe treten zu wollen: ihn aber permanent als „Marschall des Sieges“ zu titulieren, wie es wohl in Russland üblich ist, hinterlässt Fragen.

Z. Bsp. die im Museum konsequent ausgeblendete Frage, ob nicht der Sieg von Schukows Truppen in seiner Konsequenz nur dafür sorgte, dass das abscheuliche Hitler-Regime in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) durch den brutalen und intoleranten Stalinismus abgelöst wurde. Eine „Befreiung“ zweifelhafter Natur, wie ich auch bei Besuchen im Treptower Park immer mal wieder Freunden und Besuchern klarzumachen versuche, aber das gehört jetzt nicht hierher.

Auch andere Fragen werden im Museum kleingehalten oder durch das permanente, manchmal unnötig emotional konnotierte Fokussieren auf deutsche Kriegsverbrechen überlagert. Selbst einer der sehr guten Museumsführer gab zu, dass auch ihm bewusst ist, wie sehr der Hitler-Stalin-Pakt für Deutschland den Startschuss für den Angriff auf Polen gab, während er der Sowjetunion Zeit verschaffen sollte, um die während der Schauprozesse der Dreißiger Jahre „geköpfte“ Rote Armee wieder mit fähigen Führungsoffizieren zu versehen. Gegen wen hätte Stalin diese neue, Rote Armee dann aber wohl in Bewegung gesetzt ? Gegen Finnland ? Japan ? Oder stimmt die in englischsprachigen Ländern lange Zeit aufrechterhaltene These, dass die im Hitler-Stalin-Pakt festgeschriebene Abgrenzung der Osteuropäischen Interessenssphären zwischen den zwei Diktaturen auch von Stalin nur als „vorläufig“ angesehen wurde ? Haben die Westmächte jemals darüber nachgedacht, dass sie später einem Manne, der Ostpolen von Hitlers Gnaden annektiert hatte („Katyn“ sei als Stichwort mal genannt. Ein Begriff der noch heute polnisches Misstrauen gegenüber Russland begründet.), die Hand gaben ? Teufel mit dem Beelzebub austreiben ?

SU-100 Jagdpanzer der Roten Armee

Alles Fragen, die m. E. n. in der historischen Forschung legitim sind und die an einem Ort der Forschung und Geschichte durchaus ihre Berechtigung hätten. Auch Fragen, die eine Versachlichung des Dialogs deutscher und russischer Historiker befördern könnten, vielleicht und gerade wenn dazu unterschiedliche Ansichten bestünden. Nur im Gedankenaustausch eines Spannungsfeldes kann fruchtbarer Dialog entstehen, wenn hingegen Zweie derselben Meinung sind, herrscht üblicherweise Langeweile.
Leider reflektiert das Deutsch-Russische Museum, spätestens seit der Umgestaltung der Dauerausstellung im Jahre 2012 solche kritischen Fragen nicht mehr, sondern fokussiert sich auffällig auf deutsche Kriegsverbrechen, den Holocaust und ein m. E. n. pauschales und unreflektiertes Diskreditieren der deutschen Wehrmacht.

Deshalb mein Fazit zu diesem Achten Mai und zum Museum im Jetztzustand:
Das Deutsch-Russische Museum ist immer mehr zum rein Russischen Museum geworden. „Genossen“ bejubeln den „Marschall des Sieges“ Schukow, feiern unkritisch die Rote Armee (wobei sie Kriegsverbrechen von dieser Seite konsequent ausblenden oder mit NS-Verbrechen „gegenrechnen“) oder machen Sonderausstellungen zu deren „Jubiläum“ usw. Das mag im Streitkräftemuseum zu Moskau so üblich und „normal“ sein. Ob das aber auch hierzulande so sein muss, könnte durchaus mal diskutiert werden, finde ich. Auch und gerade an einem Ort, der beiden Völkern und dem Frieden zwischen ihnen gewidmet ist.

 

P.S.: Ein paar ungeordnete Gedanken in diesem Kontext; sie gehören nicht mehr zum Artikel und und dürfen also gerne auch ignoriert werden…
Überhaupt leidet die „Gedenkkultur“ bei uns noch immer daran, dass sie nach 1945 nur den Blickwinkel der Sieger einnehmen durfte und dies bis heute tut. Die letztlich sinnlosen Leiden des einfachen „Landsers“ oder der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg dürfen und durften lange Zeit gar nicht diskutiert werden und stehen auch heute noch immer unter dem „aber Nazi-Deutschland hat ja den Krieg begonnen“-Vorbehalt. Eine Tatsache, die ja nun wirklich kein ernsthafter Historiker bestreitet, die aber weder alliierte Kriegsverbrechen rechtfertigt oder relativiert (sie wollten ja die „Besseren“ sein und Europa von solchem Unwesen befreien) noch die Trauer um die deutschen Gefallenen und Kriegsopfer ausschließen sollte. Selbst sowjetische Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ sollen ja bei Besuchen in Seelow in den 60er und 70er Jahren schon mal ganz sachlich gefragt haben, wo denn die deutschen Gefallenen zu finden seien. Sie waren dann verwundert, wenn sie keine oder nur herumgedruckste Antworten bekamen. Bezeichnend, bis heute.
Mit anderen Worten: Der sachliche, beschreibende Blick auf die Ereignisse des Zwanzigsten Jahrhunderts macht, m. E. n. das Schreckliche der Ereignisse deutlicher, als der mittlerweile übliche hochemotionale, politisch instrumentalisierte und überfrachtete Ansatz, der allzusehr nach Selbstgerechtigkeit und rückblickendem Hochmut riecht. Wer weiß schon, wie er oder sie unter den Bedingungen der Faschismen, Sozialismen und sonstiger „-ismen“ gehandelt hätte ? Hätte man wirklich unter konkretem Verfolgungsdruck seine Menschlichkeit bewahrt und kann sich deshalb das Recht herausnehmen, verachtungsvoll auf die Vorfahren zurückblicken ? Ich zumindest maße mir diese Beurteilung für mich selbst nicht an. Der weitgehend unkritische Blick auf die „Helden“ der Roten Armee befriedigt mein Bedürfnis nach Wahrheit aber auch nicht. Wie immer liegt der beste Weg vermutlich in einer Art von Kompromiss.

Gedenkstätte Seelower Höhen – Ausflug zur Oder

Lange hatte ich es angekündigt, einmal sogar schon gesundheitsbedingt abgesagt, aber endlich machte sich unser kleines Grüppchen auf, die „Gedenkstätte Seelower Höhen“ im Landkreis Märkisch-Oderland zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein und erfrischendem Wind kraxelten wir die Seelower Höhen hinauf, um an diesem einzigartigen Ort der Ereignisse vom April 1945 zu gedenken.

Die Gedenkstätte Seelower Höhen markiert ein trauriges Ereignis der Geschichte. Hier im Oderland, nördlich und südlich der damaligen „Reichsstraße 1“ wurde die letzte, großflächige Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden ausgefochten. Hier erreichte die Rote Armee den entscheidenden Durchbruch auf dem Weg nach Berlin. Hier starben zehntausende Soldaten beider Seiten in einem längst zu Gunsten der Sowjetunion entschiedenen Konflikt.

Das kann selbst Daueroptimisten am „homo sapiens“ zweifeln lassen. Die Fähigkeit der Menschen, ihren Artgenossen unsägliche Dinge anzutun, ist scheinbar grenzenlos. Ehrenwerte Motive werden schnell verbogen, missbraucht und im Namen irgendwelcher „höheren Werte“ pervertiert. Gerade der hochmotivierte Idealist kann für schreckliche Dinge ausgenutzt werden. Das sollte übrigens auch uns, den Nachfahren der Weltkriegsgeneration, eine Mahnung für die Gegenwart sein. Auf beiden Seiten.

Daran musste ich unweigerlich denken, als wir an einem angenehmen, nur leicht windigen, Aprilvormittag in Seelow ankamen und die Gedenkstätte dort besuchten. Und wir waren beileibe nicht die einzigen Besucher. Mehrere Gruppen absolvierten gerade ein geführtes Programm, als wir eintrafen. Sie kraxelten dabei ganz unvoreingenommen auf einem alten T-34 Panzer der Roten Armee herum, der auf dem Vorhof des Museums zu sehen ist.

Von der Roten Armee ging auch direkt nach Ende der Kampfhandlungen 1945 die Initiative aus, entlang ihrer Vormarschroute nach Berlin Soldatenfriedhöfe und Denkmale anzulegen. Ein solches stand z. Bsp. bis 2009 in Küstrin/Kostrzyn, dessen Einnahme der Roten Armee die Vorbereitung zum Sturm auf Berlin vereinfacht hatte. Das zweite dieser Denkmale ist der Soldatenfriedhof hier in Seelow, der zusammen mit dem unterhalb gelegenen Museum seit 1972 die Gedenkstätte bildet. Das dritte Denkmal finden wir an der „Straße des 17. Juni“ in Berlin, ganz in der Nähe des Reichstages.

Das kleine Museum hier in Seelow fasst auf anschauliche Art die Ereignisse des April 1945 zusammen. Im Vorführraum erwartet den Besucher ein 3-D-Modell des Kampfschauplatzes von damals. Und ein kurzer Dokumentarfilm voller originalem Filmmaterial aus dieser Zeit macht dem Besucher den Kontext und den Verlauf der Schlacht deutlich. Er hinterlässt übrigens auch den zuvor schon von mir geschilderten, bitteren Geschmack im Munde angesichts all des Hasses mit dem damals Menschen manipuliert wurden, ihren Artgenossen übelstes anzutun.

Der Soldatenfriedhof oberhalb des Museums erschien uns allen in einem erfreulich gut gepflegten Zustand zu sein. Mit Blick in Richtung Oder gelegen, können die Toten hier tatsächlich in Frieden ruhen. Allerdings, wie schon angedeutet, nur die Toten der einen Seite. Für die Gefallenen der deutschen Seite wurden erst sehr spät Gräber-Abschnitte auf dem Stadtfriedhof Seelow und im südlich von Berlin gelegenen Halbe auf dem dortigen „Waldfriedhof“ angelegt. Selbst Veteranen der Roten Armee, die Seelow besuchten, sollen schon zu DDR-Zeiten öfters erstaunt darüber gewesen sein, dass ihre ehemaligen Gegner, ganz im Geiste des „Sozialismus im Arbeiter- und Bauernparadies“ scheinbar nicht existiert hatten.

In jedem Falle regt ein Besuch hier zum Nachdenken über viele Dinge an. Etwa über die riesige Bronzeskulptur, die den Ort überragt und die aus derselben Werkstatt (Gießerei Noack aus Berlin) stammt, wie die zwei knieenden Rotarmisten-Figuren im Treptower Park. Wir jedenfalls nutzten gemeinsam diesen Ausflug zum anregenden Gespräch, natürlich auch dazu, kräftig zu fotografieren. Und so vergingen schnell ein paar, nur durch ein kurzes Picknick im Museumshof unterbrochene, Stunden hier vor Ort.

Hier lasse ich gerade den „Fachmann“ heraushängen… haha.

Dass wir den Heimweg nach Berlin dazu nutzten, einen Zwischenstopp in Frankfurt/Oder einzulegen, sei hier nur am Rande erwähnt. Das schöne Wetter lockte uns dort fast zwangsläufig in ein Eiscafé und so konnten wir, nachdem wir noch kurz über die Oderbrücke geschlendert waren, mit vielen frischen Eindrücken wieder nach Hause fahren.

In diesem Sinne: vielleicht sind Sie ja beim nächsten Mal mit dabei, wenn ich wieder in Berlin oder Brandenburg unterwegs bin. Ich werde Sie dann in jedem Falle natürlich so früh wie möglich wieder dazu einladen. 🙂 (Siehe Terminseite !)

Ihr

Clemens Kurz

P.S.: Details zur „Gedenkstätte Seelower Höhen“ wie Adresse, Öffnungszeiten und Anreisemöglichkeiten erhalten Sie bei Interesse natürlich auf deren Webauftritt. Hier:
http://www.gedenkstaette-seelower-hoehen.de/cms/

Fotos:

  • von mir, (c) 2018,
  • von A. Schildhauer, (c) 2018, used with permission

Erinnerungsorte: Soldatenfriedhof Berlin-Schönholz

Liebe Leserinnen und Leser, vor einigen Jahren machte ich mich auf, um für ein Videoprojekt die bekanntesten drei Soldatenfriedhöfe der Roten Armee in Berlin zu besuchen. Später kam ich gelegentlich noch hierher, um Fotos zu machen oder Gästen diese Orte zu zeigen. Im Laufe der Zeit entdeckte ich an immer mehr Orten kleine Soldatenfriedhöfe, Gedenkorte der Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges. Diejenigen davon, die mir dabei am meisten auffielen oder irgendeine Besonderheit aufweisen, möchte ich Ihnen in der Reihe „Erinnerungsorte“ vorstellen:

Pankow-Schönholz. Die ehemalige „Schönholzer Heide“. Einst ein beliebtes Ausflugsgebiet der Berliner (ob hier wohl „Bolle“ zu Pfingsten die durch das Volkslied bekannte Schlägerei tatsächlich mitgemacht hat, sei einmal dahingestellt), heute geprägt durch Friedhöfe und Sportplätze.

Der bekannteste Friedhof hier ist natürlich das sowjetische Ehrenmal Berlin-Schönholz. Ab Mai 1947 errichtet, stellt es in gewisser Weise den Abschluss der Reihe sowjetischer Soldatenfriedhöfe im Berliner Stadtgebiet dar. Als der Bau begonnen wurde, stand der Friedhof in der Nähe des Reichstages bereits und der Bau der Gedenkstätte Treptower Park war im vollen Gange.

An dieser Stelle sei mir ein persönliches Wort gestattet: von den soeben erwähnten drei Mahnmalen der Roten Armee in Berlin  ist mir dieses hier das Liebste. Es wirkt am wenigsten martialisch, weniger den „Sieg“ als „Befreiung“ herausposaunend. Alles wirkt hier irgendwie einen Tick ruhiger, sachlicher. Vielleicht auch gerade deshalb etwas eindrucksvoller, ergreifender, als an der Straße des 17. Juni oder in Treptow (sorry, Leute, Berlin-Buch lasse ich mal außen vor).

Die ganze Atmosphäre ist mehr dem Gedenken, der Trauer und Besinnung gewidmet. Die einzige Voll-Plastik in Schönholz ist eben gerade KEIN Soldat mit Bewaffnung, der demonstrativ „den Faschismus“ zertritt oder ein Kind rettet oder wie immer sich die „Befreier“ aus dem Osten zu dieser Zeit sonst noch gerne selbst sahen. Hier ist die trauernde „Mutter Heimat“ dargestellt, ebenfalls ein beliebtes, russisches Motiv nicht nur dieser Epoche. Sie steht bereits wieder, nachdem sie ihren gefallenen Sohn zur letzten Ruhe unter eine Fahne gebettet hat und sie hält einen Siegerkranz in der Höhe seines Kopfes aufrecht.

Ganz bewusst wird das übermäßig Kriegerische, wird die martialische „Pflichtthematik“ bereits an der „Außenmauer“, am wuchtigen Portal der Anlage abgearbeitet. Den Symbolen der verschiedenen Waffengattungen der Roten Armee werden dabei Bronzereliefs von Soldaten in „Aktion“ beigeordnet. Das alles zeigt aber wie gesagt „nach außen“, sozusagen vom eigentlichen Friedhof „weg“. Wer das Portal durchschritten hat, hat diese Sphäre des „Kampfes“, des „Krieges“ ebenso wie die Gefallenen, die hier bestattet sind, bereits hinter sich gebracht. 13.000 Offiziere und Mannschaften sollen das übrigens laut offiziellen Zahlen der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt sein.

Hinter der „Matj Rodina“, der Mutter Heimat, weist ein 33,5 m hoher Obelisk aus hellem Syenit himmelwärts. Er ist ein weithin sichtbarer Punkt auf der Mittelachse der Anlage. Diese wurde von 2010 – 2013 generalsaniert. Als Folge der „zwei-plus-vier-Verträge“ hatte sich die Bundesrepublik dazu verpflichtet, diese und ähnliche Anlagen auf eigene Kosten zu pflegen und zu erhalten. Dies war, wie ich aus eigener Anschauung sagen kann, zum soeben erwähnten Zeitpunkt auch dringend notwendig geworden, da die Anlage dem „Zahn der Zeit“ doch zuvor deutlich hatte Tribut zollen müssen. Die Sanierung stellte den ursprünglichen Zustand der etwa 27.500 qm großen Anlage wieder her.

Ich empfehle einen Besuch hier. Gerade, wenn die Blumenbeete erblühen, ergibt sich ein für einen solchen Ort ungewöhnlich „hübsches“ Bild.  Wie immer bei diesem und ähnlichen Gedenkorten findet man auch eine gewisse Ruhe hier, zumal die Anlage komplett von einer Mauer umgeben ist. Die Flugzeuge, die von und nach Tegel fliegen, hört man aber leider dennoch. Bis der BER kommt, also bis zum…St. Nimmerleinstag. 🙂

Quellen:

Text:

Bilder:

  • von mir, (c) 2015

Adresse:

  • Germanenstraße 43,
    13156 Berlin

Anfahrt:

  • Bus 155 (z. Bsp. ab S-Bahnhof „Pankow“) in Richtung „Wilhelmsruh, Fontanestraße“ bis Haltestelle „Berlin, Ehrenmal Schönholz“

Öffnungszeiten:

  • April – September:
    07:00 – 19:00 Uhr,
  • Oktober – März:
    08:00 – 16:00 Uhr

Persönlichkeiten: Heinrich von Stephan – der „Postler“

Es gibt Menschen, die nur für eine Sache leben. Deren ganze Existenz sich letztlich nur um eine einzige Sache dreht und die, so sie damit erfolgreich sind, auch nur dafür bekannt werden. Das mag uns „heutigen“ Menschen ein wenig eindimensional vorkommen, aber solche Fachleute bringen oftmals das Genre ihrer Leidenschaften maßgeblich weiter. Denken wir etwa an Künstler oder Erfinder. Als Mann solchen Schlages sehen wir heute Heinrich von Stephan. Den „Postler“.

Heinrich Stephan wurde in Pommern geboren. In Stolp und zwar im Jahre 1831. Es macht mich immer stolz, wenn ich einen anderen Pommern loben und beschreiben darf. Wie alle Leser dieses Blogs ja mittlerweile wissen, stammt die Familie meiner Mutter ebenfalls aus diesem ebenso weiten, wie armen Landstrich, der aber heutzutage zumindest wieder durch bezahlbaren Ostsee-Urlaub im Nachbarland Polen bekannt ist.

das „Museum für Kommunikation“

Stephan war zwar kein „Wunderkind“, aber er soll so ordentliche Abschlüsse erlangt haben, dass ihm eine solide Beamtenkarriere sicher war. Seine musikalische Begabung trat dahinter zwar zurück, war aber dennoch sichtbar. Und wie alle „sturen Pommern“ hatte sich von Stephan schon früh auf sein Gebiet festgelegt: ab 1848 war er bei der Post. Arbeitete sich von ganz unten in Stolp über die Beamtenanwärterschaft in Marienburg bis zum Postassistenten der Oberpostdirektion Danzig hoch. Innerhalb von etwa zwei Jahren. Noch Fragen ? 🙂 Speziell, wenn ich ihn als „Postverrückten“ bezeichne ?

Jetzt erspare ich Ihnen all die kleinen Schritte auf der Beamtenleiter, die Heinrich Stephan in den kommenden Jahren machen würde. Stattdessen weise ich darauf hin, dass er aus eigenem Erleben ganz genau wusste, wo das preußische, aber auch das deutsche und europäische Postwesen „der Schuh drückte“. Verspätete Lieferungen, diverse unterschiedliche Postgesetze, ein Wirrwarr an Wertmarken und Tarife, Verpackungsvorschriften etc. nervten den um Rationalität der Informations- und Warenbeförderung besorgten von Stephan offensichtlich sehr. Und er machte sich ganz offensichtlich seine profunden Gedanken dazu. Das finden Sie heute, im Zeitalter von smartphones, e-mail, sozialen Netzwerken, „über-Nacht-Lieferungen“ usw. banal ? Dann denken Sie vielleicht auch mal darüber nach, dass nichts, was wir heute kennen, ohne Vorgeschichte ist. Kein heutiges Medium, keine aktuelle Form des Informationsaustausches ist ohne Vorgänger, ohne VORDENKER vorstellbar !

In jedem Falle verfasste Heinrich Stephan (der „von“ kommt später) zunächst einmal durchdachte Denkschriften wie die „Geschichte der Preußischen Post von ihrem Ursprung bis auf die Gegenwart“ (1859) oder seine Analyse der britischen Portoreform von 1840 (ebenfalls 1859 publiziert). Man wird auf ihn aufmerksam. Schickt ihn auf die „Deutsche Postkonferenz“ von 1860 nach Frankfurt am Main. Die ewige, nörgelige, visions- und perspektivlose Kleinstaaterei, die dort noch praktiziert wird, geht dem Mann mit dem deutlich weiteren Horizont gewaltig „auf den Keks“. So kann es nicht weitergehen mit dem Postwesen in Deutschland, da ist er sich sicher !

In den kommenden Jahren bastelt er akribisch an Verträgen der preußischen Post mit Belgien, den Niederlanden, Spanien und Portugal. Er kann über die Grenzen seines Landes hinaus denken und handeln. Seine Idee, die „Postkarte“ wird zwar zunächst noch von seinen Vorgesetzten abgelehnt, aber 1865 vom „Deutschen Postverein“ in Karlsruhe dennoch abgesegnet.

Die politischen Entwicklungen seiner Zeit „spülten“ den Visionär schließlich „nach oben“. Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 verfasst Stephan eine Denkschrift über die Annexion der „Thurn- und Taxischen“ Post. Diese Fürstenfamilie hatte einstmals das Monopol auf Postbeförderung im Deutschen Reich besessen und verfügte noch immer über ein weitverzweigtes Netz im Süd- und Mitteldeutschen Bereich. Nach dem Sieg Preußens lässt man dann auch wirklich den Thurn- und Taxis einen Abtretungsvertrag diktieren, in dem sie ihr Postnetzwerk an den preußischen Staat abtreten müssen. Wir schreiben den 01. Juli 1867. Heinrich Stephan bastelt derweil weiter an seinen Kooperationsverträgen mit den USA, Norwegen, Dänemark, der Schweiz, Italien und Schweden. Eine Beförderung zum „königlich preußischen Geheimen Oberpostrat“ erfolgt 1868.

In dieser Zeit entwickelt er auch seine Gedanken zu einer „weltumspannenden“ Postkooperation, die er später im „Weltpostverein“ zumindest teilweise verwirklichen wird. 1870 schließlich wird Stephan von Bismarck persönlich zum Generalpostdirektor des „Norddeutschen Bundes“ ernannt. Nur wenige Monate später macht ihn dies zum obersten „Postler“ des nagelneuen Deutschen Reiches. Mit der gleichen Akribie wie immer arbeitete er nun an Kooperationsverträgen der Reichspost mit Südamerikanischen Ländern und sogar mit dem ehemaligen Kriegsgegner Frankreich ! Für den Austausch von Informationen durfte es in seinen Augen keine Grenzen geben !

In diesen Jahren strotzte der Generalpostdirektor nur so vor Energie. Er setzte Reformen für die Bediensteten und Beamten der Reichspost durch. Kaum etwas war ihm dabei zu unwichtig, um sich damit zu befassen. Von der sinnvollen Gestaltung von Schalterräumen bis zur Sozialversicherung der „Postler“ unter seiner Obhut brachte er vieles voran. Jetzt konnte er auch seinen Traum von der „internationalen Anpassung der Poststandards“ auf den Weg bringen. Wikipedia sagt uns dazu:

Durch sein diplomatisches Geschick gelang es ihm, am 15. September 1874 Postvertreter aus 22 Staaten zum ersten internationalen Postkongress in Bern zusammenzuführen. Aus dem dort gegründeten „Allgemeinen Postverein“ entstand später der „Weltpostverein“, dem am Ende des Jahrhunderts außer China alle wichtigen Staaten der Erde angehörten. Mit ihm gelang es, im internationalen Postverkehr einheitliche Standards einzuführen und separatistische Hemmnisse abzubauen.

Schon 1872 hatte er den Gedanken eines „Reichspostmuseums“ auf den Weg gebracht. Darauf komme ich gleich noch zurück.

Es kann uns auch nicht überraschen, dass das Telegraphenwesen für Stephan von großem Interesse war. 1875 schon gliederte er das Telegraphenwesen seiner Post an und ließ die wichtigsten, deutschen Metropolen durch Telegraphenkabel miteinander verbinden. 1876 wurde für Stephan das Amt des „Generalpostmeisters“ geschaffen, welcher sowohl der herkömmlichen Post als auch dem Telegraphenamt vorstand. 1880 wurde aus beiden das „Reichspostamt“, das Stephan als Staatssekretär leitete.

Am 26. Oktober 1877 ließ er erste Fernsprechversuche in Berlin zwischen dem Generalpostamt und dem Generaltelegrafenamt durchführen. Dieses Datum gilt als Geburtstag der Telefonie in Deutschland. Zwischen 1877 und 1881 baute er unter der Devise „Jedem Bürger sein Telefon“ das Telefonnetz in Deutschland auf. (wikipedia)

Stephan also auch als Vorreiter der Telefonie in Deutschland. Spektakulär ! Kein Wunder, dass der „olle Kaiser Willem“, Wilhelm I. , ihn 1885 in den Adelsstand erhob. Verdienstadel halt ! Jetzt hatte Heinrich Stephan seinen „von“. 1895 wurde er sogar in den Rang eines Staatsministers erhoben. Ein gigantischer Aufstieg im Deutschland der strengen Hierarchien und der „Untertanen“. Der kleine Junge aus Stolp war ganz oben angekommen.

Grab Heinrich von Stephans in Berlin

Seinen Traum vom eigenen Gebäude des „Deutschen Postmuseums“ konnte er auch noch anschieben. Das Haus des „Reichspostamtes“ in der Leipziger Straße (Friedrichstadt) zu Berlin wurde als Haus der Sammlung auserkoren und von seinen Verwaltungsfunktionen entbunden. Schließlich wurde es umgebaut und für die museale Nutzung vorbereitet. Nur wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung des neuen Hauses verstarb Heinrich von Stephan am 08. April 1897. Er wurde auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I. in Berlin beigesetzt, wo seine Grabstätte noch immer zu finden ist. Sie ist eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin.

Es gibt auch „Nachbeben“ des Lebens von Heinrich von Stephan. Die Deutsche Bundespost gab verschiedentlich Briefmarken mit dem Bild Heinrich von Stephans heraus, die an seinen Todestag oder an die Gründung des Weltpostvereins erinnerten. Ein Denkmal wurde ihm im ehemaligen „Reichspostmuseum“, heute „Museum für Kommunikation“ ebenfalls gesetzt, welches das DDR-Regime jedoch  in den 50er Jahren nicht nur entfernen, sondern ganz und gar zerstören ließ. Man frage hier besser nicht nach Sinn und Verstand einer solchen Maßnahme. In Berlin ist immerhin bis heute eine Schule nach ihm benannt. In verschiedenen, deutschen Städten erinnern auch heute noch Straßen oder Plätze, vereinzelt auch Denkmäler an den „Postler“.

Haus der Tragödien: das ehemalige Reichsluftfahrtministerium

Es gibt kaum ein Haus in ganz Deutschland, welches so viele Geschichten, meist Tragödien oder bizarre Satyrspiele, gesehen hat, wie das heutige „Detlev-Rohwedder-Haus“ in der Berliner Friedrichstadt. Große und kleine Dramen umwehen das Gebäude wie die Abgase der vorbeifahrenden Kraftfahrzeuge. Ein Ort der Geschichte, wie es keinen zweiten gibt. Schauen wir mal ein bischen „hinter die Fassade“…

Es sei gleich für Sie vorweggenommen, liebe Leserinnen und Leser: das ehemalige „Reichsluftfahrtministerium“ an der Berliner Wilhelmstraße ist ein Haus, von dem man so viele Geschichten erzählen könnte, dass sie nicht alle in diesen kurzen Blogartikel hineinpassen werden. Ich erhebe deshalb keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, was die „timeline“ dieses Gebäudes angeht. Dennoch können wir rote Fäden ziehen, die erstaunlicherweise Parallelen über Jahrzehnte hinweg aufweisen. Schaun wir mal…

Das Reichsluftfahrtministerium, welches sich Hitlers enger Mitstreiter Hermann Göring hier 1935/36 nach Plänen des Architekten Ernst Sagebiel erbauen ließ, gilt als der erste, größere Regierungsbau der NS-Zeit. An prominenter Stelle im „Regierungsviertel“ erbaut (Vorgängerbau war das ehemalige, preußische Kriegsministerium), sollte dieser Monumentalbau mit Muschelkalksteinfassade das Machtbewusstsein des NS-Regimes überdeutlich demonstrieren. In ca. 2.000 nutzbaren Büroräumen, die durch über 7 km Gänge miteinander verbunden waren, sollte die Aufrüstung der deutschen Luftwaffe geplant und umgesetzt werden. Damit gilt der Bau für seine Zeit als das größte Bürogebäude Berlins, vermutlich sogar ganz Deutschlands (meine Quellen sind sich darüber uneins…).

Erstaunlicherweise hatte Göring selbst im Gebäude keinen Arbeitsraum. Man vermutet, weil er es mit dem akribischen „Aktenwälzen“ ohnehin nicht so hatte. Das überließ er eher Leuten wie dem „Generalluftzeugmeister“ Ernst Udet, einem alten Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg. Der aber, als er übersah, dass die Ressourcen Nazi-Deutschlands nicht ausreichen würden und der Krieg niemals mehr zu gewinnen war, Selbstmord verübte. Das war bereits im November 1941. Andere Quellen sagen, ihm wäre die Niederlage in der Luftschlacht um England angelastet worden. Wie auch immer: sein Sarg wurde im Reichsluftfahrtministerium, seinem Arbeitsplatz, präsentiert und ihm wurde ein Staatsbegräbnis zuteil.

Von seinem Büro im Hause betrieb Oberleutnant Harro Schulze-Boysen Spionage für die Sowjetunion. So gab er u. a. den Angriffszeitpunkt der Wehrmacht auf die Sowjetunion an sowjetische Agenten weiter, aber Stalin glaubte ihm noch nicht. Später jedoch wurde wieder Kontakt zu ihm gesucht und diverse vertrauliche Dokumente fanden so ihren Weg nach Moskau. Am 31. August 1942 wurde er hier im Hause verhaftet und später als Verräter in Plötzensee hingerichtet. Die Kreise der Widerständler, zu denen er Kontakt hatte, nannte und nennt man noch heute „Rote Kapelle“, da sie ausschließlich dem Stalin-Regime Informationen zukommen ließen.

Übrigens sollen sich hier im und am Gebäude am 01. Mai 1945 die letzten Einheiten der Waffen-SS in Berlin ergeben haben. Die wenigen, verbliebenen Angehörigen der 11. SS-Panzergrenadierdivision „Nordland“ darunter eine Handvoll Angehörige des Regiments „Charlemagne“, welches komplett aus Franzosen bestanden hatte, sollen laut einigen Quellen hier, in unmittelbarer Nähe zu Hitlers Reichskanzlei, die Kämpfe eingestellt haben. Dass andere Quellen besagen, vor allem die Franzosen hätten sich „in Luft aufgelöst“ und spurlos verkrümelt, sei hier nur am Rande erwähnt. Wir sehen dennoch: Die Tragödie des Krieges fand auch hier einen ihrer Abschlüsse.

Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das gewaltige Gebäude, welches noch im Kriegsverlauf Schutzbunker, eine eigenständige Wasserversorgung und Notstromaggregate erhielt,  erstaunlich wenige Schäden. Luftbilder aus dem Nachkriegsberlin zeigen einige Fassadenschäden und Löcher im Dach, aber darüber hinaus war das nunmehrige „Ex-„Luftfahrministerium weitgehend benutzbar geblieben. Kein Wunder, dass hier zunächst die sowjetische Militäradministration SMAD und später diverse Ministerien und Staatsspitzen der DDR einzogen. Die Staatsgründung der DDR wurde sogar hier im großen Konferenzsaal am 07. Oktober 1949 gefeiert ! Die Tragödie der Diktaturen hatte nur die Farbe gewechselt, ging aber eigentlich nahtlos weiter. So wie auch das Relief an der Nordfassade des Gebäudes (von Arnold Waldschmidt 1937-41 gefertigt), welches martialische Soldatengestalten zeigte, ab 1950 (-1953) durch eine „heile, sozialistische Welt“ aus Meißner Porzellanfliesen ersetzt wurden, die bis heute dort ein Wandgemälde Arnold Lingners abbilden. Jedes Regime wollte sich hier scheinbar verewigen.

Am 17. Juni 1953 ging es hier aber hoch her, als das nunmehrige „Haus der Ministerien“ der DDR von wütenden Arbeitern bestürmt wurde. Der „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR hatte es in weniger als vier Jahren geschafft, schon mal die Arbeiter gegen sich aufzubringen. Durch Mangelwirtschaft und praktisch unerfüllbare Arbeitsnormen u. a. Augenzeugen wollen an diesem Tag gesehen haben, dass bis in den dritten Stock des Gebäudes hoch Fenster von den Demonstranten mit Steinwüfen „entglast“ wurden. Im Hause selbst ging den Sozialistischen Bürokraten zum ersten und bis 1989 auch zum letzten Male der Arsch auf Grundeis. Einige Mitarbeiter diverser Ministerien sollen bereits die Stürmung des Gebäudes gefürchtet und präventiv ihre Namensschilder von den Türen abgenommen haben. Wir wissen, wie es ausging: die T-34-Panzer der Roten Armee walzten den Unmut platt, der „brain-drain“ aus der DDR begann. Die Mauer sollte diesen stoppen. Deutsche Geschichte halt. Immerhin findet sich seit 2000 eine Foto-Installation, die an diesen 17. Juni 1953 gemahnt und aus der Werkstatt des Künstlers Wolfgang Rüppel stammt, vor der Nordfront des Gebäudes.

Von diesem Haus aus belog übrigens auch der SED-Chef Walther Ulbricht die Weltöffentlichkeit, als er drei Wochen vor Beginn des Mauerbaus 1961 auf einer Pressekonferenz aus dem Konferenzsaal dieses Gebäudes der Welt die bekannten Worte verkündete:

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Wir wissen, es kam anders. Der Mauerbau war lange geplant. Die „Abstimmung“ der DDR-Bürger „mit den Füßen“ schien anders nicht mehr zu stoppen.
Das „Haus der Ministerien“ (welches übrigens einen eigenen Friseur, einen „Konsum“ – Laden und sonstige Einrichtungen der Infrastruktur besaß) befand sich in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer, so dass es nicht überraschend ist, dass der Ökonom Heinz Holzapfel am 25. Juli 1965 von hier aus eine Flucht „in den Westen“ startete. Mitsamt seiner Familie, die sich vor Schließung des Gebäudes in einer Toilette versteckt, schafft er es, über ein Stahlseil, das sie mit Hilfe einer Winde hinabfahren, auf die Westberliner Seite zu gelangen. Helfer auf der anderen Seite hatten das Seil fixiert. Das Drama wird besonders spannend, wenn man sich vor Augen führt, dass auf dem Dach des Gebäudes stationierte Wachsoldaten der Roten Armee die Abseilaktion zwar registrieren, sie aber für einen Infiltrationsversuch durch DDR-Agenten in Richtung Westberlin halten und achselzuckend weggucken.

1965 ereignet sich noch ein weiteres Drama. Der Vorsitzende der DDR Plankommission Erich Apel erschießt sich im Dezember in seinem Büro im Haus der Ministerien. Nur wenige Stunden vor der Unterschrift von Knebelverträgen für die DDR-Wirtschaft zu Gunsten der Sowjetunion. Als Vertreter einer größeren Unabhängigkeit der DDR-Industrie vom Ostblock und einer Orientierung von Exporten an Weltmarktpreisen sah er den Untergang der DDR voraus, wenn man auf unabsehbare Zeit speziell Produkte der Schwerindustrie wie Eisenbahnwaggons oder Stahlprodukte zu niedrigen Phantasiepreisen an die Sowjetunion liefern musste. Nur wenige Stunden vor Unterschrift der entsprechenden Verträge mit den Nachfolgern Chrustschows in Moskau, am 03. Dezember 1965, findet man die Leiche Apels hier in seinem Arbeitszimmer. Er hatte die heillose Verstrickung der DDR-Wirtschaft vollkommen erkannt und sah keine Hoffnung mehr für das System.

Die Wendezeiten 1989/90 überstand man hier relativ ruhig. Auch in den Büros der Ministerien hatte sich die Erkenntnis nicht mehr völlig verleugnen lassen, dass die DDR am Ende war. Dennoch trafen die ersten Entlassungen von Ministerial-Bürokraten auch hier viele wie ein Hammer vor die Stirn. Von 1990 – 1994 wurde das Gebäude dann von der „Treuhandanstalt“ genutzt. Einer Einrichtung, die die diversen Betriebe der DDR privatisieren sollte. Zu dieser Zeit kommt es wieder zu Demonstrationen von (oftmals bereits entlassenen) Arbeitern vor dem Haus. Die z. T. umstrittenen Privatisierungsmaßnahmen der Treuhand kosten sehr viele Arbeitsplätze. Arbeitslosigkeit ist ein Zustand, den ehemalige DDR-Bürger nur schwer verdauen können. Arbeitsplatzsicherheit war eines der Hilfsmittel, mit denen die DDR viele, relativ „unpolitische“ Bürger lange bei der Stange hielt (ich weiß, wovon ich schreibe, meine „DDR“-Verwandtschaft hat mir dankenswerterweise viele, viele Einblicke in die Innere Befindlichkeit des DDR-Bürgers vermittelt, nochmal Danke dafür, ihr Lieben !). Diesmal wurden aber keine Steine geworfen, nur das Haus mit Trauermelodien beschallt.

Comedian Helge Schneider as Adolf Hitler at the set of his movie „Mein Fuehrer – Die wirklich wahrste Wahrheit ueber Adolf Hitler“ at the ministry of finance,
Berlin, Germany – 05.03.06,
Credit: Stefan Trautmann / WENN

Zu dieser Zeit (1993) wurde auch der Beschluss gefasst, das „Detlev-Rohwedder-Haus“, wie es seit 1992 heißt, endgültig abzureißen. Eine Bund/Land-Berlin Kommission hatte sich darauf geeinigt. Wir wissen ja, dass es mit dem Denkmalschutz in Berlin generell nicht weit her ist und so wurde auch hier darauf gepfiffen, dass dieses Haus komplett unter Denkmalschutz steht. Immerhin regte sich dann doch noch genügend Widerstand, so dass 1994 beschlossen wurde, doch nicht abzureißen. Andere, deutlich weniger politisch belastete Gebäude in der Stadt hatten nicht so viel Glück, wie wir wissen. Ab 1996 wurde mit der Restaurierung vor allem der Innenräume begonnen. 1999 zog hier das Bundesministerium der Finanzen ein. Der Bundesrechnungshof hat hier ebenso noch Räumlichkeiten in Nutzung.  Das nunmehrige Bundesfinanzministerium dient von Zeit zu Zeit auch als Filmkulisse. Die Posse „mein Führer“ von Regisseur Dany Levy, mit Helge Schneider in der Hauptrolle, nutzte den Ehrenhof des Ministeriums 2006 als Drehort. NS-Architektur in Reinkultur findet sich ja auch nicht mehr überall. Authentischer gehts nimmer.

Fazit:
Dramen, Politik, Bomben, Steinewürfe, Spionage, Mauerflucht, Bunker, Selbstmorde, Bürokraten, Hermann Göring, Walther Ulbricht, Helge Schneider…kaum etwas, das dieses Haus seit 1936 nicht gesehen hat. Und man sieht es ihm von außen kaum an. Immerhin wurde hier von der Bundesregierung beim Umzug nach Berlin mal „Gebäude-Recycling“ betrieben. Etwas, dass z. Bsp. das Bundesinnenministerium, welches den „Deutsche Bank Komplex“, der ebenfalls in der Friedrichstadt liegt, hätte nutzen können, auch hätte tun können, aber stattdessen lieber einen teuren Neubau präferierte. Sind ja nur unsere Steuergelder…
Allein aus diesem Grund, weil Neubauten vermutlich mehr Gelder verschlungen hätten, als die Restaurierung von 1996 – 2000 habe ich meinen Frieden mit der jetzigen Nachnutzung des „Reichsluftfahrtministeriums“ oder „Hauses der Ministerien“ gemacht. Lieber eine rationale Entscheidung für einen schwierigen Bau, als eine „ratzeputz-weg“-Entscheidung, die uns Nachgeborenen keine Gelegenheit gibt, Geschichte „hautnah“ und „zum Anfassen“ zu erleben.

Quellen:

Bild:

  • ich, 2015, 2016
  • Anmerkung in der Bildunterschrift

Text, Video:

  • wikipedia,
  • ARD-Dokumentation: „Geheimnisvolle Orte – Görings Ministerium“, ARD 2016,
  • Publikation des Bundesfinanzministeriums: „das Detlev-Rohwedder-Haus, Spiegel der deutschen Geschichte“, 2015, PDF