Archiv der Kategorie: Informatives

Verschollene Orte: die nahöstliche Brücke in Babelsberg

Es gibt so Begrifflichkeiten und Namen, die sich einem Beobachter nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Welche Personen, Flurbezeichnungen o. ä. stehen hinter Namen wie „Glienicke“ (von „glien“, westlawisch für „Ton“, also vermutlich „Tongrube“ oder so) oder „Wannsee“ (Einst: „Wannensee“, was den Namen „Badewanne Berlins“ erklärt) ? Selbst der Name „Berlin“ war zeitweise in seiner Herkunft umstritten.  Nur dass er so gar nichts mit dem Berliner Wappentier, dem Schwarzbären, zu tun hat, war schon länger bekannt. 

Da machen es uns von Menschen bewusst gewählte Namen, bewusst bestimmten Landschaften, Personen oder Kunstwerken gewidmete Namen schon einfacher. Speziell, wenn es sich dabei um Straßen oder Plätze handelt. Auch Straßen, denen etwas fehlt. Eine Brücke zum Beispiel, die einst zwei Ufer des Teltowkanals zwischen Babelsberg und Klein-Glienicke verband.

Enver Pascha 1914

Dass diese nun fatalerweise nach dem „Jungtürken“ und Kriegsverbrecher Damad Ismail Enver,  seit 1913 genannt „Enver Pascha“, benannt war, hat eine nachvollziehbare Bewandnis: Damad Enver wohnte in Klein-Glienicke, während er Osmanischer Militärattaché beim Deutschen Reich in Berlin war. Das war von 1909 bis 1911. Gebaut wurde die Brücke allerdings schon 1901 und war 30 m lang sowie 10 m breit. Sie besaß einen Fahr- und einen Gehweg. Damals als „Schlossbrücke“ eingeweiht, wurde sie 1915 in „Enver – Pascha – Brücke“ umbenannt, um die Verbundenheit Deutschlands mit seinem Osmanischen Verbündeten im Ersten Weltkrieg zu betonen.

Interessanterweise kam Enver Pascha, nachdem er mit dem Osmanischen Reich als „Vizegeneralissimus“ zu den Kriegsverlierern im Ersten Weltkrieg gehörte, 1919/20 noch einmal in die Nähe „seiner“ Brücke zurück. Als Genozid-Verantwortlicher in der Nachkriegstürkei 1919 bereits zum Tode verurteilt, hielt er sich nach einer abenteuerlichen Flucht per U-Boot über Odessa zu dieser Zeit in Neubabelsberg auf. Als Gast seines Bekannten, des befreundeten Kunsthistorikers Friedrich Sarre, Direktor im Vorderasiatischen Museum Berlin.

Enver-Pascha-Brücke (damals noch „Schlossbrücke“) 1906

Enver Pascha kann unzweifelhaft als maßgeblich Veantwortlicher für die Kriegführung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg auch für den Genozid an den christlichen Minderheiten der Assyrer, Pontos-Griechen und Armenier mitverantwortlich gemacht werden. Als Romanfigur in Franz Werfels „vierzig Tage des Musa Dagh“ wird er jedenfalls im Lichte des zynischen, islamischen Massenmörders gezeichnet.

Die nach ihm benannte Brücke in Babelsberg wurde 1945 von deutschen Pionieren vor der heranrückenden, Roten Armee gesprengt. Ein Gedanke, sie als „zweite Brücke“ von Babelsberg nach Klein-Glienicke wiederaufzubauen, der 1952 aufkaum, wurde nie realisiert. Nur wurden später zwei stählerne T-Träger verlegt, um Kabelverbindungen und Rohrleitungen über den Kanal zu führen. Die Brückenköpfe existieren jedoch weiterhin.

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Persönlichkeiten: Franz Schwechten – Rückgriff ins Bekannte

Als „Historismus“ bezeichnet man eine Architektenschule, die sich merklich darin wohlfühlte, bereits bekannte Stilmittel historischer Gebäude neu zu kombinieren oder auf möglichst ästhetisch ansprechende Art und Weise zu kopieren. Einer der in unserer Region bekanntesten Vertreter des Historismus ist unzweifelhaft Franz Schwechten. Schauen wir uns ihn und sein Werk also mal an:

Wie damals üblich und in so vielen, „preußischen“ Biografien belegt, war Schwechten aber gar kein Brandenburger, Ostpreuße oder Pommer, sondern gebürtiger Kölner. Dort unternahm der 1841 geborene Sohn eines Landgerichtsrates auch die ersten Schritte auf seinem Karriereweg. U. a. lernte er noch in der Stadt am Rhein seinen historistischen „Gesinnungsgenossen“, den Stadtbaumeister und späteren Architekten des Berliner Doms, Julius Carl Raschdorff, kennen.

Franz Schwechten

Zwischen 1861 und 1869 pendelte Schwechten zwischen Berlin und Köln hin und her, um das edle Handwerk des Architekten zu erlernen. Dabei lernte er in der Hauptstadt u. a. von Könnern wie August Stüler und Martin Gropius. (Sie erinnern sich an den „Gropius-Bau“ in der  Niederkirchnerstraße, gegenüber des Berliner Abgeordnetenhauses ? Ja, DER Gropius.) Nachdem er die Prüfungen bis hin zum „Regierungsbaumeister“ abgelegt hatte, unternahm Schwechten erst einmal eine Studienreise nach Italien. Damit lag er in bester Tradition, da auch Genies wie Schinkel ihren Blick auf Architektur und Landschaft einst auf dem italienischen „Stiefel“ geschärft hatten. Die Reise hatte Schwechten mit dem Geld aus dem Gewinn des renommierten „Schinkel-Wettbewerbs“ finanziert.

Franz Schwechtens Siegerentwurf, 1880

1871 – 1882 arbeitete Franz Schwechten für die „Berlin-Anhaltische Eisenbahngesellschaft“. In dieser Zeit gelingt ihm sein erster Geniestreich: der „Anhalter Bahnhof“ zu Berlin, der nicht grundlos als beeindruckendes Meisterwerk der Bahnhofsarchitektur galt. Zu seiner Zeit war dessen Halle eine der größten Bahnhofshallen weltweit. Die Verbindung von Backstein-Mauerwerk und einem Dach aus Stahlträgern funktionierte so gut, dass die Sprengungen der Ruine nach dem Zweiten Weltkrieg äußerst mühsam waren und oft erst in mehreren Anläufen gelangen. Respekt also, vor Schwechtens Plänen und der Handwerksarbeit der Bauleute.

1885 wurde Schwechten in die „königliche Akademie der Künste“ zu Berlin aufgenommen. Er begann im selben Jahr auch eine Lehrtätigkeit an der „Technischen Hochschule Charlottenburg“. War also auch „außerhalb Berlins“ tätig, da Charlottenburg erst 1920 eingemeindet wurde. 🙂
Schwechtens vielleicht bemerkenswerteste Eigenschaft ist es, dass er grundsätzlich alle Arten von Gebäuden mit jeder nur denkbaren Funktion zu gestalten bereit war. Gab es doch auch zu seiner Zeit durchaus „Spezialisten“ für Staatsbauten, Kirchengebäude oder Industrie-Architektur. Schwechten baute hingegen im Laufe seiner Karriere so ziemlich alles, was man ihm als Auftrag anbot.

So arbeitet er u. a. für die Berliner „Schultheiss Brauerei Berlin“, für die er am Prenzlauer Berg einen weitläufigen Produktionskomplex entwirft. Teile davon haben sich bis heute als sog. „Kulturbrauerei“ erhalten !  Für die „Allgemeine Electrizitäts Gesellschaft“, AEG, entwirft er u. a. das repräsentative Tor in der Weddinger Brunnenstraße. Ein Kirchenbau, die „Apostel-Paulus-Kirche“ in Schöneberg geht ebenso auf sein Konto wie das „Kraftwerk Moabit“.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 1895

Am bekanntesten, neben dem schon erwähnten Anhalter Bahnhof, ist aber vielleicht die „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ in Charlottenburg. Dieser Ausdruck einer Verbindung von „Kaiserkult“ und christlichem Glauben, welche allein durch den Namen schon ausgedrückt wird, beherrschte lange Zeit den „Auguste-Viktoria- Platz“. Dieses neoromanische Kunstwerk wurde am 01. September 1895 geweiht und konnte bis zu 2.000 Gottesdienstbesucher aufnehmen (den Chor mitgerechnet). Am 23. November 1943 erlitt sie durch einen Bombenangriff schwere Schäden. Nach dem Kriege wurden die Reste des Kirchenschiffes abgeräumt und ein neues „modernes“ Kirchenschiff erbaut…

Interessanterweise entwarf Franz Schwechten so viele Bauten, dass selbst bekannte, touristische Ausflugsziele gelegentlich in der ein odere anderen Aufzählung seiner Werke fehlen. So wird ab und an z. Bsp. auch seine „Handschrift“ beim Bau des Grunewaldturms im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf übersehen. Dennoch zählt dieses reine Schmuckwerk, das außer dem Anbieten eines hübschen Ausblicks über die Havellandschaft Berlins keinen darüberhinausgehenden „Nutzwert“ hätte, sicher zu den Schwechten-Bauten, die den meisten Berlinern und Berlin-Besuchern wohlbekannt sind. Schon allein durch die Tatsache, dass der Turm eben im Gegensatz zum Anhalter Bahnhof und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche praktisch keine Kriegsschäden erlitt und heute nach diversen Restaurierungen wieder in „voller Pracht“ besichtigt werden kann.

Kreishaus Rathenow im Landkreis Havelland, auch aus Schwechtens Feder, 1895

1915 – 1918 war Franz Schwechten Präsident der preußischen Akademie der Künste. Zu dieser Zeit leitete er bereits sein sog. „Meisteratelier“, in dem er Nachwuchs-Architekten sein Wissen vermittelte. Er verstarb am 11. August 1924 in Berlin. Sein Grab ist ein Ehrengrab des Landes Berlin und liegt auf dem Alten Dorfkirchhof Schöneberg an der Hauptstraße.

Je nachdem, wen man fragt, so liegen Schwechtens wichtigste Bauten entweder im Rheinischen, wo er u. a. in seiner Geburtsstadt Köln diverse Rheinbrücken verzierte, oder in Stettin, Potsdam (ehemaliges Landtagsgebäude auf dem Brauhausberg), oder Posen. Als alter „Lokalpatriot“ denke ich, dass er seine besten Werke in Berlin abgeliefert hat, was aber durch kriegsbedingte Beschädigungen nur noch anhand alter Fotos nachvollzogen werden kann. Dennoch ist allein der Fleiß Schwechtens und seine „Nachfrage“, speziell während des auf historische Verzierungen fixierten Kaiserreiches, bemerkenswert und sollte dazu ausreichen, seinen Namen nicht zu vergessen.

Gedenkstätte Seelower Höhen – Ausflug zur Oder

Lange hatte ich es angekündigt, einmal sogar schon gesundheitsbedingt abgesagt, aber endlich machte sich unser kleines Grüppchen auf, die „Gedenkstätte Seelower Höhen“ im Landkreis Märkisch-Oderland zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein und erfrischendem Wind kraxelten wir die Seelower Höhen hinauf, um an diesem einzigartigen Ort der Ereignisse vom April 1945 zu gedenken.

Die Gedenkstätte Seelower Höhen markiert ein trauriges Ereignis der Geschichte. Hier im Oderland, nördlich und südlich der damaligen „Reichsstraße 1“ wurde die letzte, großflächige Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden ausgefochten. Hier erreichte die Rote Armee den entscheidenden Durchbruch auf dem Weg nach Berlin. Hier starben zehntausende Soldaten beider Seiten in einem längst zu Gunsten der Sowjetunion entschiedenen Konflikt.

Das kann selbst Daueroptimisten am „homo sapiens“ zweifeln lassen. Die Fähigkeit der Menschen, ihren Artgenossen unsägliche Dinge anzutun, ist scheinbar grenzenlos. Ehrenwerte Motive werden schnell verbogen, missbraucht und im Namen irgendwelcher „höheren Werte“ pervertiert. Gerade der hochmotivierte Idealist kann für schreckliche Dinge ausgenutzt werden. Das sollte übrigens auch uns, den Nachfahren der Weltkriegsgeneration, eine Mahnung für die Gegenwart sein. Auf beiden Seiten.

Daran musste ich unweigerlich denken, als wir an einem angenehmen, nur leicht windigen, Aprilvormittag in Seelow ankamen und die Gedenkstätte dort besuchten. Und wir waren beileibe nicht die einzigen Besucher. Mehrere Gruppen absolvierten gerade ein geführtes Programm, als wir eintrafen. Sie kraxelten dabei ganz unvoreingenommen auf einem alten T-34 Panzer der Roten Armee herum, der auf dem Vorhof des Museums zu sehen ist.

Von der Roten Armee ging auch direkt nach Ende der Kampfhandlungen 1945 die Initiative aus, entlang ihrer Vormarschroute nach Berlin Soldatenfriedhöfe und Denkmale anzulegen. Ein solches stand z. Bsp. bis 2009 in Küstrin/Kostrzyn, dessen Einnahme der Roten Armee die Vorbereitung zum Sturm auf Berlin vereinfacht hatte. Das zweite dieser Denkmale ist der Soldatenfriedhof hier in Seelow, der zusammen mit dem unterhalb gelegenen Museum seit 1972 die Gedenkstätte bildet. Das dritte Denkmal finden wir an der „Straße des 17. Juni“ in Berlin, ganz in der Nähe des Reichstages.

Das kleine Museum hier in Seelow fasst auf anschauliche Art die Ereignisse des April 1945 zusammen. Im Vorführraum erwartet den Besucher ein 3-D-Modell des Kampfschauplatzes von damals. Und ein kurzer Dokumentarfilm voller originalem Filmmaterial aus dieser Zeit macht dem Besucher den Kontext und den Verlauf der Schlacht deutlich. Er hinterlässt übrigens auch den zuvor schon von mir geschilderten, bitteren Geschmack im Munde angesichts all des Hasses mit dem damals Menschen manipuliert wurden, ihren Artgenossen übelstes anzutun.

Der Soldatenfriedhof oberhalb des Museums erschien uns allen in einem erfreulich gut gepflegten Zustand zu sein. Mit Blick in Richtung Oder gelegen, können die Toten hier tatsächlich in Frieden ruhen. Allerdings, wie schon angedeutet, nur die Toten der einen Seite. Für die Gefallenen der deutschen Seite wurden erst sehr spät Gräber-Abschnitte auf dem Stadtfriedhof Seelow und im südlich von Berlin gelegenen Halbe auf dem dortigen „Waldfriedhof“ angelegt. Selbst Veteranen der Roten Armee, die Seelow besuchten, sollen schon zu DDR-Zeiten öfters erstaunt darüber gewesen sein, dass ihre ehemaligen Gegner, ganz im Geiste des „Sozialismus im Arbeiter- und Bauernparadies“ scheinbar nicht existiert hatten.

In jedem Falle regt ein Besuch hier zum Nachdenken über viele Dinge an. Etwa über die riesige Bronzeskulptur, die den Ort überragt und die aus derselben Werkstatt (Gießerei Noack aus Berlin) stammt, wie die zwei knieenden Rotarmisten-Figuren im Treptower Park. Wir jedenfalls nutzten gemeinsam diesen Ausflug zum anregenden Gespräch, natürlich auch dazu, kräftig zu fotografieren. Und so vergingen schnell ein paar, nur durch ein kurzes Picknick im Museumshof unterbrochene, Stunden hier vor Ort.

Hier lasse ich gerade den „Fachmann“ heraushängen… haha.

Dass wir den Heimweg nach Berlin dazu nutzten, einen Zwischenstopp in Frankfurt/Oder einzulegen, sei hier nur am Rande erwähnt. Das schöne Wetter lockte uns dort fast zwangsläufig in ein Eiscafé und so konnten wir, nachdem wir noch kurz über die Oderbrücke geschlendert waren, mit vielen frischen Eindrücken wieder nach Hause fahren.

In diesem Sinne: vielleicht sind Sie ja beim nächsten Mal mit dabei, wenn ich wieder in Berlin oder Brandenburg unterwegs bin. Ich werde Sie dann in jedem Falle natürlich so früh wie möglich wieder dazu einladen. 🙂 (Siehe Terminseite !)

Ihr

Clemens Kurz

P.S.: Details zur „Gedenkstätte Seelower Höhen“ wie Adresse, Öffnungszeiten und Anreisemöglichkeiten erhalten Sie bei Interesse natürlich auf deren Webauftritt. Hier:
http://www.gedenkstaette-seelower-hoehen.de/cms/

Fotos:

  • von mir, (c) 2018,
  • von A. Schildhauer, (c) 2018, used with permission

Erinnerungsorte: Soldatenfriedhof Berlin-Schönholz

Liebe Leserinnen und Leser, vor einigen Jahren machte ich mich auf, um für ein Videoprojekt die bekanntesten drei Soldatenfriedhöfe der Roten Armee in Berlin zu besuchen. Später kam ich gelegentlich noch hierher, um Fotos zu machen oder Gästen diese Orte zu zeigen. Im Laufe der Zeit entdeckte ich an immer mehr Orten kleine Soldatenfriedhöfe, Gedenkorte der Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges. Diejenigen davon, die mir dabei am meisten auffielen oder irgendeine Besonderheit aufweisen, möchte ich Ihnen in der Reihe „Erinnerungsorte“ vorstellen:

Pankow-Schönholz. Die ehemalige „Schönholzer Heide“. Einst ein beliebtes Ausflugsgebiet der Berliner (ob hier wohl „Bolle“ zu Pfingsten die durch das Volkslied bekannte Schlägerei tatsächlich mitgemacht hat, sei einmal dahingestellt), heute geprägt durch Friedhöfe und Sportplätze.

Der bekannteste Friedhof hier ist natürlich das sowjetische Ehrenmal Berlin-Schönholz. Ab Mai 1947 errichtet, stellt es in gewisser Weise den Abschluss der Reihe sowjetischer Soldatenfriedhöfe im Berliner Stadtgebiet dar. Als der Bau begonnen wurde, stand der Friedhof in der Nähe des Reichstages bereits und der Bau der Gedenkstätte Treptower Park war im vollen Gange.

An dieser Stelle sei mir ein persönliches Wort gestattet: von den soeben erwähnten drei Mahnmalen der Roten Armee in Berlin  ist mir dieses hier das Liebste. Es wirkt am wenigsten martialisch, weniger den „Sieg“ als „Befreiung“ herausposaunend. Alles wirkt hier irgendwie einen Tick ruhiger, sachlicher. Vielleicht auch gerade deshalb etwas eindrucksvoller, ergreifender, als an der Straße des 17. Juni oder in Treptow (sorry, Leute, Berlin-Buch lasse ich mal außen vor).

Die ganze Atmosphäre ist mehr dem Gedenken, der Trauer und Besinnung gewidmet. Die einzige Voll-Plastik in Schönholz ist eben gerade KEIN Soldat mit Bewaffnung, der demonstrativ „den Faschismus“ zertritt oder ein Kind rettet oder wie immer sich die „Befreier“ aus dem Osten zu dieser Zeit sonst noch gerne selbst sahen. Hier ist die trauernde „Mutter Heimat“ dargestellt, ebenfalls ein beliebtes, russisches Motiv nicht nur dieser Epoche. Sie steht bereits wieder, nachdem sie ihren gefallenen Sohn zur letzten Ruhe unter eine Fahne gebettet hat und sie hält einen Siegerkranz in der Höhe seines Kopfes aufrecht.

Ganz bewusst wird das übermäßig Kriegerische, wird die martialische „Pflichtthematik“ bereits an der „Außenmauer“, am wuchtigen Portal der Anlage abgearbeitet. Den Symbolen der verschiedenen Waffengattungen der Roten Armee werden dabei Bronzereliefs von Soldaten in „Aktion“ beigeordnet. Das alles zeigt aber wie gesagt „nach außen“, sozusagen vom eigentlichen Friedhof „weg“. Wer das Portal durchschritten hat, hat diese Sphäre des „Kampfes“, des „Krieges“ ebenso wie die Gefallenen, die hier bestattet sind, bereits hinter sich gebracht. 13.000 Offiziere und Mannschaften sollen das übrigens laut offiziellen Zahlen der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt sein.

Hinter der „Matj Rodina“, der Mutter Heimat, weist ein 33,5 m hoher Obelisk aus hellem Syenit himmelwärts. Er ist ein weithin sichtbarer Punkt auf der Mittelachse der Anlage. Diese wurde von 2010 – 2013 generalsaniert. Als Folge der „zwei-plus-vier-Verträge“ hatte sich die Bundesrepublik dazu verpflichtet, diese und ähnliche Anlagen auf eigene Kosten zu pflegen und zu erhalten. Dies war, wie ich aus eigener Anschauung sagen kann, zum soeben erwähnten Zeitpunkt auch dringend notwendig geworden, da die Anlage dem „Zahn der Zeit“ doch zuvor deutlich hatte Tribut zollen müssen. Die Sanierung stellte den ursprünglichen Zustand der etwa 27.500 qm großen Anlage wieder her.

Ich empfehle einen Besuch hier. Gerade, wenn die Blumenbeete erblühen, ergibt sich ein für einen solchen Ort ungewöhnlich „hübsches“ Bild.  Wie immer bei diesem und ähnlichen Gedenkorten findet man auch eine gewisse Ruhe hier, zumal die Anlage komplett von einer Mauer umgeben ist. Die Flugzeuge, die von und nach Tegel fliegen, hört man aber leider dennoch. Bis der BER kommt, also bis zum…St. Nimmerleinstag. 🙂

Quellen:

Text:

Bilder:

  • von mir, (c) 2015

Adresse:

  • Germanenstraße 43,
    13156 Berlin

Anfahrt:

  • Bus 155 (z. Bsp. ab S-Bahnhof „Pankow“) in Richtung „Wilhelmsruh, Fontanestraße“ bis Haltestelle „Berlin, Ehrenmal Schönholz“

Öffnungszeiten:

  • April – September:
    07:00 – 19:00 Uhr,
  • Oktober – März:
    08:00 – 16:00 Uhr

Persönlichkeiten: Heinrich von Stephan – der „Postler“

Es gibt Menschen, die nur für eine Sache leben. Deren ganze Existenz sich letztlich nur um eine einzige Sache dreht und die, so sie damit erfolgreich sind, auch nur dafür bekannt werden. Das mag uns „heutigen“ Menschen ein wenig eindimensional vorkommen, aber solche Fachleute bringen oftmals das Genre ihrer Leidenschaften maßgeblich weiter. Denken wir etwa an Künstler oder Erfinder. Als Mann solchen Schlages sehen wir heute Heinrich von Stephan. Den „Postler“.

Heinrich Stephan wurde in Pommern geboren. In Stolp und zwar im Jahre 1831. Es macht mich immer stolz, wenn ich einen anderen Pommern loben und beschreiben darf. Wie alle Leser dieses Blogs ja mittlerweile wissen, stammt die Familie meiner Mutter ebenfalls aus diesem ebenso weiten, wie armen Landstrich, der aber heutzutage zumindest wieder durch bezahlbaren Ostsee-Urlaub im Nachbarland Polen bekannt ist.

das „Museum für Kommunikation“

Stephan war zwar kein „Wunderkind“, aber er soll so ordentliche Abschlüsse erlangt haben, dass ihm eine solide Beamtenkarriere sicher war. Seine musikalische Begabung trat dahinter zwar zurück, war aber dennoch sichtbar. Und wie alle „sturen Pommern“ hatte sich von Stephan schon früh auf sein Gebiet festgelegt: ab 1848 war er bei der Post. Arbeitete sich von ganz unten in Stolp über die Beamtenanwärterschaft in Marienburg bis zum Postassistenten der Oberpostdirektion Danzig hoch. Innerhalb von etwa zwei Jahren. Noch Fragen ? 🙂 Speziell, wenn ich ihn als „Postverrückten“ bezeichne ?

Jetzt erspare ich Ihnen all die kleinen Schritte auf der Beamtenleiter, die Heinrich Stephan in den kommenden Jahren machen würde. Stattdessen weise ich darauf hin, dass er aus eigenem Erleben ganz genau wusste, wo das preußische, aber auch das deutsche und europäische Postwesen „der Schuh drückte“. Verspätete Lieferungen, diverse unterschiedliche Postgesetze, ein Wirrwarr an Wertmarken und Tarife, Verpackungsvorschriften etc. nervten den um Rationalität der Informations- und Warenbeförderung besorgten von Stephan offensichtlich sehr. Und er machte sich ganz offensichtlich seine profunden Gedanken dazu. Das finden Sie heute, im Zeitalter von smartphones, e-mail, sozialen Netzwerken, „über-Nacht-Lieferungen“ usw. banal ? Dann denken Sie vielleicht auch mal darüber nach, dass nichts, was wir heute kennen, ohne Vorgeschichte ist. Kein heutiges Medium, keine aktuelle Form des Informationsaustausches ist ohne Vorgänger, ohne VORDENKER vorstellbar !

In jedem Falle verfasste Heinrich Stephan (der „von“ kommt später) zunächst einmal durchdachte Denkschriften wie die „Geschichte der Preußischen Post von ihrem Ursprung bis auf die Gegenwart“ (1859) oder seine Analyse der britischen Portoreform von 1840 (ebenfalls 1859 publiziert). Man wird auf ihn aufmerksam. Schickt ihn auf die „Deutsche Postkonferenz“ von 1860 nach Frankfurt am Main. Die ewige, nörgelige, visions- und perspektivlose Kleinstaaterei, die dort noch praktiziert wird, geht dem Mann mit dem deutlich weiteren Horizont gewaltig „auf den Keks“. So kann es nicht weitergehen mit dem Postwesen in Deutschland, da ist er sich sicher !

In den kommenden Jahren bastelt er akribisch an Verträgen der preußischen Post mit Belgien, den Niederlanden, Spanien und Portugal. Er kann über die Grenzen seines Landes hinaus denken und handeln. Seine Idee, die „Postkarte“ wird zwar zunächst noch von seinen Vorgesetzten abgelehnt, aber 1865 vom „Deutschen Postverein“ in Karlsruhe dennoch abgesegnet.

Die politischen Entwicklungen seiner Zeit „spülten“ den Visionär schließlich „nach oben“. Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 verfasst Stephan eine Denkschrift über die Annexion der „Thurn- und Taxischen“ Post. Diese Fürstenfamilie hatte einstmals das Monopol auf Postbeförderung im Deutschen Reich besessen und verfügte noch immer über ein weitverzweigtes Netz im Süd- und Mitteldeutschen Bereich. Nach dem Sieg Preußens lässt man dann auch wirklich den Thurn- und Taxis einen Abtretungsvertrag diktieren, in dem sie ihr Postnetzwerk an den preußischen Staat abtreten müssen. Wir schreiben den 01. Juli 1867. Heinrich Stephan bastelt derweil weiter an seinen Kooperationsverträgen mit den USA, Norwegen, Dänemark, der Schweiz, Italien und Schweden. Eine Beförderung zum „königlich preußischen Geheimen Oberpostrat“ erfolgt 1868.

In dieser Zeit entwickelt er auch seine Gedanken zu einer „weltumspannenden“ Postkooperation, die er später im „Weltpostverein“ zumindest teilweise verwirklichen wird. 1870 schließlich wird Stephan von Bismarck persönlich zum Generalpostdirektor des „Norddeutschen Bundes“ ernannt. Nur wenige Monate später macht ihn dies zum obersten „Postler“ des nagelneuen Deutschen Reiches. Mit der gleichen Akribie wie immer arbeitete er nun an Kooperationsverträgen der Reichspost mit Südamerikanischen Ländern und sogar mit dem ehemaligen Kriegsgegner Frankreich ! Für den Austausch von Informationen durfte es in seinen Augen keine Grenzen geben !

In diesen Jahren strotzte der Generalpostdirektor nur so vor Energie. Er setzte Reformen für die Bediensteten und Beamten der Reichspost durch. Kaum etwas war ihm dabei zu unwichtig, um sich damit zu befassen. Von der sinnvollen Gestaltung von Schalterräumen bis zur Sozialversicherung der „Postler“ unter seiner Obhut brachte er vieles voran. Jetzt konnte er auch seinen Traum von der „internationalen Anpassung der Poststandards“ auf den Weg bringen. Wikipedia sagt uns dazu:

Durch sein diplomatisches Geschick gelang es ihm, am 15. September 1874 Postvertreter aus 22 Staaten zum ersten internationalen Postkongress in Bern zusammenzuführen. Aus dem dort gegründeten „Allgemeinen Postverein“ entstand später der „Weltpostverein“, dem am Ende des Jahrhunderts außer China alle wichtigen Staaten der Erde angehörten. Mit ihm gelang es, im internationalen Postverkehr einheitliche Standards einzuführen und separatistische Hemmnisse abzubauen.

Schon 1872 hatte er den Gedanken eines „Reichspostmuseums“ auf den Weg gebracht. Darauf komme ich gleich noch zurück.

Es kann uns auch nicht überraschen, dass das Telegraphenwesen für Stephan von großem Interesse war. 1875 schon gliederte er das Telegraphenwesen seiner Post an und ließ die wichtigsten, deutschen Metropolen durch Telegraphenkabel miteinander verbinden. 1876 wurde für Stephan das Amt des „Generalpostmeisters“ geschaffen, welcher sowohl der herkömmlichen Post als auch dem Telegraphenamt vorstand. 1880 wurde aus beiden das „Reichspostamt“, das Stephan als Staatssekretär leitete.

Am 26. Oktober 1877 ließ er erste Fernsprechversuche in Berlin zwischen dem Generalpostamt und dem Generaltelegrafenamt durchführen. Dieses Datum gilt als Geburtstag der Telefonie in Deutschland. Zwischen 1877 und 1881 baute er unter der Devise „Jedem Bürger sein Telefon“ das Telefonnetz in Deutschland auf. (wikipedia)

Stephan also auch als Vorreiter der Telefonie in Deutschland. Spektakulär ! Kein Wunder, dass der „olle Kaiser Willem“, Wilhelm I. , ihn 1885 in den Adelsstand erhob. Verdienstadel halt ! Jetzt hatte Heinrich Stephan seinen „von“. 1895 wurde er sogar in den Rang eines Staatsministers erhoben. Ein gigantischer Aufstieg im Deutschland der strengen Hierarchien und der „Untertanen“. Der kleine Junge aus Stolp war ganz oben angekommen.

Grab Heinrich von Stephans in Berlin

Seinen Traum vom eigenen Gebäude des „Deutschen Postmuseums“ konnte er auch noch anschieben. Das Haus des „Reichspostamtes“ in der Leipziger Straße (Friedrichstadt) zu Berlin wurde als Haus der Sammlung auserkoren und von seinen Verwaltungsfunktionen entbunden. Schließlich wurde es umgebaut und für die museale Nutzung vorbereitet. Nur wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung des neuen Hauses verstarb Heinrich von Stephan am 08. April 1897. Er wurde auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I. in Berlin beigesetzt, wo seine Grabstätte noch immer zu finden ist. Sie ist eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin.

Es gibt auch „Nachbeben“ des Lebens von Heinrich von Stephan. Die Deutsche Bundespost gab verschiedentlich Briefmarken mit dem Bild Heinrich von Stephans heraus, die an seinen Todestag oder an die Gründung des Weltpostvereins erinnerten. Ein Denkmal wurde ihm im ehemaligen „Reichspostmuseum“, heute „Museum für Kommunikation“ ebenfalls gesetzt, welches das DDR-Regime jedoch  in den 50er Jahren nicht nur entfernen, sondern ganz und gar zerstören ließ. Man frage hier besser nicht nach Sinn und Verstand einer solchen Maßnahme. In Berlin ist immerhin bis heute eine Schule nach ihm benannt. In verschiedenen, deutschen Städten erinnern auch heute noch Straßen oder Plätze, vereinzelt auch Denkmäler an den „Postler“.

Haus der Tragödien: das ehemalige Reichsluftfahrtministerium

Es gibt kaum ein Haus in ganz Deutschland, welches so viele Geschichten, meist Tragödien oder bizarre Satyrspiele, gesehen hat, wie das heutige „Detlev-Rohwedder-Haus“ in der Berliner Friedrichstadt. Große und kleine Dramen umwehen das Gebäude wie die Abgase der vorbeifahrenden Kraftfahrzeuge. Ein Ort der Geschichte, wie es keinen zweiten gibt. Schauen wir mal ein bischen „hinter die Fassade“…

Es sei gleich für Sie vorweggenommen, liebe Leserinnen und Leser: das ehemalige „Reichsluftfahrtministerium“ an der Berliner Wilhelmstraße ist ein Haus, von dem man so viele Geschichten erzählen könnte, dass sie nicht alle in diesen kurzen Blogartikel hineinpassen werden. Ich erhebe deshalb keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, was die „timeline“ dieses Gebäudes angeht. Dennoch können wir rote Fäden ziehen, die erstaunlicherweise Parallelen über Jahrzehnte hinweg aufweisen. Schaun wir mal…

Das Reichsluftfahrtministerium, welches sich Hitlers enger Mitstreiter Hermann Göring hier 1935/36 nach Plänen des Architekten Ernst Sagebiel erbauen ließ, gilt als der erste, größere Regierungsbau der NS-Zeit. An prominenter Stelle im „Regierungsviertel“ erbaut (Vorgängerbau war das ehemalige, preußische Kriegsministerium), sollte dieser Monumentalbau mit Muschelkalksteinfassade das Machtbewusstsein des NS-Regimes überdeutlich demonstrieren. In ca. 2.000 nutzbaren Büroräumen, die durch über 7 km Gänge miteinander verbunden waren, sollte die Aufrüstung der deutschen Luftwaffe geplant und umgesetzt werden. Damit gilt der Bau für seine Zeit als das größte Bürogebäude Berlins, vermutlich sogar ganz Deutschlands (meine Quellen sind sich darüber uneins…).

Erstaunlicherweise hatte Göring selbst im Gebäude keinen Arbeitsraum. Man vermutet, weil er es mit dem akribischen „Aktenwälzen“ ohnehin nicht so hatte. Das überließ er eher Leuten wie dem „Generalluftzeugmeister“ Ernst Udet, einem alten Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg. Der aber, als er übersah, dass die Ressourcen Nazi-Deutschlands nicht ausreichen würden und der Krieg niemals mehr zu gewinnen war, Selbstmord verübte. Das war bereits im November 1941. Andere Quellen sagen, ihm wäre die Niederlage in der Luftschlacht um England angelastet worden. Wie auch immer: sein Sarg wurde im Reichsluftfahrtministerium, seinem Arbeitsplatz, präsentiert und ihm wurde ein Staatsbegräbnis zuteil.

Von seinem Büro im Hause betrieb Oberleutnant Harro Schulze-Boysen Spionage für die Sowjetunion. So gab er u. a. den Angriffszeitpunkt der Wehrmacht auf die Sowjetunion an sowjetische Agenten weiter, aber Stalin glaubte ihm noch nicht. Später jedoch wurde wieder Kontakt zu ihm gesucht und diverse vertrauliche Dokumente fanden so ihren Weg nach Moskau. Am 31. August 1942 wurde er hier im Hause verhaftet und später als Verräter in Plötzensee hingerichtet. Die Kreise der Widerständler, zu denen er Kontakt hatte, nannte und nennt man noch heute „Rote Kapelle“, da sie ausschließlich dem Stalin-Regime Informationen zukommen ließen.

Übrigens sollen sich hier im und am Gebäude am 01. Mai 1945 die letzten Einheiten der Waffen-SS in Berlin ergeben haben. Die wenigen, verbliebenen Angehörigen der 11. SS-Panzergrenadierdivision „Nordland“ darunter eine Handvoll Angehörige des Regiments „Charlemagne“, welches komplett aus Franzosen bestanden hatte, sollen laut einigen Quellen hier, in unmittelbarer Nähe zu Hitlers Reichskanzlei, die Kämpfe eingestellt haben. Dass andere Quellen besagen, vor allem die Franzosen hätten sich „in Luft aufgelöst“ und spurlos verkrümelt, sei hier nur am Rande erwähnt. Wir sehen dennoch: Die Tragödie des Krieges fand auch hier einen ihrer Abschlüsse.

Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das gewaltige Gebäude, welches noch im Kriegsverlauf Schutzbunker, eine eigenständige Wasserversorgung und Notstromaggregate erhielt,  erstaunlich wenige Schäden. Luftbilder aus dem Nachkriegsberlin zeigen einige Fassadenschäden und Löcher im Dach, aber darüber hinaus war das nunmehrige „Ex-„Luftfahrministerium weitgehend benutzbar geblieben. Kein Wunder, dass hier zunächst die sowjetische Militäradministration SMAD und später diverse Ministerien und Staatsspitzen der DDR einzogen. Die Staatsgründung der DDR wurde sogar hier im großen Konferenzsaal am 07. Oktober 1949 gefeiert ! Die Tragödie der Diktaturen hatte nur die Farbe gewechselt, ging aber eigentlich nahtlos weiter. So wie auch das Relief an der Nordfassade des Gebäudes (von Arnold Waldschmidt 1937-41 gefertigt), welches martialische Soldatengestalten zeigte, ab 1950 (-1953) durch eine „heile, sozialistische Welt“ aus Meißner Porzellanfliesen ersetzt wurden, die bis heute dort ein Wandgemälde Arnold Lingners abbilden. Jedes Regime wollte sich hier scheinbar verewigen.

Am 17. Juni 1953 ging es hier aber hoch her, als das nunmehrige „Haus der Ministerien“ der DDR von wütenden Arbeitern bestürmt wurde. Der „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR hatte es in weniger als vier Jahren geschafft, schon mal die Arbeiter gegen sich aufzubringen. Durch Mangelwirtschaft und praktisch unerfüllbare Arbeitsnormen u. a. Augenzeugen wollen an diesem Tag gesehen haben, dass bis in den dritten Stock des Gebäudes hoch Fenster von den Demonstranten mit Steinwüfen „entglast“ wurden. Im Hause selbst ging den Sozialistischen Bürokraten zum ersten und bis 1989 auch zum letzten Male der Arsch auf Grundeis. Einige Mitarbeiter diverser Ministerien sollen bereits die Stürmung des Gebäudes gefürchtet und präventiv ihre Namensschilder von den Türen abgenommen haben. Wir wissen, wie es ausging: die T-34-Panzer der Roten Armee walzten den Unmut platt, der „brain-drain“ aus der DDR begann. Die Mauer sollte diesen stoppen. Deutsche Geschichte halt. Immerhin findet sich seit 2000 eine Foto-Installation, die an diesen 17. Juni 1953 gemahnt und aus der Werkstatt des Künstlers Wolfgang Rüppel stammt, vor der Nordfront des Gebäudes.

Von diesem Haus aus belog übrigens auch der SED-Chef Walther Ulbricht die Weltöffentlichkeit, als er drei Wochen vor Beginn des Mauerbaus 1961 auf einer Pressekonferenz aus dem Konferenzsaal dieses Gebäudes der Welt die bekannten Worte verkündete:

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Wir wissen, es kam anders. Der Mauerbau war lange geplant. Die „Abstimmung“ der DDR-Bürger „mit den Füßen“ schien anders nicht mehr zu stoppen.
Das „Haus der Ministerien“ (welches übrigens einen eigenen Friseur, einen „Konsum“ – Laden und sonstige Einrichtungen der Infrastruktur besaß) befand sich in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer, so dass es nicht überraschend ist, dass der Ökonom Heinz Holzapfel am 25. Juli 1965 von hier aus eine Flucht „in den Westen“ startete. Mitsamt seiner Familie, die sich vor Schließung des Gebäudes in einer Toilette versteckt, schafft er es, über ein Stahlseil, das sie mit Hilfe einer Winde hinabfahren, auf die Westberliner Seite zu gelangen. Helfer auf der anderen Seite hatten das Seil fixiert. Das Drama wird besonders spannend, wenn man sich vor Augen führt, dass auf dem Dach des Gebäudes stationierte Wachsoldaten der Roten Armee die Abseilaktion zwar registrieren, sie aber für einen Infiltrationsversuch durch DDR-Agenten in Richtung Westberlin halten und achselzuckend weggucken.

1965 ereignet sich noch ein weiteres Drama. Der Vorsitzende der DDR Plankommission Erich Apel erschießt sich im Dezember in seinem Büro im Haus der Ministerien. Nur wenige Stunden vor der Unterschrift von Knebelverträgen für die DDR-Wirtschaft zu Gunsten der Sowjetunion. Als Vertreter einer größeren Unabhängigkeit der DDR-Industrie vom Ostblock und einer Orientierung von Exporten an Weltmarktpreisen sah er den Untergang der DDR voraus, wenn man auf unabsehbare Zeit speziell Produkte der Schwerindustrie wie Eisenbahnwaggons oder Stahlprodukte zu niedrigen Phantasiepreisen an die Sowjetunion liefern musste. Nur wenige Stunden vor Unterschrift der entsprechenden Verträge mit den Nachfolgern Chrustschows in Moskau, am 03. Dezember 1965, findet man die Leiche Apels hier in seinem Arbeitszimmer. Er hatte die heillose Verstrickung der DDR-Wirtschaft vollkommen erkannt und sah keine Hoffnung mehr für das System.

Die Wendezeiten 1989/90 überstand man hier relativ ruhig. Auch in den Büros der Ministerien hatte sich die Erkenntnis nicht mehr völlig verleugnen lassen, dass die DDR am Ende war. Dennoch trafen die ersten Entlassungen von Ministerial-Bürokraten auch hier viele wie ein Hammer vor die Stirn. Von 1990 – 1994 wurde das Gebäude dann von der „Treuhandanstalt“ genutzt. Einer Einrichtung, die die diversen Betriebe der DDR privatisieren sollte. Zu dieser Zeit kommt es wieder zu Demonstrationen von (oftmals bereits entlassenen) Arbeitern vor dem Haus. Die z. T. umstrittenen Privatisierungsmaßnahmen der Treuhand kosten sehr viele Arbeitsplätze. Arbeitslosigkeit ist ein Zustand, den ehemalige DDR-Bürger nur schwer verdauen können. Arbeitsplatzsicherheit war eines der Hilfsmittel, mit denen die DDR viele, relativ „unpolitische“ Bürger lange bei der Stange hielt (ich weiß, wovon ich schreibe, meine „DDR“-Verwandtschaft hat mir dankenswerterweise viele, viele Einblicke in die Innere Befindlichkeit des DDR-Bürgers vermittelt, nochmal Danke dafür, ihr Lieben !). Diesmal wurden aber keine Steine geworfen, nur das Haus mit Trauermelodien beschallt.

Comedian Helge Schneider as Adolf Hitler at the set of his movie „Mein Fuehrer – Die wirklich wahrste Wahrheit ueber Adolf Hitler“ at the ministry of finance,
Berlin, Germany – 05.03.06,
Credit: Stefan Trautmann / WENN

Zu dieser Zeit (1993) wurde auch der Beschluss gefasst, das „Detlev-Rohwedder-Haus“, wie es seit 1992 heißt, endgültig abzureißen. Eine Bund/Land-Berlin Kommission hatte sich darauf geeinigt. Wir wissen ja, dass es mit dem Denkmalschutz in Berlin generell nicht weit her ist und so wurde auch hier darauf gepfiffen, dass dieses Haus komplett unter Denkmalschutz steht. Immerhin regte sich dann doch noch genügend Widerstand, so dass 1994 beschlossen wurde, doch nicht abzureißen. Andere, deutlich weniger politisch belastete Gebäude in der Stadt hatten nicht so viel Glück, wie wir wissen. Ab 1996 wurde mit der Restaurierung vor allem der Innenräume begonnen. 1999 zog hier das Bundesministerium der Finanzen ein. Der Bundesrechnungshof hat hier ebenso noch Räumlichkeiten in Nutzung.  Das nunmehrige Bundesfinanzministerium dient von Zeit zu Zeit auch als Filmkulisse. Die Posse „mein Führer“ von Regisseur Dany Levy, mit Helge Schneider in der Hauptrolle, nutzte den Ehrenhof des Ministeriums 2006 als Drehort. NS-Architektur in Reinkultur findet sich ja auch nicht mehr überall. Authentischer gehts nimmer.

Fazit:
Dramen, Politik, Bomben, Steinewürfe, Spionage, Mauerflucht, Bunker, Selbstmorde, Bürokraten, Hermann Göring, Walther Ulbricht, Helge Schneider…kaum etwas, das dieses Haus seit 1936 nicht gesehen hat. Und man sieht es ihm von außen kaum an. Immerhin wurde hier von der Bundesregierung beim Umzug nach Berlin mal „Gebäude-Recycling“ betrieben. Etwas, dass z. Bsp. das Bundesinnenministerium, welches den „Deutsche Bank Komplex“, der ebenfalls in der Friedrichstadt liegt, hätte nutzen können, auch hätte tun können, aber stattdessen lieber einen teuren Neubau präferierte. Sind ja nur unsere Steuergelder…
Allein aus diesem Grund, weil Neubauten vermutlich mehr Gelder verschlungen hätten, als die Restaurierung von 1996 – 2000 habe ich meinen Frieden mit der jetzigen Nachnutzung des „Reichsluftfahrtministeriums“ oder „Hauses der Ministerien“ gemacht. Lieber eine rationale Entscheidung für einen schwierigen Bau, als eine „ratzeputz-weg“-Entscheidung, die uns Nachgeborenen keine Gelegenheit gibt, Geschichte „hautnah“ und „zum Anfassen“ zu erleben.

Quellen:

Bild:

  • ich, 2015, 2016
  • Anmerkung in der Bildunterschrift

Text, Video:

  • wikipedia,
  • ARD-Dokumentation: „Geheimnisvolle Orte – Görings Ministerium“, ARD 2016,
  • Publikation des Bundesfinanzministeriums: „das Detlev-Rohwedder-Haus, Spiegel der deutschen Geschichte“, 2015, PDF

 

in Frieden ruhen – der Dreifaltigkeitsfriedhof II

In der Kreuzberger Bergmannstraße, hin zum „Südstern“ reihen sich vier Friedhöfe aneinander. „Friedrichswerderscher-“ oder „Luisenstädtischer-“ Friedhof kann man da lesen. Wenn man vom Südstern heranspaziert, finden wir den „Dreifaltigkeitsfriedhof“ ganz „hinten links“. Der Zweite seines Namens, denn der „erste“ davon gehört ja zu den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“. Für meine Reihe kurzer Betrachtungen bekannter, Berliner Gottesacker habe ich dann einfach mal hier mal vorbeigeschaut.

Was für ein schöner Tag ! In der Nacht zuvor hatte es ein wenig geschneit. Wie Puderzucker lag eine ganz dünne Schneeschicht über dem Gelände. Sanft knirschte es unter der Schuhsohle, wenn man die Wege zwischen den Grabstätten abschritt. Inzwischen war aber längst die Sonne herausgekommen und legte ihr „winterhartes“, tiefstehendes Licht über den Dreifaltigkeitsfriedhof, über pompöse Grabmale von Familien, die man heute kaum noch kennt und über kleine Familienbegräbnisse völlig Unbekannter.

Wie immer, wenn man auf einem Stadtspaziergang über Friedhöfe unterwegs ist, freut man sich über die relative Ruhe, die man hier vorfindet. Ein paar Vögelchen tschilpten jedoch auch schon in den Bäumen. Und das so früh im Jahr ! Die Natur hat offensichtlich ihre eigene Logik. Ich selbst würde, Mensch oder Nachfahre der Dinosaurier (ja, Vögelchen sind evolutionsgeschichtlich gesehen Nachfahren von Flugsauriern) natürlich einen Daueraufenthalt im Warmen bevorzugen.

Und die Friedhofsverwaltung macht es dem Spaziergänger diesmal ausnahmsweise einmal nicht so einfach, sich hier auf dem etwa 49.000 qm großen Friedhof zu orientieren. Findet man etwa auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“ noch Übersichtstafeln an den Eingängen, die das Wegesystem abbilden, über die Geschichte der Anlage informieren und auf sowohl hübsch gestaltete, wie auch „prominente“ Grabstätten hinweisen, so fehlt hier all dies.  So dass der Besucher gezwungen ist, sich selbst zu orientieren. Was ja auch nichts Schlechtes sein muss. Vielleicht genießt man einen Besuch hier dadurch umso mehr.

Grabstätte Schleiermacher

Aber natürlich sind auch hier einige bekannte Namen zu finden. Ich beschränke mich auf die zwei für MICH interessantesten davon. Zunächst einmal ist auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II natürlich einer der ehemaligen Pastoren der gleichnamigen Gemeinde beigesetzt. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Die Plakette auf seinem Grabstein stammt von Christian Daniel Rauch. Schleiermacher war Theologe und Mitbegründer der „Friedrich-Wilhelms-Universität“ in Berlin (heute „Humboldt-Universität“). Er begegnete mir schon auf einer Plakette an seinem ehemaligen Pfarrhaus Glinka- Ecke Taubenstraße. Welches natürlich in der Berliner Friedrichstadt liegt, durch welche ich Jahr für Jahr immer mal gerne spaziere, aber das ist ein anderes Thema. Wer bei diesen Spaziergängen dann dabeisein möchte, nimmt bitte Kontakt zu mir auf oder wartet auf die Bekanntgabe entsprechender Termine auf der Facebook-Seite und hier im Blog auf der Termine-Seite. Zurück zu Schleiermacher: dieser Mann versuchte Forschung und Wissenschaft mit dem christlichen Glauben zu versöhnen und musste sich deshalb harsche Kritik von Theologen und Wissenschaftlern gefallen lassen. Der gebürtige Breslauer fand nun also hier 1834 seine letzte Ruhe. Besser ist das auch, denn  ein Grab in seiner Geburtsstadt wäre vielleicht, wie so viele andere Ruhestätten prominenter Preußen und anderer Deutscher, nach Kriegsende eingeebnet oder geschändet worden. Man denke an das Grab des Freiherrn von Seydlitz o. ä. Fälle.

Grabstätte von Menzel

Die zweite Grabstätte, der ein versierter „Stadtspaziergänger“ natürlich seine Reverenz erweisen sollte, ist die des Malers Adolph von Menzel. Diesem Vorbereiter der Moderne wollte ich hauptsächlich einen Besuch abstatten. Was gibt es nicht alles für herzallerliebste Anekdoten über diesen Mann zu erzählen. Jeder cityguide, der etwas auf sich hält, kennt ein paar davon. Mir gefällt diejenige am Besten, bei der er mit seiner Art einen hohen Militär, den Feldmarschall Wrangel, so sehr auf die Palme bringt, dass dieser ihn eine „eklige, kleine Kröte“ nennt. Auch seine Geduld mit „Modellen“, die von ihm porträtiert werden wollten, war gleich 0. Bei seiner Beisetzung hier folgte aber gar die kaiserliche Familie dem Sarg. So sehr schätzten sie die Wirkung seiner Gemälde. Die Büste auf seiner Grabanlage ist übrigens ein Werk von Reinhold Begas.

Das Schöne an den innerstädtischen Friedhöfen ist vor allem, dass sie zumeist verkehrsgünstig zu erreichen sind. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und U-Bahnen erreicht man sie zumeist gut. Mit dem Fahrrad sowieso. Insofern steht meine Empfehlung, auch den „Dreifaltigkeitsfriedhof II“ und seinen Nachbarn den „Friedrichswerderschen“ Friedhof, zu dem ein Durchgang besteht, einmal zu besuchen. Und sei es nur, um im Schatten der Bäume ein wenig zu verschnaufen. Das leicht ansteigende Gelände, welches der Tatsache geschuldet ist, dass dort einst ein Weinberg angelegt worden war, lädt in jedem Falle dazu ein !

Zu erreichen über den U-Bahnhof „Südstern“ (Linie 7), dann in die Bergmannstraße weiterspazieren.