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Persönlichkeiten: der „fidele Fürst“ – Pückler

Man kann es nicht mehr abstreiten: 2017 ist Pückler-Jahr. In Potsdam-Babelsberg und seinem Ex-Wohnsitz Branitz in Cottbus wird des Bonvivants und Gartenkünstlers gedacht. Wer aber war Herrmann von Pückler-Muskau ? Betrachten wir mal sein abenteuerliches Leben im Schnelldurchlauf:

Die Eltern Pücklers finden in seinem Leben kaum statt. Seine Mutter war noch sehr jung, als sie ihn 1785 zur Welt brachte und konnte mit „Mutterschaft“ wenig anfangen. Der Vater, ein Misanthrop, hielt sich in Sachen Kinder-Erziehung ohnehin, ganz dem Zeitgeist entsprechend, zurück. Der kleine Herrmann wird früh in die Hände pietistischer Bildungsinstitutionen gegeben, was ihn für das weitere Leben zeichnet: „orthodoxem“ Protestantismus wird er immer feindlich gegenüberstehen, im Alter aus „Protest“ sogar noch katholisch werden.

Ein Jurastudium  bricht der abenteuerlustige Jüngling schnell ab und widmet sich einer Art „Militärlaufbahn“ im Dienste des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. Diese lässt ihm immerhin die Zeit, Reisen nach Italien und Frankreich zu unternehmen und mit einem Freund zusammen 1812 eine England-Reise zu machen, wo er die Gartenkunst als private Leidenschaft entdeckt, die ihn sein Leben lang begleiten wird. 1815 nimmt er schließlich als Beobachter an der „Völkerschlacht bei Leipzig“ teil, wird Verbindungsoffizier zum Stab des russischen Zaren.

In der Folge des „Wiener Kongresses“ fällt sein Landbesitz von Sachsen an Preußen. Pragmatiker, der er ist, heiratet Pückler daraufhin (1817) die Tochter des preußischen Staatskanzlers von Hardenberg, Lucie. Eine Ehe, die nur von ihrer Seite aus auf Liebe und Anerkennung beruht. Für Pückler ist sie nur eine weitere Stufe auf der Leiter des sozialen Aufstieges. Diese Ehe ermöglicht es ihm, 1822 in den Reichsfürstenstand erhoben zu werden. Von nun an dürfen wir vom „Fürsten Pückler“ sprechen. 1826 lässt er sich von Lucie von Hardenberg wieder scheiden.

Jetzt erspare ich Ihnen unzählige, biographische Details und verweise auf Pückler, den „Weltenbummler“. Auf der vergeblichen Suche nach einer vermögenden Erbin, die ihm dabei hilft, seinen hochverschuldeten Landbesitz über Wasser zu halten, begibt er sich 1825 – 1829 wieder nach England und nach Irland. Seine Reiseberichte, die er in die „alte Heimat“ schickt, werden dabei zur gerngelesenen Lektüre. Schließlich verschlägt es ihn 1837 nach Ägypten, wo er als Staatsgast empfangen wird und auf einem Sklavenmarkt eine 12-jährige Sklavin als Mätresse erwirbt. Ja, Sie lesen richtig. Dieses „nubische“ Mädchen mit Namen „Machbuba“ wird er bei seiner Rückkehr nach Muskau bei sich führen. Sie verstirbt aber bereits 1840 und ist dort beigesetzt.

1845 verkauft er seine überschuldete Standesherrschaft Muskau und siedelt nach Branitz über. Dort formte er einen Landschaftspark nach seiner Vorstellung und blieb als Schriftsteller aktiv. Er blieb weiterhin auch „Militär“ und erst das Alter verhinderte, dass er noch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 diente. Am 04. Februar 1871 verstarb Hermann, Fürst Pückler, auf Schloss Branitz. Er ist im dortigen Park in einer mit Gras bewachsenen Pyramide beigesetzt.

Pückler 1840

Der Nachwelt ist er vor allem als Garten-Architekt bekannt, der u. a. in Potsdam-Babelsberg die Gestaltung der unmittelbaren Umgebung des Schlosses aus den Händen von Peter-Joseph Lenné übernahm, mit dem sich die Auftraggeberin, Augusta von Sachen-Weimar-Eisenach (ja, mit diesem Hause blieb Pückler immer freundschaftlich verbunden) überworfen hatte. Dies geschah im Jahre 1843. Seine Gedankenwelt ist in jahrelanger Arbeit nachempfunden worden und kann seit Frühjahr 2017 wieder vor Ort besichtigt werden !!!!

Und natürlich lebt der Fürst Pückler in der Milcheis-Kombination von Erdbeere, Vanille und Schokolade weiter, die im deutschen Sprachraum unter seinem Namen bis heute verkauft wird.

Mein persönliches Fazit: Pückler wird dank Eiskrem und „Weltreisenden“-Flair m. E. n. von der Nachwelt bis heute zu positiv betrachtet. Ein selbstbezogener Karrierist, der sich aus finanziellen Gründen wieder von der ihm zutiefst zugetanen Ehefrau scheiden lässt, der „Soldat“, der letztlich niemals wirklich an der Front stand (und etwa die Schlacht bei Königgrätz 1866 im wahrsten Sinne des Wortes verschlief), der Gutsbesitzer, der seine Immobilien in den Ruin trieb und der Mann, der in Ägypten eine minderjährige Sklavin kauft, um mit ihr Sex zu haben. Sorry, nicht unbedingt ein Vorbild, eine Persönlichkeit, die meinen Respekt verdienen würde. Sein „Händchen“ in Sachen Parkgestaltung und Gartenbaukunst ist jedoch unbestritten und diesen „Nachlass“ des „grünen Fürsten“ kann ich anerkennen, zumal in Branitz etwa und in Babelsberg die öffentlichen Parks ja besichtigt werden können.

Bilddateien:

Erbe der unzufriedenen Königin – Charlottenburg

Eine der wichtigsten Touristenattraktionen nicht nur des „alten Westberlins“ verdankt die Stadt einer zutiefst unzufriedenen, suchenden und vergnügungssüchtigen Fürstin. Sophie-Charlotte von Braunschweig-Lüneburg („Hannover“ kam erst nach ihrer Geburt dazu) hatte große Pläne. Und scheiterte an der Realität. Dennoch hinterließ sie uns den Nukleus einer Touristenattraktion. Gott sei Dank ! 🙂

Selbst weniger wohlwollende Beschreibungen Sophie-Charlottes sprechen ihr immerhin ihren großen Bildungshunger zu, der selbst den Philosophen Leibniz einst an ihren Musenhof in „Lietzow“ lockte. Die Gründung der Berliner „Akademie der Wissenschaften“ ist dankenswerterweise auf diese Bekanntschaft zurückzuführen. Ein geistiges Vermächtnis, das Sophie-Charlotte leider nicht an ihren komplett verzogenen Sohn, den späteren „Soldatenkönig“ Friedrich – Wilhelm, weiterzugeben im Stande war. Nicht das einzige Versagen dieser oft zu Unrecht hochgelobten Fürstin.

Schon ihre Zwangs-Vermählung mit dem Kurprinzen Friedrich von Brandenburg im Jahre 1684 in Herrenhausen bei Hannover ist letztlich eine Niederlage. Zwar hatten Prinzessinnen diverser Herrscherhäuser Deutschlands weder im 17. noch in folgenden Jahrhunderten allzuviel bei ihren arrangierten Ehen mitzureden, doch „träumen“ durften sie allemal. Vor allem, wenn sie aus einem Hause stammten, das die Anwartschaft auf den Englischen Thron erhalten würde und das kurz davor stand, einen neunten Kurhut vom Kaiser verliehen zu bekommen.

Aus diesem und anderen Gründen hielt sich Sophie-Charlotte immer für „zu gut“ für Brandenburg/Preußen, für zu „modern“ und „fortschrittlich“ für das kleine, kaum den massiven Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges entwachsenen Kurfürstentum Brandenburg. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit fuhr sie deshalb „heim zu Mutti“ nach Hannover. Sie hatte nämlich einst die Chance gehabt, einen Bourbonen – Prinzen, einen Verwandten des Königs von Frankreich zu heiraten. Aber diese Chance zerschlug sich. Die Tochter eines Bischofs von Osnabrück und Fürsten von Hannover war wohl den Bourbonen nicht „gut genug“. Und katholisch war sie auch nicht.

Friedrich I. , König in Preußen

Diese Enttäuschung trug sie scheinbar ihr Leben lang mit sich. Brachte sie mit nach Brandenburg und ließ ihr, aus Wut darüber, den „schiefen Fritz“ mit dem Buckel, den Sohn des „Großen Kurfürsten“ heiraten zu müssen, freien Lauf. Ihr Ekel vor dem entstellten Mann mit dem schwierigen Charakter, mit dem sie verheiratet worden war, konnte kaum als Geheimnis gelten. Völlig die Tatsache ignorierend, dass die Hohenzollern, denen sie sich so turmhoch überlegen fühlte, bei allem, was deren Länder vielleicht noch zu Wünschen übrig ließen, in ihren Ahnenreihen royales Blut u. a. von Dänemark hatten und die Mutter ihres Mannes immerhin eine Prinzessin aus dem Hause Nassau-Oranien war, was im 17. Jahrhundert etwas bedeutete. Auch die Tatsache, dass ihr Vater erst 8 Jahre nach ihrer Hochzeit eine Kurwürde erhalten würde, während die Hohenzollern diese seit 1417 besaßen und vererbten, beeindruckte Sophie Charlotte offenbar nicht.

So ließ sich Sophie Charlotte, sobald sie ihrer „Pflicht“ nachgekommen war und dem späteren König Friedrich I. einen Thronfolger und einen Ersatzmann geboren hatte, in Lietzow ihr eigenes Schloss errichten. Weit weg vom Berliner Hof. Dort konnte sie weitgehend von ihrem Mann unbehelligt ihren eigenen „Musenhof“ führen, philosophieren, mit Leibniz im barocken Park spazierengehen oder im Schlosse musizieren. Friedrich der Große  fand diese ihm unbekannte Oma übrigens großartig. Ob das ein Prädikat ist oder nicht, überlasse ich Ihrem Urteil, liebe Leser.

Das Schloss, das schon sehr bald den Spitznamen „Charlottenburg“ erhielt und das dem es umgebenden Kiez Lietzow schließlich den Namen aufprägte, wurde auch nach dem Tode Sophie Charlottes 1705 mehrfach erweitert und umgebaut. Diverse exzentrische und interessante Charaktere der Hauses Hohenzollern werden sich später hier die Klinke in die Hand geben. Der „alte Fritz“, der „dicke Lüderjahn“ Friedrich-Wilhelm II. und die „Madonna der Preußen“, Königin Luise. Bis heute lebt der Bau, der im Zweiten Weltkrieg so schwere Zerstörungen erlebte, dass der Senat von Berlin ihn am liebsten abgerissen hätte, von dieser Hinterlassenschaft. Der zugehörige Park, in dem man bei schönem Wetter auch so gut spazierengehen kann, tut sein Übriges dazu.

(Artikel: „Mausoleum Charlottenburg“ hier.)

Ein Besuch von Schloss Charlottenburg gehört deshalb zum „Standardprogramm“ für Berlin – Besucher und ich empfehle ihn ebenfalls. 🙂

Adresse:

  • Schloss Charlottenburg
    Spandauer Damm 10-22
    14059 Berlin

Anfahrt:

  • mit der Buslinie „M 45“ bis „Klausenerplatz“, „Schloss Charlottenburg“ (nur in Richtung „Zoologischer Garten“) oder „Luisenplatz“

Eintritt:

  • 12 €, ermässigt 9 €,

Öffnungszeiten:

  • Montags geschlossen !
  • Dienstag – Sonntag: 10.00 – 18.00 Uhr,
  • von November-März,
    10.00 – 17.00 Uhr
  • Besichtigung mit Führung oder Audioguide
  • Letzter Einlass 30 Minuten vor Schließzeit

Bildmaterial:

Quellen:

Potsdams Holländerviertel – steinerne Verbundenheit

Das sog. „Holländerviertel“ in Potsdam steht symbolisch für die Verbundenheit Brandenburgs mit den Niederlanden. Steinerne Zeugnisse von dem, was man im 18. Jahrhundert unter „Willkommenskultur“ verstand. Denn das Land brauchte immer neue Bürger….

Liebe Freunde der Stadtspaziergänge, ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie anlässlich eines Besuches der damaligen, holländischen Königin Beatrix einige sie begleitende Holländer, Medienvertreter und auch hier lebende Niederländer ein wenig über das ihr in Potsdam stolz präsentierte „Holländerviertel“ spöttelten. „Ja, ja, so stellt ihr Deutschen euch die Niederlande vor. Aber echte Grachtenkinder können diese Architektur natürlich nicht ernst nehmen.“ So oder so ähnlich krittelte man damals vernehmlich herum.

Dabei ist dieser Spott eigentlich durch und durch ungerecht. Denn, was ich damals noch nicht wusste, ist, dass der Mann, der die 134 Häuschen dieses Quartiers entwarf, ein echter Holländer war. Ein Exilholländer zumindest, der aber in Amsterdam geboren wurde. Jan Bouman, später genannt „der Ältere“, weil es dann noch einen weiteren Bouman als Stadtbildner gab. Wenn also jemand weiß, wie ein „Holländerhäuschen“ auszusehen hat…

„Soldatenkönig“ Friedrich-Wilhelm

Die Geschichte des Holländerviertels beginnt mit der zweiten Stadterweiterung Potsdams. An diesem Orte sollte dem „Sumpf“ (dem notorisch schlechten Baugrund Potsdams, deshalb das benachbarte „Bassin“ als Entwässerung) ein Modellkiez abgerungen werden. Dieser Kiez war für potentielle Zuwanderer aus den Niederlanden gedacht und damit diese sich nicht sofort „fremd“ fühlten, sollten ihre Domizile eben vertraut aussehen. Da war der „Soldatenkönig“ ganz Pedant. Und eben auch ein Holland-Enthusiast wie einst sein Großvater, der „Große Kurfürst“ Friedrich-Wilhelm. Über seine Großmutter, die Kurfürstin Louise-Henriette, war der Soldatenkönig übrigens direkt mit dem Herrscherhaus Hollands, den „Oraniern“ verwandt.

Los gings mit diesem Bau-Projekt im Jahre 1732. Manche Quellen wollen sogar wissen, dass Jan Bouman extra für dieses Projekt nach Preußen kam. 1742 war das „Lockangebot“ für niederländische Handwerker dann fertiggestellt. Da lebte dessen Initiator, der schon erwähnte „Soldatenkönig“ bereits nicht mehr, aber auch sein Sohn, der noch „junge Fritz“, ließ einfach konsequent zu Ende bauen. Ob wir wohl heute Holländer bräuchten, um den BER zu Ende gebaut zu bekommen ? 🙂

Wussten Sie, dass….

  • im Potsdamer Holländerviertel im Spätsommer 2015 Szenen für die US-TV-Serie „Homeland“ gedreht wurden, die „Amsterdam“ darstellen sollten ? Da die Produktionsfirma zu dieser Zeit gerade die fünfte Staffel in Berlin drehte und für zwei Situationen „Holland“ benötigte, drehte man einfach im nahegelegenen Potsdam. Das sparte Reisekosten. 🙂
  • Jan Boumans vielleicht am meisten „betretenes“ Bauwerk in Berlin das ehemalige „Prinz-Heinrich-Palais“ Unter den Linden ist? Heute ist es das Zentralgebäude der Humboldt-Universität.
  • es im Holländerviertel ein „Jan – Bouman – Haus“ gibt, das eine Art Museum für die Art der Wohnkultur in den Holländerhäuschen ist ? Dort hat der „Förderverein für die niederländische Kultur in Potsdam“ seinen Sitz. Dieser veranstaltet übrigens im Winter ein „Sinter-Klaas-Fest“ und im Frühling ein „Tulpenfest“ im Holländerviertel.
  • es sich beim Holländerviertel laut „wikipedia“ um das größte „zusammenstehende Bauensemble und Kulturdenkmal holländischen Stils außerhalb der Niederlande in Europa“ handeln soll ?
  • im 18. Jahrhundert nicht annähernd soviele Holländer nach Potsdam kamen, wie vom Soldatenkönig einst gewünscht ? Es sollen anfangs in etwa nur zwei Dutzend Familien gewesen sein. Deshalb wurden die Häuser bald „freigegeben“ für mehr oder minder verdiente Bürger Potsdams und für Grenadiere des Garderegiments mit Familie.
  • im Jahre 1906 der „Hauptmann von Köpenick“, Wilhelm Voigt, hier im Quartier, in der Mittelstraße 3 beim Altwarenhändler Berthold Remlinger, seine gebrauchte Uniform kaufte ?

Zu DDR-Zeiten verkam das Viertel ein wenig. Die Ressourcen für dringend benötigte Reparaturen waren einfach nicht vorhanden. Deshalb kam in den Siebzigern hier eine Hausbesetzerszene auf, die z. T. zähneknirschend von den Potsdamer Behörden geduldet wurde, weil diese wussten, dass es besser war, wenn die baufälligen Gemäuer bewohnt wurden, als wenn sie weiter verfielen. In den 90er Jahren wurden die Gebäude grundlegend restauriert. Heute kann man von einem durchgehend guten Bauzustand der Gebäude sprechen. Wohnraum und Gewerbe finden sich hier in direkter Nachbarschaft.

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Quellen:

  • „Potsdamer Geschichten“, Gisela Heller, Edition Arani, 1993,
  • wikipedia

Persönlichkeit: Eleonore Prochaska – die Opferbereite

Es gibt Geschichten, die transzendieren irgendwie Zeit und Kontext, in dem sie sich abgespielt haben. Die erzählen etwas scheinbar immer Gültiges, etwas, worüber man eigentlich lange nachdenken müsste, hätte man die Zeit dafür. Für mich ist eine solche Geschichte immer die von der Kriegsfreiwilligen Eleonore Prochaska aus Potsdam gewesen. Schauen wir mal, warum…

Die Umstände sind eigentlich bekannt. Es ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung Preußens. Der Mann, der scheinbar den Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts verkörperte, Napoleon, hatte es besiegt, hatte es 1806/07 beiseitegefegt, wie eine lästige Fliege. Nur einem recht „herablassenden“ Freund, dem Zaren Alexander, war es zu verdanken, dass es überhaupt noch existierte. Ein Rumpfstaat, seiner westlich der Elbe gelegenen Ländereien beraubt, seiner polnischen Territorien beraubt, in großen Teilen von französischen Truppen besetzt. Zu horrenden „Reparationszahlungen“ gezwungen (nein, diese Praxis war nicht von „bösen Deutschen“ nach dem Krieg von 1870/71 erfunden worden) und in einem Zustand permanenter „Umwälzung“.

Und auch in einem Zustand merkwürdiger Gegensätze gefangen. Noch der „Empereur“ selbst hatte sich z. T. angewidert von der Unterwürfigkeit der Berliner gezeigt, die sie bei seinem Einzug in die Stadt am 27. Oktober 1806 an den Tag legen. Augenzeugen berichten davon, dass alle Insignien Preußens, schwarze Adler, von den Amtsgebäuden, von Kleidung und Fahnenmasten verschwanden. Erste „vive l´empereur“-Sprechchöre kamen auf. In Bonapartes persönlichen Aufzeichnungen spürt man förmlich die Verachtung und den Ekel, den er für solche „Wendehälse“ empfand. Ausnahmsweise kann ich diese Anwandlung des Autokraten nachempfinden.

 

Gneisenau

Andererseits aber gab es auch zähen, fast schon irrationalen Widerstand gegen das „Unvermeidliche“. Die Stadt und Festung Kolberg in Pommern z. Bsp. , unter der Leitung von Major Gneisenau und Magistrat Nettelbeck, ließ sich auch von der längst kapitulierten Provinzialregierung nicht dazu bringen, seine Tore für französische Inspektionen zu öffnen. Zäher, sozusagen „zwischen zusammengebissenen Zähnen“ hervorgepresster Widerstand gegen ein scheinbar „unabänderliches“ Schicksal, das Preußen offensichtlich besiegt und letztendlich vernichtet sehen wollte.  (Später werden die Nazis den „Kolberg“-Mythos für ihre Zwecke missbrauchen, aber das ist eine ganz andere Geschichte…)

Und in dieser Geisteshaltung müssen wir auch das Schicksal der Eleonore Prochaska aus Potsdam sehen. Preußen war irgendwo gefangen zwischen unterwürfiger Bewunderung für die menschgewordene Hybris aus Korsika und einem recht plötzlich aufkommenden Bewusstsein seiner selbst, das sich immer tiefer in alle Bevölkerungsgruppen hineingrub.

Eleonore Prochaska

Marie Christiane Eleonore Prochaska wurde 1785 in Potsdam als Soldatenkind geboren. Die Familie könnte von böhmischen Glaubensflüchtlingen abstammen, was aber trotz umfangreichen Recherchen bisher unbewiesen ist. Nur der Nachname legt das nahe. Ihr Vater war Unteroffizier in der preußischen Armee. Im Jahre 1793 zog er in den Krieg, seine Frau sah sich nicht in der Lage, die Familie „über Wasser“ zu halten in dieser Zeit und so kam die Achtjährige ins „Große Militärwaisenhaus“ in Potsdam, ohne auch nur einen Elternteil verloren zu haben!

Vier Jahre verblieb sie dort und wir können nur erahnen, wie es ihr dort ergangen ist, was sie dort, freiwillig und gezwungenermaßen, gelernt, erlebt und erlitten hat. Kinder können grausam zueinander sein, die Erzieher dort, fast alle ehemalige Soldaten selbst, waren es ganz sicher auch zu ihren Schützlingen.

Als die Zwölfjährige 1797 wieder aus dem Waisenhaus kommt, hat ihr Vater den Militärdienst hinter sich und kann die Familie als Musiklehrer ernähren und bekommt eine Soldaten-„Rente“, die ebenfalls dringend gebraucht wird. Eleonore lebt aber nicht abgeschottet, sondern ist „mittendrin“ im Geschehen. Sie nimmt wahr, was in der Welt geschieht. Wir müssen also davon ausgehen, dass sie sehr wohl Zugang zu Zeitungen, Büchern und anderen Quellen von Nachrichten hat. Das war damals für „Kleinbürger“ und Menschen, die auf der „sozialen Leiter“ weiter unten standen, nicht alltäglich. Wie sehr sich doch die Zeiten verändert haben. Heute sehe ich praktisch jedermann unter 35 im öffentlichen Raum permanent auf smartphones starren, Unfälle damit verursachen etc. Ist das nun wirklich Fortschritt ? Vielleicht.

Eleonore jedenfalls lebte nicht in einer „Blase“ aus privaten Interessen, Familiendramen und Karrierewünschen. Nein, sie nahm sehr wohl war, wie es um „ihr“ Preußen stand. Vielleicht auch, weil sie seit 1810 für einen preußischen Beamten, den Hofbaurat Manger, als Küchenmädchen arbeitete. Nirgendwo sprechen sich Ereignisse, kleine wie große, schneller herum, als in einer Küche oder im Privathaushalt. Wem das nicht bewusst ist, der hat keine Familie oder lebt getrennt von ihr.

Lützows Grabstein in Berlin

Nach dem 17. März 1813, als der Aufruf „an mein Volk“ vom König Friedrich-Wilhelm dem Dritten ergeht, in welchem er die Preußen endlich zum Widerstand gegen Frankreich aufruft, legt Eleonore Prochaska einen Schalter in sich um. Sie verkauft alle ihre Sachen, erwirbt davon Herrnkleidung, verlässt ihren Dienst und schreibt sich als „August Renz“ beim Lützowschen Freikorps ein. Ja, bei der „wilden, verwegenen Jagd“, den schwarz-rot-goldenen Freiwilligen, die vielleicht das Beste verkörpern, das ihr Land damals zu bieten hatte. Obwohl viele von ihnen gar keine Preußen waren, sondern Sachsen, Hannoveraner etc.

Was die Potsdamer Küchengehilfin dazu brachte, nicht wie damals für Frauen üblich, als medizinische Helferin in einem Feldlazarett ihren Beitrag tun zu wollen, sondern an die Front zu gehen, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. In jedem Falle sagen uns die Quellen, sie habe die Strapazen des Soldatenlebens gut gemeistert und sei sogar zum Unteroffizier befördert worden ! Ein Frontkamerad erinnert sich sogar daran, dass ihre Sprache „nicht sonderlich fein“ gewesen sei. Sie fiel also nicht sogleich auf. Außer bei der Schuhgröße. Alle Soldatenstiefel waren ihr zu klein, so brauchte sie eine Spezialanfertigung für die zarten Damenfüße.

Beim Gefecht „an der Göhrde“, wo die Lützowschen Jäger in der Allianz mit preußischen Linientruppen, Russen, Mecklenburgern und Hannoveranern auf die Franzosen trafen,  fiel der Trommler ihrer Einheit. Es war der 16. September 1813 und die Legende will es, dass Eleonore Prochaska die Trommel aufgenommen und ihre Infanterie weiter zum Vormarsch gebracht haben soll. Das ist wohl eher nachträglich hinzugefügt worden. In Warhheit habe sie wohl einen verletzten Kameraden aus der Schusslinie geholt. Kartätschenkugeln sollen ihr daraufhin den Oberschenkel zerfetzt haben. Sie wurde von einem Feldscher, einer Art „Sanitäter“ behandelt, dabei als Frau entlarvt und nach Dannenberg verfrachtet, wo sie drei Wochen später verstarb. Die Quellen schweigen über die genauen Ursachen. Es darf zu hoher Blutverlust in Verbindung mit einer Infektion oder Blutvergiftung angenommen werden. Sie wurde auf dem St. Annen Friedhof in Dannenberg beigesetzt.

In der Folge wurde ihr Mut, ihre Liebe zu Preußen und ihre Bereitschaft, sich über gängige Konventionen hinwegzusetzen, weitgehend gewürdigt. Auf dem Dannenberger Friedhof wurde ihr zu Ehren 1865 ein Denkmal enthüllt. Auf dem „Alten Potsdamer Friedhof“ 1889 eine Gedenksäule errichtet. Ein Schauspiel (Text heute verschollen) wurde ihr zu Ehren verfasst, für das Beethoven die Musik schrieb. Ihr Andenken ist nicht vergessen.

Können wir Gegenwärtigen diese Art der Opferbereitschaft noch verstehen ? Nachdem uns vor allem die NS-Ideologen gezeigt haben, wie man solche Leidenschaft, solche Tugend für die allerabartigsten Ziele missbrauchen kann ? Es scheint, dass wir die Leidenschaften, die Werte und Motivationen unserer Altvorderen nach dieser Zäsur nicht mehr verstehen können. Manchmal bedauere ich das ein wenig.

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Ausflugstip: der „Tierpark Friedrichsfelde“

Kein Geheimtip. Ganz sicher nicht ! Dennoch immer wieder schön, vor allem, wenn die Sonne scheint und das Wetter zum Spazierengehen einlädt. Ein Park, familienfreundlich und „wilde Tiere“ gibts auch noch als Draufgabe. Was doch die Zeit und viele, engagierte Hände über die Jahrhunderte hinweg aus dem alten „Gut Rosenfelde“ gemacht haben ! Eine ganz persönliche Empfehlung ! 🙂

Ihnen kann ich es ja eingestehen, liebe Leserinnen und Leser: manchmal bin ich ganz froh, mir letzte Reste meines kindlichen Gemüts bewahrt zu haben. So ist ein Besuch bei den „wilden Tieren“ für mich bis heute ein Vergnügen geblieben.

Nur ein preiswertes ist es nicht mehr unbedingt. Die Eintrittspreise, speziell der beiden Berliner Tierparks, sind schon mal knackig. Finde ich jedenfalls. Da muss man tatsächlich einen ganzen Tag drinbleiben, um „etwas fürs Geld“ zu erhalten. Das klappt aber super, denn der „Zoologische Garten“ gehört zu den artenreichsten Tierparks in Deutschland, so dass es sehr viel zu sehen gibt und der „Tierpark Friedrichsfelde“ ist so wunderbar weitläufig, da hat man viel zum „Ablaufen“ und Spazierengehen.

Fangen wir mal an: Also, einst war der heutige Tierpark ein Landgut und hieß „Rosenfelde“. Kurze Zeit gehörte dieses sogar einem echten Piraten ! Und zwar dem Holländer Benjamin Raule, dem „Freibeuter des Kurfürsten“. Dieser ließ dort ein Landhaus errichten, dessen umgebauten „Nachfahren“ wir heute als „Schloss Friedrichsfelde“ kennen. Der Pirat geriet später in Ungnade, diverse Besitzer danach kam die Immobilie ins Eigentum der Familie von Tresckow. Diese verkaufte schrittweise Teile des Besitzes, der einst sogar noch viel größer war, als der Tierpark. Der Ortsteil Karlshorst liegt beispielsweise z. T. auf ehemaligem Tresckow-Besitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die „ausbeuterischen Junker“ dann enteignet. Die Immobilie verfiel, bis man auf die Idee kam, hier einen Tierpark errichten zu können. Eine typische „Kalter Kriegs-„Idee im geteilten Berlin. Die Humboldt-Uni lag im Osten, schwupps gründete man in Westberlin die „Freie Universität“. Der Zoo lag im Westen, zack musste ein „Tierpark“ auch in Ostberlin her.

Prof. Dathe mit einem Katzenbären

Mit dem gesamten Projekt untrennbar verbunden ist natürlich der Name des Zoologen Prof. Heinrich Dathe, der sich mit dem Tierpark seinen ganz persönlichen Wunschtraum erfüllen konnte. Hier hatte er sein „Reich der Tiere“, in dem nur er der Herr war. Nach der Wiedervereinigung wurde er dann jedoch, nicht zuletzt aus Altersgründen, beiseitegeschoben. Er war auch immerhin schon 80. Die beiden Tierparks Berlins wurden in der Folge organisatorisch erstmalig zusammengelegt, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Was gibt es sonst über den Tierpark zu sagen ? Versuchen wirs mit ein paar „Wussten-Sies“ ! Also, wussten Sie, dass…

  • der Tierpark Friedrichsfelde einen „eigenen“ U-Bahnhof auf der Linie U5 hat, über den man seinen südlichen Haupteingang erreicht ?
  • derzeit im Tierpark Umbauten für einen Neubau des Löwenhauses geplant sind und deshalb sämtliche Löwen auf andere Tierparks „umgesiedelt“ wurden ?
  • man Schwarzbären bewundern kann, ohne den Tierpark überhaupt zu betreten ? Ein „Bärenschaufenster“ ist so angelegt, dass diese Bärenart uns hier direkt VOR dem Haupteingang vergnügt.
  • im Schloss Friedrichsfelde tatsächlich einst ein Regierender Reichsfürst inhaftiert wurde ? Von Juli 1814 bis Februar 1815 war der König Friedrich August I. von Sachsen auf dem Schloss als Gefangener, weil er wegen seiner Napoleon-Treue verurteilt worden war.
  • der Tierpark mit einem Superlativ wirbt ? Es wird behauptet, er sei mit 160 ha Fläche der „größte Landschaftstierpark Europas“. Nun, ich habe nicht nachgemessen, aber immerhin ist er weitläufig genug.
  • im Tierpark Berlin auch Volksläufe stattfinden ? Auf unterschiedlich langen Strecken kann man dann einmal im Jahr beim sog. „Volvo – Tierpark -Lauf“ durchs Gelände joggen. Was wohl die Tiere davon halten ?
  • für die Gestaltung der Eisbären-Frei-Anlage angeblich auch Trümmer der ehemaligen Reichsbank-Zentrale aus Berlin-Mitte verwendet wurden ?
  •  die Erbbegräbnisstätte der Familie von Tresckow sich auch noch immer auf dem Gelände befindet ? Nur ist sie, aus Gründen der Pietät wie ich hoffe, dem Besucher nicht zugänglich.
  • jährlich mehr als eine Million Besucher den Tierpark in Augenschein nehmen ? Letzte veröffentlichte Zahl von 2015: 1,2 Mio. !
  • es derzeit noch mehr als 750 Arten im Tierpark Friedrichsfelde zu sehen gibt ? Sobald alle Umbauten und Modernisierungen abgeschlossen sein werden, ist davon auszugehen, dass die Zahl sogar wieder steigt !

Habe ich Sie auf einen Besuch im „Tierpark Friedrichsfelde“ neugierig machen können ? Dann treffen wir uns vielleicht irgendwann einmal dort. 🙂

Adresse:

Am Tierpark 125
10319 Berlin

Anfahrt:

Über U5, bis U-Bahnhof „Tierpark“.
Tram: M17, 27 und 37,
Bus: 296, 396

Öffnungszeiten:

Durchgehend von 09.00 Uhr – 16.30 Uhr,
im Sommer bis 18.00 Uhr, teils bis 18.30 Uhr

Internetadresse:

http://www.tierpark-berlin.de/de

Karte:

Persönlichkeiten: Julius Sternberg – verratener Lokalpatriot

Die Geschichte wird von den „Großen“ geformt und von den „Kleinen“ erlitten. So will es das Sprichwort. Mir erschien das immer zu fatalistisch, zu wenig der Tatsache eingedenk, dass auch Einzelschicksale größere Wirkung haben können. Aber wenn ich an Lebenswege wie den von Julius Sternberg denke, bin ich fast davon überzeugt, dass da doch etwas dran ist. Schauen wir uns diesen „Kleinen“, diesen braven Spandauer einmal kurz an:

Auf dem obigen Foto sehen wir die Familie Sternberg. Aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1933 bei einer Geburtstagsfeier aufgenommen. Ganz links steht der eigentliche Familien-„Patriarch“ – Julius Sternberg. Wie hätte er wissen können, das er sechs Jahre später seine Heimat verlassen musste, weil sie ihn, den Juden, verriet und zum Hass- und Vernichtungsobjekt erklärte ?

Julius und Susanne Sternberg, im Urlaub 1931

Die Sternbergs waren seit 1841 in Spandau ansässig. Sie machten ihre Karriere als Händler. Das Handelshaus „Moses Kiewe Sternberg“ am Spandauer „Markt“ profilierte sich im Laufe der Jahre auch unter seinem Werbeslogan (ja, die gabs auch schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts !) „das Haus der guten Qualität“. Und, wie Kaufleute mir sicher bestätigen können: wer am Ende keine gute Qualität liefert, wird sich nicht durchsetzen können, nicht einmal auf einem so kleinen, regionalen Markt wie in Spandau. Gehen wir also getrost davon aus, dass das Kaufhaus Sternberg, das zwischen den beiden Weltkriegen bis zu 100 Angestellte hatte und wohl in Sachen Herrenoberbekleidung seine Basis hatte, seinem selbstgebastelten Ruf gerecht wurde.

Zu dieser Zeit war der Chef des Hauses bereits in dritter Generation der besagte Julius Sternberg. Ein braver Bürger Spandaus, wie er im Buche steht. 1879 in „Spandau“ geboren, nachdem die Stadt erst zwei Jahre zuvor das regionaltypische „-ow“ am Ende abgelegt hatte (siehe „Treptow“, „Mahlow“, etc.).  Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Feldwebel (s. Foto unten), mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet . Hier wird es bald zu einer seltsamen Skurrilität kommen, aber dazu später mehr. Sternberg jedenfalls war Spandauer mit Leib und Seele. Und er war Jude. Das war kein Widerspruch, das war der „Normalfall“. Bis 1933 jedenfalls.

Feldwebel Julius Sternberg

Im Café seines Kaufhauses ließ er 1927 eine Ausstellung mit historischen Bildern aus Spandau aufhängen. Das Motto damals: „Mit der Heimat eng verbunden.“ Von 1922 – 1935 stand er der jüdischen Gemeinde Spandaus vor. Sternberg, der die einzige „private“ Synagoge in seinem Geschäftshaus in Spandau besaß, „war jemand“ unter den lokalen Honoratioren. Das änderte sich 1933 mit der Machtübergabe an Hitler. Von nun an wurde das Trottoir vor dem Kaufhaus Sternberg mit judenfeindlichen Parolen beschmiert, es rannten SA-Leute mit dementsprechenden Slogans auf Papier oder im Mund durch die Spandauer Altstadt. Die Scheiben wurden eingeworfen… Der blinde Hass tobte sich aus. Ironischerweise hatte Sternberg als verdienter Frontkämpfer aber in dieser Zeit noch eine Belobigung aus dem Sekreteriat des „Reichskanzlers“ Hitler erhalten. Das schützte aber weder ihn noch seine Liebsten. Mehrere Verwandte wurden im Holocaust getötet.

1935 schließlich wurde Sternbergs Privathaus in der Schönwalder Allee 55 erstmalig von der Polizei durchsucht. Absurde Vorwürfe des „Hortens von Kriegswaffen“ führten dazu, dass Julius kurze Zeit in „Schutzhaft“ genommen wurde. 1938 schließlich musste er sein Geschäft aufgeben. Es wurde zunächst verkauft, dann aufgelöst. 1939 gelangten Julius Sternberg und seine engste Familie, vor allem Frau Susanne und Sohn Hans, über London nach Kolumbien, wo sie sich in Bogotá mehr schlecht als recht durchschlugen. Aber die alte Heimat, obwohl sie ihn so schmerzlich im Stich gelassen (in meinen Augen verraten) hatte, ließ Sternberg nicht los.

1950, als Julius Sternberg stolze 71 Jahre zählte, kehrten er und seine Familie zurück nach Berlin. Sternberg selbst fand in der „Carl-Schurz-Straße“ 21 in Spandau, dem angestammten Sitz des Handelshauses Sternberg, nichts mehr vor, was man ihm hätte zurückgeben können. Die Bombenangriffe vom November 1944 und März 1945 hatten weite Teile der Altstadt zerstört. In seinem Alter wollte Julius Sternberg auch selbst kein Geschäft mehr neu eröffnen. Sein Sohn Hans (geb. 1925) jedoch führte die Familientradition fort und arbeitete für einen Handelskonzern. Für sein Engagement bei der Aufarbeitung der Familiengeschichte erhielt er 1980 das Bundesverdienstkreuz. Hans Sternberg lebt heute in Bad Kissingen.

an der Sternbergpromenade

Julius Sternberg verstarb am 25. Juli 1971. Er ist auf dem jüdischen Friedhof Heerstraße in Berlin beigesetzt.

Heute steht auf dem Grundstück, auf dem sich einst das Kaufhaus Sternberg befand, das Gebäude der „Sparkasse“. Immerhin erinnert seit dem Jahr 2000 eine Gedenktafel der Stadt Berlin an Julius Sternberg. Und seit November 2014 heißt auch die Uferpromenade Spandaus zwischen Dischingerbrücke und Juliusturmbrücke „Sternbergpromenade“. Im April 2016 wurde schließlich eine Informationstafel über die Familie Sternberg an „ihrer“ Promenade enthüllt. Hans Sternberg war dabei noch persönlich anwesend.

Persönlichkeiten: Carl Schuhmann – der Sieger

Die Olympischen Spiele der Neuzeit begannen im Jahre 1896 in Athen. Der Traum des Barons de Coubertin begann, Gestalt anzunehmen. Aber wer kennt noch den ersten, deutschen Olympiasieger und Mehrfach-Gewinner Carl Schuhmann ? 

schuhmann_cavallo_atene_1896Ich stelle mir das alles noch sehr improvisiert vor. Ein paar Sporthallen von Schulen oder Hochschulen, ein paar Matten, wenige Teilnehmer, absurde Wettbewerbe („Tauhangeln“), die deutsche Mannschaft besteht aus ganzen 21 Athleten, die Segel- und Ruderwettbewerbe fallen wegen schlechten Wetters gleich ganz aus. Ganz normale Anfangsumstände halt.

Wir Nachgeborenen können darüber getrost schmunzeln. Wir sind die Mega-Events mit Sponsoren-Allgegenwart und TV-live-Übertragungen gewohnt. Die professionelle Vorbereitung der Teilnehmer über Jahre hinweg, die Auswahl-Wettkämpfe, die Doping-Skandale, die Werbeverträge der Olympia-Goldmedaillen-Gewinner. 1896 traten die Athleten noch um „der Ehre“ willen an. Noch nicht einmal unbedingt für ihr eigenes Land, wie die Tatsache beweist, dass der Deutsche Fritz Traun mit dem Engländer John Boland das Tennis-Doppelturnier gewann. Der erste und einzige Sieg, den sich Athleten aus zwei verschiedenen Ländern teilen.

schuhmann_lotta_atene_1896Gold-Medaillen gab es übrigens noch nicht. Der Dritte bekam auch keinen Preis. Denn nur der Gewinner bekam eine Silbermedaille und der Zweite eine bronzene. Das ist also das Umfeld, in dem Carl Schuhmann vier Olympiasiege feiert. Der erste, deutsche Olympiasieger, ein Mehrfachsieger. Eigentlich war er als Turner nach Athen gereist. Aber weil er schon mal dort war, gewann er auch gleich noch das Schwergewichts-Ringen gegen den baumlangen Griechen Georgios Tsitas (siehe Foto). Dieser Wettbewerb dauert den Aufzeichnungen nach insgesamt über eine Stunde lang und wurde auf zwei Tage verteilt. Seine anderen Siege waren im Pferdsprung und mit den Barren- und Reckmannschaften. Aber, da Schuhmann gerade so viel Spaß hatte, erreichte er auch noch einen dritten Platz im Gewichtheben.

GEDSC DIGITAL CAMERADer Münsteraner Goldschmied, geboren 1869, der vier Olympiasiege für sich verbuchen konnte, starb 1946 in Berlin. Dort befindet sich auch seine Grabstätte auf dem Friedhof Heerstraße. Selbstverständlich ist sie bis heute ein Ehrengrab der Stadt Berlin.

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