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die Berliner U-Bahn, ein Kapitel für sich – Teil 1

Wer Berlin kennt und besucht hat, ist vielleicht auch schon mit seiner „U-Bahn“ gefahren. Und wäre damit nicht alleine. Nach den Statistiken des Betreibers BVG verzeichnet die „Untergrund-Bahn“ gut 1,5 Millionen Fahrten pro Tag. Auf 146 km „Linie“ (ohne Betriebs- , Verbindungs- und Wendestrecken) mit 172 Bahnhöfen. Das sind weltweit nicht die führenden Statistiken, aber beeindruckend weiterhin. Wie kam man nun aber auf die Idee, elektrische Züge unterirdisch durch die Stadt fahren zu lassen ? Alles hat eine Vorgeschichte, schauen wir mal…

Berlin nach der Reichsgründung 1871 erlebte einen „Boom“, wie wir Zeitgenossen, die mit Kulturpessimismus und zynischer Ablehnung des naiven Fortschrittsglaubens aufgewachsen sind, ihn kaum noch nachvollziehen können. Wer immer in Deutschland etwas lernen, etwas erleben oder „etwas werden“ wollte, kam, zumindest zeitweise, nach Berlin. Sorry, liebe Münchner, Dresdner, Hamburger oder Kölner, aber so war das damals halt.

Allein die Bevölkerungszahlen dieser Zeit sprechen eine deutliche Sprache:

  • 1871, zur Reichsgründung, hatte Berlin etwa 878.000 Einwohner,
  • 1895, nur 24 Jahre später, hatte sich die Einwohnerzahl FAST VERDOPPELT und betrug nun 1,6 Millionen (Zahlen aus der offiziellen Berlin-Statistik, s. u.)
„Speed“-das Motto vieler im boomenden Berlin der Kaiserzeit

Kein Wunder, dass solche Entwicklungen auch nach einem besseren, einem optimierten Nahverkehr „schrien“. Und da traf es sich gut, dass einer der weltweit führenden Pioniere der Elektrifizierung (auch von Zügen !) in der Region ansässig war: Werner von Siemens. Siemens hatte bereits im Jahre 1879 eine elektrisch betriebene Mini-Bahn auf der Berliner Gewerbeausstellung präsentiert. Weltweit einmalig und erstmalig ! Seit 1881 fuhr in Lichterfelde eine „ebenerdige“, elektrische Bahn von der Kadettenstalt zum nächsten Bahnhof. Übrigens die Vorgängerin sämtlicher, weltweiter, elektrischen Straßenbahnen (auch „Tram“ genannt) !

Traum von Siemens, wie übrigens auch seiner „Konkurrenz“ von der AEG, war es aber, Bahnen entweder „auf Stelzen“ zu stellen und als „Hochbahnen“ durch die Straßen fahren zu lassen, oder sie (was natürlich aufwändiger ist) unter der Erde fahren zu lassen, um das Straßenbild nur unwesentlich zu beeinträchtigen. Und so arbeiteten beide darauf hin. Die AEG grub ab etwa 1895 einen unterirdischen Tunnel zwischen seinen Betriebsimmobilien südlich des Humboldthains an der Brunnen- und Ackerstraße. Dort verkehrte ab 1897 eine Betriebsbahn auf 295 Metern. Siemens holte sich mit der Deutschen Bank einen finanzstarken Investor ins Boot, gründete mit diesem die „Hochbahngesellschaft“ und begann ab 1896 damit, einen Versuchstunnel unter die Spree am Treptower Park graben zu lassen.

Erstaunlicherweise geriet Berlin bei diesen Bemühungen um elektrische U-Bahnen aber weltweit dennoch ein wenig ins Hintertreffen. Wie so oft, wenn eine Erfindung neu und unerprobt ist, wird „der Deutsche“ skeptisch und sowohl Siemens wie auch die AEG mussten gegen die typische, deutsche Bürokratie und eine gewisse Skepsis der diversen Stadtoberen ankämpfen, bevor der Bau der ersten „Hoch- und Untergrundbahn“-Strecke beginnen konnte. In London (1890), Budapest (1896, mit Siemens-Hilfe erbaut), Boston (1897) und Paris (1901) war man etwas fixer dabei, den elektrischen Nahverkehr per Bahn über und unter der Erde auszuprobieren. Aber immerhin lag die Idee in der Luft, der sich auch Berlin und Umgebung nicht mehr entziehen konnten.

So kamen schließlich die Gemeinden Charlottenburg, Schöneberg und Berlin überein, der von Siemens und der Deutschen Bank gegründeten „Hoch- und U-Bahngesellschaft“ den Bau einer ersten Versuchsstrecke zwischen „Stralauer Thor“ und „Zoologischem Garten“ zu erlauben. Wobei Charlottenburg, das keine „hässlichen“ Hochbahntrassen auf ihrem Gebiet haben wollte, diese erste Linie „unter die Erde“ zwang. Ansonsten hätte wir nämlich vermutlich heute noch einen Hochbahnhof an der Gedächtniskirche…

historisches Logo der „Hoch- und U-Bahngesellschaft“

Am 15. Februar1902 erfolgte die Jungfernfahrt, zu der lokale Honoratioren eingeladen waren. Darunter der preußische Minister für öffentliche Arbeiten Karl von Thielen, weshalb sie in die Geschichte einging als „Ministerfahrt“.  Die offizielle Eröffnung der ersten Linie (Stralauer Thor – Potsdamer Platz) erfolgte 3 Tage später. Die Linie führte südlich am eigentlichen Stadtzentrum Berlins vorbei durch die Luisenstadt nach Schöneberg und Charlottenburg bzw. im Abzweig zum Potsdamer Platz. Schon bald wurden zwei Linien befahren und zwar „Warschauer Brücke“ – „Zoologischer Garten“ mit Abzweig zum Potsdamer Platz und die Linie rückwärts ohne Abzweig. Die Warschauer Brücke hatte den 380 m weiter vorn gelegenen Bahnhof Stralauer Thor (heute nicht mehr existent) als Endbahnhof abgelöst. Bald schon wird auch die Linie vom Zoo nach dem „Knie“ hin erweitert (heute: „Ernst-Reuter-Platz“).

U-Bahn quert die Oberbaumbrücke, wo am 18. Februar 1902 alles begann

Nach anfänglicher Skepsis der Berliner, die dazu führte, dass die ursprünglich erwarteten Fahrgastzahlen in den ersten Wochen ausblieben, setzte sich nämlich die „Hoch- und U-Bahn“ als Verkehrsmittel in der Hauptstadtregion durch und die Erweiterungen erscheinen deshalb ebenso notwendig, wie sinnvoll. Diese gehen dann auch folgerichtig in den folgenden Jahren weiter. Ist die „Stammstrecke“ der U-Bahn nämlich (inkl. Abzweig Potsdamer Platz) Ende 1902 noch nur 10,956 km lang, kann das sich entwickelnde „Netz“ der Verbindungen bis Ende 1913 sogar auf 37,8 km verlängert werden und sich somit mehr als verdreifachen.

So schlängelten sich verschiedene U-Bahnlinien etwa zum Wilhelmplatz am Rathaus Charlottenburg (heute „Richard-Wagner-Platz“) oder zum ebenso in Charlottenburg gelegenen „Reichskanzlerplatz“ (heute: „Theodor-Heuss-Platz“). Bei der Einweihung dieser Streckenerweiterung am 29. März 1908 ließ es sich selbst „Seine Majestät“ der Kaiser nicht nehmen, mitzufahren. Angeblich habe er ja die U-Bahn als „Kleine-Leute-Bahn“ abgetan, aber auch das ist vielleicht nur eine von meinen Stadtführer-Kollegen allzuoft kolportierte Legende. Immerhin wurde auch am „Deutschen Stadion“ 1913 ein weiterer „Bedarfshaltepunkt“ angelegt, der in einer weiteren Ausbauphase dann zum U-Bahnhof „Olympiastadion“ werden wird, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Erweiterung nach Südwesten, nach Zehlendorf hin erfolgt ebenso noch vor dem Ersten Weltkrieg und auch das „Wagnis“ endlich ins Berliner Stadtzentrum vorzudringen, wird noch in dieser Ersten Ausbauphase angegangen. Da es keine Erlaubnis gab, die Leipziger Straße direkt zu untertunneln, wurde beim Streckenausbau über den Potsdamer Platz hinaus diese Magistrale nördlich umgangen und die Strecke über den „Kaiserhof“ am Wilhelmplatz, den Gendarmenmarkt (heute „Stadtmitte“, oberer Bahnhof) und den Hausvogteiplatz zum Spittelmarkt geführt. Später wurde sogar die Spree unterquert und diese Linie über „Inselbrücke“ (heute „Märkisches Museum“) und Klosterstraße zum Alexanderplatz verlängert. Womit die unmittelbare Nähe des Berliner Rathauses erreicht wurde. Aber damit war diese Linie noch nicht „satt“ und noch vor Ende 1913 erreichte sie die „Nordbahn“ (heute „Schönhauser Allee“).

„Reichskanzlerplatz“ mit heutigem Namen

Dass seit 1910 bereits eine eigene, „Schöneberger“ U-Bahn existierte, die am Nollendorfplatz Anschluss an das Netz der „Hoch- und U-Bahngesellschaft“ hatte, und bis zur Hauptstraße reichte (heute „Innsbrucker Platz“), sei hier nur am Rande erwähnt ebenso wie die Linie, die am Thielplatz ihren Ausgang nahm (heute „Freie Universität“) und zum Wittenbergplatz führte. Dass sich bei der gesamten, ersten Ausbaustufe des U-Bahn-Netzes Wechselwirkungen zwischen Stadtentwicklung und Nahverkehr ergaben, war unausweichlich. Neue Siedlungen und Wohnquartiere zogen oft U-Bahnhöfe nach sich und umgekehrt ebenso, wann immer der Ausbau des Nahverkehrs ober- und unterhalb der Erde die Entwicklung von Stadtflächen begünstigte. (Bsp.: „Reichskanzlerplatz“, von wo aus das „Westend“ entwickelt werden sollte.)

Der Erste Weltkrieg setzt dann 1914 weiteren Verkehrsprojekten in Berlin und damit auch der U-Bahn ein deutliches Haltesignal. Denn Planungen für weitere U-Bahnlinien etwa in Richtung Friedrichsfelde oder für die Nord-Süd-Linie Gesundbrunnen-Neukölln gab es schon früh. Der Siemens-Konkurrent AEG hatte sogar bereits einen Tunnel durch das Klosterviertel und unter der Spree hindurch gegraben („Waisentunnel“) und einen U-Bahnhof „Voltairestraße/Stralauer Straße“ vorbereitet, um die neue Nord-Süd-Linie dort hindurchzuführen. Was aus all diesen Planungen nach dem Ersten Weltkrieg werden wird, ist aber Thema für einen neuen Beitrag über die „Zweite Ausbaustufe“ der Berliner U-Bahn, den Sie unter diesem Link hier finden können. 🙂

Quellen:

Bildquellen:

  • Pixabay, mit „Creative Commons“ – Lizenz CC0,
  • von mir, 2018, 2019

Zahlen, Texte:

  • „Kleine Berlin Statistik“, Amt für Statistik Berlin Brandenburg, 2017,
  • „Berliner U-Bahn“, alba-Verlag, Düsseldorf, 1985,
  • http://www.u-bahn-berlin.de, Statistiken, Zahlen, Geschichte
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HSeg: Ein Monarch, der noch immer „getragen“ wird…

Wer in die Details von lokaler und regionaler Geschichte „hinabtaucht“, wird auf ungewöhnliche und skurrile Fakten stoßen. Das ein oder andere dieser Details will ich hier mit Ihnen in der Rubrik „Hätten Sie es gewusst ?“ (HSeg) teilen. Ich hoffe, Sie haben daran Freude und können über manche skurrilen Einzelheiten aus Berlin und Brandenburg schmunzeln.

Letztlich stieß ich bei der Vorbereitung eines Stadtrundgangs auf ein öffentlich zugängliches Detail, welches aber weitgehend unbekannt sein dürfte. Oder warum trägt ein Berliner Bezirksbürgermeister einen König um den Hals ? Na, ja, vielleicht nicht den ganzen König, 😉 .

  • Die „Amtskette“ des Bürgermeisters von Spandau nämlich hat eine Medaille daran, auf der in schönster, kunsthandwerklicher Arbeit ein Profilbild von König Friedrich-Wilhelm III. von Preußen zu sehen ist. Nanunana, ein Monarch hängt um den Hals eines gewählten, demokratischen Volksvertreters ?
  • Dies kann relativ einfach erklärt werden: das Symbol städtischer Selbstverwaltung ist ein „Erbstück“ aus dem alten Preußen. Die Bürgermeister von Spandau tragen es, vor allem bei repräsentativen Anlässen außerhalb Spandaus, seit 1845. Fachleute werden wieder sagen: „Nanunana“, da war der dritte Friedrich Wilhelm doch schon nicht mehr am Leben ? Richtig. Aber zu seinem Angedenken wurde diese Medaille geschaffen.
  • Denn FW3 hatte im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen des frühen 19. Jahrhunderts auch den Städten in Form der sog. „Städteordnung“ mehr Selbstverwaltung zugestanden. Zugestehen müssen vielleicht, aber seis drum. Diese Städteordnung von 1808 trägt jedoch ganz eindeutig die Handschrift des Freiherrn vom und zum Stein, der mit einheitlichen Regelungen für die Städte Preußens z. T. mit jahrhundertealten, mittelalterlichen Sonderwegen und Eigenheiten aufräumte. Gleichzeitig sollte den Stadtbürgern Preußens aber auch mehr Mitbestimmung in „eigener Sache“ eingeräumt werden, als zuvor.
  • An diese Städteordnung, die im Namen Friedrich-Wilhelms des Dritten erfolgte, erinnert nun die Medaille, welche der gewählte Bürgermeister des nunmehr fünften Stadtbezirks von Berlin (vor der Verwaltungsreform von 2001, der achte Bezirk) bis heute zu tragen berechtigt ist.  Soweit, so einfach zu erklären. Man muss es nur wissen.

In diesem Sinne: nicht alle alten Monarchen stehen für Oppression und Entrechtung ihrer Untertanen. Zumindest nicht zu 100 Prozent und permanent.
In diesem Sinne, besuchen Sie doch Spandau einmal !

Ihr

Clemens Kurz

HSeg: tödliche Neugierde

Der Berliner hat ja ein unstillbares Unterhaltungsbedürfnis. Wenn man jetzt noch seine fast schon pathologische Neugierde dazurechnet, kommt der Wille des Berliners dabei heraus, überall hinzugehen, wo „etwas los“ sein könnte. Aber schon in den Zeiten unserer Altvorderen konnte diese Eigenschaft tödliche Konsequenzen haben.

fwundelisabethIch weiß, es fällt schwer, sich das vorzustellen, aber es gab einmal Zeiten ohne Internet, smartphones, Spielkonsolen und Fernsehen. In solchen Zeiten musste man eben die „Feste feiern, wie sie kommen“ um Zerstreuung und Unterhaltung zu finden. Und so war die Kombination aus der Einweihung von Berlins neuer Schlossbrücke und der bevorstehenden Hochzeit des preußischen Thronfolgers Friedrich – Wilhelm (ja, die Hohenzollern waren traditionell etwas phantasielos, was die Benennung ihrer Kinder anging) im November 1823 eine Lustbarkeit, der kaum ein Berliner widerstehen konnte.

Zumal auch die Braut, eine bayerische Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach mit Namen Elisabeth Ludovika, tatsächlich ein ebenso hübsches, wie freundliches Frauenzimmer war. Wer jetzt also nachträglich den Rummel um ihre Ankunft in Berlin von oben herab verachten will, der möge sich stattdessen einmal die ungebrochene Verbreitung der sog. „yellow press“ in unseren Tagen anschauen. Oder die Begeisterung, mit der auch heute noch z. Bsp. in Großbritannien von Hunderttausenden die Gelegenheit genutzt wird, den von einem Balkon im Buckhingham Palace herab winkenden Majestäten des Hauses Windsor zuzujubeln.

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gusseisernes Geländer der Schlossbrücke

So in der Art müssen wir uns die Stimmung am 28. November 1823 vorstellen. Einen Tag vor der Hochzeit von Prinzessin Elisabeth mit Kronprinz Friedrich-Wilhelm (eine der wenigen, wirklich funktionierenden Ehen an der Spitze von Haus Hohenzollern übrigens) sollte die neue Schlossbrücke eingeweiht werden. Schinkel hatte, genial wie er war, eine solidere, repräsentativere Überspannung des Kupfergrabens geschaffen, als es die ehemalige „Hundebrücke“ gewesen war. Die ca. 33 m breite, neue Brücke war (und ist) den Ausmaßen der Straße „Unter den Linden“ angepasst und sollte so die Verbindung vom Schloss zur Prachtstraße herstellen. Ihre Benennung ist von daher zu verstehen.

Als sich im Laufe des Tages der Eröffnung dieser Brücke dann das Gerücht verbreitete, sie werde längerfristig für den Besucherverkehr gesperrt bleiben und nicht nur während der anstehenden Hochzeitsfestlichkeiten, wurden die am Rande der „Linden“ wartenden Massen unruhig. Auf der Behelfsbrücke, die den Übergang über den Kupfergraben während der Bauarbeiten an der Schlossbrücke möglich gemacht hatte, entstand ein solcher Druck, eine solche Panik, dass die Geländer brachen und Menschen ins eiskalte Wasser stürzten.

Um nun zu sehen, was passiert war, drängten neue Massen heran, quetschten weitere Mitbürger ein, ließen weitere Menschen ins Wasser fallen. Chronisten zählten am Tage danach 22 Tote und mehrere Verletzte. Bilanzierende Historiker schreiben heute gar von 30 Toten, die in der Panik erfroren, zerquetscht und zertrampelt wurden.

img_3217_compressedInteressant ist im Nachgang, dass der preußische Hof den Gazetten sofort untersagte, größere Berichte über dieses Geschehen zu veröffentlichen und die Traueranzeigen der Familien abzudrucken. Die Freude über die Hochzeit des Kronprinzen und vor allem das „Wohlbefinden“ der bayerischen Prinzessin Elisabeth (später übrigens Tante der in den unsäglichen 50er-Jahre Kitschfilmen verklärten, österreichischen Kaiserin „Sissi“, die nach Elisabeth von Preußen benannt wurde !) sollten nicht durch allzuviel schlimme Nachrichten beeinträchtigt werden. Die Gazetten gehorchten. Weder zum ersten, noch zum letzten Mal, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Brücke geriet so ebenfalls für eine Weile in Verruf. Erst die endgültige Verzierung mit den Standbildern und der dauerhafte Gebrauch ließen die Toten vom Eröffnungstag langsam in Vergessenheit geraten.

Was lernen wir nun also daraus ? Menschenmassen haben ihr Eigenleben. Wenn irgendwo Panik ausbricht, sind ganz schnell Leben in Gefahr. Das war damals so und hat sich bis heute, bei allen polizeilichen und sonstigen Sicherheitskonzepten unserer Tage, nicht geändert.

Bildmaterial:

  • von mir, 2010/15, alle Rechte vorbehalten. Freigabe gerne, aber nur auf Anfrage !
  • Von Seidenweberei von Wilhelm und Carl Dieckmann in Elberfeld – Preußen – Versuch einer Bilanz. Ausstellungskatalog in 5 Bänden hrsg. von Gottfried Korff. Reinbek 1981. Bd. 1, S. 240., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6202399

Quellen:

  • Eberhard Cyran, „das Schloss an der Spree“, Arani-Verlag, Berlin, 6. Auflage, 1995
  • wikipedia

HSeg: Zieten und Friedrich

Mit den gängigen „Preußenlegenden“ ist es ja so eine Sache. Entweder stellen sie verklärende Rosarot-Blenden dar oder sie verdunkeln als „damnatio“ das Angedenken unserer Vorfahren. Zumeist sind beide Sichtweisen unangemessen, auch wenn letztere seit Jahrzehnten vorherrscht. Eine der „rosaroten“ Legenden hingegen betrifft das Verhältnis von Friedrich dem Großen zum Husarengeneral Hans-Joachim von Zieten. Der eine diente brav und unterwürfig, heißt es, der andere wusste die Loyalität des Haudegens zu schätzen. Ist das aber der Erkenntnis letzter Schluss?

Ich nehme es vorweg. Die einleitende Frage kann ich mit „Nein“ beantworten. Denn nur Teile der Legende sind wahr. Zieten diente tatsächlich, im Rahmen seines Charakters, untadelig und mutig. Seine Husaren waren wirklich eine Waffe, die der Monarch im Gefecht mit tödlicher Präzision einzusetzen wusste. Friedrich besaß aber ein paar unzweifelhaft schlechte Eigenschaften, die auch der später legendäre „Zieten aus dem Busch“ am eigenen Leibe zu spüren bekam.

img_2650_compressedSo konnte Friedrich extrem kleinlich, nachtragend und neidisch sein. Von „Größe“ an dieser Stelle keine Spur. Es ist also keine Überraschung, dass der König seinem General den nach dem Zweiten Schlesischen Krieg aufkommenden Ruhm neidete. Er begann, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, Zieten zu kritisieren, seine Husaren als eine Art „Sauhaufen“ hinzustellen etc. Dies ging soweit, dass Friedrich 1753 einen ungarischen Oberst namens Nadytschzander engagierte, um die Husaren zu kommandieren. Eine Demütigung für Zieten, mit der er sich nur schwer abfinden konnte.

Zieten hatte es nämlich ohnehin schwer, im Offizierskorps der Armee Friedrichs zu bestehen. Er war ja, das sei ohne Häme oder nachträgliche Herablassung angemerkt, ein ungebildeter Provinzler reinsten Wassers. Sozusagen der Prototyp des oftmals zu Unrecht gescholtenen „Landjunkers“. Hochadlige und weitgereiste Männer wie Jakob von Keith oder der Kavalier Graf von Schwerin hatten letztlich einen ganz anderen Zugang zur Gedankenwelt Friedrichs, als wohlmeinende, aber im Geiste eher beschränkte Haudegen wie Zieten. (Eine Tochter Zietens aus zweiter Ehe wird später aber in die Familie von Schwerin einheiraten und damit den Namen der Familie in „Zieten-Schwerin, Herren auf Gut Wustrau“ abändern können. Späte Genugtuung ? Beurteilen Sie das selbst.)

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Hans-Joachim von Zieten

Nach jahrelangem Schurigeln durch den König jedenfalls und nachdem seine erste Ehefrau im März 1756 verstarb, reichte Zieten entnervt den Abschied  ein. Er wollte fortan auf  Gut Wustrau seinen Lebensabend verbringen und ansonsten seine Ruhe haben. Erst eine Vermittlung durch den Friedrich-Intimus Hans Carl von Winterfeldt versöhnte beide Parteien wieder. Friedrich sah letztlich ein, dass er den Bogen überspannt und den gutmütigen Zieten über dessen Leidensfähigkeit hinaus gequält hatte. Die Tatsache, dass Friedrich erkannt hatte, dass die Koalition seiner Feinde bereits am Krieg gegen Preußen werkelte und er so bald wieder ins Feld ziehen würde, mag diese Versöhnung ebenfalls beschleunigt haben. Schließlich wurde jeder erfahrene Offizier benötigt.

Noch einmal wird Friedrich, als religiös indifferenter und dem klassischen Gottesglauben abgeneigter „Philosoph von Sanssouci“ mit Zieten in Widerspruch geraten. Die Geschichte soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Zieten wurde an einem Karfreitag zur Mittagstafel des Königs geladen. Er lehnte mit der Begründung, dass er an diesem Tage gerne das Abendmahl in der Kirche nähme und danach alleine bleiben wolle, ab. Ein Affront für den Monarchen, aber für Zieten typisch, wie wir gleich sehen werden. Denn Friedrich lud ihn für den nächsten Tag wiederum zu sich. In angeregter Runde fragte er ihn dann, ob er wohl „den wahren Leib und das wahre Blut Christi gut verdaut“ hätte.

friedrich_zweite_altZietens Geduld war wiederum am Ende. Seinen Glauben verhöhnt zu sehen, selbst durch einen König, war ihm zuviel, so dass er angeblich zu einer ruhigen, aber dennoch bitterbösen Protestrede ausholte, in der er der Hofgesellschaft klarmachte, dass er zuerst dem lieben Herrgott und erst dann den weltlichen Autoritäten verpflichtet sei. Mit Bezug auf Jesus soll er geäußert haben:

Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube, mein Trost und meine Hoffnung, im Leben und im Tode. …Unterminieren Eure Majestät diesen Glauben, dann unterminieren Sie zugleich damit die Staatswohlfahrt.
(aus „Preußische Anekdoten“, s. u.)

Die gesellige Runde soll daraufhin merklich ruhiger geworden sein und früher als üblich geendet haben. Das ehrliche Bekenntnis Zietens, das eindeutige Zurechtrücken seiner Prioritäten war den zwar wortgewandten, aber zynischen Hofschranzen offensichtlich ebenso unangenehm wie der scheinbare Affront gegenüber dem König. Friedrich jedenfalls zeigte sich einsichtig, lobte Zieten und bat ihn nach dem Ende der Gesellschaft noch auf ein persönliches Gespräch in sein Kabinett. Von diesem Gespräch kennen wir jedoch keine Details.

Wir sehen: die auch durch das Fontane-Gedicht, in dem er „Zieten aus dem Busch“ und sein Verhältnis zum König schönredete, entstandene Zieten-Legende ist bestenfalls ein Teil der Wahrheit.

Was lernen wir daraus ? „Preußischer Kadavergehorsam“ ist eine Legende, die mit vielen Gegenbeweisen infrage gestellt werden kann. Vielleicht bestimmen aber auch hier nur die Ausnahmen die Regel. Wer weiß. Immerhin haben Zieten, Seydlitz, Marwitz und andere auch dem absoluten Monarchen von Preußen die Meinung zu sagen gewusst. Selbst, wenn sie dafür in Ungnade fielen (oder eben auch nicht, wie Zieten). Charakter musste man dafür aber haben. Ein Charakter, der auch uns Zeitgenossen oft nicht übel anstünde.

Bilder:

Quellen:

  1. wikipedia,
  2. „preussenchronik.de“
  3. „Friedrich Syben: Preußische Anekdoten, Nachdruck im Arani-Verlag, Berlin, 2001“

HSeg: zwei bunte Geschichten…

Manche Dinge, die uns aus der älteren und jüngeren Stadtgeschichte überliefert werden, klingen im ersten Moment absurd. Fast unglaublich. Nicht unbedingt immer, weil sie so „großartig“ oder auch „großspurig“ daherkommen, sondern eher, weil sie so deutlich die Banalität des Besonderen verkörpern. Schauen wir uns mal diese zwei Sächelchen an:

Erstens:
Hätten Sie gewusst, dass Berlin auch mal eine „Schweizer Garde“ hatte ? Sie lesen richtig. Eigentlich kennen wir die „Schweizer“ ja als farbenfrohes Detail aus einem Rom-Besuch. In ihren knallbunten, traditionellen Uniformen bewachen sie den Vatikan und dessen wichtigsten Bewohner: den Papst.

img_0129_compressedDer prunksüchtige König Friedrich I. „in“ Preußen wollte nun im frühen 18. Jahrhundert auch seine eigenen „Schweizer“ haben und ließ dafür einige, wohlgestaltete Soldaten in Phantasie-Uniformen stecken. Bevor wir das als „ewiggestrige“ oder „überholte“ Marotte belächeln, denken wir mal an die aufgeputzten „Janitscharen“, die seit einiger Zeit den Phantasiepalast vom türkischen Präsidenten Erdogan zieren oder die strammen Kerls, die man auf Kreml-Übertragungen immer neben den Türen stehen sieht, durch die Präsident Putin schreitet. Also Vorsicht, mit dem herablassenden „heute gibts das ja nicht mehr“-Lächeln. Das gilt vielleicht nur für Berlin…

Egal, hier jedenfalls ein Auszug aus Eberhard Cyrans Standardwerk „das Schloß an der Spree“ (ja, tatsächlich noch mit SZ):

Die im Schloß an der Spree stationierte „Schweizer Garde“ war eine Mustertruppe, zu der die schönsten jungen Männer herangezogen wurden. Ihre Uniform: blaues Tuch mit Karmoisinsamt und Gold; dazu weiß wallende Federn auf schwarzen Samthüten. Die Offiziere zeichneten sich durch scharlachfarbene Westen und Hosen und silberbetreßte Röcke aus.
(Quelle: „das Schloß an der Spree“, Eberhard Cyran, arani-Verlag, 6. Auflage, 1995)

Abenteuerliche Farbkombination ! Kein Wunder, dass schon Friedrichs Nachfolger, der „Soldatenkönig“ diesem Treiben ein Ende machte und den kostspieligen Mummenschanz seines Vaters aufhob. Nebenbei bemerkt kam vermutlich kein einziger dieser Gardisten aus der Schweiz.

Zweitens:
Da wir gerade bei „Friedrichen“ sind. Der zweite dieses Namens reitet ja derzeit als Standbild wieder Unter den Linden. In unmittelbarer Nähe von Humboldt-Uni und Bebelplatz. Eine witzige Geschichte rankt sich um die Wiederaufstellung des einst in einer entlegenen Ecke des Parks von Sanssouci „zwischengeparkten“ Reiterstandbilds.

img_2651_compressedIm Jahre 1980 ordnete Erich Honecker persönlich die Aufstellung des „alten Fritzen“ am historischen Platz mitten auf der Allee Unter den Linden in Berlin an. Eine Neubewertung bestimmter, preußischer Tugenden war dem vorausgegangen. Die DDR wollte sich im Vorfeld der 750-Jahrfeier Berlins die besten Traditionen der Vorfahren sozusagen „per Staatsakt“ aneignen und warf dafür ihre Feudalismus-Phobie und die systemimmanenten Berührungsängste mit dem „Preußentum“ ein Stück weit über den Haufen. Soweit, so bekannt.

Pjotr Abrassimow
Pjotr Abrassimow

Hätten Sie aber gewusst, dass der damalige, sowjetische Botschafter in der DDR, Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, ein mächtiger Mann, der ebenfalls Unter den Linden residierte, massive Einwände gegen die Aufstellung des Standbildes geltend machte ?
Erstaunlicherweise protestierte er aber weniger gegen die Aufstellung als solche, sondern gegen DIE RICHTUNG, IN DIE DER MONARCH REITET ! Absurd, skurril, aber wohl wahr, wenn man der TV-Dokumentation des RBB über die sowjetische Botschaft aus dem Jahre 2009 glauben darf.

Darin schildert ein ehemaliger Nachrichtendienstler, wie sehr sich selbst die Berufs-Spione über das Zerwürfnis zwischen DDR-Spitze und Abrassimow wunderten. Nun, wir wissen alle, wie die Geschichte ausging, denn wir können ja heute noch am Standbild vorbeischlendern, das eben NACH OSTEN reitet und nicht NACH WESTEN, wie es Abrassimow gerne gesehen hätte. Die klassische, traditionelle „Richtung“ setzte sich also am Ende durch. Die DDR hatte nämlich, so wollen es Gerüchte wissen, beim sowjetischen Außenministerium in Moskau ihr Unverständnis über Abrassimows Haltung geschildert, woraufhin man dort wohl den Botschafter zurückpfiff und darauf aufmerksam machte, dass die Sowjetunion wichtigere Dinge habe, mit denen sie sich beschäftigen müsse, als die Ausrichtung von Reiterstandbildern. Nachvollziehbar.

So, das waren mal wieder zwei kleine Schmankerl aus Berlin. Ich hoffe, diese waren für Sie, liebe Leser, interessant und unterhaltsam. In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal ! 🙂

ihr

Clemens Kurz

Foto Abrassimow:
Von Original Image ALDOR46This cropped extract: Charles01 – Cropped extract of File:Член ВС ГСВГ Губин И.А. с супругой Посол СССР в ГДР Абрасимов П.А., Зайцева М.И. и Главком Зайцев М.М.. Берлин 1983..jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39795652

Alle anderen Bilder:
von mir. Jahreszahlen sind als Wasserzeichen vermerkt. Bilder bitte nur nach Rückfrage bei mir verwenden ! (Bin großzügig mit der Freigabe, mag nur gern wissen, WER sie WOFÜR benutzt.) Dankeschön ! 🙂

HSeg: Detail über Schinkel

Carl-Friedrich Schinkel ist sicher allen Berlinern, Brandenburgern und Berlin-Brandenburg-Besuchern ein Begriff. Der Architekt, Stadtplaner, Vater der Denkmalpflege, Maler und Industrie-Designer war offensichtlich ein Multitalent. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ihm ein weiteres Attribut zuzuordnen…

Schinkel2Denn, hätten Sie es gewusst: Schinkel war auch in einer Grauzone unterwegs, als er sich 1826 auf Bildungsreise ins Ausland begab. Hier ein paar Denkanstöße:

  • Schinkel bereiste 1826 Frankreich, England und Schottland.
  • Sein Reisepartner dabei war der Ministerialbeamte Peter Beuth,
  • der Mann, dem Preußen maßgeblich den Übergang vom reinen Agrar- und Manufaktur-Staat zum Industrieland verdankt.
  • Schinkel machte detaillierte Aufzeichnungen dieser Reise, die heute noch erhalten sind.
  • Aus diesen geht hervor, dass Schinkel, der sich im Auftrage des Monarchen um die Modernisierung der Museumslandschaft Preußens kümmern sollte, in England und Schottland jedoch mehr mit Beuth in Sachen „Technologie-Transfer“ unterwegs war.

Sogar „wikipedia“ schreibt dazu folgendes im Beitrag über Beuth:

Import von Kenntnissen

Der Transfer technologischer Neuheiten aus den fortgeschrittenen Volkswirtschaften Englands und Westeuropas nach Preußen war ein besonderer Programmpunkt in Beuths vielfältigen Tätigkeiten. Er warb ausländische Experten an und er finanzierte die Informationsreisen eigener Ingenieure und Techniker, die im Ausland modernste Maschinen und die Organisation der erfolgreichen Betriebe studierten. Manche dieser Aktivitäten gerieten zumindest in die Nähe dessen, was man heute Industriespionage nennt. Aufschlussreich für den Charakter solcher Exkursionen sind die Tagebuchaufzeichnungen, die Schinkel während der Reise von 1826 in England gemacht hatte. Er selbst sollte im Auftrag des Königs vor allem neue Museumsbauten studieren, war aber auch lebhaft an allen technischen Neuerungen interessiert und begleitete Beuth bei dessen Erkundungen. Beide besichtigten beinahe täglich Fabriken und technische Anlagen unterschiedlichster Art. Beuth kaufte auf und schickte in die Heimat, was ihm für die Entwicklung Preußens nützlich erschien – Maschinen oder Konstruktionszeichnungen, Saatgut und neue Nutztierzüchtungen. Ausfuhrverbote für bestimmte Maschinen wurden dadurch umgangen, dass man sie über Zwischenadressen nach Berlin dirigierte, wo sie dann zerlegt, nachgebaut und womöglich verbessert wurden. Wenn man das Gewünschte nicht kaufen konnte, versuchten Schinkel und Beuth technische Details wenigstens nachzuzeichnen. Mehrmals notierte Schinkel aber auch Sätze wie: „Die Maschine ist verdeckt und wird nicht gezeigt“.

Grabstätte Beuth
Grabstätte Beuth

Ich plädiere also dafür, Schinkel auch als „Industriespion“ im „Auftrage seiner Majestät“ zu bezeichnen. 00Schinkel musste dabei jedoch auf sein Zeichentalent zurückgreifen, da es mit der Fotografie noch nicht soweit war. Von „Minikameras“ oder Abhöranlagen ganz zu schweigen. Beuth und Schinkel also als Spionage-Duo. Kein Wunder, dass sie am Berliner Schinkelplatz (siehe Beitragsbild) als Standbilder weiterhin nebeneinander stehen. Und selbst im Tode konnten sich diese zwei Preußen nicht voneinander trennen, denn beide liegen relativ nahe zu einander auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begraben.

gefährlicher Boulevard – die „Linden“

Die „Linden“ sind seit Kurfürstens Zeiten der Vorzeigeboulevard Berlins. Zwischen Schlossbrücke und Brandenburger Tor wurde und wird auf knapp 1,5 Kilometern repräsentiert und flaniert. Aber gefährlich wars hier auch. 

Denn im 19. Jahrhundert wurde „Unter den Linden“ auch zum Schauplatz von politischen Attentaten. Das vielleicht skurrilste davon erfolgte am 7. Mai 1866. Dabei machte der „Eiserne Kanzler“ diesem Spitznamen alle Ehre, denn Otto von Bismarck überlebte den Anschlag mit nur geringen Blessuren.

altes Palais, Unter den Linden
altes Palais, Unter den Linden

Gegen 17.30 Uhr des besagten Tages nämlich, kam der preußische Ministerpräsident von einer Audienz beim König. Vermutlich in dessen Dauerwohnung im Alten Palais neben der „Kommode“ am heutigen Bebelplatz. Bezeichnend ist, dass ein Spitzenpolitiker, selbst ein zu diesem Zeitpunkt in weiten Kreisen der Bevölkerung  so umstrittener wie Bismarck, zu diesem Zeitpunkt noch ohne Leibwächter mitten in der Hauptstadt unterwegs sein konnte.

So schlenderte Bismarck also die Linden hinab, um sich zu seiner Dienst-Residenz in der Wilhelmstraße zu begeben, als der 22-jährige Student Ferdinand Cohen-Blind von hinten an ihn herantrat und zweimal aus einem Kleinkaliber – Revolver auf den Ministerpräsidenten feuerte. Während sich Bismarck umdrehte, feuerte Cohen-Blind ein drittes Mal. Der spätere „eiserne Kanzler“ ging nun auf den kleineren Mann los, hielt dessen Arm fest, während dieser den Revolver in die andere Hand nahm und noch zweimal aus nächster Nähe abdrückte.

Mittlerweile war genug Tumult entstanden, so dass Passanten auf das Geschehen aufmerksam wurden und dabei halfen, den Attentäter festzusetzen. Soldaten eines zufällig vorbeimarschierenden Garde-Bataillons führten Cohen-Blind dann zur nächsten Polizeiwache ab. Da kann niemand sagen, die Bürger hätten „weggeschaut“.

dsci0065_fotor_compressedBismarck übrigens setzte seinen Weg zur Wilhelmstraße fort und wurde schon kurze Zeit später von besorgten Hofschranzen besucht, die wissen wollten, ob er nun verletzt, tot (vielleicht hofften einige darauf) oder wohlbehalten angekommen war. Die Presse wollte später wissen, dass Bismarck, der einen dicken Mantel trug, weil er eine Erkältung ausschwitzen wollte, vom festen Stoff dieses Kleidungsstückes beschützt worden wäre. Ausschließlich ein paar Blutergüsse an der Brust hätte er zurückbehalten. Ich persönlich tippe ja darauf, dass die Waffe des Attentäters wohl mit minderwertiger Munition bestückt gewesen sein muss. Mieses Treibmittel oder so.

Warum das Attentat erfolgte ? Schwer zu sagen. Cohen-Blind entstammte einem „48er“ – Hintergrund, sein Stiefvater war ein demokratischer „Revoluzzer“, der später nach England geflohen war. Ferdinand jedenfalls schrieb in einem Bekennerbrief an eine Freundin davon, dass der „Verräter an Deutschland“ und vermeintliche Kriegstreiber Bismarck beseitigt werden müsse. Cohen-Blind konnte jedoch selbst nicht mehr eingehend befragt werden, da er sich im Polizeigewahrsam das Leben nahm. Die Polizisten hatten schlicht und ergreifend eine versteckte Klinge in Cohen-Blinds Kleidung übersehen, mit der er sich die Halsschlagader aufschlitzte.

Fazit: Leibwächter haben für Politiker einen Sinn und Zweck.