Archiv der Kategorie: HSEG-Kleinigkeiten

In dieser Kategorie sammle ich kleine „fun-facts“, kleine Besonderheiten und vielleicht nicht so bekannte Details zu Berlin, Brandenburg und der Geschichte beider Bundesländer.

Historie: Friedrich und die „drei-Tage-Schlacht“

Brandenburg wurde durch tatkräftige Herrscherhände geformt. Geformt und zusammengehalten. Die Askanier und die Hohenzollern haben hier ihre Spuren hinterlassen. Letztere beendeten das von mir gerne spöttisch „Interregnum“ genannte Zeitalter, während dem die Markgrafenwürde Brandenburgs recht willkürlich den Inhaber wechselte und die Mäuse auf dem Tisch tanzten. Halte ich hier wieder eine Vorlesung zur Regionalgeschichte ? Na, ich bitte um etwas Geduld; halten wir es locker.

In der Geschichte wurden Veränderungen oft gewaltsam erzwungen. Machtpolitik war auch Militärpolitik und gewaltsames Durchsetzen dynastischer oder staatlicher Interessen. Das mag uns Menschen des 21. Jahrhunderts zwar antiquiert erscheinen und zartbesaitete Gemüter gar anekeln, aber dadurch ändert sich die Geschichte nicht. Man sollte da nichts beschönigen.

Meine Mutter selig hingegen sagte immer so etwas wie: „Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“ Nicht, dass sie da persönliche Erfahrungen mit Katzen und Mäusen hatte, aber dass ein bischen gestaltete Ordnung auch dafür sorgt, dass nicht „jeder macht was er will, statt, was er soll“ und anarchische Zustände einreißen, war ihr sehr wohl bewusst. So etwa müssen wir uns Brandenburg im 14. und frühen 15. Jahrhundert vorstellen. Der Markgrafentitel (seit 1356 sogar zum „Kurfürst“ erhoben) war seit 1320, als der letzte Markgraf aus dem Hause der Askanier ohne Nachfolger verstarb, nur noch ein Titel, aber keine echte Herrschaft mehr. Seine Träger hefteten sich gerne den Titel „Markgraf/Kurfürst von Brandenburg“ an die Brust, stolzierten damit umher, hatten aber nicht die geringste Absicht, Brandenburg auch wirklich zu ordnen oder gestaltend zu regieren.

Ganz im Gegenteil: sie verscherbelten die ungeliebte Mark Schritt für Schritt an jeden, der ihnen ein paar Gulden dafür bot. Letzter Exzess in dieser Hinsicht war der Verkauf der „Neumark“ (heute Polen, wir sehen, wie Geschichte oft völlig sinnlose Bögen schlägt) im Jahre 1402 an den Deutschen Orden. Alles, was die Askanier sorgsam zusammengefügt und zu einer recht ansehnlichen Herrschaft geformt hatten, ging nun den Bach runter. Bis ein frisch gewählter, deutscher König namens Sigismund einen seiner Kumpane (ich sage nicht „Saufkumpane“, weil ich nicht sicher bin, wieviel diese Herrschaften damals so an Wein und Bier wirklich konsumiert haben) namens Friedrich mit dem Ordnen Brandenburgs beauftragte. Zunächst mal als „Verwalter“ dieses herrenlosen „Lehens“. Das war 1411.

Als dieser Friedrich, als „Burggraf von Nürnberg“ bereits mit Nummerierung versehen (VI.) nun im Sommer 1412 tatsächlich in Brandenburg auftauchte (etwas, das die letzten paar Kurfürsten fast nie getan hatten) hatte eine andere „Katze“ bereits ihre Krallen ins Brandenburger „Fleisch“ geschlagen: die Pommern standen tief in der Mark. Am „Kremmer Damm“, einer befestigten Passage durch das schlammige „Kremmer Luch“ zwischen Oranienburg und Hennigsdorf, schlug Friedrich im Oktober 1412 mit seinen aus Franken „mitgebrachten“ Rittern die Pommern, atmete tief durch und begann danach, sich Brandenburg einmal genau anzuschauen:

Die Städte hatten sich Privilegien gekauft, oder angemaßt, die eigentlich den Kurfürsten zustanden, hatten eigenmächtig Bündnisse geschlossen, um der zweiten Geißel Brandenburgs Herr zu werden: den selbstherrlichen Raubrittern. Oh, Mann, da musste was passieren. Und Friedrich, eigentlich deutscher Machtpolitiker, aber, ganz der Zeit angemessen, eben auch Feldherr und Tatmensch, begann Fakten zu schaffen. Er eroberte einige Burgen der Raubritter (Stichwort: „Quitzows“), machte unmissverständlich klar, wer jetzt hier das Sagen hatte und entließ die weniger Schlimmen dieser „wilden Männer“ dann wieder auf ihre Sitze. Er war kein Brutalo, wie seine Gegner, sondern Realist. 1415 wurde ihm dafür die Kurfürstenwürde Brandenburgs verliehen. 1417 auch der protokollarische Rang eines „Erzkämmerers des Reiches“. Letzeres übrigens ein Titel, den noch Friedrich der Große hielt, was seine Intimfeindin Maria-Theresia zu manch spitzer Bemerkung anregte, aber das ist eine andere Geschichte.

Friedrich immerhin kümmerte sich daraufhin um ein paar Reichsangelegenheiten und kehrte der schwierigen Mark Brandenburg erstmal den Rücken. Wir dürfen nie vergessen, dass er auch und vor allem Reichspolitiker war ! Und wieder: die „Katze“ war in Brandenburg aus dem Hause, weshalb die Nachbarskatze aus Pommern wieder über die „Mäuse“ herfiel. Friedrich kehrte schließlich im Frühjahr 1420 zurück, lieferte sich im März eine dreitägige Schlacht bei Angermünde mit den Pommern, Mecklenburgern und ihren polnischen Hilfstruppen, schlug diese Allianz vernichtend und sicherte für einige Zeit (noch nicht endgültig, aber auch das ist eine lange und ganz andere Geschichte) die Uckermark wieder für Brandenburg. Interessant: auf seiner Seite kämpften damals bereits einige der wenige Jahre zuvor noch so „unbotmäßigen“, brandenburgischen Adligen und die Städte stellten, so will es die Legende, auch bereits einige Fußtruppen. Es zeichnete sich die die „typisch brandenburgische“ Mischung aus Kurfürst, Stadtbürgern und Altadligen (die sprichwörtlichen „Itzenplitze“) bereits ab, die das Land lange gemeinsam gestalten sollte. Wobei das Pendel langfristig zu Gunsten des Kurfürsten ausschlug. Lange Geschichte.

Sigismund

Beim schwierigen, deutschen König Sigismund war Friedrich aber inzwischen in Ungnade gefallen. Dass er nicht am ersten „Hussitenfeldzug“ gegen die tschechischen Revoluzzer teilgenommen hatte, brachte diverse Neider Friedrichs in die beneidenswerte Position, ihn bei Sigismund anschwärzen zu können. Sigismund hatte offensichtlich nicht den Weitblick, sich daran zu erinnern, dass er ja selbst Friedrich mit dem Befrieden der Mark Brandenburg beauftragt hatte, was dieser eben tat, während Sigismund erstmalig auf Hussitenjagd ging. Die Tatsache, dass Friedrich einem seiner Söhne gerne die polnische Prinzessin Hedwig angetraut hätte, was einem weiteren, riesigen Prestigegewinn für die Hohenzollern gleichgekommen wäre, spielte bei dem Zerwürfnis zwischen Sigismund und Friedrich wohl auch eine Rolle. Ebenso wie die Tatsache, dass Sigismunds Mutter aus Pommern stammte, weshalb er potentiell immer mit deren Expansionsdrang sympathisierte.

Immerhin führt Friedrich bald darauf den zweiten Hussitenfeldzug an, um etwas „Wiedergutmachung“ zu betreiben, wird aber dafür nicht gewürdigt, sondern macht damit nur die Hussiten auf seine Mark Brandenburg aufmerksam. Wo diese dann einige Jahre später auch „folgerichtig“ plündernd und brandschatzend auftauchen werden. Aber damit werden sich sein Sohn und die Städte, z. Bsp. Strausberg und Bernau 1432 herumärgern müssen. Was Bernau übrigens seit 1832 mit dem „Hussitenfest“ feiert, aber auch das ist eine andere Geschichte.

Wie auch immer: 1425 wirft Friedrich den Brandenburgischen Büttel hin, ernennt seinen ältesten Sohn Johann („den Alchimisten“, komischer Namenszusatz !) zum neuen Sachwalter Brandenburgischer Interessen und verzieht sich schmollend auf seine fränkischen Ländereien, um Brandenburg nie wiederzusehen und weiter Reichspolitik zu machen. Eine „typische“ Politikerkarriere eben.

Fazit: Der „Cleaner“ Brandenburgs macht seinen Job, gerät mit seinem Auftraggeber in Interessenkonflikte und kümmert sich dann wieder um „seinen Kram“. Zwischendurch schlägt er aber den frechen Pommern aufs Haupt und macht einigen Leuten klar, welche Familie ab jetzt der Chef im Brandenburger Ring ist: Haus Hohenzollern. Was immerhin bis 1918 auch so bleibt. Insofern: nachhaltige Wirkung ! Über 500 Jahre…

Was kommt für mich dabei heraus ? BESUCHEN SIE ANGERMÜNDE ! 🙂

(P.S.: Als 50 %iger Nachfahre von Pommern fiel mir dieser Artikel nicht so ganz leicht, zu schreiben. Meine Mutter selig, die diesen Spruch mit den Katzen in mein Gedächtnis einbrannte, stammte ironischerweise aus Pommern. Na, ab 1637 geht das ja dann eh alles zusammen…)

Bildmaterial:

HSeg: Ein Monarch, der noch immer „getragen“ wird…

Wer in die Details von lokaler und regionaler Geschichte „hinabtaucht“, wird auf ungewöhnliche und skurrile Fakten stoßen. Das ein oder andere dieser Details will ich hier mit Ihnen in der Rubrik „Hätten Sie es gewusst ?“ (HSeg) teilen. Ich hoffe, Sie haben daran Freude und können über manche skurrilen Einzelheiten aus Berlin und Brandenburg schmunzeln.

Letztlich stieß ich bei der Vorbereitung eines Stadtrundgangs auf ein öffentlich zugängliches Detail, welches aber weitgehend unbekannt sein dürfte. Oder warum trägt ein Berliner Bezirksbürgermeister einen König um den Hals ? Na, ja, vielleicht nicht den ganzen König, 😉 .

  • Die „Amtskette“ des Bürgermeisters von Spandau nämlich hat eine Medaille daran, auf der in schönster, kunsthandwerklicher Arbeit ein Profilbild von König Friedrich-Wilhelm III. von Preußen zu sehen ist. Nanunana, ein Monarch hängt um den Hals eines gewählten, demokratischen Volksvertreters ?
  • Dies kann relativ einfach erklärt werden: das Symbol städtischer Selbstverwaltung ist ein „Erbstück“ aus dem alten Preußen. Die Bürgermeister von Spandau tragen es, vor allem bei repräsentativen Anlässen außerhalb Spandaus, seit 1845. Fachleute werden wieder sagen: „Nanunana“, da war der dritte Friedrich Wilhelm doch schon nicht mehr am Leben ? Richtig. Aber zu seinem Angedenken wurde diese Medaille geschaffen.
  • Denn FW3 hatte im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen des frühen 19. Jahrhunderts auch den Städten in Form der sog. „Städteordnung“ mehr Selbstverwaltung zugestanden. Zugestehen müssen vielleicht, aber seis drum. Diese Städteordnung von 1808 trägt jedoch ganz eindeutig die Handschrift des Freiherrn vom und zum Stein, der mit einheitlichen Regelungen für die Städte Preußens z. T. mit jahrhundertealten, mittelalterlichen Sonderwegen und Eigenheiten aufräumte. Gleichzeitig sollte den Stadtbürgern Preußens aber auch mehr Mitbestimmung in „eigener Sache“ eingeräumt werden, als zuvor.
  • An diese Städteordnung, die im Namen Friedrich-Wilhelms des Dritten erfolgte, erinnert nun die Medaille, welche der gewählte Bürgermeister des nunmehr fünften Stadtbezirks von Berlin (vor der Verwaltungsreform von 2001, der achte Bezirk) bis heute zu tragen berechtigt ist.  Soweit, so einfach zu erklären. Man muss es nur wissen.

In diesem Sinne: nicht alle alten Monarchen stehen für Oppression und Entrechtung ihrer Untertanen. Zumindest nicht zu 100 Prozent und permanent.
In diesem Sinne, besuchen Sie doch Spandau einmal !

Ihr

Clemens Kurz

HSeg: tödliche Neugierde

Der Berliner hat ja ein unstillbares Unterhaltungsbedürfnis. Wenn man jetzt noch seine fast schon pathologische Neugierde dazurechnet, kommt der Wille des Berliners dabei heraus, überall hinzugehen, wo „etwas los“ sein könnte. Aber schon in den Zeiten unserer Altvorderen konnte diese Eigenschaft tödliche Konsequenzen haben.

fwundelisabethIch weiß, es fällt schwer, sich das vorzustellen, aber es gab einmal Zeiten ohne Internet, smartphones, Spielkonsolen und Fernsehen. In solchen Zeiten musste man eben die „Feste feiern, wie sie kommen“ um Zerstreuung und Unterhaltung zu finden. Und so war die Kombination aus der Einweihung von Berlins neuer Schlossbrücke und der bevorstehenden Hochzeit des preußischen Thronfolgers Friedrich – Wilhelm (ja, die Hohenzollern waren traditionell etwas phantasielos, was die Benennung ihrer Kinder anging) im November 1823 eine Lustbarkeit, der kaum ein Berliner widerstehen konnte.

Zumal auch die Braut, eine bayerische Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach mit Namen Elisabeth Ludovika, tatsächlich ein ebenso hübsches, wie freundliches Frauenzimmer war. Wer jetzt also nachträglich den Rummel um ihre Ankunft in Berlin von oben herab verachten will, der möge sich stattdessen einmal die ungebrochene Verbreitung der sog. „yellow press“ in unseren Tagen anschauen. Oder die Begeisterung, mit der auch heute noch z. Bsp. in Großbritannien von Hunderttausenden die Gelegenheit genutzt wird, den von einem Balkon im Buckhingham Palace herab winkenden Majestäten des Hauses Windsor zuzujubeln.

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gusseisernes Geländer der Schlossbrücke

So in der Art müssen wir uns die Stimmung am 28. November 1823 vorstellen. Einen Tag vor der Hochzeit von Prinzessin Elisabeth mit Kronprinz Friedrich-Wilhelm (eine der wenigen, wirklich funktionierenden Ehen an der Spitze von Haus Hohenzollern übrigens) sollte die neue Schlossbrücke eingeweiht werden. Schinkel hatte, genial wie er war, eine solidere, repräsentativere Überspannung des Kupfergrabens geschaffen, als es die ehemalige „Hundebrücke“ gewesen war. Die ca. 33 m breite, neue Brücke war (und ist) den Ausmaßen der Straße „Unter den Linden“ angepasst und sollte so die Verbindung vom Schloss zur Prachtstraße herstellen. Ihre Benennung ist von daher zu verstehen.

Als sich im Laufe des Tages der Eröffnung dieser Brücke dann das Gerücht verbreitete, sie werde längerfristig für den Besucherverkehr gesperrt bleiben und nicht nur während der anstehenden Hochzeitsfestlichkeiten, wurden die am Rande der „Linden“ wartenden Massen unruhig. Auf der Behelfsbrücke, die den Übergang über den Kupfergraben während der Bauarbeiten an der Schlossbrücke möglich gemacht hatte, entstand ein solcher Druck, eine solche Panik, dass die Geländer brachen und Menschen ins eiskalte Wasser stürzten.

Um nun zu sehen, was passiert war, drängten neue Massen heran, quetschten weitere Mitbürger ein, ließen weitere Menschen ins Wasser fallen. Chronisten zählten am Tage danach 22 Tote und mehrere Verletzte. Bilanzierende Historiker schreiben heute gar von 30 Toten, die in der Panik erfroren, zerquetscht und zertrampelt wurden.

img_3217_compressedInteressant ist im Nachgang, dass der preußische Hof den Gazetten sofort untersagte, größere Berichte über dieses Geschehen zu veröffentlichen und die Traueranzeigen der Familien abzudrucken. Die Freude über die Hochzeit des Kronprinzen und vor allem das „Wohlbefinden“ der bayerischen Prinzessin Elisabeth (später übrigens Tante der in den unsäglichen 50er-Jahre Kitschfilmen verklärten, österreichischen Kaiserin „Sissi“, die nach Elisabeth von Preußen benannt wurde !) sollten nicht durch allzuviel schlimme Nachrichten beeinträchtigt werden. Die Gazetten gehorchten. Weder zum ersten, noch zum letzten Mal, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Brücke geriet so ebenfalls für eine Weile in Verruf. Erst die endgültige Verzierung mit den Standbildern und der dauerhafte Gebrauch ließen die Toten vom Eröffnungstag langsam in Vergessenheit geraten.

Was lernen wir nun also daraus ? Menschenmassen haben ihr Eigenleben. Wenn irgendwo Panik ausbricht, sind ganz schnell Leben in Gefahr. Das war damals so und hat sich bis heute, bei allen polizeilichen und sonstigen Sicherheitskonzepten unserer Tage, nicht geändert.

Bildmaterial:

  • von mir, 2010/15, alle Rechte vorbehalten. Freigabe gerne, aber nur auf Anfrage !
  • Von Seidenweberei von Wilhelm und Carl Dieckmann in Elberfeld – Preußen – Versuch einer Bilanz. Ausstellungskatalog in 5 Bänden hrsg. von Gottfried Korff. Reinbek 1981. Bd. 1, S. 240., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6202399

Quellen:

  • Eberhard Cyran, „das Schloss an der Spree“, Arani-Verlag, Berlin, 6. Auflage, 1995
  • wikipedia

HSeg: Zieten und Friedrich

Mit den gängigen „Preußenlegenden“ ist es ja so eine Sache. Entweder stellen sie verklärende Rosarot-Blenden dar oder sie verdunkeln als „damnatio“ das Angedenken unserer Vorfahren. Zumeist sind beide Sichtweisen unangemessen, auch wenn letztere seit Jahrzehnten vorherrscht. Eine der „rosaroten“ Legenden hingegen betrifft das Verhältnis von Friedrich dem Großen zum Husarengeneral Hans-Joachim von Zieten. Der eine diente brav und unterwürfig, heißt es, der andere wusste die Loyalität des Haudegens zu schätzen. Ist das aber der Erkenntnis letzter Schluss?

Ich nehme es vorweg. Die einleitende Frage kann ich mit „Nein“ beantworten. Denn nur Teile der Legende sind wahr. Zieten diente tatsächlich, im Rahmen seines Charakters, untadelig und mutig. Seine Husaren waren wirklich eine Waffe, die der Monarch im Gefecht mit tödlicher Präzision einzusetzen wusste. Friedrich besaß aber ein paar unzweifelhaft schlechte Eigenschaften, die auch der später legendäre „Zieten aus dem Busch“ am eigenen Leibe zu spüren bekam.

img_2650_compressedSo konnte Friedrich extrem kleinlich, nachtragend und neidisch sein. Von „Größe“ an dieser Stelle keine Spur. Es ist also keine Überraschung, dass der König seinem General den nach dem Zweiten Schlesischen Krieg aufkommenden Ruhm neidete. Er begann, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, Zieten zu kritisieren, seine Husaren als eine Art „Sauhaufen“ hinzustellen etc. Dies ging soweit, dass Friedrich 1753 einen ungarischen Oberst namens Nadytschzander engagierte, um die Husaren zu kommandieren. Eine Demütigung für Zieten, mit der er sich nur schwer abfinden konnte.

Zieten hatte es nämlich ohnehin schwer, im Offizierskorps der Armee Friedrichs zu bestehen. Er war ja, das sei ohne Häme oder nachträgliche Herablassung angemerkt, ein ungebildeter Provinzler reinsten Wassers. Sozusagen der Prototyp des oftmals zu Unrecht gescholtenen „Landjunkers“. Hochadlige und weitgereiste Männer wie Jakob von Keith oder der Kavalier Graf von Schwerin hatten letztlich einen ganz anderen Zugang zur Gedankenwelt Friedrichs, als wohlmeinende, aber im Geiste eher beschränkte Haudegen wie Zieten. (Eine Tochter Zietens aus zweiter Ehe wird später aber in die Familie von Schwerin einheiraten und damit den Namen der Familie in „Zieten-Schwerin, Herren auf Gut Wustrau“ abändern können. Späte Genugtuung ? Beurteilen Sie das selbst.)

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Hans-Joachim von Zieten

Nach jahrelangem Schurigeln durch den König jedenfalls und nachdem seine erste Ehefrau im März 1756 verstarb, reichte Zieten entnervt den Abschied  ein. Er wollte fortan auf  Gut Wustrau seinen Lebensabend verbringen und ansonsten seine Ruhe haben. Erst eine Vermittlung durch den Friedrich-Intimus Hans Carl von Winterfeldt versöhnte beide Parteien wieder. Friedrich sah letztlich ein, dass er den Bogen überspannt und den gutmütigen Zieten über dessen Leidensfähigkeit hinaus gequält hatte. Die Tatsache, dass Friedrich erkannt hatte, dass die Koalition seiner Feinde bereits am Krieg gegen Preußen werkelte und er so bald wieder ins Feld ziehen würde, mag diese Versöhnung ebenfalls beschleunigt haben. Schließlich wurde jeder erfahrene Offizier benötigt.

Noch einmal wird Friedrich, als religiös indifferenter und dem klassischen Gottesglauben abgeneigter „Philosoph von Sanssouci“ mit Zieten in Widerspruch geraten. Die Geschichte soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Zieten wurde an einem Karfreitag zur Mittagstafel des Königs geladen. Er lehnte mit der Begründung, dass er an diesem Tage gerne das Abendmahl in der Kirche nähme und danach alleine bleiben wolle, ab. Ein Affront für den Monarchen, aber für Zieten typisch, wie wir gleich sehen werden. Denn Friedrich lud ihn für den nächsten Tag wiederum zu sich. In angeregter Runde fragte er ihn dann, ob er wohl „den wahren Leib und das wahre Blut Christi gut verdaut“ hätte.

friedrich_zweite_altZietens Geduld war wiederum am Ende. Seinen Glauben verhöhnt zu sehen, selbst durch einen König, war ihm zuviel, so dass er angeblich zu einer ruhigen, aber dennoch bitterbösen Protestrede ausholte, in der er der Hofgesellschaft klarmachte, dass er zuerst dem lieben Herrgott und erst dann den weltlichen Autoritäten verpflichtet sei. Mit Bezug auf Jesus soll er geäußert haben:

Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube, mein Trost und meine Hoffnung, im Leben und im Tode. …Unterminieren Eure Majestät diesen Glauben, dann unterminieren Sie zugleich damit die Staatswohlfahrt.
(aus „Preußische Anekdoten“, s. u.)

Die gesellige Runde soll daraufhin merklich ruhiger geworden sein und früher als üblich geendet haben. Das ehrliche Bekenntnis Zietens, das eindeutige Zurechtrücken seiner Prioritäten war den zwar wortgewandten, aber zynischen Hofschranzen offensichtlich ebenso unangenehm wie der scheinbare Affront gegenüber dem König. Friedrich jedenfalls zeigte sich einsichtig, lobte Zieten und bat ihn nach dem Ende der Gesellschaft noch auf ein persönliches Gespräch in sein Kabinett. Von diesem Gespräch kennen wir jedoch keine Details.

Wir sehen: die auch durch das Fontane-Gedicht, in dem er „Zieten aus dem Busch“ und sein Verhältnis zum König schönredete, entstandene Zieten-Legende ist bestenfalls ein Teil der Wahrheit.

Was lernen wir daraus ? „Preußischer Kadavergehorsam“ ist eine Legende, die mit vielen Gegenbeweisen infrage gestellt werden kann. Vielleicht bestimmen aber auch hier nur die Ausnahmen die Regel. Wer weiß. Immerhin haben Zieten, Seydlitz, Marwitz und andere auch dem absoluten Monarchen von Preußen die Meinung zu sagen gewusst. Selbst, wenn sie dafür in Ungnade fielen (oder eben auch nicht, wie Zieten). Charakter musste man dafür aber haben. Ein Charakter, der auch uns Zeitgenossen oft nicht übel anstünde.

Bilder:

Quellen:

  1. wikipedia,
  2. „preussenchronik.de“
  3. „Friedrich Syben: Preußische Anekdoten, Nachdruck im Arani-Verlag, Berlin, 2001“

HSeg: der sparsame Witwer – Gransee

Der überraschend frühe Tod der im Volk sehr populären Königin Luise warf Schockwellen durch ein ohnehin schon durch die Niederlage gegen Frankreich und die massiven Kontributionen und Besetzungen erschüttertes Land. Wie ihr Ehemann und die Bevölkerung damit umgingen, illustriert eine kleine Anekdote:

Nach der Bekanntgabe des Ablebens der Königin herrschte tiefe Trauer in Preußen. Es war allgemein bekannt, wie wichtig ihre Präsenz nicht nur für das Wohlbefinden ihres Mannes, des Königs Friedrich-Wilhelm III. war. Der alte Haudegen Leberecht, Fürst Blücher, soll dazu geäußert haben:

Ich bin wie vom Blitz getroffen – der Stolz der Weiber ist also von der Erde geschieden ! Gott im Himmel, sie muß zu gut für uns gewesen sein.
(zitiert nach H. Ohff, s. u.)

louise_of_mecklenburg-strelitzLuise von Mecklenburg-Strelitz, verheiratete Königin von Preußen, starb am 19. Juli 1810 auf Schloss Hohenzieritz in Mecklenburg im zarten Alter von nur 34 Jahren. Ihre sterblichen Überreste wurden nach wenigen Tagen aus Mecklenburg nach Berlin überführt. Dabei musste der Trauerzug in der Nacht vom 25. zum 26. Juli einmal unterwegs „übernachten“. Und zwar in Gransee, im heutigen Landkreis Oberhavel.

Soviel zu den Fakten. Die schon erwähnte Trauer führte nun in der Folge dazu, dass die Bürger von Gransee den noch immer deprimierten König darum baten, zum Andenken an die Königin ein Denkmal in ihrer Stadt errichten zu dürfen. Der Monarch wiederum antwortete seinen Granseern in der für ihn geradezu charakteristischen, nüchternen Art und Weise. Er gab den extra nach Berlin angereisten Honoratioren zu verstehen, dass er ein Denkmal zu würdigen wisse, jedoch KEINEN ROTEN HELLER AUS DER STAATSKASSE dafür auszugeben gedenke. Pietätlos ? Oder einfach nur verantwortungsbewusst, was Steuergelder angeht ? Entscheiden Sie selbst.

Angesichts von „Einigungswippen“ auf der Schlossfreiheit, über die noch immer diskutiert wird, Diskussionen über neue Luther-Denkmäler in der Nähe der Berliner Marienkirche etc. wünschte ich mir, solche Sparsamkeit herrschte noch heute. Steuern und Abgaben könnten dann wieder in überschaubare Maße zurückgeführt werden und jeder von uns hätte mehr Euros im Säckel. Auch wenn dann an diversen Standbildern Plaketten von Spendern angebracht werden müssten. Bitte verzeihen Sie, liebe Leser, ich träume manchmal beim Tippen. 🙂

dsci2719_compressedDas Denkmal wurde jedenfalls in Auftrag gegeben. Der maßgeblich für das Einsammeln der Spenden verantwortliche Landrat Friedrich Christian von Zieten hatte Kontakte zu Carl-Friedrich Schinkel, der ein gusseisernes Denkmal entwarf. Dieses in Form eines unter einem Baldachin ruhenden Sarkophages gestaltete Monument wurde am 19. Oktober 1811 eingeweiht und steht bis heute auf dem Granseer Schinkelplatz.

Wie bekannt, wurde Luise im von ihr sehr geschätzten Park von Schloss Charlottenburg beigesetzt. Das Mausoleum, welches später auch die sterblichen Überreste ihres Ehemannes und ihres Sohnes Wilhelm sowie dessen Frau Augusta aufnehmen würde, ist bis heute zu besichtigen. Die Legende hingegen, Luise sei „an gebrochenem Herzen“ gestorben, weil das auch von ihr geliebte Preußen unter dem Joch der Franzosen stand, ist heute immer noch ebenso populär, wie nachweisbar falsch. Eine Lungenentzündung, die nicht ordentlich auskuriert worden war, zog eine Infektion nach sich, der die Königin erlag. So einfach wie bedauerlich.

Quellen:

  1. wikipedia
  2. Heinz Ohff, „Königin Luise von Preußen“ – ein Stern in Wetterwolken, Piper-Verlag, 14. Auflage, 2010 (Zitat von Seite 245)

Bilder:

  1. Von Josef Maria Grassi – http://www.oss.wroc.pl/wystawy/obrazki/portrety012.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2449500
  2. von mir, 2016

HSeg: zwei bunte Geschichten…

Manche Dinge, die uns aus der älteren und jüngeren Stadtgeschichte überliefert werden, klingen im ersten Moment absurd. Fast unglaublich. Nicht unbedingt immer, weil sie so „großartig“ oder auch „großspurig“ daherkommen, sondern eher, weil sie so deutlich die Banalität des Besonderen verkörpern. Schauen wir uns mal diese zwei Sächelchen an:

Erstens:
Hätten Sie gewusst, dass Berlin auch mal eine „Schweizer Garde“ hatte ? Sie lesen richtig. Eigentlich kennen wir die „Schweizer“ ja als farbenfrohes Detail aus einem Rom-Besuch. In ihren knallbunten, traditionellen Uniformen bewachen sie den Vatikan und dessen wichtigsten Bewohner: den Papst.

img_0129_compressedDer prunksüchtige König Friedrich I. „in“ Preußen wollte nun im frühen 18. Jahrhundert auch seine eigenen „Schweizer“ haben und ließ dafür einige, wohlgestaltete Soldaten in Phantasie-Uniformen stecken. Bevor wir das als „ewiggestrige“ oder „überholte“ Marotte belächeln, denken wir mal an die aufgeputzten „Janitscharen“, die seit einiger Zeit den Phantasiepalast vom türkischen Präsidenten Erdogan zieren oder die strammen Kerls, die man auf Kreml-Übertragungen immer neben den Türen stehen sieht, durch die Präsident Putin schreitet. Also Vorsicht, mit dem herablassenden „heute gibts das ja nicht mehr“-Lächeln. Das gilt vielleicht nur für Berlin…

Egal, hier jedenfalls ein Auszug aus Eberhard Cyrans Standardwerk „das Schloß an der Spree“ (ja, tatsächlich noch mit SZ):

Die im Schloß an der Spree stationierte „Schweizer Garde“ war eine Mustertruppe, zu der die schönsten jungen Männer herangezogen wurden. Ihre Uniform: blaues Tuch mit Karmoisinsamt und Gold; dazu weiß wallende Federn auf schwarzen Samthüten. Die Offiziere zeichneten sich durch scharlachfarbene Westen und Hosen und silberbetreßte Röcke aus.
(Quelle: „das Schloß an der Spree“, Eberhard Cyran, arani-Verlag, 6. Auflage, 1995)

Abenteuerliche Farbkombination ! Kein Wunder, dass schon Friedrichs Nachfolger, der „Soldatenkönig“ diesem Treiben ein Ende machte und den kostspieligen Mummenschanz seines Vaters aufhob. Nebenbei bemerkt kam vermutlich kein einziger dieser Gardisten aus der Schweiz.

Zweitens:
Da wir gerade bei „Friedrichen“ sind. Der zweite dieses Namens reitet ja derzeit als Standbild wieder Unter den Linden. In unmittelbarer Nähe von Humboldt-Uni und Bebelplatz. Eine witzige Geschichte rankt sich um die Wiederaufstellung des einst in einer entlegenen Ecke des Parks von Sanssouci „zwischengeparkten“ Reiterstandbilds.

img_2651_compressedIm Jahre 1980 ordnete Erich Honecker persönlich die Aufstellung des „alten Fritzen“ am historischen Platz mitten auf der Allee Unter den Linden in Berlin an. Eine Neubewertung bestimmter, preußischer Tugenden war dem vorausgegangen. Die DDR wollte sich im Vorfeld der 750-Jahrfeier Berlins die besten Traditionen der Vorfahren sozusagen „per Staatsakt“ aneignen und warf dafür ihre Feudalismus-Phobie und die systemimmanenten Berührungsängste mit dem „Preußentum“ ein Stück weit über den Haufen. Soweit, so bekannt.

Pjotr Abrassimow
Pjotr Abrassimow

Hätten Sie aber gewusst, dass der damalige, sowjetische Botschafter in der DDR, Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, ein mächtiger Mann, der ebenfalls Unter den Linden residierte, massive Einwände gegen die Aufstellung des Standbildes geltend machte ?
Erstaunlicherweise protestierte er aber weniger gegen die Aufstellung als solche, sondern gegen DIE RICHTUNG, IN DIE DER MONARCH REITET ! Absurd, skurril, aber wohl wahr, wenn man der TV-Dokumentation des RBB über die sowjetische Botschaft aus dem Jahre 2009 glauben darf.

Darin schildert ein ehemaliger Nachrichtendienstler, wie sehr sich selbst die Berufs-Spione über das Zerwürfnis zwischen DDR-Spitze und Abrassimow wunderten. Nun, wir wissen alle, wie die Geschichte ausging, denn wir können ja heute noch am Standbild vorbeischlendern, das eben NACH OSTEN reitet und nicht NACH WESTEN, wie es Abrassimow gerne gesehen hätte. Die klassische, traditionelle „Richtung“ setzte sich also am Ende durch. Die DDR hatte nämlich, so wollen es Gerüchte wissen, beim sowjetischen Außenministerium in Moskau ihr Unverständnis über Abrassimows Haltung geschildert, woraufhin man dort wohl den Botschafter zurückpfiff und darauf aufmerksam machte, dass die Sowjetunion wichtigere Dinge habe, mit denen sie sich beschäftigen müsse, als die Ausrichtung von Reiterstandbildern. Nachvollziehbar.

So, das waren mal wieder zwei kleine Schmankerl aus Berlin. Ich hoffe, diese waren für Sie, liebe Leser, interessant und unterhaltsam. In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal ! 🙂

ihr

Clemens Kurz

Foto Abrassimow:
Von Original Image ALDOR46This cropped extract: Charles01 – Cropped extract of File:Член ВС ГСВГ Губин И.А. с супругой Посол СССР в ГДР Абрасимов П.А., Зайцева М.И. и Главком Зайцев М.М.. Берлин 1983..jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39795652

Alle anderen Bilder:
von mir. Jahreszahlen sind als Wasserzeichen vermerkt. Bilder bitte nur nach Rückfrage bei mir verwenden ! (Bin großzügig mit der Freigabe, mag nur gern wissen, WER sie WOFÜR benutzt.) Dankeschön ! 🙂

HSeg: Detail über Schinkel

Carl-Friedrich Schinkel ist sicher allen Berlinern, Brandenburgern und Berlin-Brandenburg-Besuchern ein Begriff. Der Architekt, Stadtplaner, Vater der Denkmalpflege, Maler und Industrie-Designer war offensichtlich ein Multitalent. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ihm ein weiteres Attribut zuzuordnen…

Schinkel2Denn, hätten Sie es gewusst: Schinkel war auch in einer Grauzone unterwegs, als er sich 1826 auf Bildungsreise ins Ausland begab. Hier ein paar Denkanstöße:

  • Schinkel bereiste 1826 Frankreich, England und Schottland.
  • Sein Reisepartner dabei war der Ministerialbeamte Peter Beuth,
  • der Mann, dem Preußen maßgeblich den Übergang vom reinen Agrar- und Manufaktur-Staat zum Industrieland verdankt.
  • Schinkel machte detaillierte Aufzeichnungen dieser Reise, die heute noch erhalten sind.
  • Aus diesen geht hervor, dass Schinkel, der sich im Auftrage des Monarchen um die Modernisierung der Museumslandschaft Preußens kümmern sollte, in England und Schottland jedoch mehr mit Beuth in Sachen „Technologie-Transfer“ unterwegs war.

Sogar „wikipedia“ schreibt dazu folgendes im Beitrag über Beuth:

Import von Kenntnissen

Der Transfer technologischer Neuheiten aus den fortgeschrittenen Volkswirtschaften Englands und Westeuropas nach Preußen war ein besonderer Programmpunkt in Beuths vielfältigen Tätigkeiten. Er warb ausländische Experten an und er finanzierte die Informationsreisen eigener Ingenieure und Techniker, die im Ausland modernste Maschinen und die Organisation der erfolgreichen Betriebe studierten. Manche dieser Aktivitäten gerieten zumindest in die Nähe dessen, was man heute Industriespionage nennt. Aufschlussreich für den Charakter solcher Exkursionen sind die Tagebuchaufzeichnungen, die Schinkel während der Reise von 1826 in England gemacht hatte. Er selbst sollte im Auftrag des Königs vor allem neue Museumsbauten studieren, war aber auch lebhaft an allen technischen Neuerungen interessiert und begleitete Beuth bei dessen Erkundungen. Beide besichtigten beinahe täglich Fabriken und technische Anlagen unterschiedlichster Art. Beuth kaufte auf und schickte in die Heimat, was ihm für die Entwicklung Preußens nützlich erschien – Maschinen oder Konstruktionszeichnungen, Saatgut und neue Nutztierzüchtungen. Ausfuhrverbote für bestimmte Maschinen wurden dadurch umgangen, dass man sie über Zwischenadressen nach Berlin dirigierte, wo sie dann zerlegt, nachgebaut und womöglich verbessert wurden. Wenn man das Gewünschte nicht kaufen konnte, versuchten Schinkel und Beuth technische Details wenigstens nachzuzeichnen. Mehrmals notierte Schinkel aber auch Sätze wie: „Die Maschine ist verdeckt und wird nicht gezeigt“.

Grabstätte Beuth
Grabstätte Beuth

Ich plädiere also dafür, Schinkel auch als „Industriespion“ im „Auftrage seiner Majestät“ zu bezeichnen. 00Schinkel musste dabei jedoch auf sein Zeichentalent zurückgreifen, da es mit der Fotografie noch nicht soweit war. Von „Minikameras“ oder Abhöranlagen ganz zu schweigen. Beuth und Schinkel also als Spionage-Duo. Kein Wunder, dass sie am Berliner Schinkelplatz (siehe Beitragsbild) als Standbilder weiterhin nebeneinander stehen. Und selbst im Tode konnten sich diese zwei Preußen nicht voneinander trennen, denn beide liegen relativ nahe zu einander auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begraben.