Archiv der Kategorie: Informatives

in Frieden ruhen – der Dreifaltigkeitsfriedhof II

In der Kreuzberger Bergmannstraße, hin zum „Südstern“ reihen sich vier Friedhöfe aneinander. „Friedrichswerderscher-“ oder „Luisenstädtischer-“ Friedhof kann man da lesen. Wenn man vom Südstern heranspaziert, finden wir den „Dreifaltigkeitsfriedhof“ ganz „hinten links“. Der Zweite seines Namens, denn der „erste“ davon gehört ja zu den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“. Für meine Reihe kurzer Betrachtungen bekannter, Berliner Gottesacker habe ich dann einfach mal hier mal vorbeigeschaut.

Was für ein schöner Tag ! In der Nacht zuvor hatte es ein wenig geschneit. Wie Puderzucker lag eine ganz dünne Schneeschicht über dem Gelände. Sanft knirschte es unter der Schuhsohle, wenn man die Wege zwischen den Grabstätten abschritt. Inzwischen war aber längst die Sonne herausgekommen und legte ihr „winterhartes“, tiefstehendes Licht über den Dreifaltigkeitsfriedhof, über pompöse Grabmale von Familien, die man heute kaum noch kennt und über kleine Familienbegräbnisse völlig Unbekannter.

Wie immer, wenn man auf einem Stadtspaziergang über Friedhöfe unterwegs ist, freut man sich über die relative Ruhe, die man hier vorfindet. Ein paar Vögelchen tschilpten jedoch auch schon in den Bäumen. Und das so früh im Jahr ! Die Natur hat offensichtlich ihre eigene Logik. Ich selbst würde, Mensch oder Nachfahre der Dinosaurier (ja, Vögelchen sind evolutionsgeschichtlich gesehen Nachfahren von Flugsauriern) natürlich einen Daueraufenthalt im Warmen bevorzugen.

Und die Friedhofsverwaltung macht es dem Spaziergänger diesmal ausnahmsweise einmal nicht so einfach, sich hier auf dem etwa 49.000 qm großen Friedhof zu orientieren. Findet man etwa auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“ noch Übersichtstafeln an den Eingängen, die das Wegesystem abbilden, über die Geschichte der Anlage informieren und auf sowohl hübsch gestaltete, wie auch „prominente“ Grabstätten hinweisen, so fehlt hier all dies.  So dass der Besucher gezwungen ist, sich selbst zu orientieren. Was ja auch nichts Schlechtes sein muss. Vielleicht genießt man einen Besuch hier dadurch umso mehr.

Grabstätte Schleiermacher

Aber natürlich sind auch hier einige bekannte Namen zu finden. Ich beschränke mich auf die zwei für MICH interessantesten davon. Zunächst einmal ist auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II natürlich einer der ehemaligen Pastoren der gleichnamigen Gemeinde beigesetzt. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Die Plakette auf seinem Grabstein stammt von Christian Daniel Rauch. Schleiermacher war Theologe und Mitbegründer der „Friedrich-Wilhelms-Universität“ in Berlin (heute „Humboldt-Universität“). Er begegnete mir schon auf einer Plakette an seinem ehemaligen Pfarrhaus Glinka- Ecke Taubenstraße. Welches natürlich in der Berliner Friedrichstadt liegt, durch welche ich Jahr für Jahr immer mal gerne spaziere, aber das ist ein anderes Thema. Wer bei diesen Spaziergängen dann dabeisein möchte, nimmt bitte Kontakt zu mir auf oder wartet auf die Bekanntgabe entsprechender Termine auf der Facebook-Seite und hier im Blog auf der Termine-Seite. Zurück zu Schleiermacher: dieser Mann versuchte Forschung und Wissenschaft mit dem christlichen Glauben zu versöhnen und musste sich deshalb harsche Kritik von Theologen und Wissenschaftlern gefallen lassen. Der gebürtige Breslauer fand nun also hier 1834 seine letzte Ruhe. Besser ist das auch, denn  ein Grab in seiner Geburtsstadt wäre vielleicht, wie so viele andere Ruhestätten prominenter Preußen und anderer Deutscher, nach Kriegsende eingeebnet oder geschändet worden. Man denke an das Grab des Freiherrn von Seydlitz o. ä. Fälle.

Grabstätte von Menzel

Die zweite Grabstätte, der ein versierter „Stadtspaziergänger“ natürlich seine Reverenz erweisen sollte, ist die des Malers Adolph von Menzel. Diesem Vorbereiter der Moderne wollte ich hauptsächlich einen Besuch abstatten. Was gibt es nicht alles für herzallerliebste Anekdoten über diesen Mann zu erzählen. Jeder cityguide, der etwas auf sich hält, kennt ein paar davon. Mir gefällt diejenige am Besten, bei der er mit seiner Art einen hohen Militär, den Feldmarschall Wrangel, so sehr auf die Palme bringt, dass dieser ihn eine „eklige, kleine Kröte“ nennt. Auch seine Geduld mit „Modellen“, die von ihm porträtiert werden wollten, war gleich 0. Bei seiner Beisetzung hier folgte aber gar die kaiserliche Familie dem Sarg. So sehr schätzten sie die Wirkung seiner Gemälde. Die Büste auf seiner Grabanlage ist übrigens ein Werk von Reinhold Begas.

Das Schöne an den innerstädtischen Friedhöfen ist vor allem, dass sie zumeist verkehrsgünstig zu erreichen sind. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und U-Bahnen erreicht man sie zumeist gut. Mit dem Fahrrad sowieso. Insofern steht meine Empfehlung, auch den „Dreifaltigkeitsfriedhof II“ und seinen Nachbarn den „Friedrichswerderschen“ Friedhof, zu dem ein Durchgang besteht, einmal zu besuchen. Und sei es nur, um im Schatten der Bäume ein wenig zu verschnaufen. Das leicht ansteigende Gelände, welches der Tatsache geschuldet ist, dass dort einst ein Weinberg angelegt worden war, lädt in jedem Falle dazu ein !

Zu erreichen über den U-Bahnhof „Südstern“ (Linie 7), dann in die Bergmannstraße weiterspazieren.

 

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Friedhöfe vor dem Halleschen Tor – versteckte Gräber mitten in der Stadt

Alte Berliner Friedhöfe haben auf mich eine gewisse Anziehung, das gebe ich offen zu. Hier, wo die Verblichenen ruhen, findet oftmals auch die gestresste Städterseele einige Momente des Friedens und der Ruhe. Friedhöfe ersetzen manchem Anwohner wohl auch die manchmal fehlenden Parks und laden zu Spaziergängen ein, wie ich mehr als einmal beobachten konnte. 

Liebe Leser, erinnern Sie sich an meine kleine Reihe von Besuchen auf Berliner Friedhöfen ? Vor einiger Zeit empfahl ich diese als geruhsame Stadtspaziergänge im Großstadtgedrängel. Zur Erinnerung hier noch einmal der erste Teil. Die anderen Teile sind unten auf dem ersten Artikel verlinkt.

Vor nicht allzu langer Zeit fiel mir nun ein kleines Büchlein in die Hände, welches sich ebenfalls mit den vermeintlich schönsten der „Berliner Friedhöfe“ befasst. In knappen Kapiteln wird die Anlage und die Geschichte der „Gottesacker“ dargestellt und auf die prominentesten Grabstätten verwiesen. Dieser Hinweis war beim Besuch der „Friedhöfe vor dem Halleschen Tor“ auch notwendig, da sich hier die vielleicht bekanntesten Verblichenen beinahe schon „verstecken“ zwischen auffälligeren Grabmalen, deren Besitzer erst einmal weniger bekannt zu sein scheinen.

Und so machte ich mich an einem frischen Sonnentag im Winter auf, diese Anlage einmal aufzusuchen. Natürlich nicht ohne die obligatorische Kamera, das besagte Büchlein und etwas Zeit und Lust, einen Spaziergang jenseits des Straßenlärms von Kreuzberg zu machen. Eigentlich handelt es sich ja um 6 unterschiedliche Friedhöfe, die aber im Laufe der Zeit so weit „zusammengewachsen“ sind, dass wir sie trotz der ein oder anderen noch vorhandenen Grenzmauer mal als Einheit behandeln wollen.

Etwa ab 1735 genehmigte der damalige, preußische König Friedrich-Wilhelm mehreren Kirchgemeinden seiner Residenzstadt Berlin die Anlage neuer Begräbnisstätten jenseits der damaligen „Akzisemauer“, die etwa auf der Höhe des Halleschen Tores verlief. Diese, oftmals auch „zweite“ Berliner Mauer (nach der mittelalterlichen Stadtmauer) genannte Grenze sollte sowohl mögliche Deserteure der Berliner Garnison an der Flucht hindern, als auch die Steuer für durchlaufende Waren an ihren Toren einziehbar machen. Die sog. „Akzise“ halt.

Im Laufe der Zeit mussten die Flächen für Begräbnisse erweitert werden, andere Gemeinden schlossen sich an und das Ensemble, welches wir heute kennen, entstand. Die Stadt erweiterte sich und schloss im 19. Jahrhundert die Begräbnisstätten ein. Heute hören wir selbst an einem ruhigen Wintertag eigentlich permanent den Straßenlärm angrenzender Hauptstraßen. Wenn auch gedämpft und damit muss man schon zufrieden sein.

Allen, die sich ein wenig auskennen, muss ich eine kleine Enttäuschung bereiten: nein, das Grab des Komponisten Felix Mendelssohn – Bartholdy habe ich nicht gefunden. Immerhin ein schöner Aufhänger, um hier im Frühjahr oder Sommer noch einmal vorbeizuschauen !
Da ich vom Mehringdamm aus die Anlage betrat, lenkte ich meine Schritte zunächst zum Grabstein des Schriftstellers und Dirigenten ETA Hoffmann. Dieser Künstler, der lange Zeit in unmittelbarer Nähe des Gendarmenmarktes in der Berliner Friedrichstadt wohnte, ist für seine merkwürdig „somnambulen“ Märchengeschichten bekannt, wie etwas „Klein Zaches, genannt Zinnober“. Als Staatsbeamter war er außerdem für seine bissige Kritik am postnapoleonischen Zensurwesen in Preußen bekannt. Den „Amadeus“ schenkte er sich übrigens selbst. Eigentlich war sein dritter Vorname „Wilhelm“ wie uns sein auffällig unauffälliger Grabstein bedeutet.

Die Anlage war relativ menschenleer, aber dennoch begegneten mir vereinzelte Familien, die sich hier ebenso wie ich einen Spaziergang gönnten. Ob diese verstorbene Verwandte besuchten oder nur etwas frische Luft schnappten, fragte ich sie natürlich nicht. Wir dürfen nicht vergessen: auf einigen der Friedhöfe vor dem Halleschen Tore fanden noch bis vor wenigen Jahren Beisetzungen statt.

Das unauffälligste der „Prominentengräber“ ist vielleicht die Doppelgrabstätte von Rahel und Karl-August Varnhagen von Ense. Offen gestanden wäre ich fast daran vorbeigeschlendert, ohne einen Blick darauf zu werfen. Mein kleines Büchlein hielt mich aber rechtzeitig davon ab.
Auf die Bedeutung der Berliner Salons und der hinter ihnen stehenden Salonniéren gehe ich ja auf meinen Stadtspaziergängen in der Friedrichstadt ein, vielleicht begleiten Sie mich einmal dabei ? Rahel Varnhagens Bedeutung als Soziale Katalysatorin der Aufklärung in Berlin habe ich schon vor einiger Zeit in einem Kurzporträt hier im Blog gewürdigt. Lesen Sie es einfach nach, wenn Sie mögen. 🙂

Und so stieß ich im Vorbeischlendern später auch noch auf den Lehrer Carl-Friedrich Schinkels, den Schöpfer des modernen Postwesens in Deutschland, den Erfinder einer Kur gegen grünen Star und eine Hinweistafel  für den Architekten von Schloss Sanssouci. Ein „Eldorado“ für Stadtspaziergänger und sonstige Flaneure, die mit den Namen „Gilly“, „von Stephan“, „von Graefe“ oder „Knobelsdorff“ etwas anfangen können. Und es liegt so verkehrsgünstig ! Der Ausgang des U-Bahnhofes „Mehringdamm“ liegt in unmittelbarer Nähe des Einganges zur Anlage. Aber NICHT NUR deshalb empfehle ich allen, die gelegentlich etwas Ruhe schöpfen wollen, einen Besuch auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“.

Ihr

Clemens Kurz

Quelle:

  • Ingolf Wernicke, „Berliner Friedhöfe“ in der Serie „Berlin kompakt“, Jaron Verlag 2017

Persönlichkeiten: Marga von Etzdorf – die Flugsüchtige

Diese Frau konnte ohne zu Fliegen nicht leben. Ihr Name ist untrennbar mit der „zweiten Generation“ der „tollkühnen Männer UND FRAUEN in ihren fliegenden Kisten“ verbunden. Und dennoch scheint sie außerhalb feministischer Kreise heute fast vergessen: Marga von Etzdorf.

Erstmalig stieß ich auf ihren Namen in der „Fliegersiedlung“ am ehemaligen Flugplatz Gatow in Spandau. Ich gestehe, damals sagte mir ihr Name auch noch nichts. Warum wurde sie als Straßenbezeichnung neben Charles Lindbergh und Amelia Earhart eingereiht ? Das machte mich neugierig.

Marga von Etzdorf, eigentlich Margarete Wolff, war nicht die erste Deutsche mit einer Pilotenlizenz. Dies war Melli Beese, die ich Ihnen vor einiger Zeit bereits vorgestellt habe, liebe Leser. Marga von Etzdorf war nach Melli Beese und Thea Rasche „nur“ die Nr. 3. Nein, Marga von Etzdorf war Extremfliegerin. Langstrecken- und Kunstflüge waren ihr Metier und sie war außerdem eine passionierte Segelfliegerin. Aus Flugzeug-Pilotensitzen war sie praktisch kaum noch mit dem sprichwörtlichen „Brecheisen“ herauszubekommen.

Marga von Etzdorf wurde am 01. August 1907 in Spandau (damals noch „bei Berlin“) geboren. Mir als Lokalpatrioten entlockt diese Tatsache ein Lächeln und vor allem erklärt das die o. e. Namensgebung in Gatow. Ihre Eltern verlor sie schon sehr früh, so dass sie und ihre Schwester bei den Großeltern in der Niederlausitz aufwuchsen. Von diesen Großeltern übernahm sie auch den Namen „von Etzdorf“.

Mit 20 Jahren lernte sie das Fliegen und machte im Dezember 1927 ihren Pilotenschein auf dem Flugplatz Staaken. Unmittelbar im Anschluss erwarb sie auch eine Kunstfluglizenz, was nahelegt, dass die sportliche, junge Frau gerne alle Aspekte der Fliegerei erkundete. Ihr Engagement im Segelflug wird später diesen Gedanken stützen. Zunächst einmal heuerte sie aber bei der Lufthansa an. Als erste Frau, übrigens ! Sie wurde Co-Pilotin auf den Strecken Berlin-Stettin und Berlin-Stuttgart-Basel.

1930 erwarb Marga von Etzdorf mit privaten Mitteln einen Junkers A50 Eindecker, lackierte ihn gelb und nannte ihn fortan: „KiekindieWelt“. Damit unternahm sie kommerzielle Kunst-, Passagier- und Werbeflüge. Das muss ein Anblick gewesen sein, den wir an Jumbos, Tegel, Rosinenbomber und BER-Katastrophen gewöhnten Nachfahren kaum mehr erfassen können. Bei der ersten deutschen Damen-Kunstflugmeisterschaft im Mai 1930 belegte Marga von Etzdorf den 4. Platz.

Im September 1930 flog sie nach Konstantinopel. Im November des selben Jahres über Basel, Lyon, Madrid und Rabat auf die Kanaren. Dafür baute sie Zusatztanks in ihre „KiekindieWelt“ ein. Auf dem Rückflug von den Kanaren musste sie wegen Schlechtwetter auf Sizilien notlanden und bekam die Maschine nicht mehr vom Boden weg, zumindest nicht ohne schwerste Beschädigungen. Die Eisenbahn brachte Marga von Etzdorf wieder nach Deutschland zurück.

Am 18. August 1931 startete sie zum Langstreckenflug nach Japan. Ob ihr dabei bekannt war, dass die britische Fliegerin Amy Johnson gleichzeitig mit ihr dieses Abenteuer gewagt hatte und sie sich damit in unmittelbarer Konkurrenz befanden, weiß ich nicht. In jedem Falle wurde sie bei diversen Zwischenstopps mit der Britin verwechselt. Diese erreichte Japan auch vor Marga von Etzdorf, aber da sie einen Mechaniker mit an Bord hatte, zählte dieser Flug nicht als Alleinflug. Am 29. August 1931 landete Frau von Etzdorf in Tokio, womit offiziell der Flughafen Haneda eröffnet wurde. Auf dem Rückflug aus Japan stürzte die „KiekindieWelt“ mit einem Motorschaden in Thailand ab. MvE musste längere Zeit ins Krankenhaus, die Maschine war ein Totalschaden.

Um wieder auf die Beine zu kommen, hielt sie nun Vorträge über ihre Erlebnisse. Im Juli 1932 musste sie mitansehen, wie Elli Beinhorn, aus demselben Jahrgang wie sie selbst, nach einer „round-the-world-Tour“ wieder in Berlin landete. Was gab es jetzt noch zu tun ? Welche „ersten-Male“, welche Strecken zu fliegen ? Marga von Etzdorf entschied sich schließlich für den „Flug nach Australien“. Dafür stellte ihr die Firma „Klemm Leichtflugzeugbau“ eine Kl32 zur Verfügung. Am 27. Mai 1933 startete sie zu dieser Unternehmung wieder vom heute verschollenen Flugplatz Staaken. Zwei Tage später jedoch verunglückte ihre Maschine in der Nähe von Aleppo in Syrien und erlitt erneut schweren Schaden.

Nachdem die üblichen Formalitäten abgewickelt waren, bat Marga von Etzdorf bei der französischen (Syrien war französisches „Mandatsgebiet“) Flughafenpolizei darum, sich kurz hinlegen zu dürfen. Kaum war sie im Raum alleine, zog sie eine Handfeuerwaffe und erschoss sich. Wikipedia schreibt dazu:

Eine weitere Rückkehr ohne Flugzeug hätte ihren Ruf als Fliegerin zerstört – kein Hersteller hätte ihr mehr eine Maschine anvertraut, kein Sponsor nochmals ihre Unternehmungen finanziell unterstützt. Die Fliegerkarriere der erst 25-Jährigen wäre zu Ende gewesen.

Ihr Grab findet sich übrigens auf dem ehemaligen Invalidenfriedhof in Berlin. Ihr unscheinbarer, kleiner Grabstein, der direkt an der mit dem Namen „Richthofen“ versehenen Wand zu finden ist (für diejenigen, die sich dort auskennen, oder vielleicht den Stein dort suchen wollen), hat die Inschrift „der Flug ist das Leben wert“. Das fasst Marga von Etzdorfs Lebensmotto zusammen. Ebenso wie die Tragik ihres Todes. Ohne Fliegen gab es für sie kein Leben.

Quellen:
– wikipedia
– http://www.dieterwunderlich.de/Marga-von-Etzdorf.htm

Foto der Junkers A50:
Von Softeis aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=219191

verschollene Orte: der verschwundene Hoch-Bahnhof

Berlin ist schon eine phänomenale Stadt. Es gibt sogar Dinge, die es gar nicht (mehr) gibt. Z. Bsp. einen verschwundenen Bahnhof. Wer es nicht wüsste, könnte ihn heute nicht mehr finden. Na, offen gesagt, gibt es noch einen ähnlich gelagerten Fall, aber dieser besondere hier ist wirklich aus der Rubrik: traurige „Magie“.

Die Berliner „Hoch- und U-Bahn“ ist nicht die älteste ihrer Art in der Welt, hat weder das größte Streckennetz noch die meisten Fahrgäste. Dennoch hat sie eine ganz einzigartige Geschichte, die es zu entdecken gilt, wenn man sich dafür begeistern kann. Die Tatsache, dass sie anfangs weitgehend eine „Hochbahn“ war, verdanken wir dem Vorurteil (welches selbst der E-Bahn-Erfinder Werner von Siemens teilte), dass man im schlammigen Bau- und Untergrund von Berlins Stadtzentrum keine Tunnel bauen könne, die tatsächlich den Betrieb einer elektrischen Bahn ermöglichen. So stellte man die Schienen eben auf „Stelzen“ aus Stahl. Dass man dann doch in den „Untergrund“ ging, ist übrigens den Charlottenburgern zu verdanken. Sie wollten keine Stahlstelzen-Bahn um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herum haben. Würde den Blick auf die „hübsche Kirche“ versauen, dachten sie und zwangen dann doch dieses Verkehrmittel unter Bodenniveau.

1902 ging es mit dem Linien- und Fahrgastverkehr dann schließlich los. Und zwar auf einem Ausgangsbahnhof, den man heute nur noch auf alten, vergilbten Fahrplänen und Streckenübersichten findet: auf dem Hochbahnhof „Stralauer Thor“ (ja, damals noch geschrieben wie der nordische Gott, gemeint war aber „Tor“, wie Tor in der Akzisemauer. Eine andere Geschichte…). Dieser Bahnhof befand sich unmittelbar an der Oberbaumbrücke. Und sah in etwa so aus wie auf dem alten Foto, welches diesen Beitrag „krönt“.

Seit 1924 hieß er dann „Osthafen“ (weil 1913 der Hafen fertiggestellt worden war), war aber weiterhin reichlich frequentiert, obwohl bereits am 17. August 1902 die Linie zur „Warschauer Brücke“ (heute U-Bahnhof: „Warschauer Straße“, die Berliner benennen gerne alles um, siehe den Trubel um den U-Bahnhof „Mohrenstraße“) fortgeführt worden war. Um ganze 300 Meter !!!! Die ersten Strecken führten übrigens vom Stralauer Tor zum Potsdamer Platz. Dann vom Potsdamer Platz zum Zoo, dann zum „Knie“ (Ernst – Reuter – Platz), vom Stralauer Tor, später von der Warschauer Brücke zum Zoo, später „Knie“… Ende 1902 hatte man etwa 11,4 km zum Befahren.

Der Bahnhof Stralauer Tor jedenfalls wurde am 10. März 1945 von einem Bomben-Volltreffer schwer beschädigt. In Mauerzeiten lohnte es sich nicht, ihn wieder aufzubauen, weil er unmittelbar im Grenzgebiet gelegen hätte und so wurden die Reste abgetragen. (Man vergleiche das mal mit dem S-Bahnhof „Wollankstraße“. Nur so ein Tip.) Und nach der Wende ging man einfach nach praktischen Erwägungen: für 300 m baut man keinen Bahnhof, noch dazu einen so prächtigen, wieder auf. Lohnt sich nicht. So ist heute praktisch nichts mehr von dem Ort erkennbar, an dem die Berliner U-Bahngeschichte begann.  Am 18. Februar 1902. Und das „Stralauer Tor“ bleibt somit auch der einzige kriegszerstörte U-Bahnhof Berlins, der nicht wieder aufgebaut wurde!

Ruhe in Frieden, Stralauer Tor/Osthafen.

P.S.: Mehr über die Oberbaumbrücke, die Grenzkontrollen dort in Mauerzeiten etc. erzähle ich bald auf einer neuen Tour durch Berlin. Bleiben Sie aufmerksam, ich werde sie Ihnen ankündigen, versprochen !

Ihr

Clemens Kurz

das lange Ringen um Pommern, Teil 1

Wer ein Beispiel für die Vergänglichkeit von Taten und die vermeintliche Sinnlosigkeit jeglicher Geschichte vor Augen haben will, mag sich an Preußens Ringen um Pommern erinnern. Erst Gegner, später Objekt der Begierde Brandenburgischer Kurfürsten und Preußischer Könige, geriet das Land an der Ostsee in ein zähes, jahrhundertelanges Ringen um seine Kontrolle. Heute gehört nur ein winziger Teil Pommerns NICHT zu Polen. „sic transit gloria mundi“ Hier eine Zusammenfassung des Geschehens:

Ein Pommer vor dem Sohn des Unterzeichners des „Vertrages von Grimnitz“

Früher oder später musste es passieren: ein „Pommer“ erinnert an Brandenburg/Preußens Kampf um Pommern. Sie wissen es, liebe Leserinnen und Leser: meine Mutter war noch eine „echte“, weil gebürtige, Pommeranze. Ähhh…nein…eine Pommerin. Aus Falkenburg bei Dramburg in Hinterpommern. Allerdings ohne jegliches Heimweh geboren war sie als Heimatvertriebene nach ihrer Ankunft in Berlin 1945  eben Berlinerin. Nie so ganz Spandauerin übrigens, denn nach Spandau hatte sie ja nur geheiratet…(Überraschung: meinen Vater, Nachkomme von Westpreußen, einen „echten“ Spandauer, nach dem Gefühl…eine lange Geschichte.)

Aber jetzt mal „mittenrein“ ins Vergnügen. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich in Geschichtsbüchern lese, wie die Pommern und die Brandenburger im Spätmittelalter miteinander stritten. Um die Uckermark zumeist. Sobald Brandenburg Schwäche zeigte, oder so recht schlecht regiert wurde, kamen meist die Herzöge von Pommern angerannt und hatten schon ein kleines Ritterheer bereit, um die Uckermark zu erobern. Verbündet mit Polen oder Dänemark oder Schweden oder einfach zum Spaß. Die „Greifen“ wollten offensichtlich „abgreifen“, was ihnen so zufiel. Ja, so hieß das Fürstengeschlecht der Pommernherzöge. Ein roter „Greif“ (Raubvogel mit Löwenbeinen) war denn auch das Wappentier Pommerns. Im Stadtwappen Stettins findet man das Greifenhaupt bis heute vor.

Als dann ab 1411 die Hohenzollern in Brandenburg einzogen, wehte den Greifen aber plötzlich wieder ein schärferer Wind entgegen. Die diversen „Friedrichs“, „Georgs“ etc. aus dem südwestdeutschen Herrscherhaus fochten in Zukunft um alles, was sie besaßen oder zu besitzen gedachten. Angefangen vom ersten Hohenzollern in der Mark Brandenburg, Friedrich I. Und zu ihren Ansprüchen gehörte eben auch die Uckermark. Punktum ! Um auf die Greifen Druck auszuüben, ernannte man sich auch schon mal zum Lehnsherrn der Pommern. Was in Stettin wenig Freude auslöste.

Jetzt will ich nicht weiter mit Schlachten, Siegen, Niederlagen etc. langweilen. Diese Daten vergisst man ja doch wieder schnell. Interessant wird die Sache erst mit der Herrschaft von Joachim I. „Hektor“ in Brandenburg. Er kann mit den Greifen, in diesem Falle den Herzögen Georg I. und Barnim (ja, der hieß so, wie die Landschaft im Nordosten Berlins !!!! Dreimal dürfen wir raten, warum die so heißt !) dem 9. einen Vertrag schließen, der vielerlei beinhaltet. Die Hohenzollern geben ihren Wunsch, Lehensherren der Pommern zu werden, erstmal auf. Sie bekommen dafür (durch den Kaiser garantiert) aber etwas Wichtiges zugestanden: sollten die Greifen einstmals ohne Erbberechtigten aussterben, übernehmen die Brandenburger Hohenzollern Pommern. So einfach, so klar. Und wie wir sehen werden, so schwer durchzusetzen. Zunächst aber schreiben wir das Jahr 1529, unterschreiben den „Vertrag von Grimnitz“ und belassen es dabei.

Fortsetzung folgt ! 🙂

Ihr

Clemens Kurz

 

Schloss Babelsberg – Sommersitz am Havelufer

Das Potsdamer Schloss Babelsberg, ebenso wie der dazugehörige Park, verdankt seine Existenz einer denkwürdigen Geschwister-Rivalität unter königlichen Prinzen. Und deren Frauen, natürlich. Zu simpel gedacht ? Dann lesen Sie weiter…

der Erstbesitzer von Schloss Babelsberg: Kaiser Wilhelm I.

Die „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ gehören zum UNESCO – Weltkulturerbe. Seit 1990 schon. Kein Wunder, denn wer einmal vom pleasureground vor Schloss Babelsberg über die Havel geschaut hat, dem ist die Einzigartigkeit der Landschaft sicher nicht verborgen geblieben. Hier, am Havelufer mit seinen diversen Buchten und Seen, haben sich Prinzen und Mäzene im 19. Jahrhundert ihr „Arkadien“ bauen lassen. Später kamen die Berliner Sommer-Ausflügler dann hierher. Mit Ausflugsdampfern und als Sport-Ruderer. Heute zieht es Touristen, Tagesausflügler und Fotofreunde ans Havelufer, es kommen die Spaziergänger und Freunde von Geschichte und Kultur zu Besuch. Noch immer nicht ohne Grund.

Denn am Anfang vom neogotischen Traumschlösschen Babelsberg steht die einzigartige Rivalität zweier Prinzenbrüder. Die Söhne König Friedrich-Wilhelms III. entdeckten  zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Havel – Idyll für sich. Einer nach dem anderen. Besonders pikant wird die Sache, wenn man weiß, dass sie mit Schwestern verheiratet waren. Also Brüder und „Schwager“ gleichzeitig waren. Wobei der ältere Prinz die jüngere Schwester heiraten „musste“, während der jüngere Prinz die ältere Schwester freiwillig ehelichte und sich nicht beschweren konnte.

Natürlich spreche ich von den Prinzen Wilhelm und Carl von Preußen sowie von Marie und Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach.  Der jüngere Prinz, Carl, wurde schon früh von seinen Erziehern für die Antike und deren Hinterlassenschaften begeistert, die er zeitlebens mit Akribie (und gerüchteweise nicht immer völlig legal) sammelte. Für die „Sommerfrische“ und zur Präsentation seiner Antikensammlung erwarb er jedenfalls 1824 das Gut Klein-Glienicke und ließ sich dessen Wohngebäude umbauen. Kein Wunder, dass dies seinen älteren Bruder Wilhelm auf den Plan rief. Wo gibts denn auch sowas, dass ein „kleiner Bruder“ sich ein Lusthaus am Wasser bauen lässt, während der „große Bruder“ noch nach einer passenden Immobilie sucht ?

Diese fand er dann scheinbar „ganz zufällig“ direkt gegenüber von Klein-Glienicke auf dem sog. „Babelsberg“. Und begann beim Papa so lange um Finanzen zu betteln, bis dieser ihm genehmigte, sich die Immobilie zu kaufen und dort einen Sommersitz zu bauen. Das war 1833. Ab jetzt beginnt die bunte Geschichte von Schloss Babelsberg. Diese können Sie natürlich über die Suchmaschine ihrer Wahl oder über die historische Enzyklopädie ihrer Präferenz bis ins Detail nachlesen. Ich persönlich möchte nur auf den Einfluss der „jüngeren“ der beiden Schwestern auf die Gestaltung Babelsbergs eingehen.

Kaiserin Augusta

Wilhelms Ehefrau, Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, die sich für eine umfassend gebildete und in Sachen Geschmack und Stilsicherheit relevante Fachfrau hielt, trieb mit ihrer permanenten Einmischung diverse Baumeister Babelsbergs (darunter Größen wie Schinkel oder Persius) schier in den Wahnsinn. Ebenso wie den genialen Gartenarchitekten Peter-Joseph Lenné, den sie letztlich mal so „mir-nix-dir-nix“ gegen den ihr aus der sächsischen Heimat vertrauten Fürsten Herrmann von Pückler-Muskau austauschte. Nicht, dass Pückler hier in Babelsberg keine sichtbare Verschönerung und Abrundung der Parkanlagen vorgenommen hätte. Die Art und Weise, wie er aber durch gnadenloses Schleimen bei Augusta und diversen „Hochwohlgeborenen“ an diesen Job gekommen war, lässt Menschen unserer Zeit aber doch Ekelschauer über den Rücken laufen.

Wie auch immer: das Ergebnis der Arbeiten diverser Genies, die es über sich brachten, immer wieder mit der anmaßenden Augusta aneinander zu geraten, kann heute wieder besichtigt werden. Die Parkanlagen wurden (inklusive der Wasser-Läufe) wieder im Pückler´schen Sinne hergestellt. Damit wurden die letzten Spuren von Kriegs- und vor allem Mauerzeiten beseitigt, während derer Babelsberg das Pech hatte, direkt an der Grenze nach „Westberlin“ gelegen zu sein.

Anmerkung 2017: derzeit findet im Schloss eine Sonderausstellung zum Thema Pückler statt. Nicht nur deshalb und wegen des zum Spazieren einladenden Parks ist Babelsberg unbedingt einen Besuch wert ! Alles weitere dazu hier:
https://www.spsg.de/aktuelles/ausstellung/pueckler-babelsberg/

Machtzentrum einer anderen Zeit: das Berliner Stadtschloss

Durch das „Humboldtforum“ erlebt das einstige Stadtschloss der Hohenzollern in Berlin KEINE Auferstehung. Das Schloss „starb“ endgültig bei den Abrissarbeiten für das „Marx-Engels-Forum“ im Jahre 1950. Die Nutzung durch Museen, Hochschule und sonstige Kulturträger macht aus dem Neubau eine eigene Schöpfung, wenn auch z. T. in der Anmutung, viel wichtiger aber in den Dimensionen des alten Prachtbaus. Das vorweg geschrieben, macht eine Beschäftigung mit der Geschichte des Vorgängerbaus aber nicht überflüssig. Im Gegenteil:

Also: was bedeutete das alte Stadtschloss in der Berliner Stadtmitte ? Darauf gäbe es sicher viele Antworten. Architektonische, stadtplanerische und vor allem historische. Alles begann damit, dass die mit der Befriedung und Verwaltung der ins Chaos verfallenen Mark Brandenburg beauftragten Hohenzollern beschlossen, sich eine feste Residenz zu schaffen und diese auf der „Cöllner“ Stadtinsel erbauen zu lassen. Dies geschah zur Mitte des 15. Jahrhunderts, nachdem feststand, dass die Mark so bald nicht mehr aus den Händen der Hohenzollern genommen werden würde.

Das Stadtschloss sollte also sowohl als Residenz als auch als Symbol ein Ausrufezeichen werden. Das „Interregnum“ zwischen den Askaniern und dem neuen Herrscherhaus war endgültig beendet. Für Berlin und viele andere Städte Brandenburgs, die sich im 14. Jahrhundert oftmals, aus der Not der allgemeinen Anarchie heraus geboren, Rechte und Privilegien angemaßt (oder schlicht und ergreifend gekauft) hatten, die eigentlich einem Landesherren zugestanden hätten, war das allerdings ein „hartes Brot“. Die neuen Regenten planten, auch tatsächlich „vor Ort“ anwesend zu sein. Kein Wunder, dass im sog. „Berliner Unwillen“, die Berlin-Cöllner 1448 erstmal gleich die Baugrube für das neue Machtzentrum unter Wasser setzten.

Friedrich II. , „Eisenzahn“

Das alles half aber nichts, der „Eisenzahn“ genannte, zweite Hohenzoller unter dem Brandenburger Kurhut ließ sich dennoch seinen Wohnsitz erbauen. Von nun an wurde von hier aus regiert. Mehr oder weniger, jedenfalls. Öfter auch mal nicht, aber das sind andere Geschichten. Jedoch die relative Unabhängigkeit der Städte, speziell der Residenzen, wurde wieder beschnitten. Allerdings hatten Städte als Residenzen auch Vorteile: Gewerbe und Handwerk hatten meistens mehr zu tun, als in der „Provinz“. Es gab Aufträge von Hofschranzen und Herrschern. So verlor Berlin also nicht nur, sondern gewann auch durch diese Entwicklungen.

Das Schloss erlebte in jedem Falle ab jetzt eine bunte Geschichte. Diverse Um- und Ausbauten durch mehr oder minder begabte Architekten sorgten immer wieder für ein neues Aussehen der Anlage. Ein Zirkel von schleichender Vernachlässigung und bemühter Rekonstruktion bzw. diversen Ausbauten erzählt eine Geschichte, die den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde. Googlen Sie selbst oder lesen Sie das hochinteressante Buch „Das Schloss an der Spree“ von Eberhard Cyran. Interessant: fast in Vergessenheit geriet, dass auch der Vollender der Zitadelle Spandau, Graf Rochus zu Lynar, hier mal kurze Zeit Hand anlegte. Ebenso interessant: in der Renaissance-Periode gab es am Stadtschloss eine sog. „Stechbahn“, einen Turnierplatz für das möglichst realistische Nachstellen mittelalterlicher Ritter-Turniere. Wenn ich mir anschaue, welche Menschenmassen sich heutzutage für „Mittelalter-Märkte“ oder „Hussitenfeste“ in Bewegung setzen, kommt mir die einstmals von mir für skurril gehaltene Idee dieser Kampfarena nicht mehr gar so absonderlich vor.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege war das Schloss aber verfallen. Es heißt, dass der Wind durch offene Fensterrahmen  pfiff und Getier sich in den Innenräumen breit gemacht habe. Erstaunlicherweise hat der „Große Kurfürst“ Friedrich-Wilhelm, dem es oblag, Brandenburg wieder aufzubauen, keinen wirklichen Schlossum- oder Ausbau in Berlin angeordnet. Seine Aufträge für das Gebäude waren eher kosmetischer Natur. Vielleicht lag das an seiner Vorliebe für Potsdam, wo er sich ein neues Residenzschloss erbauen ließ. Erst sein Sohn der „schiefe Fritz“, der sich 1701 selbst zum König „in“ Preußen krönte, schob das „ganz große Ding“ an. Er gab den Auftrag, sein Residenzschloss in Berlin „repräsentativ“ und „groß, größer, am größten“ zu machen. Um buchstäblich jeden Preis. So kann man ein Staatsbudget auch ruinieren.

Dieser Auftrag war eine Aufgabe, der nicht ein, sondern nur zwei Architekten gewachsen waren. De facto sogar mehr als zwei, aber die bedeutendsten sind natürlich Andreas Schlüter und Eosander von Göte. Die Namensgeber der zwei Innenhöfe des Barockpalastes, die auch im Humboldtforum wieder gewürdigt werden sollen. Der „Schlüterhof“ wird nämlich eine moderne Ost-Fassade haben, der „Eosanderhof“ durch das gleichnamige, beeindruckende „Eosanderportal“ zu betreten sein.
Allein die Bauphase von Friedrichs Machtdemonstration verbindet sich mit vielen Geschichten, von denen in diversen Werken berichtet wird. Der Einsturz des sog. „Münzturmes“ auf der Lustgartenseite machte z. Bsp. erst die Erweiterung um einen zweiten, den „Eosanderhof“ möglich.

Allein die Rivalität zwischen dem bodenständigen Danziger Schlüter und seinem in Hofintrigen erfahreneren Nachfolger Eosander gäbe ein nettes Fernsehspiel ab. Spätestens 1711 war das Stadtschloss dann weitgehend fertig gebaut. Aber noch lange nicht „vollendet“, denn als deutlich sichtbarste Ergänzung erhielt die Westfassade über dem schon erwähnten Eosanderportal ab 1853 eine Kuppel. Über deren „Kreuz“-Abschluss auf der neuen Kuppel des Humboldtforums übrigens im Jahre 2017 heftigst gestritten wurde, nachdem aus der Linkspartei und von den Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus deutliche Ablehnung des christlichen Symbols signalisiert wurde.

Auch nach dem Ende der Hohenzollernherrschaft 1918 blieb das Schloss ein wichtiger Ort in Berlin. Museen zogen ein, insofern ist die Verbindung zum kommenden Humboldtforum dann doch wieder hergestellt. Bis 1920 übrigens war das Schloss verwaltungstechnisch betrachtet ein eigener Gutsbezirk im brandenburgischen Landkreis Niederbarnim ! Ob das wohl steuerliche Vorteile gebracht hatte ?

Am Ende des Zweiten Weltkrieges jedenfalls war das Gebäude schwer beschädigt, aber alles andere als komplett abbruchreif. Schon schnell nach der Einstellung der Kampfhandlungen fanden wieder Ausstellungen und Kulturveranstaltung in den noch nutzbaren Räumlichkeiten statt. Der Abbruch 1950 hatte dann auch eher politische und finanzielle, als bausicherungstechnische Gründe. Der geplante Aufmarschplatz für die „Arbeiter- und Bauernmassen“ machte einen Abriss dieses „Horts des Feudalismus“ erforderlich. Angeblich kam das letzte Placet dafür sogar direkt aus Moskau, wie der ehemalige Ostberliner Oberbürgermeister Ebert später zu Protokoll geben wird.

Und nun also kommt ein Betonklotz mit Barockfassade an seine Stelle. Mitsamt Kuppel, aber ohne den „grünen Hut“ oder den Apothekenflügel-Anbau. Und vermutlich auch ohne die „Rossebändiger“-Statuen auf der Lustgartenseite. Der Neptunbrunnen vor der Südfront wird wohl ebensowenig zurückkehren wie der Heilige Georg von August Kiss in den Eosanderhof . Das Standbild, welches heute im nahegelegenen Nikolaiviertel eine neue Heimat gefunden hat. Dafür wird es wohl auf der ehemaligen „Schlossfreiheit“ bald die „Einheitswippe“ geben. Ein  von niemandem jenseits des Bundes- und Landesparlamentes wirklich gewolltes Denkmal von umstrittener, ästhetischer Qualität.

In jedem Falle wird aber der „Hohenzollernungeist“ wohl nicht wieder auferstehen wie von vielen befürchtet. Dennoch bekommt das historische Stadtzentrum wieder einen Fixpunkt. Die Straßenführung der Allee „Unter den Linden“ sowie die Brückenkonstruktionen über Kupfergraben und Spree sind darauf ausgerichtet und angewiesen, um einen Sinn zu ergeben. Möge aber der „zugige Kasten“ (Kaiser Wilhelm I. zugeschrieben, der tatsächlich nicht im Stadtschloss wohnte, sondern in einem äußerst bescheidenen Palais neben der „Kommode“ am heutigen Bebelplatz) namens „Stadtschloss Berlin“ in Frieden ruhen.

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