Archiv der Kategorie: Informatives

Gedenkstätte Seelower Höhen – Ausflug zur Oder

Lange hatte ich es angekündigt, einmal sogar schon gesundheitsbedingt abgesagt, aber endlich machte sich unser kleines Grüppchen auf, die „Gedenkstätte Seelower Höhen“ im Landkreis Märkisch-Oderland zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein und erfrischendem Wind kraxelten wir die Seelower Höhen hinauf, um an diesem einzigartigen Ort der Ereignisse vom April 1945 zu gedenken.

Die Gedenkstätte Seelower Höhen markiert ein trauriges Ereignis der Geschichte. Hier im Oderland, nördlich und südlich der damaligen „Reichsstraße 1“ wurde die letzte, großflächige Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden ausgefochten. Hier erreichte die Rote Armee den entscheidenden Durchbruch auf dem Weg nach Berlin. Hier starben zehntausende Soldaten beider Seiten in einem längst zu Gunsten der Sowjetunion entschiedenen Konflikt.

Das kann selbst Daueroptimisten am „homo sapiens“ zweifeln lassen. Die Fähigkeit der Menschen, ihren Artgenossen unsägliche Dinge anzutun, ist scheinbar grenzenlos. Ehrenwerte Motive werden schnell verbogen, missbraucht und im Namen irgendwelcher „höheren Werte“ pervertiert. Gerade der hochmotivierte Idealist kann für schreckliche Dinge ausgenutzt werden. Das sollte übrigens auch uns, den Nachfahren der Weltkriegsgeneration, eine Mahnung für die Gegenwart sein. Auf beiden Seiten.

Daran musste ich unweigerlich denken, als wir an einem angenehmen, nur leicht windigen, Aprilvormittag in Seelow ankamen und die Gedenkstätte dort besuchten. Und wir waren beileibe nicht die einzigen Besucher. Mehrere Gruppen absolvierten gerade ein geführtes Programm, als wir eintrafen. Sie kraxelten dabei ganz unvoreingenommen auf einem alten T-34 Panzer der Roten Armee herum, der auf dem Vorhof des Museums zu sehen ist.

Von der Roten Armee ging auch direkt nach Ende der Kampfhandlungen 1945 die Initiative aus, entlang ihrer Vormarschroute nach Berlin Soldatenfriedhöfe und Denkmale anzulegen. Ein solches stand z. Bsp. bis 2009 in Küstrin/Kostrzyn, dessen Einnahme der Roten Armee die Vorbereitung zum Sturm auf Berlin vereinfacht hatte. Das zweite dieser Denkmale ist der Soldatenfriedhof hier in Seelow, der zusammen mit dem unterhalb gelegenen Museum seit 1972 die Gedenkstätte bildet. Das dritte Denkmal finden wir an der „Straße des 17. Juni“ in Berlin, ganz in der Nähe des Reichstages.

Das kleine Museum hier in Seelow fasst auf anschauliche Art die Ereignisse des April 1945 zusammen. Im Vorführraum erwartet den Besucher ein 3-D-Modell des Kampfschauplatzes von damals. Und ein kurzer Dokumentarfilm voller originalem Filmmaterial aus dieser Zeit macht dem Besucher den Kontext und den Verlauf der Schlacht deutlich. Er hinterlässt übrigens auch den zuvor schon von mir geschilderten, bitteren Geschmack im Munde angesichts all des Hasses mit dem damals Menschen manipuliert wurden, ihren Artgenossen übelstes anzutun.

Der Soldatenfriedhof oberhalb des Museums erschien uns allen in einem erfreulich gut gepflegten Zustand zu sein. Mit Blick in Richtung Oder gelegen, können die Toten hier tatsächlich in Frieden ruhen. Allerdings, wie schon angedeutet, nur die Toten der einen Seite. Für die Gefallenen der deutschen Seite wurden erst sehr spät Gräber-Abschnitte auf dem Stadtfriedhof Seelow und im südlich von Berlin gelegenen Halbe auf dem dortigen „Waldfriedhof“ angelegt. Selbst Veteranen der Roten Armee, die Seelow besuchten, sollen schon zu DDR-Zeiten öfters erstaunt darüber gewesen sein, dass ihre ehemaligen Gegner, ganz im Geiste des „Sozialismus im Arbeiter- und Bauernparadies“ scheinbar nicht existiert hatten.

In jedem Falle regt ein Besuch hier zum Nachdenken über viele Dinge an. Etwa über die riesige Bronzeskulptur, die den Ort überragt und die aus derselben Werkstatt (Gießerei Noack aus Berlin) stammt, wie die zwei knieenden Rotarmisten-Figuren im Treptower Park. Wir jedenfalls nutzten gemeinsam diesen Ausflug zum anregenden Gespräch, natürlich auch dazu, kräftig zu fotografieren. Und so vergingen schnell ein paar, nur durch ein kurzes Picknick im Museumshof unterbrochene, Stunden hier vor Ort.

Hier lasse ich gerade den „Fachmann“ heraushängen… haha.

Dass wir den Heimweg nach Berlin dazu nutzten, einen Zwischenstopp in Frankfurt/Oder einzulegen, sei hier nur am Rande erwähnt. Das schöne Wetter lockte uns dort fast zwangsläufig in ein Eiscafé und so konnten wir, nachdem wir noch kurz über die Oderbrücke geschlendert waren, mit vielen frischen Eindrücken wieder nach Hause fahren.

In diesem Sinne: vielleicht sind Sie ja beim nächsten Mal mit dabei, wenn ich wieder in Berlin oder Brandenburg unterwegs bin. Ich werde Sie dann in jedem Falle natürlich so früh wie möglich wieder dazu einladen. 🙂 (Siehe Terminseite !)

Ihr

Clemens Kurz

P.S.: Details zur „Gedenkstätte Seelower Höhen“ wie Adresse, Öffnungszeiten und Anreisemöglichkeiten erhalten Sie bei Interesse natürlich auf deren Webauftritt. Hier:
http://www.gedenkstaette-seelower-hoehen.de/cms/

Fotos:

  • von mir, (c) 2018,
  • von A. Schildhauer, (c) 2018, used with permission
Advertisements

Erinnerungsorte: Soldatenfriedhof Berlin-Schönholz

Liebe Leserinnen und Leser, vor einigen Jahren machte ich mich auf, um für ein Videoprojekt die bekanntesten drei Soldatenfriedhöfe der Roten Armee in Berlin zu besuchen. Später kam ich gelegentlich noch hierher, um Fotos zu machen oder Gästen diese Orte zu zeigen. Im Laufe der Zeit entdeckte ich an immer mehr Orten kleine Soldatenfriedhöfe, Gedenkorte der Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges. Diejenigen davon, die mir dabei am meisten auffielen oder irgendeine Besonderheit aufweisen, möchte ich Ihnen in der Reihe „Erinnerungsorte“ vorstellen:

Pankow-Schönholz. Die ehemalige „Schönholzer Heide“. Einst ein beliebtes Ausflugsgebiet der Berliner (ob hier wohl „Bolle“ zu Pfingsten die durch das Volkslied bekannte Schlägerei tatsächlich mitgemacht hat, sei einmal dahingestellt), heute geprägt durch Friedhöfe und Sportplätze.

Der bekannteste Friedhof hier ist natürlich das sowjetische Ehrenmal Berlin-Schönholz. Ab Mai 1947 errichtet, stellt es in gewisser Weise den Abschluss der Reihe sowjetischer Soldatenfriedhöfe im Berliner Stadtgebiet dar. Als der Bau begonnen wurde, stand der Friedhof in der Nähe des Reichstages bereits und der Bau der Gedenkstätte Treptower Park war im vollen Gange.

An dieser Stelle sei mir ein persönliches Wort gestattet: von den soeben erwähnten drei Mahnmalen der Roten Armee in Berlin  ist mir dieses hier das Liebste. Es wirkt am wenigsten martialisch, weniger den „Sieg“ als „Befreiung“ herausposaunend. Alles wirkt hier irgendwie einen Tick ruhiger, sachlicher. Vielleicht auch gerade deshalb etwas eindrucksvoller, ergreifender, als an der Straße des 17. Juni oder in Treptow (sorry, Leute, Berlin-Buch lasse ich mal außen vor).

Die ganze Atmosphäre ist mehr dem Gedenken, der Trauer und Besinnung gewidmet. Die einzige Voll-Plastik in Schönholz ist eben gerade KEIN Soldat mit Bewaffnung, der demonstrativ „den Faschismus“ zertritt oder ein Kind rettet oder wie immer sich die „Befreier“ aus dem Osten zu dieser Zeit sonst noch gerne selbst sahen. Hier ist die trauernde „Mutter Heimat“ dargestellt, ebenfalls ein beliebtes, russisches Motiv nicht nur dieser Epoche. Sie steht bereits wieder, nachdem sie ihren gefallenen Sohn zur letzten Ruhe unter eine Fahne gebettet hat und sie hält einen Siegerkranz in der Höhe seines Kopfes aufrecht.

Ganz bewusst wird das übermäßig Kriegerische, wird die martialische „Pflichtthematik“ bereits an der „Außenmauer“, am wuchtigen Portal der Anlage abgearbeitet. Den Symbolen der verschiedenen Waffengattungen der Roten Armee werden dabei Bronzereliefs von Soldaten in „Aktion“ beigeordnet. Das alles zeigt aber wie gesagt „nach außen“, sozusagen vom eigentlichen Friedhof „weg“. Wer das Portal durchschritten hat, hat diese Sphäre des „Kampfes“, des „Krieges“ ebenso wie die Gefallenen, die hier bestattet sind, bereits hinter sich gebracht. 13.000 Offiziere und Mannschaften sollen das übrigens laut offiziellen Zahlen der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt sein.

Hinter der „Matj Rodina“, der Mutter Heimat, weist ein 33,5 m hoher Obelisk aus hellem Syenit himmelwärts. Er ist ein weithin sichtbarer Punkt auf der Mittelachse der Anlage. Diese wurde von 2010 – 2013 generalsaniert. Als Folge der „zwei-plus-vier-Verträge“ hatte sich die Bundesrepublik dazu verpflichtet, diese und ähnliche Anlagen auf eigene Kosten zu pflegen und zu erhalten. Dies war, wie ich aus eigener Anschauung sagen kann, zum soeben erwähnten Zeitpunkt auch dringend notwendig geworden, da die Anlage dem „Zahn der Zeit“ doch zuvor deutlich hatte Tribut zollen müssen. Die Sanierung stellte den ursprünglichen Zustand der etwa 27.500 qm großen Anlage wieder her.

Ich empfehle einen Besuch hier. Gerade, wenn die Blumenbeete erblühen, ergibt sich ein für einen solchen Ort ungewöhnlich „hübsches“ Bild.  Wie immer bei diesem und ähnlichen Gedenkorten findet man auch eine gewisse Ruhe hier, zumal die Anlage komplett von einer Mauer umgeben ist. Die Flugzeuge, die von und nach Tegel fliegen, hört man aber leider dennoch. Bis der BER kommt, also bis zum…St. Nimmerleinstag. 🙂

Quellen:

Text:

Bilder:

  • von mir, (c) 2015

Adresse:

  • Germanenstraße 43,
    13156 Berlin

Anfahrt:

  • Bus 155 (z. Bsp. ab S-Bahnhof „Pankow“) in Richtung „Wilhelmsruh, Fontanestraße“ bis Haltestelle „Berlin, Ehrenmal Schönholz“

Öffnungszeiten:

  • April – September:
    07:00 – 19:00 Uhr,
  • Oktober – März:
    08:00 – 16:00 Uhr

Persönlichkeiten: Heinrich von Stephan – der „Postler“

Es gibt Menschen, die nur für eine Sache leben. Deren ganze Existenz sich letztlich nur um eine einzige Sache dreht und die, so sie damit erfolgreich sind, auch nur dafür bekannt werden. Das mag uns „heutigen“ Menschen ein wenig eindimensional vorkommen, aber solche Fachleute bringen oftmals das Genre ihrer Leidenschaften maßgeblich weiter. Denken wir etwa an Künstler oder Erfinder. Als Mann solchen Schlages sehen wir heute Heinrich von Stephan. Den „Postler“.

Heinrich Stephan wurde in Pommern geboren. In Stolp und zwar im Jahre 1831. Es macht mich immer stolz, wenn ich einen anderen Pommern loben und beschreiben darf. Wie alle Leser dieses Blogs ja mittlerweile wissen, stammt die Familie meiner Mutter ebenfalls aus diesem ebenso weiten, wie armen Landstrich, der aber heutzutage zumindest wieder durch bezahlbaren Ostsee-Urlaub im Nachbarland Polen bekannt ist.

das „Museum für Kommunikation“

Stephan war zwar kein „Wunderkind“, aber er soll so ordentliche Abschlüsse erlangt haben, dass ihm eine solide Beamtenkarriere sicher war. Seine musikalische Begabung trat dahinter zwar zurück, war aber dennoch sichtbar. Und wie alle „sturen Pommern“ hatte sich von Stephan schon früh auf sein Gebiet festgelegt: ab 1848 war er bei der Post. Arbeitete sich von ganz unten in Stolp über die Beamtenanwärterschaft in Marienburg bis zum Postassistenten der Oberpostdirektion Danzig hoch. Innerhalb von etwa zwei Jahren. Noch Fragen ? 🙂 Speziell, wenn ich ihn als „Postverrückten“ bezeichne ?

Jetzt erspare ich Ihnen all die kleinen Schritte auf der Beamtenleiter, die Heinrich Stephan in den kommenden Jahren machen würde. Stattdessen weise ich darauf hin, dass er aus eigenem Erleben ganz genau wusste, wo das preußische, aber auch das deutsche und europäische Postwesen „der Schuh drückte“. Verspätete Lieferungen, diverse unterschiedliche Postgesetze, ein Wirrwarr an Wertmarken und Tarife, Verpackungsvorschriften etc. nervten den um Rationalität der Informations- und Warenbeförderung besorgten von Stephan offensichtlich sehr. Und er machte sich ganz offensichtlich seine profunden Gedanken dazu. Das finden Sie heute, im Zeitalter von smartphones, e-mail, sozialen Netzwerken, „über-Nacht-Lieferungen“ usw. banal ? Dann denken Sie vielleicht auch mal darüber nach, dass nichts, was wir heute kennen, ohne Vorgeschichte ist. Kein heutiges Medium, keine aktuelle Form des Informationsaustausches ist ohne Vorgänger, ohne VORDENKER vorstellbar !

In jedem Falle verfasste Heinrich Stephan (der „von“ kommt später) zunächst einmal durchdachte Denkschriften wie die „Geschichte der Preußischen Post von ihrem Ursprung bis auf die Gegenwart“ (1859) oder seine Analyse der britischen Portoreform von 1840 (ebenfalls 1859 publiziert). Man wird auf ihn aufmerksam. Schickt ihn auf die „Deutsche Postkonferenz“ von 1860 nach Frankfurt am Main. Die ewige, nörgelige, visions- und perspektivlose Kleinstaaterei, die dort noch praktiziert wird, geht dem Mann mit dem deutlich weiteren Horizont gewaltig „auf den Keks“. So kann es nicht weitergehen mit dem Postwesen in Deutschland, da ist er sich sicher !

In den kommenden Jahren bastelt er akribisch an Verträgen der preußischen Post mit Belgien, den Niederlanden, Spanien und Portugal. Er kann über die Grenzen seines Landes hinaus denken und handeln. Seine Idee, die „Postkarte“ wird zwar zunächst noch von seinen Vorgesetzten abgelehnt, aber 1865 vom „Deutschen Postverein“ in Karlsruhe dennoch abgesegnet.

Die politischen Entwicklungen seiner Zeit „spülten“ den Visionär schließlich „nach oben“. Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 verfasst Stephan eine Denkschrift über die Annexion der „Thurn- und Taxischen“ Post. Diese Fürstenfamilie hatte einstmals das Monopol auf Postbeförderung im Deutschen Reich besessen und verfügte noch immer über ein weitverzweigtes Netz im Süd- und Mitteldeutschen Bereich. Nach dem Sieg Preußens lässt man dann auch wirklich den Thurn- und Taxis einen Abtretungsvertrag diktieren, in dem sie ihr Postnetzwerk an den preußischen Staat abtreten müssen. Wir schreiben den 01. Juli 1867. Heinrich Stephan bastelt derweil weiter an seinen Kooperationsverträgen mit den USA, Norwegen, Dänemark, der Schweiz, Italien und Schweden. Eine Beförderung zum „königlich preußischen Geheimen Oberpostrat“ erfolgt 1868.

In dieser Zeit entwickelt er auch seine Gedanken zu einer „weltumspannenden“ Postkooperation, die er später im „Weltpostverein“ zumindest teilweise verwirklichen wird. 1870 schließlich wird Stephan von Bismarck persönlich zum Generalpostdirektor des „Norddeutschen Bundes“ ernannt. Nur wenige Monate später macht ihn dies zum obersten „Postler“ des nagelneuen Deutschen Reiches. Mit der gleichen Akribie wie immer arbeitete er nun an Kooperationsverträgen der Reichspost mit Südamerikanischen Ländern und sogar mit dem ehemaligen Kriegsgegner Frankreich ! Für den Austausch von Informationen durfte es in seinen Augen keine Grenzen geben !

In diesen Jahren strotzte der Generalpostdirektor nur so vor Energie. Er setzte Reformen für die Bediensteten und Beamten der Reichspost durch. Kaum etwas war ihm dabei zu unwichtig, um sich damit zu befassen. Von der sinnvollen Gestaltung von Schalterräumen bis zur Sozialversicherung der „Postler“ unter seiner Obhut brachte er vieles voran. Jetzt konnte er auch seinen Traum von der „internationalen Anpassung der Poststandards“ auf den Weg bringen. Wikipedia sagt uns dazu:

Durch sein diplomatisches Geschick gelang es ihm, am 15. September 1874 Postvertreter aus 22 Staaten zum ersten internationalen Postkongress in Bern zusammenzuführen. Aus dem dort gegründeten „Allgemeinen Postverein“ entstand später der „Weltpostverein“, dem am Ende des Jahrhunderts außer China alle wichtigen Staaten der Erde angehörten. Mit ihm gelang es, im internationalen Postverkehr einheitliche Standards einzuführen und separatistische Hemmnisse abzubauen.

Schon 1872 hatte er den Gedanken eines „Reichspostmuseums“ auf den Weg gebracht. Darauf komme ich gleich noch zurück.

Es kann uns auch nicht überraschen, dass das Telegraphenwesen für Stephan von großem Interesse war. 1875 schon gliederte er das Telegraphenwesen seiner Post an und ließ die wichtigsten, deutschen Metropolen durch Telegraphenkabel miteinander verbinden. 1876 wurde für Stephan das Amt des „Generalpostmeisters“ geschaffen, welcher sowohl der herkömmlichen Post als auch dem Telegraphenamt vorstand. 1880 wurde aus beiden das „Reichspostamt“, das Stephan als Staatssekretär leitete.

Am 26. Oktober 1877 ließ er erste Fernsprechversuche in Berlin zwischen dem Generalpostamt und dem Generaltelegrafenamt durchführen. Dieses Datum gilt als Geburtstag der Telefonie in Deutschland. Zwischen 1877 und 1881 baute er unter der Devise „Jedem Bürger sein Telefon“ das Telefonnetz in Deutschland auf. (wikipedia)

Stephan also auch als Vorreiter der Telefonie in Deutschland. Spektakulär ! Kein Wunder, dass der „olle Kaiser Willem“, Wilhelm I. , ihn 1885 in den Adelsstand erhob. Verdienstadel halt ! Jetzt hatte Heinrich Stephan seinen „von“. 1895 wurde er sogar in den Rang eines Staatsministers erhoben. Ein gigantischer Aufstieg im Deutschland der strengen Hierarchien und der „Untertanen“. Der kleine Junge aus Stolp war ganz oben angekommen.

Grab Heinrich von Stephans in Berlin

Seinen Traum vom eigenen Gebäude des „Deutschen Postmuseums“ konnte er auch noch anschieben. Das Haus des „Reichspostamtes“ in der Leipziger Straße (Friedrichstadt) zu Berlin wurde als Haus der Sammlung auserkoren und von seinen Verwaltungsfunktionen entbunden. Schließlich wurde es umgebaut und für die museale Nutzung vorbereitet. Nur wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung des neuen Hauses verstarb Heinrich von Stephan am 08. April 1897. Er wurde auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I. in Berlin beigesetzt, wo seine Grabstätte noch immer zu finden ist. Sie ist eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin.

Es gibt auch „Nachbeben“ des Lebens von Heinrich von Stephan. Die Deutsche Bundespost gab verschiedentlich Briefmarken mit dem Bild Heinrich von Stephans heraus, die an seinen Todestag oder an die Gründung des Weltpostvereins erinnerten. Ein Denkmal wurde ihm im ehemaligen „Reichspostmuseum“, heute „Museum für Kommunikation“ ebenfalls gesetzt, welches das DDR-Regime jedoch  in den 50er Jahren nicht nur entfernen, sondern ganz und gar zerstören ließ. Man frage hier besser nicht nach Sinn und Verstand einer solchen Maßnahme. In Berlin ist immerhin bis heute eine Schule nach ihm benannt. In verschiedenen, deutschen Städten erinnern auch heute noch Straßen oder Plätze, vereinzelt auch Denkmäler an den „Postler“.

Haus der Tragödien: das ehemalige Reichsluftfahrtministerium

Es gibt kaum ein Haus in ganz Deutschland, welches so viele Geschichten, meist Tragödien oder bizarre Satyrspiele, gesehen hat, wie das heutige „Detlev-Rohwedder-Haus“ in der Berliner Friedrichstadt. Große und kleine Dramen umwehen das Gebäude wie die Abgase der vorbeifahrenden Kraftfahrzeuge. Ein Ort der Geschichte, wie es keinen zweiten gibt. Schauen wir mal ein bischen „hinter die Fassade“…

Es sei gleich für Sie vorweggenommen, liebe Leserinnen und Leser: das ehemalige „Reichsluftfahrtministerium“ an der Berliner Wilhelmstraße ist ein Haus, von dem man so viele Geschichten erzählen könnte, dass sie nicht alle in diesen kurzen Blogartikel hineinpassen werden. Ich erhebe deshalb keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, was die „timeline“ dieses Gebäudes angeht. Dennoch können wir rote Fäden ziehen, die erstaunlicherweise Parallelen über Jahrzehnte hinweg aufweisen. Schaun wir mal…

Das Reichsluftfahrtministerium, welches sich Hitlers enger Mitstreiter Hermann Göring hier 1935/36 nach Plänen des Architekten Ernst Sagebiel erbauen ließ, gilt als der erste, größere Regierungsbau der NS-Zeit. An prominenter Stelle im „Regierungsviertel“ erbaut (Vorgängerbau war das ehemalige, preußische Kriegsministerium), sollte dieser Monumentalbau mit Muschelkalksteinfassade das Machtbewusstsein des NS-Regimes überdeutlich demonstrieren. In ca. 2.000 nutzbaren Büroräumen, die durch über 7 km Gänge miteinander verbunden waren, sollte die Aufrüstung der deutschen Luftwaffe geplant und umgesetzt werden. Damit gilt der Bau für seine Zeit als das größte Bürogebäude Berlins, vermutlich sogar ganz Deutschlands (meine Quellen sind sich darüber uneins…).

Erstaunlicherweise hatte Göring selbst im Gebäude keinen Arbeitsraum. Man vermutet, weil er es mit dem akribischen „Aktenwälzen“ ohnehin nicht so hatte. Das überließ er eher Leuten wie dem „Generalluftzeugmeister“ Ernst Udet, einem alten Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg. Der aber, als er übersah, dass die Ressourcen Nazi-Deutschlands nicht ausreichen würden und der Krieg niemals mehr zu gewinnen war, Selbstmord verübte. Das war bereits im November 1941. Andere Quellen sagen, ihm wäre die Niederlage in der Luftschlacht um England angelastet worden. Wie auch immer: sein Sarg wurde im Reichsluftfahrtministerium, seinem Arbeitsplatz, präsentiert und ihm wurde ein Staatsbegräbnis zuteil.

Von seinem Büro im Hause betrieb Oberleutnant Harro Schulze-Boysen Spionage für die Sowjetunion. So gab er u. a. den Angriffszeitpunkt der Wehrmacht auf die Sowjetunion an sowjetische Agenten weiter, aber Stalin glaubte ihm noch nicht. Später jedoch wurde wieder Kontakt zu ihm gesucht und diverse vertrauliche Dokumente fanden so ihren Weg nach Moskau. Am 31. August 1942 wurde er hier im Hause verhaftet und später als Verräter in Plötzensee hingerichtet. Die Kreise der Widerständler, zu denen er Kontakt hatte, nannte und nennt man noch heute „Rote Kapelle“, da sie ausschließlich dem Stalin-Regime Informationen zukommen ließen.

Übrigens sollen sich hier im und am Gebäude am 01. Mai 1945 die letzten Einheiten der Waffen-SS in Berlin ergeben haben. Die wenigen, verbliebenen Angehörigen der 11. SS-Panzergrenadierdivision „Nordland“ darunter eine Handvoll Angehörige des Regiments „Charlemagne“, welches komplett aus Franzosen bestanden hatte, sollen laut einigen Quellen hier, in unmittelbarer Nähe zu Hitlers Reichskanzlei, die Kämpfe eingestellt haben. Dass andere Quellen besagen, vor allem die Franzosen hätten sich „in Luft aufgelöst“ und spurlos verkrümelt, sei hier nur am Rande erwähnt. Wir sehen dennoch: Die Tragödie des Krieges fand auch hier einen ihrer Abschlüsse.

Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das gewaltige Gebäude, welches noch im Kriegsverlauf Schutzbunker, eine eigenständige Wasserversorgung und Notstromaggregate erhielt,  erstaunlich wenige Schäden. Luftbilder aus dem Nachkriegsberlin zeigen einige Fassadenschäden und Löcher im Dach, aber darüber hinaus war das nunmehrige „Ex-„Luftfahrministerium weitgehend benutzbar geblieben. Kein Wunder, dass hier zunächst die sowjetische Militäradministration SMAD und später diverse Ministerien und Staatsspitzen der DDR einzogen. Die Staatsgründung der DDR wurde sogar hier im großen Konferenzsaal am 07. Oktober 1949 gefeiert ! Die Tragödie der Diktaturen hatte nur die Farbe gewechselt, ging aber eigentlich nahtlos weiter. So wie auch das Relief an der Nordfassade des Gebäudes (von Arnold Waldschmidt 1937-41 gefertigt), welches martialische Soldatengestalten zeigte, ab 1950 (-1953) durch eine „heile, sozialistische Welt“ aus Meißner Porzellanfliesen ersetzt wurden, die bis heute dort ein Wandgemälde Arnold Lingners abbilden. Jedes Regime wollte sich hier scheinbar verewigen.

Am 17. Juni 1953 ging es hier aber hoch her, als das nunmehrige „Haus der Ministerien“ der DDR von wütenden Arbeitern bestürmt wurde. Der „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR hatte es in weniger als vier Jahren geschafft, schon mal die Arbeiter gegen sich aufzubringen. Durch Mangelwirtschaft und praktisch unerfüllbare Arbeitsnormen u. a. Augenzeugen wollen an diesem Tag gesehen haben, dass bis in den dritten Stock des Gebäudes hoch Fenster von den Demonstranten mit Steinwüfen „entglast“ wurden. Im Hause selbst ging den Sozialistischen Bürokraten zum ersten und bis 1989 auch zum letzten Male der Arsch auf Grundeis. Einige Mitarbeiter diverser Ministerien sollen bereits die Stürmung des Gebäudes gefürchtet und präventiv ihre Namensschilder von den Türen abgenommen haben. Wir wissen, wie es ausging: die T-34-Panzer der Roten Armee walzten den Unmut platt, der „brain-drain“ aus der DDR begann. Die Mauer sollte diesen stoppen. Deutsche Geschichte halt. Immerhin findet sich seit 2000 eine Foto-Installation, die an diesen 17. Juni 1953 gemahnt und aus der Werkstatt des Künstlers Wolfgang Rüppel stammt, vor der Nordfront des Gebäudes.

Von diesem Haus aus belog übrigens auch der SED-Chef Walther Ulbricht die Weltöffentlichkeit, als er drei Wochen vor Beginn des Mauerbaus 1961 auf einer Pressekonferenz aus dem Konferenzsaal dieses Gebäudes der Welt die bekannten Worte verkündete:

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Wir wissen, es kam anders. Der Mauerbau war lange geplant. Die „Abstimmung“ der DDR-Bürger „mit den Füßen“ schien anders nicht mehr zu stoppen.
Das „Haus der Ministerien“ (welches übrigens einen eigenen Friseur, einen „Konsum“ – Laden und sonstige Einrichtungen der Infrastruktur besaß) befand sich in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer, so dass es nicht überraschend ist, dass der Ökonom Heinz Holzapfel am 25. Juli 1965 von hier aus eine Flucht „in den Westen“ startete. Mitsamt seiner Familie, die sich vor Schließung des Gebäudes in einer Toilette versteckt, schafft er es, über ein Stahlseil, das sie mit Hilfe einer Winde hinabfahren, auf die Westberliner Seite zu gelangen. Helfer auf der anderen Seite hatten das Seil fixiert. Das Drama wird besonders spannend, wenn man sich vor Augen führt, dass auf dem Dach des Gebäudes stationierte Wachsoldaten der Roten Armee die Abseilaktion zwar registrieren, sie aber für einen Infiltrationsversuch durch DDR-Agenten in Richtung Westberlin halten und achselzuckend weggucken.

1965 ereignet sich noch ein weiteres Drama. Der Vorsitzende der DDR Plankommission Erich Apel erschießt sich im Dezember in seinem Büro im Haus der Ministerien. Nur wenige Stunden vor der Unterschrift von Knebelverträgen für die DDR-Wirtschaft zu Gunsten der Sowjetunion. Als Vertreter einer größeren Unabhängigkeit der DDR-Industrie vom Ostblock und einer Orientierung von Exporten an Weltmarktpreisen sah er den Untergang der DDR voraus, wenn man auf unabsehbare Zeit speziell Produkte der Schwerindustrie wie Eisenbahnwaggons oder Stahlprodukte zu niedrigen Phantasiepreisen an die Sowjetunion liefern musste. Nur wenige Stunden vor Unterschrift der entsprechenden Verträge mit den Nachfolgern Chrustschows in Moskau, am 03. Dezember 1965, findet man die Leiche Apels hier in seinem Arbeitszimmer. Er hatte die heillose Verstrickung der DDR-Wirtschaft vollkommen erkannt und sah keine Hoffnung mehr für das System.

Die Wendezeiten 1989/90 überstand man hier relativ ruhig. Auch in den Büros der Ministerien hatte sich die Erkenntnis nicht mehr völlig verleugnen lassen, dass die DDR am Ende war. Dennoch trafen die ersten Entlassungen von Ministerial-Bürokraten auch hier viele wie ein Hammer vor die Stirn. Von 1990 – 1994 wurde das Gebäude dann von der „Treuhandanstalt“ genutzt. Einer Einrichtung, die die diversen Betriebe der DDR privatisieren sollte. Zu dieser Zeit kommt es wieder zu Demonstrationen von (oftmals bereits entlassenen) Arbeitern vor dem Haus. Die z. T. umstrittenen Privatisierungsmaßnahmen der Treuhand kosten sehr viele Arbeitsplätze. Arbeitslosigkeit ist ein Zustand, den ehemalige DDR-Bürger nur schwer verdauen können. Arbeitsplatzsicherheit war eines der Hilfsmittel, mit denen die DDR viele, relativ „unpolitische“ Bürger lange bei der Stange hielt (ich weiß, wovon ich schreibe, meine „DDR“-Verwandtschaft hat mir dankenswerterweise viele, viele Einblicke in die Innere Befindlichkeit des DDR-Bürgers vermittelt, nochmal Danke dafür, ihr Lieben !). Diesmal wurden aber keine Steine geworfen, nur das Haus mit Trauermelodien beschallt.

Comedian Helge Schneider as Adolf Hitler at the set of his movie „Mein Fuehrer – Die wirklich wahrste Wahrheit ueber Adolf Hitler“ at the ministry of finance,
Berlin, Germany – 05.03.06,
Credit: Stefan Trautmann / WENN

Zu dieser Zeit (1993) wurde auch der Beschluss gefasst, das „Detlev-Rohwedder-Haus“, wie es seit 1992 heißt, endgültig abzureißen. Eine Bund/Land-Berlin Kommission hatte sich darauf geeinigt. Wir wissen ja, dass es mit dem Denkmalschutz in Berlin generell nicht weit her ist und so wurde auch hier darauf gepfiffen, dass dieses Haus komplett unter Denkmalschutz steht. Immerhin regte sich dann doch noch genügend Widerstand, so dass 1994 beschlossen wurde, doch nicht abzureißen. Andere, deutlich weniger politisch belastete Gebäude in der Stadt hatten nicht so viel Glück, wie wir wissen. Ab 1996 wurde mit der Restaurierung vor allem der Innenräume begonnen. 1999 zog hier das Bundesministerium der Finanzen ein. Der Bundesrechnungshof hat hier ebenso noch Räumlichkeiten in Nutzung.  Das nunmehrige Bundesfinanzministerium dient von Zeit zu Zeit auch als Filmkulisse. Die Posse „mein Führer“ von Regisseur Dany Levy, mit Helge Schneider in der Hauptrolle, nutzte den Ehrenhof des Ministeriums 2006 als Drehort. NS-Architektur in Reinkultur findet sich ja auch nicht mehr überall. Authentischer gehts nimmer.

Fazit:
Dramen, Politik, Bomben, Steinewürfe, Spionage, Mauerflucht, Bunker, Selbstmorde, Bürokraten, Hermann Göring, Walther Ulbricht, Helge Schneider…kaum etwas, das dieses Haus seit 1936 nicht gesehen hat. Und man sieht es ihm von außen kaum an. Immerhin wurde hier von der Bundesregierung beim Umzug nach Berlin mal „Gebäude-Recycling“ betrieben. Etwas, dass z. Bsp. das Bundesinnenministerium, welches den „Deutsche Bank Komplex“, der ebenfalls in der Friedrichstadt liegt, hätte nutzen können, auch hätte tun können, aber stattdessen lieber einen teuren Neubau präferierte. Sind ja nur unsere Steuergelder…
Allein aus diesem Grund, weil Neubauten vermutlich mehr Gelder verschlungen hätten, als die Restaurierung von 1996 – 2000 habe ich meinen Frieden mit der jetzigen Nachnutzung des „Reichsluftfahrtministeriums“ oder „Hauses der Ministerien“ gemacht. Lieber eine rationale Entscheidung für einen schwierigen Bau, als eine „ratzeputz-weg“-Entscheidung, die uns Nachgeborenen keine Gelegenheit gibt, Geschichte „hautnah“ und „zum Anfassen“ zu erleben.

Quellen:

Bild:

  • ich, 2015, 2016
  • Anmerkung in der Bildunterschrift

Text, Video:

  • wikipedia,
  • ARD-Dokumentation: „Geheimnisvolle Orte – Görings Ministerium“, ARD 2016,
  • Publikation des Bundesfinanzministeriums: „das Detlev-Rohwedder-Haus, Spiegel der deutschen Geschichte“, 2015, PDF

 

in Frieden ruhen – der Dreifaltigkeitsfriedhof II

In der Kreuzberger Bergmannstraße, hin zum „Südstern“ reihen sich vier Friedhöfe aneinander. „Friedrichswerderscher-“ oder „Luisenstädtischer-“ Friedhof kann man da lesen. Wenn man vom Südstern heranspaziert, finden wir den „Dreifaltigkeitsfriedhof“ ganz „hinten links“. Der Zweite seines Namens, denn der „erste“ davon gehört ja zu den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“. Für meine Reihe kurzer Betrachtungen bekannter, Berliner Gottesacker habe ich dann einfach mal hier mal vorbeigeschaut.

Was für ein schöner Tag ! In der Nacht zuvor hatte es ein wenig geschneit. Wie Puderzucker lag eine ganz dünne Schneeschicht über dem Gelände. Sanft knirschte es unter der Schuhsohle, wenn man die Wege zwischen den Grabstätten abschritt. Inzwischen war aber längst die Sonne herausgekommen und legte ihr „winterhartes“, tiefstehendes Licht über den Dreifaltigkeitsfriedhof, über pompöse Grabmale von Familien, die man heute kaum noch kennt und über kleine Familienbegräbnisse völlig Unbekannter.

Wie immer, wenn man auf einem Stadtspaziergang über Friedhöfe unterwegs ist, freut man sich über die relative Ruhe, die man hier vorfindet. Ein paar Vögelchen tschilpten jedoch auch schon in den Bäumen. Und das so früh im Jahr ! Die Natur hat offensichtlich ihre eigene Logik. Ich selbst würde, Mensch oder Nachfahre der Dinosaurier (ja, Vögelchen sind evolutionsgeschichtlich gesehen Nachfahren von Flugsauriern) natürlich einen Daueraufenthalt im Warmen bevorzugen.

Und die Friedhofsverwaltung macht es dem Spaziergänger diesmal ausnahmsweise einmal nicht so einfach, sich hier auf dem etwa 49.000 qm großen Friedhof zu orientieren. Findet man etwa auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“ noch Übersichtstafeln an den Eingängen, die das Wegesystem abbilden, über die Geschichte der Anlage informieren und auf sowohl hübsch gestaltete, wie auch „prominente“ Grabstätten hinweisen, so fehlt hier all dies.  So dass der Besucher gezwungen ist, sich selbst zu orientieren. Was ja auch nichts Schlechtes sein muss. Vielleicht genießt man einen Besuch hier dadurch umso mehr.

Grabstätte Schleiermacher

Aber natürlich sind auch hier einige bekannte Namen zu finden. Ich beschränke mich auf die zwei für MICH interessantesten davon. Zunächst einmal ist auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II natürlich einer der ehemaligen Pastoren der gleichnamigen Gemeinde beigesetzt. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Die Plakette auf seinem Grabstein stammt von Christian Daniel Rauch. Schleiermacher war Theologe und Mitbegründer der „Friedrich-Wilhelms-Universität“ in Berlin (heute „Humboldt-Universität“). Er begegnete mir schon auf einer Plakette an seinem ehemaligen Pfarrhaus Glinka- Ecke Taubenstraße. Welches natürlich in der Berliner Friedrichstadt liegt, durch welche ich Jahr für Jahr immer mal gerne spaziere, aber das ist ein anderes Thema. Wer bei diesen Spaziergängen dann dabeisein möchte, nimmt bitte Kontakt zu mir auf oder wartet auf die Bekanntgabe entsprechender Termine auf der Facebook-Seite und hier im Blog auf der Termine-Seite. Zurück zu Schleiermacher: dieser Mann versuchte Forschung und Wissenschaft mit dem christlichen Glauben zu versöhnen und musste sich deshalb harsche Kritik von Theologen und Wissenschaftlern gefallen lassen. Der gebürtige Breslauer fand nun also hier 1834 seine letzte Ruhe. Besser ist das auch, denn  ein Grab in seiner Geburtsstadt wäre vielleicht, wie so viele andere Ruhestätten prominenter Preußen und anderer Deutscher, nach Kriegsende eingeebnet oder geschändet worden. Man denke an das Grab des Freiherrn von Seydlitz o. ä. Fälle.

Grabstätte von Menzel

Die zweite Grabstätte, der ein versierter „Stadtspaziergänger“ natürlich seine Reverenz erweisen sollte, ist die des Malers Adolph von Menzel. Diesem Vorbereiter der Moderne wollte ich hauptsächlich einen Besuch abstatten. Was gibt es nicht alles für herzallerliebste Anekdoten über diesen Mann zu erzählen. Jeder cityguide, der etwas auf sich hält, kennt ein paar davon. Mir gefällt diejenige am Besten, bei der er mit seiner Art einen hohen Militär, den Feldmarschall Wrangel, so sehr auf die Palme bringt, dass dieser ihn eine „eklige, kleine Kröte“ nennt. Auch seine Geduld mit „Modellen“, die von ihm porträtiert werden wollten, war gleich 0. Bei seiner Beisetzung hier folgte aber gar die kaiserliche Familie dem Sarg. So sehr schätzten sie die Wirkung seiner Gemälde. Die Büste auf seiner Grabanlage ist übrigens ein Werk von Reinhold Begas.

Das Schöne an den innerstädtischen Friedhöfen ist vor allem, dass sie zumeist verkehrsgünstig zu erreichen sind. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und U-Bahnen erreicht man sie zumeist gut. Mit dem Fahrrad sowieso. Insofern steht meine Empfehlung, auch den „Dreifaltigkeitsfriedhof II“ und seinen Nachbarn den „Friedrichswerderschen“ Friedhof, zu dem ein Durchgang besteht, einmal zu besuchen. Und sei es nur, um im Schatten der Bäume ein wenig zu verschnaufen. Das leicht ansteigende Gelände, welches der Tatsache geschuldet ist, dass dort einst ein Weinberg angelegt worden war, lädt in jedem Falle dazu ein !

Zu erreichen über den U-Bahnhof „Südstern“ (Linie 7), dann in die Bergmannstraße weiterspazieren.

 

Friedhöfe vor dem Halleschen Tor – versteckte Gräber mitten in der Stadt

Alte Berliner Friedhöfe haben auf mich eine gewisse Anziehung, das gebe ich offen zu. Hier, wo die Verblichenen ruhen, findet oftmals auch die gestresste Städterseele einige Momente des Friedens und der Ruhe. Friedhöfe ersetzen manchem Anwohner wohl auch die manchmal fehlenden Parks und laden zu Spaziergängen ein, wie ich mehr als einmal beobachten konnte. 

Liebe Leser, erinnern Sie sich an meine kleine Reihe von Besuchen auf Berliner Friedhöfen ? Vor einiger Zeit empfahl ich diese als geruhsame Stadtspaziergänge im Großstadtgedrängel. Zur Erinnerung hier noch einmal der erste Teil. Die anderen Teile sind unten auf dem ersten Artikel verlinkt.

Vor nicht allzu langer Zeit fiel mir nun ein kleines Büchlein in die Hände, welches sich ebenfalls mit den vermeintlich schönsten der „Berliner Friedhöfe“ befasst. In knappen Kapiteln wird die Anlage und die Geschichte der „Gottesacker“ dargestellt und auf die prominentesten Grabstätten verwiesen. Dieser Hinweis war beim Besuch der „Friedhöfe vor dem Halleschen Tor“ auch notwendig, da sich hier die vielleicht bekanntesten Verblichenen beinahe schon „verstecken“ zwischen auffälligeren Grabmalen, deren Besitzer erst einmal weniger bekannt zu sein scheinen.

Und so machte ich mich an einem frischen Sonnentag im Winter auf, diese Anlage einmal aufzusuchen. Natürlich nicht ohne die obligatorische Kamera, das besagte Büchlein und etwas Zeit und Lust, einen Spaziergang jenseits des Straßenlärms von Kreuzberg zu machen. Eigentlich handelt es sich ja um 6 unterschiedliche Friedhöfe, die aber im Laufe der Zeit so weit „zusammengewachsen“ sind, dass wir sie trotz der ein oder anderen noch vorhandenen Grenzmauer mal als Einheit behandeln wollen.

Etwa ab 1735 genehmigte der damalige, preußische König Friedrich-Wilhelm mehreren Kirchgemeinden seiner Residenzstadt Berlin die Anlage neuer Begräbnisstätten jenseits der damaligen „Akzisemauer“, die etwa auf der Höhe des Halleschen Tores verlief. Diese, oftmals auch „zweite“ Berliner Mauer (nach der mittelalterlichen Stadtmauer) genannte Grenze sollte sowohl mögliche Deserteure der Berliner Garnison an der Flucht hindern, als auch die Steuer für durchlaufende Waren an ihren Toren einziehbar machen. Die sog. „Akzise“ halt.

Im Laufe der Zeit mussten die Flächen für Begräbnisse erweitert werden, andere Gemeinden schlossen sich an und das Ensemble, welches wir heute kennen, entstand. Die Stadt erweiterte sich und schloss im 19. Jahrhundert die Begräbnisstätten ein. Heute hören wir selbst an einem ruhigen Wintertag eigentlich permanent den Straßenlärm angrenzender Hauptstraßen. Wenn auch gedämpft und damit muss man schon zufrieden sein.

Allen, die sich ein wenig auskennen, muss ich eine kleine Enttäuschung bereiten: nein, das Grab des Komponisten Felix Mendelssohn – Bartholdy habe ich nicht gefunden. Immerhin ein schöner Aufhänger, um hier im Frühjahr oder Sommer noch einmal vorbeizuschauen !
Da ich vom Mehringdamm aus die Anlage betrat, lenkte ich meine Schritte zunächst zum Grabstein des Schriftstellers und Dirigenten ETA Hoffmann. Dieser Künstler, der lange Zeit in unmittelbarer Nähe des Gendarmenmarktes in der Berliner Friedrichstadt wohnte, ist für seine merkwürdig „somnambulen“ Märchengeschichten bekannt, wie etwas „Klein Zaches, genannt Zinnober“. Als Staatsbeamter war er außerdem für seine bissige Kritik am postnapoleonischen Zensurwesen in Preußen bekannt. Den „Amadeus“ schenkte er sich übrigens selbst. Eigentlich war sein dritter Vorname „Wilhelm“ wie uns sein auffällig unauffälliger Grabstein bedeutet.

Die Anlage war relativ menschenleer, aber dennoch begegneten mir vereinzelte Familien, die sich hier ebenso wie ich einen Spaziergang gönnten. Ob diese verstorbene Verwandte besuchten oder nur etwas frische Luft schnappten, fragte ich sie natürlich nicht. Wir dürfen nicht vergessen: auf einigen der Friedhöfe vor dem Halleschen Tore fanden noch bis vor wenigen Jahren Beisetzungen statt.

Das unauffälligste der „Prominentengräber“ ist vielleicht die Doppelgrabstätte von Rahel und Karl-August Varnhagen von Ense. Offen gestanden wäre ich fast daran vorbeigeschlendert, ohne einen Blick darauf zu werfen. Mein kleines Büchlein hielt mich aber rechtzeitig davon ab.
Auf die Bedeutung der Berliner Salons und der hinter ihnen stehenden Salonniéren gehe ich ja auf meinen Stadtspaziergängen in der Friedrichstadt ein, vielleicht begleiten Sie mich einmal dabei ? Rahel Varnhagens Bedeutung als Soziale Katalysatorin der Aufklärung in Berlin habe ich schon vor einiger Zeit in einem Kurzporträt hier im Blog gewürdigt. Lesen Sie es einfach nach, wenn Sie mögen. 🙂

Und so stieß ich im Vorbeischlendern später auch noch auf den Lehrer Carl-Friedrich Schinkels, den Schöpfer des modernen Postwesens in Deutschland, den Erfinder einer Kur gegen grünen Star und eine Hinweistafel  für den Architekten von Schloss Sanssouci. Ein „Eldorado“ für Stadtspaziergänger und sonstige Flaneure, die mit den Namen „Gilly“, „von Stephan“, „von Graefe“ oder „Knobelsdorff“ etwas anfangen können. Und es liegt so verkehrsgünstig ! Der Ausgang des U-Bahnhofes „Mehringdamm“ liegt in unmittelbarer Nähe des Einganges zur Anlage. Aber NICHT NUR deshalb empfehle ich allen, die gelegentlich etwas Ruhe schöpfen wollen, einen Besuch auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“.

Ihr

Clemens Kurz

Quelle:

  • Ingolf Wernicke, „Berliner Friedhöfe“ in der Serie „Berlin kompakt“, Jaron Verlag 2017

Persönlichkeiten: Marga von Etzdorf – die Flugsüchtige

Diese Frau konnte ohne zu Fliegen nicht leben. Ihr Name ist untrennbar mit der „zweiten Generation“ der „tollkühnen Männer UND FRAUEN in ihren fliegenden Kisten“ verbunden. Und dennoch scheint sie außerhalb feministischer Kreise heute fast vergessen: Marga von Etzdorf.

Erstmalig stieß ich auf ihren Namen in der „Fliegersiedlung“ am ehemaligen Flugplatz Gatow in Spandau. Ich gestehe, damals sagte mir ihr Name auch noch nichts. Warum wurde sie als Straßenbezeichnung neben Charles Lindbergh und Amelia Earhart eingereiht ? Das machte mich neugierig.

Marga von Etzdorf, eigentlich Margarete Wolff, war nicht die erste Deutsche mit einer Pilotenlizenz. Dies war Melli Beese, die ich Ihnen vor einiger Zeit bereits vorgestellt habe, liebe Leser. Marga von Etzdorf war nach Melli Beese und Thea Rasche „nur“ die Nr. 3. Nein, Marga von Etzdorf war Extremfliegerin. Langstrecken- und Kunstflüge waren ihr Metier und sie war außerdem eine passionierte Segelfliegerin. Aus Flugzeug-Pilotensitzen war sie praktisch kaum noch mit dem sprichwörtlichen „Brecheisen“ herauszubekommen.

Marga von Etzdorf wurde am 01. August 1907 in Spandau (damals noch „bei Berlin“) geboren. Mir als Lokalpatrioten entlockt diese Tatsache ein Lächeln und vor allem erklärt das die o. e. Namensgebung in Gatow. Ihre Eltern verlor sie schon sehr früh, so dass sie und ihre Schwester bei den Großeltern in der Niederlausitz aufwuchsen. Von diesen Großeltern übernahm sie auch den Namen „von Etzdorf“.

Mit 20 Jahren lernte sie das Fliegen und machte im Dezember 1927 ihren Pilotenschein auf dem Flugplatz Staaken. Unmittelbar im Anschluss erwarb sie auch eine Kunstfluglizenz, was nahelegt, dass die sportliche, junge Frau gerne alle Aspekte der Fliegerei erkundete. Ihr Engagement im Segelflug wird später diesen Gedanken stützen. Zunächst einmal heuerte sie aber bei der Lufthansa an. Als erste Frau, übrigens ! Sie wurde Co-Pilotin auf den Strecken Berlin-Stettin und Berlin-Stuttgart-Basel.

1930 erwarb Marga von Etzdorf mit privaten Mitteln einen Junkers A50 Eindecker, lackierte ihn gelb und nannte ihn fortan: „KiekindieWelt“. Damit unternahm sie kommerzielle Kunst-, Passagier- und Werbeflüge. Das muss ein Anblick gewesen sein, den wir an Jumbos, Tegel, Rosinenbomber und BER-Katastrophen gewöhnten Nachfahren kaum mehr erfassen können. Bei der ersten deutschen Damen-Kunstflugmeisterschaft im Mai 1930 belegte Marga von Etzdorf den 4. Platz.

Im September 1930 flog sie nach Konstantinopel. Im November des selben Jahres über Basel, Lyon, Madrid und Rabat auf die Kanaren. Dafür baute sie Zusatztanks in ihre „KiekindieWelt“ ein. Auf dem Rückflug von den Kanaren musste sie wegen Schlechtwetter auf Sizilien notlanden und bekam die Maschine nicht mehr vom Boden weg, zumindest nicht ohne schwerste Beschädigungen. Die Eisenbahn brachte Marga von Etzdorf wieder nach Deutschland zurück.

Am 18. August 1931 startete sie zum Langstreckenflug nach Japan. Ob ihr dabei bekannt war, dass die britische Fliegerin Amy Johnson gleichzeitig mit ihr dieses Abenteuer gewagt hatte und sie sich damit in unmittelbarer Konkurrenz befanden, weiß ich nicht. In jedem Falle wurde sie bei diversen Zwischenstopps mit der Britin verwechselt. Diese erreichte Japan auch vor Marga von Etzdorf, aber da sie einen Mechaniker mit an Bord hatte, zählte dieser Flug nicht als Alleinflug. Am 29. August 1931 landete Frau von Etzdorf in Tokio, womit offiziell der Flughafen Haneda eröffnet wurde. Auf dem Rückflug aus Japan stürzte die „KiekindieWelt“ mit einem Motorschaden in Thailand ab. MvE musste längere Zeit ins Krankenhaus, die Maschine war ein Totalschaden.

Um wieder auf die Beine zu kommen, hielt sie nun Vorträge über ihre Erlebnisse. Im Juli 1932 musste sie mitansehen, wie Elli Beinhorn, aus demselben Jahrgang wie sie selbst, nach einer „round-the-world-Tour“ wieder in Berlin landete. Was gab es jetzt noch zu tun ? Welche „ersten-Male“, welche Strecken zu fliegen ? Marga von Etzdorf entschied sich schließlich für den „Flug nach Australien“. Dafür stellte ihr die Firma „Klemm Leichtflugzeugbau“ eine Kl32 zur Verfügung. Am 27. Mai 1933 startete sie zu dieser Unternehmung wieder vom heute verschollenen Flugplatz Staaken. Zwei Tage später jedoch verunglückte ihre Maschine in der Nähe von Aleppo in Syrien und erlitt erneut schweren Schaden.

Nachdem die üblichen Formalitäten abgewickelt waren, bat Marga von Etzdorf bei der französischen (Syrien war französisches „Mandatsgebiet“) Flughafenpolizei darum, sich kurz hinlegen zu dürfen. Kaum war sie im Raum alleine, zog sie eine Handfeuerwaffe und erschoss sich. Wikipedia schreibt dazu:

Eine weitere Rückkehr ohne Flugzeug hätte ihren Ruf als Fliegerin zerstört – kein Hersteller hätte ihr mehr eine Maschine anvertraut, kein Sponsor nochmals ihre Unternehmungen finanziell unterstützt. Die Fliegerkarriere der erst 25-Jährigen wäre zu Ende gewesen.

Ihr Grab findet sich übrigens auf dem ehemaligen Invalidenfriedhof in Berlin. Ihr unscheinbarer, kleiner Grabstein, der direkt an der mit dem Namen „Richthofen“ versehenen Wand zu finden ist (für diejenigen, die sich dort auskennen, oder vielleicht den Stein dort suchen wollen), hat die Inschrift „der Flug ist das Leben wert“. Das fasst Marga von Etzdorfs Lebensmotto zusammen. Ebenso wie die Tragik ihres Todes. Ohne Fliegen gab es für sie kein Leben.

Quellen:
– wikipedia
– http://www.dieterwunderlich.de/Marga-von-Etzdorf.htm

Foto der Junkers A50:
Von Softeis aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=219191