Archiv der Kategorie: HSEG-Kleinigkeiten

In dieser Kategorie sammle ich kleine „fun-facts“, kleine Besonderheiten und vielleicht nicht so bekannte Details zu Berlin, Brandenburg und der Geschichte beider Bundesländer.

das lange Ringen um Pommern, Teil 3

Der Welten Eitelkeit…ist vergänglich. Auch die, die um den Besitz Vor- und Hinterpommerns gerungen haben, leben nicht mehr und können einem „lachenden Dritten“ heute dabei zusehen, wie er aus den Küstenorten touristischen Vorteil zieht. Schweden und „Preußen“ sind es nicht mehr, die heute den Euro mit bezahlbarem Kurzurlaub in Kolberg machen…

Wo war ich stehengeblieben ? Ach, ja, im zweiten Teil habe ich vom herzhaften und letztlich größtenteil vergeblichen Ringen des „Großen Kurfürsten“ Friedrich-Wilhelm von Brandenburg-Preußen berichtet, dem sein höchstes Ziel, die Gewinnung der Odermündung mit Stettin als Basis für den Aufstieg Brandenburgs zur Seemacht verwehrt blieb. Der Traum von „Kolonien und Flotten“ Friedrich-Wilhelms blieb lange Zeit ungeträumt. Bis ein anderer, der „letzte“ Wilhelm ihn überstürzt nachholen wollte. Eine ganz andere Geschichte auch dies.

Pommern hingegen blieb erst einmal geteilt, nachdem sich der Große Kurfürst zu seinen Ahnen begeben hatte (1688). Die Schweden behielten „Schwedisch Pommern“ inklusive Stettin, Stralsund und Rügen erst einmal unter Kontrolle. Aber es gab ja so etwas wie den „Nordischen Krieg“. Was soll man darüber groß erzählen ? Drei „Weltmächte“ stritten über die Dominanz im Ostsee-Raum. Schweden, Polen und Russland. Als es so aussah, als ob mit Karl, dem 12. , Schweden einen echten Haudrauf und tatendurstigen „Macher“ auf dem Thron hätte, sahen sich die anderen Ostsee-Anrainer offensichtlich dazu genötigt, diesem „Kraftburschen“ und „Urvieh“ Einhalt zu gebieten.

Das war so etwa Anfang des 18. Jahrhunderts. Und da sich Brandenburg mal wieder auf die richtige Seite geschlagen hatte, bekam der preußische König, es war nun bereits der „Soldatenkönig“ mit dem gleichen Namen wie der von mir schon erwähnte „bronzene Reiter“ auf dem Sockel vor Schloss Charlottenburg ein wenig „Beute“ ab. Interessantes Detail aus diesem Kontext: weil Preußen sich schwedisch- (Vor-) Pommern davon erhoffte, hatte es ein Bündnis mit Russland im Sinne. Dafür lud man den Zaren, es war noch Peter der Große, nach Berlin ein (. Man quartierte ihn und seine Entourage im heute nicht mehr existierenden Schloss Monbijou ein, welches er nach seiner Abreise in einem Zustand hinterließ, der jeglicher Beschreibung spottete. „Verwüstung“ halt.

Aber zurück zum „Frieden von Stockholm“, bei dem 1720 der Soldatenkönig Friedrich-Wilhelm (hatte ich nicht vor der notorischen Phantasielosigkeit der Hohenzollern bei der Namensgebung ihrer Thronfolger gewarnt ?) das südliche Vorpommern zugesprochen erhielt. Südlich der Peene wurde alles preußisch. Gut, denn aus dieser Region stammen auch einige Felderren wie der von Friedrich dem Großen „verschlissene“ Kurt-Christoph von Schwerin. Aber auch das ist eine andere Geschichte, die ich bereits erzählt habe. Endlich hatte Preußen, hatten die Hohenzollern „ihr“ Stettin und die Odermündung unter Kontrolle. Dass der sparsame und an überseeischen Abenteuern im Gegensatz zu seinem gleichnamigen Opa nicht interessierte Soldatenkönig dies nicht für ein Flottenprogramm und verspätete Kolonial-Interessen nutzen wollte, ehrt den in der Geschichtsschreibung meist ziemlich schlecht wegkommenden Monarchen sehr.

Aber immerhin behielten die Schweden Stralsund und die Insel Rügen. Das sollte sich im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) noch übel auswirken, da die von Frankreich bezahlten Schweden darüber ein Einfalltor nach Brandenburg hatten und dies zu Raubzügen bis tief in die Kurmark ausnutzten. Als hätten sie aus der Schlacht von Fehrbellin nichts gelernt. Und das, obwohl ihre Königin die Schwester Friedrichs des Großen, Ulrike, war. Aber die von Frankreich bezahlten „Granden“ Schwedens wollten es anders. Was zu einer weiteren, interessanten Anekdote führte, denn ein in schwedischen Diensten stehender, junger Kavallerie-Leutnant geriet bei einem besondern mutigen Vorstoß in preußische Gefangenschaft. Es war ein für Schweden fechtender Mecklenburger namens Gebhard Leberecht von Blücher. Richtig, der spätere „Fürst von Wahlstatt“ und Franzosenprügler begann als „Schwede“ seine Militärlaufbahn. Aber die Preußen hatten schon immer ein gutes Auge für militärische Talente und warben den „Gefangenen“ einfach ab. Nun, der „Marschall Vorwärts“ wird diese Entscheidung nie bereut haben, denn er konnte sich auf seine alten Tage ein hübsches Stadtpalais direkt neben dem Brandenburger Tor leisten. Ja, auf dem Grundstück, wo wir heute die US-Botschaft anfinden.

Also, noch war Pommern nicht in dem Zustand, in dem es seit 1637 hätte sein sollen. Ganz Pommern ? Nein, ein paar vorlaute Schweden…Na, ja Asterix passt hier doch nicht.
Mache ich es mal kurz, wie es meinem Nachnamen geziemt:  beim „Aufräumen“ nach dem Napoleonischen Wirbelsturm über Europa, auf dem „Wiener Kongress“ erhielt Preußen EEEEENNNNNNNNNNNDLICH auch das restliche Vorpommern zugesprochen. Schweden hatte somit kein Standbein mehr auf deutschem Boden. Ein weiterer Friedrich-Wilhelm hielt einfach nur die Hand auf, sagte brav „dankeschön“ und war nun auch Herzog aller Pommern. Es war der etwas dröselige und immer von allen Historikern als „spröde“ abgekanzelte Friedrich-Wilhelm, der Dritte. Ja, liebe Leser, der mit der hübschen Königin Luise und den vielen Kindern. Sie selbst erlebte die „Heimkehr“ Pommerns allerdings nicht mehr, da sie fünf Jahre vorher verstorben war.

Was haben die Pommern wohl empfunden, als sie „alle“ preußisch wurden ? Mit welchem Dialekt sprach man wohl in Kolberg oder Falkenburg ? War Hinterpommern immer schon „das Armenhaus an der Ostsee“, wie mein Cousin es einmal genannt hat, nachdem er unsere gemeinsame „Wurzel“ dort besucht hatte ? Ich weiß es nicht, bekomme aber gerade Lust, nach Stettin zu fahren und an derHakenterrasse spazierenzugehen. WER KOMMT MIT ????? 🙂

Ihr

Clemens Kurz

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das lange Ringen um Pommern, Teil 2

Im ersten Teil dieser Reihe habe ich Ihnen, liebe Leser, ja bereits meine persönlichen Motive dargelegt, die mich mit diesem Thema verbinden. Die Dynamik, die einstmals zwischen den „Greifenherzögen“ von Pommern und den Brandenburger Kurfürsten herrschte, ist mittelalterliche Geschichte. Lange vorüber und dennoch interessant. All ihre Mühen waren letztlich vergebens, denn Pommern gehört jetzt zu Polen. Und dennoch…

Wo waren wir stehengeblieben ? Hm…ah, ja. Die Greifen werden unabhängig von Brandenburg, erkennen aber die Hohenzollern als „Erben“ ihres Herzogtums an, falls sie jemals ohne Nachfolger bleiben sollten. Soweit, so nichtssagend. Jetzt komme ich ein wenig mit „Zahlen“, aber nur wenigen Eckjahren, die das kommende Drama umreißen sollen.

Wir schreiben das Jahr…

  • 1637; Die Szenerie ist folgende: Es herrscht noch immer der Dreißigjährige Krieg. Diverse, europäische „Supermächte“ fechten um ihre Interesse. Bevorzugt auf deutschem Boden, natürlich. Die Schweden haben Pommern besetzt. Sie nutzen es als Ausgangsbasis für ihre Eroberungszüge durch Deutschland. Brandenburg ist Objekt, nicht Subjekt in diesem Konflikt. Es hat kaum ein Militär, muss sich mal dem Kaiser in Wien, mal dessen Feinden aus Schwedenland an den Hals werfen. Sein Kurfürst Georg Wilhelm mehr Opfer als Täter im Krieg.
    PLÖTZLICH STIRBT MIT Bogislav, dem vierzehnten, TATSÄCHLICH DER LETZTE POMMERSCHE GREIFE! Ohne Bluterben!
    Theoretisch gehört dessen Herzogtum nun den brandenburger Hohenzollern…
  • 1640; Auftritt des „bronzenen Reiters“ vom Charlottenburger Schlosshof (oder dem Foyer des Bodemuseums): Friedrich-Wilhelm wird Kurfürst von Brandenburg. Ich nenne ihn den eigentlich „Ringer“ um Pommern. Ein tragischer Held, der nicht gar so heroisch daherkam, wie es sein Reiterstandbild (das sein Sohn anfertigen ließ, ein dankbarer Sohn!) uns überliefern soll. Friedrich-Wilhelm (, der den ab jetzt bei der Namensgebung notorisch unkreativen Hohenzollern die Vorlage für unzählige, spätere „Wilhelms“ und „Friedrichs“ liefert) will Pommern beanspruchen.
  • 1648; der „Westfälische Frieden“ von Münster und Osnabrück regelt die Dinge zum Abschluss des Dreißigjährigen Krieges. Brandenburg wird dabei nur Hinterpommern zugesprochen. Doch ganz Pommern ist noch von den Schweden besetzt. Trotz Unterzeichnung der Verträge denken sie nicht im Traum daran, auch nur einen Quadratzentimeter Pommern herzugeben. Erst 1653 kann Friedrich-Wilhelm Hinterpommern in Besitz nehmen.

Ab jetzt wirds es wieder unübersichtlich. Sagen wir mal, dass Friedrich-Wilhelm, der „Ringer“ um Pommern, seinen Traum, das gesamte Erbe der „Greifen“-Dynastie anzutreten, nie aufgab. In diversen Koalitionen verbündet er sich mit jedermann, um die Schweden loszuwerden.

  • 1660; im Frieden von „Oliva“ (nahe Danzig) muss Brandenburg das zuvor besetzte Vorpommern wieder räumen. Einziger Vorteil dieses Vertragswerkes: Die Hohenzollern bekommen endgültig die Souveränität über Ostpreußen. Friedrich-Wilhelms Sohn wird sich dies später freudestrahlend zu Nutze machen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.
  • 1679; Brandenburg muss Vorpommern ein zweites Mal an Schweden herausgeben. Nachdem es die Nordmänner in Scharen bis nach Stralsund und Rügen getrieben hatte. Im „Frieden von St. Germain“ aber, werden die Ansprüche Friedrich-Wilhelms, die er nach 1637 von seinem Vater geerbt hatte, erneut mit Füßen getreten. Er soll daraufhin einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle bekommen haben. Die alte Hohenzollernkrankheit. Noch sein Enkel, der „Soldatenkönig“ wird für solche Ausraster berüchtigt werden.
der pommersche Greif

Ähnlich wie bei den durch ein ähnliches Vertragswerk geregelten Erbstücken der schlesischen Herzöge von Liegnitz, gelingt es dem „Großen Kurfürsten“ Friedrich – Wilhelm auch in Pommern nicht, seine Ansprüche geltend zu machen. Im Falle Schlesiens wird das langfristige Folgen haben. Sein Urenkel wird ein gutes Gedächtnis beweisen und sich der Hohenzollern-Ansprüche erinnern. Im Falle Pommerns hat Friedrich-Wilhelm immerhin ein Stückchen, das weniger wichtige (weil ohne Stralsund, Rügen, Stettin und die Odermündung !!!) vom Kuchen bekommen.

Das Ringen um Pommern ist aber noch nicht vorbei, im Gegensatz zu diesem Beitrag.

Fortsetzung folgt, versprochen. In Teil drei werden wir u. a. sehen, wie einer, der gar nicht mehr um Pommern ringt, schließlich das ganze, alte Herzogtum der „Greifenherzöge“ regieren wird. …

Ihr

Clemens Kurz

P.S.: „Vor-“ und „Hinterpommern“. Was ist das ? Ich vereinfache mal gaaaaaaaaanz stark: Vorpommern liegt und lag VOR der Odermündung, also westlich davon. Der Rest, östlich davon, ist Hinterpommern. Ja, Sie erinnern sich richtig, das ist da, wo meine Mutter selig herkam.

das lange Ringen um Pommern, Teil 1

Wer ein Beispiel für die Vergänglichkeit von Taten und die vermeintliche Sinnlosigkeit jeglicher Geschichte vor Augen haben will, mag sich an Preußens Ringen um Pommern erinnern. Erst Gegner, später Objekt der Begierde Brandenburgischer Kurfürsten und Preußischer Könige, geriet das Land an der Ostsee in ein zähes, jahrhundertelanges Ringen um seine Kontrolle. Heute gehört nur ein winziger Teil Pommerns NICHT zu Polen. „sic transit gloria mundi“ Hier eine Zusammenfassung des Geschehens:

Ein Pommer vor dem Sohn des Unterzeichners des „Vertrages von Grimnitz“

Früher oder später musste es passieren: ein „Pommer“ erinnert an Brandenburg/Preußens Kampf um Pommern. Sie wissen es, liebe Leserinnen und Leser: meine Mutter war noch eine „echte“, weil gebürtige, Pommeranze. Ähhh…nein…eine Pommerin. Aus Falkenburg bei Dramburg in Hinterpommern. Allerdings ohne jegliches Heimweh geboren war sie als Heimatvertriebene nach ihrer Ankunft in Berlin 1945  eben Berlinerin. Nie so ganz Spandauerin übrigens, denn nach Spandau hatte sie ja nur geheiratet…(Überraschung: meinen Vater, Nachkomme von Westpreußen, einen „echten“ Spandauer, nach dem Gefühl…eine lange Geschichte.)

Aber jetzt mal „mittenrein“ ins Vergnügen. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich in Geschichtsbüchern lese, wie die Pommern und die Brandenburger im Spätmittelalter miteinander stritten. Um die Uckermark zumeist. Sobald Brandenburg Schwäche zeigte, oder so recht schlecht regiert wurde, kamen meist die Herzöge von Pommern angerannt und hatten schon ein kleines Ritterheer bereit, um die Uckermark zu erobern. Verbündet mit Polen oder Dänemark oder Schweden oder einfach zum Spaß. Die „Greifen“ wollten offensichtlich „abgreifen“, was ihnen so zufiel. Ja, so hieß das Fürstengeschlecht der Pommernherzöge. Ein roter „Greif“ (Raubvogel mit Löwenbeinen) war denn auch das Wappentier Pommerns. Im Stadtwappen Stettins findet man das Greifenhaupt bis heute vor.

Als dann ab 1411 die Hohenzollern in Brandenburg einzogen, wehte den Greifen aber plötzlich wieder ein schärferer Wind entgegen. Die diversen „Friedrichs“, „Georgs“ etc. aus dem südwestdeutschen Herrscherhaus fochten in Zukunft um alles, was sie besaßen oder zu besitzen gedachten. Angefangen vom ersten Hohenzollern in der Mark Brandenburg, Friedrich I. Und zu ihren Ansprüchen gehörte eben auch die Uckermark. Punktum ! Um auf die Greifen Druck auszuüben, ernannte man sich auch schon mal zum Lehnsherrn der Pommern. Was in Stettin wenig Freude auslöste.

Jetzt will ich nicht weiter mit Schlachten, Siegen, Niederlagen etc. langweilen. Diese Daten vergisst man ja doch wieder schnell. Interessant wird die Sache erst mit der Herrschaft von Joachim I. „Hektor“ in Brandenburg. Er kann mit den Greifen, in diesem Falle den Herzögen Georg I. und Barnim (ja, der hieß so, wie die Landschaft im Nordosten Berlins !!!! Dreimal dürfen wir raten, warum die so heißt !) dem 9. einen Vertrag schließen, der vielerlei beinhaltet. Die Hohenzollern geben ihren Wunsch, Lehensherren der Pommern zu werden, erstmal auf. Sie bekommen dafür (durch den Kaiser garantiert) aber etwas Wichtiges zugestanden: sollten die Greifen einstmals ohne Erbberechtigten aussterben, übernehmen die Brandenburger Hohenzollern Pommern. So einfach, so klar. Und wie wir sehen werden, so schwer durchzusetzen. Zunächst aber schreiben wir das Jahr 1529, unterschreiben den „Vertrag von Grimnitz“ und belassen es dabei.

Fortsetzung folgt ! 🙂

Ihr

Clemens Kurz

 

Historie: Friedrich und die „drei-Tage-Schlacht“

Brandenburg wurde durch tatkräftige Herrscherhände geformt. Geformt und zusammengehalten. Die Askanier und die Hohenzollern haben hier ihre Spuren hinterlassen. Letztere beendeten das von mir gerne spöttisch „Interregnum“ genannte Zeitalter, während dem die Markgrafenwürde Brandenburgs recht willkürlich den Inhaber wechselte und die Mäuse auf dem Tisch tanzten. Halte ich hier wieder eine Vorlesung zur Regionalgeschichte ? Na, ich bitte um etwas Geduld; halten wir es locker.

In der Geschichte wurden Veränderungen oft gewaltsam erzwungen. Machtpolitik war auch Militärpolitik und gewaltsames Durchsetzen dynastischer oder staatlicher Interessen. Das mag uns Menschen des 21. Jahrhunderts zwar antiquiert erscheinen und zartbesaitete Gemüter gar anekeln, aber dadurch ändert sich die Geschichte nicht. Man sollte da nichts beschönigen.

Meine Mutter selig hingegen sagte immer so etwas wie: „Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.“ Nicht, dass sie da persönliche Erfahrungen mit Katzen und Mäusen hatte, aber dass ein bischen gestaltete Ordnung auch dafür sorgt, dass nicht „jeder macht was er will, statt, was er soll“ und anarchische Zustände einreißen, war ihr sehr wohl bewusst. So etwa müssen wir uns Brandenburg im 14. und frühen 15. Jahrhundert vorstellen. Der Markgrafentitel (seit 1356 sogar zum „Kurfürst“ erhoben) war seit 1320, als der letzte Markgraf aus dem Hause der Askanier ohne Nachfolger verstarb, nur noch ein Titel, aber keine echte Herrschaft mehr. Seine Träger hefteten sich gerne den Titel „Markgraf/Kurfürst von Brandenburg“ an die Brust, stolzierten damit umher, hatten aber nicht die geringste Absicht, Brandenburg auch wirklich zu ordnen oder gestaltend zu regieren.

Ganz im Gegenteil: sie verscherbelten die ungeliebte Mark Schritt für Schritt an jeden, der ihnen ein paar Gulden dafür bot. Letzter Exzess in dieser Hinsicht war der Verkauf der „Neumark“ (heute Polen, wir sehen, wie Geschichte oft völlig sinnlose Bögen schlägt) im Jahre 1402 an den Deutschen Orden. Alles, was die Askanier sorgsam zusammengefügt und zu einer recht ansehnlichen Herrschaft geformt hatten, ging nun den Bach runter. Bis ein frisch gewählter, deutscher König namens Sigismund einen seiner Kumpane (ich sage nicht „Saufkumpane“, weil ich nicht sicher bin, wieviel diese Herrschaften damals so an Wein und Bier wirklich konsumiert haben) namens Friedrich mit dem Ordnen Brandenburgs beauftragte. Zunächst mal als „Verwalter“ dieses herrenlosen „Lehens“. Das war 1411.

Als dieser Friedrich, als „Burggraf von Nürnberg“ bereits mit Nummerierung versehen (VI.) nun im Sommer 1412 tatsächlich in Brandenburg auftauchte (etwas, das die letzten paar Kurfürsten fast nie getan hatten) hatte eine andere „Katze“ bereits ihre Krallen ins Brandenburger „Fleisch“ geschlagen: die Pommern standen tief in der Mark. Am „Kremmer Damm“, einer befestigten Passage durch das schlammige „Kremmer Luch“ zwischen Oranienburg und Hennigsdorf, schlug Friedrich im Oktober 1412 mit seinen aus Franken „mitgebrachten“ Rittern die Pommern, atmete tief durch und begann danach, sich Brandenburg einmal genau anzuschauen:

Die Städte hatten sich Privilegien gekauft, oder angemaßt, die eigentlich den Kurfürsten zustanden, hatten eigenmächtig Bündnisse geschlossen, um der zweiten Geißel Brandenburgs Herr zu werden: den selbstherrlichen Raubrittern. Oh, Mann, da musste was passieren. Und Friedrich, eigentlich deutscher Machtpolitiker, aber, ganz der Zeit angemessen, eben auch Feldherr und Tatmensch, begann Fakten zu schaffen. Er eroberte einige Burgen der Raubritter (Stichwort: „Quitzows“), machte unmissverständlich klar, wer jetzt hier das Sagen hatte und entließ die weniger Schlimmen dieser „wilden Männer“ dann wieder auf ihre Sitze. Er war kein Brutalo, wie seine Gegner, sondern Realist. 1415 wurde ihm dafür die Kurfürstenwürde Brandenburgs verliehen. 1417 auch der protokollarische Rang eines „Erzkämmerers des Reiches“. Letzeres übrigens ein Titel, den noch Friedrich der Große hielt, was seine Intimfeindin Maria-Theresia zu manch spitzer Bemerkung anregte, aber das ist eine andere Geschichte.

Friedrich immerhin kümmerte sich daraufhin um ein paar Reichsangelegenheiten und kehrte der schwierigen Mark Brandenburg erstmal den Rücken. Wir dürfen nie vergessen, dass er auch und vor allem Reichspolitiker war ! Und wieder: die „Katze“ war in Brandenburg aus dem Hause, weshalb die Nachbarskatze aus Pommern wieder über die „Mäuse“ herfiel. Friedrich kehrte schließlich im Frühjahr 1420 zurück, lieferte sich im März eine dreitägige Schlacht bei Angermünde mit den Pommern, Mecklenburgern und ihren polnischen Hilfstruppen, schlug diese Allianz vernichtend und sicherte für einige Zeit (noch nicht endgültig, aber auch das ist eine lange und ganz andere Geschichte) die Uckermark wieder für Brandenburg. Interessant: auf seiner Seite kämpften damals bereits einige der wenige Jahre zuvor noch so „unbotmäßigen“, brandenburgischen Adligen und die Städte stellten, so will es die Legende, auch bereits einige Fußtruppen. Es zeichnete sich die die „typisch brandenburgische“ Mischung aus Kurfürst, Stadtbürgern und Altadligen (die sprichwörtlichen „Itzenplitze“) bereits ab, die das Land lange gemeinsam gestalten sollte. Wobei das Pendel langfristig zu Gunsten des Kurfürsten ausschlug. Lange Geschichte.

Sigismund

Beim schwierigen, deutschen König Sigismund war Friedrich aber inzwischen in Ungnade gefallen. Dass er nicht am ersten „Hussitenfeldzug“ gegen die tschechischen Revoluzzer teilgenommen hatte, brachte diverse Neider Friedrichs in die beneidenswerte Position, ihn bei Sigismund anschwärzen zu können. Sigismund hatte offensichtlich nicht den Weitblick, sich daran zu erinnern, dass er ja selbst Friedrich mit dem Befrieden der Mark Brandenburg beauftragt hatte, was dieser eben tat, während Sigismund erstmalig auf Hussitenjagd ging. Die Tatsache, dass Friedrich einem seiner Söhne gerne die polnische Prinzessin Hedwig angetraut hätte, was einem weiteren, riesigen Prestigegewinn für die Hohenzollern gleichgekommen wäre, spielte bei dem Zerwürfnis zwischen Sigismund und Friedrich wohl auch eine Rolle. Ebenso wie die Tatsache, dass Sigismunds Mutter aus Pommern stammte, weshalb er potentiell immer mit deren Expansionsdrang sympathisierte.

Immerhin führt Friedrich bald darauf den zweiten Hussitenfeldzug an, um etwas „Wiedergutmachung“ zu betreiben, wird aber dafür nicht gewürdigt, sondern macht damit nur die Hussiten auf seine Mark Brandenburg aufmerksam. Wo diese dann einige Jahre später auch „folgerichtig“ plündernd und brandschatzend auftauchen werden. Aber damit werden sich sein Sohn und die Städte, z. Bsp. Strausberg und Bernau 1432 herumärgern müssen. Was Bernau übrigens seit 1832 mit dem „Hussitenfest“ feiert, aber auch das ist eine andere Geschichte.

Wie auch immer: 1425 wirft Friedrich den Brandenburgischen Büttel hin, ernennt seinen ältesten Sohn Johann („den Alchimisten“, komischer Namenszusatz !) zum neuen Sachwalter Brandenburgischer Interessen und verzieht sich schmollend auf seine fränkischen Ländereien, um Brandenburg nie wiederzusehen und weiter Reichspolitik zu machen. Eine „typische“ Politikerkarriere eben.

Fazit: Der „Cleaner“ Brandenburgs macht seinen Job, gerät mit seinem Auftraggeber in Interessenkonflikte und kümmert sich dann wieder um „seinen Kram“. Zwischendurch schlägt er aber den frechen Pommern aufs Haupt und macht einigen Leuten klar, welche Familie ab jetzt der Chef im Brandenburger Ring ist: Haus Hohenzollern. Was immerhin bis 1918 auch so bleibt. Insofern: nachhaltige Wirkung ! Über 500 Jahre…

Was kommt für mich dabei heraus ? BESUCHEN SIE ANGERMÜNDE ! 🙂

(P.S.: Als 50 %iger Nachfahre von Pommern fiel mir dieser Artikel nicht so ganz leicht, zu schreiben. Meine Mutter selig, die diesen Spruch mit den Katzen in mein Gedächtnis einbrannte, stammte ironischerweise aus Pommern. Na, ab 1637 geht das ja dann eh alles zusammen…)

Bildmaterial:

HSeg: Ein Monarch, der noch immer „getragen“ wird…

Wer in die Details von lokaler und regionaler Geschichte „hinabtaucht“, wird auf ungewöhnliche und skurrile Fakten stoßen. Das ein oder andere dieser Details will ich hier mit Ihnen in der Rubrik „Hätten Sie es gewusst ?“ (HSeg) teilen. Ich hoffe, Sie haben daran Freude und können über manche skurrilen Einzelheiten aus Berlin und Brandenburg schmunzeln.

Letztlich stieß ich bei der Vorbereitung eines Stadtrundgangs auf ein öffentlich zugängliches Detail, welches aber weitgehend unbekannt sein dürfte. Oder warum trägt ein Berliner Bezirksbürgermeister einen König um den Hals ? Na, ja, vielleicht nicht den ganzen König, 😉 .

  • Die „Amtskette“ des Bürgermeisters von Spandau nämlich hat eine Medaille daran, auf der in schönster, kunsthandwerklicher Arbeit ein Profilbild von König Friedrich-Wilhelm III. von Preußen zu sehen ist. Nanunana, ein Monarch hängt um den Hals eines gewählten, demokratischen Volksvertreters ?
  • Dies kann relativ einfach erklärt werden: das Symbol städtischer Selbstverwaltung ist ein „Erbstück“ aus dem alten Preußen. Die Bürgermeister von Spandau tragen es, vor allem bei repräsentativen Anlässen außerhalb Spandaus, seit 1845. Fachleute werden wieder sagen: „Nanunana“, da war der dritte Friedrich Wilhelm doch schon nicht mehr am Leben ? Richtig. Aber zu seinem Angedenken wurde diese Medaille geschaffen.
  • Denn FW3 hatte im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen des frühen 19. Jahrhunderts auch den Städten in Form der sog. „Städteordnung“ mehr Selbstverwaltung zugestanden. Zugestehen müssen vielleicht, aber seis drum. Diese Städteordnung von 1808 trägt jedoch ganz eindeutig die Handschrift des Freiherrn vom und zum Stein, der mit einheitlichen Regelungen für die Städte Preußens z. T. mit jahrhundertealten, mittelalterlichen Sonderwegen und Eigenheiten aufräumte. Gleichzeitig sollte den Stadtbürgern Preußens aber auch mehr Mitbestimmung in „eigener Sache“ eingeräumt werden, als zuvor.
  • An diese Städteordnung, die im Namen Friedrich-Wilhelms des Dritten erfolgte, erinnert nun die Medaille, welche der gewählte Bürgermeister des nunmehr fünften Stadtbezirks von Berlin (vor der Verwaltungsreform von 2001, der achte Bezirk) bis heute zu tragen berechtigt ist.  Soweit, so einfach zu erklären. Man muss es nur wissen.

In diesem Sinne: nicht alle alten Monarchen stehen für Oppression und Entrechtung ihrer Untertanen. Zumindest nicht zu 100 Prozent und permanent.
In diesem Sinne, besuchen Sie doch Spandau einmal !

Ihr

Clemens Kurz

HSeg: tödliche Neugierde

Der Berliner hat ja ein unstillbares Unterhaltungsbedürfnis. Wenn man jetzt noch seine fast schon pathologische Neugierde dazurechnet, kommt der Wille des Berliners dabei heraus, überall hinzugehen, wo „etwas los“ sein könnte. Aber schon in den Zeiten unserer Altvorderen konnte diese Eigenschaft tödliche Konsequenzen haben.

fwundelisabethIch weiß, es fällt schwer, sich das vorzustellen, aber es gab einmal Zeiten ohne Internet, smartphones, Spielkonsolen und Fernsehen. In solchen Zeiten musste man eben die „Feste feiern, wie sie kommen“ um Zerstreuung und Unterhaltung zu finden. Und so war die Kombination aus der Einweihung von Berlins neuer Schlossbrücke und der bevorstehenden Hochzeit des preußischen Thronfolgers Friedrich – Wilhelm (ja, die Hohenzollern waren traditionell etwas phantasielos, was die Benennung ihrer Kinder anging) im November 1823 eine Lustbarkeit, der kaum ein Berliner widerstehen konnte.

Zumal auch die Braut, eine bayerische Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach mit Namen Elisabeth Ludovika, tatsächlich ein ebenso hübsches, wie freundliches Frauenzimmer war. Wer jetzt also nachträglich den Rummel um ihre Ankunft in Berlin von oben herab verachten will, der möge sich stattdessen einmal die ungebrochene Verbreitung der sog. „yellow press“ in unseren Tagen anschauen. Oder die Begeisterung, mit der auch heute noch z. Bsp. in Großbritannien von Hunderttausenden die Gelegenheit genutzt wird, den von einem Balkon im Buckhingham Palace herab winkenden Majestäten des Hauses Windsor zuzujubeln.

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gusseisernes Geländer der Schlossbrücke

So in der Art müssen wir uns die Stimmung am 28. November 1823 vorstellen. Einen Tag vor der Hochzeit von Prinzessin Elisabeth mit Kronprinz Friedrich-Wilhelm (eine der wenigen, wirklich funktionierenden Ehen an der Spitze von Haus Hohenzollern übrigens) sollte die neue Schlossbrücke eingeweiht werden. Schinkel hatte, genial wie er war, eine solidere, repräsentativere Überspannung des Kupfergrabens geschaffen, als es die ehemalige „Hundebrücke“ gewesen war. Die ca. 33 m breite, neue Brücke war (und ist) den Ausmaßen der Straße „Unter den Linden“ angepasst und sollte so die Verbindung vom Schloss zur Prachtstraße herstellen. Ihre Benennung ist von daher zu verstehen.

Als sich im Laufe des Tages der Eröffnung dieser Brücke dann das Gerücht verbreitete, sie werde längerfristig für den Besucherverkehr gesperrt bleiben und nicht nur während der anstehenden Hochzeitsfestlichkeiten, wurden die am Rande der „Linden“ wartenden Massen unruhig. Auf der Behelfsbrücke, die den Übergang über den Kupfergraben während der Bauarbeiten an der Schlossbrücke möglich gemacht hatte, entstand ein solcher Druck, eine solche Panik, dass die Geländer brachen und Menschen ins eiskalte Wasser stürzten.

Um nun zu sehen, was passiert war, drängten neue Massen heran, quetschten weitere Mitbürger ein, ließen weitere Menschen ins Wasser fallen. Chronisten zählten am Tage danach 22 Tote und mehrere Verletzte. Bilanzierende Historiker schreiben heute gar von 30 Toten, die in der Panik erfroren, zerquetscht und zertrampelt wurden.

img_3217_compressedInteressant ist im Nachgang, dass der preußische Hof den Gazetten sofort untersagte, größere Berichte über dieses Geschehen zu veröffentlichen und die Traueranzeigen der Familien abzudrucken. Die Freude über die Hochzeit des Kronprinzen und vor allem das „Wohlbefinden“ der bayerischen Prinzessin Elisabeth (später übrigens Tante der in den unsäglichen 50er-Jahre Kitschfilmen verklärten, österreichischen Kaiserin „Sissi“, die nach Elisabeth von Preußen benannt wurde !) sollten nicht durch allzuviel schlimme Nachrichten beeinträchtigt werden. Die Gazetten gehorchten. Weder zum ersten, noch zum letzten Mal, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Brücke geriet so ebenfalls für eine Weile in Verruf. Erst die endgültige Verzierung mit den Standbildern und der dauerhafte Gebrauch ließen die Toten vom Eröffnungstag langsam in Vergessenheit geraten.

Was lernen wir nun also daraus ? Menschenmassen haben ihr Eigenleben. Wenn irgendwo Panik ausbricht, sind ganz schnell Leben in Gefahr. Das war damals so und hat sich bis heute, bei allen polizeilichen und sonstigen Sicherheitskonzepten unserer Tage, nicht geändert.

Bildmaterial:

  • von mir, 2010/15, alle Rechte vorbehalten. Freigabe gerne, aber nur auf Anfrage !
  • Von Seidenweberei von Wilhelm und Carl Dieckmann in Elberfeld – Preußen – Versuch einer Bilanz. Ausstellungskatalog in 5 Bänden hrsg. von Gottfried Korff. Reinbek 1981. Bd. 1, S. 240., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6202399

Quellen:

  • Eberhard Cyran, „das Schloss an der Spree“, Arani-Verlag, Berlin, 6. Auflage, 1995
  • wikipedia

HSeg: Zieten und Friedrich

Mit den gängigen „Preußenlegenden“ ist es ja so eine Sache. Entweder stellen sie verklärende Rosarot-Blenden dar oder sie verdunkeln als „damnatio“ das Angedenken unserer Vorfahren. Zumeist sind beide Sichtweisen unangemessen, auch wenn letztere seit Jahrzehnten vorherrscht. Eine der „rosaroten“ Legenden hingegen betrifft das Verhältnis von Friedrich dem Großen zum Husarengeneral Hans-Joachim von Zieten. Der eine diente brav und unterwürfig, heißt es, der andere wusste die Loyalität des Haudegens zu schätzen. Ist das aber der Erkenntnis letzter Schluss?

Ich nehme es vorweg. Die einleitende Frage kann ich mit „Nein“ beantworten. Denn nur Teile der Legende sind wahr. Zieten diente tatsächlich, im Rahmen seines Charakters, untadelig und mutig. Seine Husaren waren wirklich eine Waffe, die der Monarch im Gefecht mit tödlicher Präzision einzusetzen wusste. Friedrich besaß aber ein paar unzweifelhaft schlechte Eigenschaften, die auch der später legendäre „Zieten aus dem Busch“ am eigenen Leibe zu spüren bekam.

img_2650_compressedSo konnte Friedrich extrem kleinlich, nachtragend und neidisch sein. Von „Größe“ an dieser Stelle keine Spur. Es ist also keine Überraschung, dass der König seinem General den nach dem Zweiten Schlesischen Krieg aufkommenden Ruhm neidete. Er begann, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, Zieten zu kritisieren, seine Husaren als eine Art „Sauhaufen“ hinzustellen etc. Dies ging soweit, dass Friedrich 1753 einen ungarischen Oberst namens Nadytschzander engagierte, um die Husaren zu kommandieren. Eine Demütigung für Zieten, mit der er sich nur schwer abfinden konnte.

Zieten hatte es nämlich ohnehin schwer, im Offizierskorps der Armee Friedrichs zu bestehen. Er war ja, das sei ohne Häme oder nachträgliche Herablassung angemerkt, ein ungebildeter Provinzler reinsten Wassers. Sozusagen der Prototyp des oftmals zu Unrecht gescholtenen „Landjunkers“. Hochadlige und weitgereiste Männer wie Jakob von Keith oder der Kavalier Graf von Schwerin hatten letztlich einen ganz anderen Zugang zur Gedankenwelt Friedrichs, als wohlmeinende, aber im Geiste eher beschränkte Haudegen wie Zieten. (Eine Tochter Zietens aus zweiter Ehe wird später aber in die Familie von Schwerin einheiraten und damit den Namen der Familie in „Zieten-Schwerin, Herren auf Gut Wustrau“ abändern können. Späte Genugtuung ? Beurteilen Sie das selbst.)

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Hans-Joachim von Zieten

Nach jahrelangem Schurigeln durch den König jedenfalls und nachdem seine erste Ehefrau im März 1756 verstarb, reichte Zieten entnervt den Abschied  ein. Er wollte fortan auf  Gut Wustrau seinen Lebensabend verbringen und ansonsten seine Ruhe haben. Erst eine Vermittlung durch den Friedrich-Intimus Hans Carl von Winterfeldt versöhnte beide Parteien wieder. Friedrich sah letztlich ein, dass er den Bogen überspannt und den gutmütigen Zieten über dessen Leidensfähigkeit hinaus gequält hatte. Die Tatsache, dass Friedrich erkannt hatte, dass die Koalition seiner Feinde bereits am Krieg gegen Preußen werkelte und er so bald wieder ins Feld ziehen würde, mag diese Versöhnung ebenfalls beschleunigt haben. Schließlich wurde jeder erfahrene Offizier benötigt.

Noch einmal wird Friedrich, als religiös indifferenter und dem klassischen Gottesglauben abgeneigter „Philosoph von Sanssouci“ mit Zieten in Widerspruch geraten. Die Geschichte soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Zieten wurde an einem Karfreitag zur Mittagstafel des Königs geladen. Er lehnte mit der Begründung, dass er an diesem Tage gerne das Abendmahl in der Kirche nähme und danach alleine bleiben wolle, ab. Ein Affront für den Monarchen, aber für Zieten typisch, wie wir gleich sehen werden. Denn Friedrich lud ihn für den nächsten Tag wiederum zu sich. In angeregter Runde fragte er ihn dann, ob er wohl „den wahren Leib und das wahre Blut Christi gut verdaut“ hätte.

friedrich_zweite_altZietens Geduld war wiederum am Ende. Seinen Glauben verhöhnt zu sehen, selbst durch einen König, war ihm zuviel, so dass er angeblich zu einer ruhigen, aber dennoch bitterbösen Protestrede ausholte, in der er der Hofgesellschaft klarmachte, dass er zuerst dem lieben Herrgott und erst dann den weltlichen Autoritäten verpflichtet sei. Mit Bezug auf Jesus soll er geäußert haben:

Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube, mein Trost und meine Hoffnung, im Leben und im Tode. …Unterminieren Eure Majestät diesen Glauben, dann unterminieren Sie zugleich damit die Staatswohlfahrt.
(aus „Preußische Anekdoten“, s. u.)

Die gesellige Runde soll daraufhin merklich ruhiger geworden sein und früher als üblich geendet haben. Das ehrliche Bekenntnis Zietens, das eindeutige Zurechtrücken seiner Prioritäten war den zwar wortgewandten, aber zynischen Hofschranzen offensichtlich ebenso unangenehm wie der scheinbare Affront gegenüber dem König. Friedrich jedenfalls zeigte sich einsichtig, lobte Zieten und bat ihn nach dem Ende der Gesellschaft noch auf ein persönliches Gespräch in sein Kabinett. Von diesem Gespräch kennen wir jedoch keine Details.

Wir sehen: die auch durch das Fontane-Gedicht, in dem er „Zieten aus dem Busch“ und sein Verhältnis zum König schönredete, entstandene Zieten-Legende ist bestenfalls ein Teil der Wahrheit.

Was lernen wir daraus ? „Preußischer Kadavergehorsam“ ist eine Legende, die mit vielen Gegenbeweisen infrage gestellt werden kann. Vielleicht bestimmen aber auch hier nur die Ausnahmen die Regel. Wer weiß. Immerhin haben Zieten, Seydlitz, Marwitz und andere auch dem absoluten Monarchen von Preußen die Meinung zu sagen gewusst. Selbst, wenn sie dafür in Ungnade fielen (oder eben auch nicht, wie Zieten). Charakter musste man dafür aber haben. Ein Charakter, der auch uns Zeitgenossen oft nicht übel anstünde.

Bilder:

Quellen:

  1. wikipedia,
  2. „preussenchronik.de“
  3. „Friedrich Syben: Preußische Anekdoten, Nachdruck im Arani-Verlag, Berlin, 2001“