Archiv der Kategorie: verschollene Orte

verschollene Orte: der verschwundene Hoch-Bahnhof

Berlin ist schon eine phänomenale Stadt. Es gibt sogar Dinge, die es gar nicht (mehr) gibt. Z. Bsp. einen verschwundenen Bahnhof. Wer es nicht wüsste, könnte ihn heute nicht mehr finden. Na, offen gesagt, gibt es noch einen ähnlich gelagerten Fall, aber dieser besondere hier ist wirklich aus der Rubrik: traurige „Magie“.

Die Berliner „Hoch- und U-Bahn“ ist nicht die älteste ihrer Art in der Welt, hat weder das größte Streckennetz noch die meisten Fahrgäste. Dennoch hat sie eine ganz einzigartige Geschichte, die es zu entdecken gilt, wenn man sich dafür begeistern kann. Die Tatsache, dass sie anfangs weitgehend eine „Hochbahn“ war, verdanken wir dem Vorurteil (welches selbst der E-Bahn-Erfinder Werner von Siemens teilte), dass man im schlammigen Bau- und Untergrund von Berlins Stadtzentrum keine Tunnel bauen könne, die tatsächlich den Betrieb einer elektrischen Bahn ermöglichen. So stellte man die Schienen eben auf „Stelzen“ aus Stahl. Dass man dann doch in den „Untergrund“ ging, ist übrigens den Charlottenburgern zu verdanken. Sie wollten keine Stahlstelzen-Bahn um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herum haben. Würde den Blick auf die „hübsche Kirche“ versauen, dachten sie und zwangen dann doch dieses Verkehrmittel unter Bodenniveau.

1902 ging es mit dem Linien- und Fahrgastverkehr dann schließlich los. Und zwar auf einem Ausgangsbahnhof, den man heute nur noch auf alten, vergilbten Fahrplänen und Streckenübersichten findet: auf dem Hochbahnhof „Stralauer Thor“ (ja, damals noch geschrieben wie der nordische Gott, gemeint war aber „Tor“, wie Tor in der Akzisemauer. Eine andere Geschichte…). Dieser Bahnhof befand sich unmittelbar an der Oberbaumbrücke. Und sah in etwa so aus wie auf dem alten Foto, welches diesen Beitrag „krönt“.

Seit 1924 hieß er dann „Osthafen“ (weil 1913 der Hafen fertiggestellt worden war), war aber weiterhin reichlich frequentiert, obwohl bereits am 17. August 1902 die Linie zur „Warschauer Brücke“ (heute U-Bahnhof: „Warschauer Straße“, die Berliner benennen gerne alles um, siehe den Trubel um den U-Bahnhof „Mohrenstraße“) fortgeführt worden war. Um ganze 300 Meter !!!! Die ersten Strecken führten übrigens vom Stralauer Tor zum Potsdamer Platz. Dann vom Potsdamer Platz zum Zoo, dann zum „Knie“ (Ernst – Reuter – Platz), vom Stralauer Tor, später von der Warschauer Brücke zum Zoo, später „Knie“… Ende 1902 hatte man etwa 11,4 km zum Befahren.

Der Bahnhof Stralauer Tor jedenfalls wurde am 10. März 1945 von einem Bomben-Volltreffer schwer beschädigt. In Mauerzeiten lohnte es sich nicht, ihn wieder aufzubauen, weil er unmittelbar im Grenzgebiet gelegen hätte und so wurden die Reste abgetragen. (Man vergleiche das mal mit dem S-Bahnhof „Wollankstraße“. Nur so ein Tip.) Und nach der Wende ging man einfach nach praktischen Erwägungen: für 300 m baut man keinen Bahnhof, noch dazu einen so prächtigen, wieder auf. Lohnt sich nicht. So ist heute praktisch nichts mehr von dem Ort erkennbar, an dem die Berliner U-Bahngeschichte begann.  Am 18. Februar 1902. Und das „Stralauer Tor“ bleibt somit auch der einzige kriegszerstörte U-Bahnhof Berlins, der nicht wieder aufgebaut wurde!

Ruhe in Frieden, Stralauer Tor/Osthafen.

P.S.: Mehr über die Oberbaumbrücke, die Grenzkontrollen dort in Mauerzeiten etc. erzähle ich bald auf einer neuen Tour durch Berlin. Bleiben Sie aufmerksam, ich werde sie Ihnen ankündigen, versprochen !

Ihr

Clemens Kurz

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Machtzentrum einer anderen Zeit: das Berliner Stadtschloss

Durch das „Humboldtforum“ erlebt das einstige Stadtschloss der Hohenzollern in Berlin KEINE Auferstehung. Das Schloss „starb“ endgültig bei den Abrissarbeiten für das „Marx-Engels-Forum“ im Jahre 1950. Die Nutzung durch Museen, Hochschule und sonstige Kulturträger macht aus dem Neubau eine eigene Schöpfung, wenn auch z. T. in der Anmutung, viel wichtiger aber in den Dimensionen des alten Prachtbaus. Das vorweg geschrieben, macht eine Beschäftigung mit der Geschichte des Vorgängerbaus aber nicht überflüssig. Im Gegenteil:

Also: was bedeutete das alte Stadtschloss in der Berliner Stadtmitte ? Darauf gäbe es sicher viele Antworten. Architektonische, stadtplanerische und vor allem historische. Alles begann damit, dass die mit der Befriedung und Verwaltung der ins Chaos verfallenen Mark Brandenburg beauftragten Hohenzollern beschlossen, sich eine feste Residenz zu schaffen und diese auf der „Cöllner“ Stadtinsel erbauen zu lassen. Dies geschah zur Mitte des 15. Jahrhunderts, nachdem feststand, dass die Mark so bald nicht mehr aus den Händen der Hohenzollern genommen werden würde.

Das Stadtschloss sollte also sowohl als Residenz als auch als Symbol ein Ausrufezeichen werden. Das „Interregnum“ zwischen den Askaniern und dem neuen Herrscherhaus war endgültig beendet. Für Berlin und viele andere Städte Brandenburgs, die sich im 14. Jahrhundert oftmals, aus der Not der allgemeinen Anarchie heraus geboren, Rechte und Privilegien angemaßt (oder schlicht und ergreifend gekauft) hatten, die eigentlich einem Landesherren zugestanden hätten, war das allerdings ein „hartes Brot“. Die neuen Regenten planten, auch tatsächlich „vor Ort“ anwesend zu sein. Kein Wunder, dass im sog. „Berliner Unwillen“, die Berlin-Cöllner 1448 erstmal gleich die Baugrube für das neue Machtzentrum unter Wasser setzten.

Friedrich II. , „Eisenzahn“

Das alles half aber nichts, der „Eisenzahn“ genannte, zweite Hohenzoller unter dem Brandenburger Kurhut ließ sich dennoch seinen Wohnsitz erbauen. Von nun an wurde von hier aus regiert. Mehr oder weniger, jedenfalls. Öfter auch mal nicht, aber das sind andere Geschichten. Jedoch die relative Unabhängigkeit der Städte, speziell der Residenzen, wurde wieder beschnitten. Allerdings hatten Städte als Residenzen auch Vorteile: Gewerbe und Handwerk hatten meistens mehr zu tun, als in der „Provinz“. Es gab Aufträge von Hofschranzen und Herrschern. So verlor Berlin also nicht nur, sondern gewann auch durch diese Entwicklungen.

Das Schloss erlebte in jedem Falle ab jetzt eine bunte Geschichte. Diverse Um- und Ausbauten durch mehr oder minder begabte Architekten sorgten immer wieder für ein neues Aussehen der Anlage. Ein Zirkel von schleichender Vernachlässigung und bemühter Rekonstruktion bzw. diversen Ausbauten erzählt eine Geschichte, die den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde. Googlen Sie selbst oder lesen Sie das hochinteressante Buch „Das Schloss an der Spree“ von Eberhard Cyran. Interessant: fast in Vergessenheit geriet, dass auch der Vollender der Zitadelle Spandau, Graf Rochus zu Lynar, hier mal kurze Zeit Hand anlegte. Ebenso interessant: in der Renaissance-Periode gab es am Stadtschloss eine sog. „Stechbahn“, einen Turnierplatz für das möglichst realistische Nachstellen mittelalterlicher Ritter-Turniere. Wenn ich mir anschaue, welche Menschenmassen sich heutzutage für „Mittelalter-Märkte“ oder „Hussitenfeste“ in Bewegung setzen, kommt mir die einstmals von mir für skurril gehaltene Idee dieser Kampfarena nicht mehr gar so absonderlich vor.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege war das Schloss aber verfallen. Es heißt, dass der Wind durch offene Fensterrahmen  pfiff und Getier sich in den Innenräumen breit gemacht habe. Erstaunlicherweise hat der „Große Kurfürst“ Friedrich-Wilhelm, dem es oblag, Brandenburg wieder aufzubauen, keinen wirklichen Schlossum- oder Ausbau in Berlin angeordnet. Seine Aufträge für das Gebäude waren eher kosmetischer Natur. Vielleicht lag das an seiner Vorliebe für Potsdam, wo er sich ein neues Residenzschloss erbauen ließ. Erst sein Sohn der „schiefe Fritz“, der sich 1701 selbst zum König „in“ Preußen krönte, schob das „ganz große Ding“ an. Er gab den Auftrag, sein Residenzschloss in Berlin „repräsentativ“ und „groß, größer, am größten“ zu machen. Um buchstäblich jeden Preis. So kann man ein Staatsbudget auch ruinieren.

Dieser Auftrag war eine Aufgabe, der nicht ein, sondern nur zwei Architekten gewachsen waren. De facto sogar mehr als zwei, aber die bedeutendsten sind natürlich Andreas Schlüter und Eosander von Göte. Die Namensgeber der zwei Innenhöfe des Barockpalastes, die auch im Humboldtforum wieder gewürdigt werden sollen. Der „Schlüterhof“ wird nämlich eine moderne Ost-Fassade haben, der „Eosanderhof“ durch das gleichnamige, beeindruckende „Eosanderportal“ zu betreten sein.
Allein die Bauphase von Friedrichs Machtdemonstration verbindet sich mit vielen Geschichten, von denen in diversen Werken berichtet wird. Der Einsturz des sog. „Münzturmes“ auf der Lustgartenseite machte z. Bsp. erst die Erweiterung um einen zweiten, den „Eosanderhof“ möglich.

Allein die Rivalität zwischen dem bodenständigen Danziger Schlüter und seinem in Hofintrigen erfahreneren Nachfolger Eosander gäbe ein nettes Fernsehspiel ab. Spätestens 1711 war das Stadtschloss dann weitgehend fertig gebaut. Aber noch lange nicht „vollendet“, denn als deutlich sichtbarste Ergänzung erhielt die Westfassade über dem schon erwähnten Eosanderportal ab 1853 eine Kuppel. Über deren „Kreuz“-Abschluss auf der neuen Kuppel des Humboldtforums übrigens im Jahre 2017 heftigst gestritten wurde, nachdem aus der Linkspartei und von den Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus deutliche Ablehnung des christlichen Symbols signalisiert wurde.

Auch nach dem Ende der Hohenzollernherrschaft 1918 blieb das Schloss ein wichtiger Ort in Berlin. Museen zogen ein, insofern ist die Verbindung zum kommenden Humboldtforum dann doch wieder hergestellt. Bis 1920 übrigens war das Schloss verwaltungstechnisch betrachtet ein eigener Gutsbezirk im brandenburgischen Landkreis Niederbarnim ! Ob das wohl steuerliche Vorteile gebracht hatte ?

Am Ende des Zweiten Weltkrieges jedenfalls war das Gebäude schwer beschädigt, aber alles andere als komplett abbruchreif. Schon schnell nach der Einstellung der Kampfhandlungen fanden wieder Ausstellungen und Kulturveranstaltung in den noch nutzbaren Räumlichkeiten statt. Der Abbruch 1950 hatte dann auch eher politische und finanzielle, als bausicherungstechnische Gründe. Der geplante Aufmarschplatz für die „Arbeiter- und Bauernmassen“ machte einen Abriss dieses „Horts des Feudalismus“ erforderlich. Angeblich kam das letzte Placet dafür sogar direkt aus Moskau, wie der ehemalige Ostberliner Oberbürgermeister Ebert später zu Protokoll geben wird.

Und nun also kommt ein Betonklotz mit Barockfassade an seine Stelle. Mitsamt Kuppel, aber ohne den „grünen Hut“ oder den Apothekenflügel-Anbau. Und vermutlich auch ohne die „Rossebändiger“-Statuen auf der Lustgartenseite. Der Neptunbrunnen vor der Südfront wird wohl ebensowenig zurückkehren wie der Heilige Georg von August Kiss in den Eosanderhof . Das Standbild, welches heute im nahegelegenen Nikolaiviertel eine neue Heimat gefunden hat. Dafür wird es wohl auf der ehemaligen „Schlossfreiheit“ bald die „Einheitswippe“ geben. Ein  von niemandem jenseits des Bundes- und Landesparlamentes wirklich gewolltes Denkmal von umstrittener, ästhetischer Qualität.

In jedem Falle wird aber der „Hohenzollernungeist“ wohl nicht wieder auferstehen wie von vielen befürchtet. Dennoch bekommt das historische Stadtzentrum wieder einen Fixpunkt. Die Straßenführung der Allee „Unter den Linden“ sowie die Brückenkonstruktionen über Kupfergraben und Spree sind darauf ausgerichtet und angewiesen, um einen Sinn zu ergeben. Möge aber der „zugige Kasten“ (Kaiser Wilhelm I. zugeschrieben, der tatsächlich nicht im Stadtschloss wohnte, sondern in einem äußerst bescheidenen Palais neben der „Kommode“ am heutigen Bebelplatz) namens „Stadtschloss Berlin“ in Frieden ruhen.

Fotos:

verschollene Orte: die Denkmalskirche am Berliner Dom

Der Berliner Dom ist neben einem Gotteshaus vor allem auch die „Grablege der Hohenzollern“. Es mag der Domgemeinde heute ein wenig unbehaglich deshalb sein, aber diese weiß sehr wohl, dass sie von der Gruft des Fürstenhauses als Sehenwürdigkeit und touristischem Ziel sehr wohl profitiert. Ich habe es selbst im Jahr 2016 erlebt. Der Abriss der Denkmalskirche durch die DDR im Jahre 1975 riss vor diesem Hintergrund betrachtet eine schmerzliche Lücke, die aber von (fast) Jedermann achselzuckend hingenommen wird.

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Berliner Dom MIT Denkmalskirche ca. 1930

Machen wir uns nichts vor, der Berliner Dom war ein Politikum von dem Moment an, wo sein Neubau geplant wurde. Als Grablege des Hauses Hohenzollern in der Berliner Stadtmitte musste er unweigerlich  in die verworrenen Zeitläufte hineingeraten und bewegt sich bis heute darin. So wurde vor nicht allzulanger Zeit der Vorschlag gemacht, die Denkmalskirche wieder aufzubauen. Deren Fundamente sind wohl noch immer vorhanden, einige Bruchstücke des gesprengten Gebäudes liegen  in Ahrensfelde und werden dort malerisch von Grünpflanzen überwuchert. Hier ein Video-Beitrag aus dem Archiv des RBB dazu.

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Nordfront des Berliner Domes OHNE Denkmalskirche. 2016

Natürlich wird es in absehbarer Zeit nicht zu einem Wiederaufbau kommen, wenn auch der „Berliner Dombau Verein“ in diese Richtung immer mal wieder argumentiert. Der politische Zeitgeist (der sich seiner Definition gemäß aber immer mal wieder ändern kann, oder wo kämen denn sonst der Potsdamer Landtag und das Humboldtforum her ?) würde es derzeit nicht zulassen. Die enge Verbindung dieses Anbaus an den Berliner Dom mit dem Haus Hohenzollern und der weitgehend negativ rezipierte Begriff „Preußen“, der damit wieder ins Gespräch geriete, verhindern dies auf mittlere und lange Sicht. Was mich aber nicht daran hindert mal zu schauen, wie dieser „verschollene Ort“ denn aussah und was er aussagte.

204Die Denkmalskirche war ein Ort der Repräsentation. Hier ruhten seit der Eröffnung des Domes am 27. Februar 1905 die vielleicht schönsten Sarkophage der Hohenzollern-Gruft in einem repräsentativen Rahmen. Der Prunksarkophag des „Großen Kurfürsten“ Friedrich-Wilhelm und der seines Sohnes Friedrich I. (König „in“ Preußen) waren hier zu finden. Sogar der „Eiserne Kanzler Bismarck“ durfte die Ruhenden hier bewachen. Als Marmorsitzbild natürlich nur, von dem seit der Sprengung 1975 ausschließlich der Kopf erhalten ist. Dieser findet sich bis heute auf einem Podest in der Hohenzollerngruft unter dem Dom. Ich sah ihn selbst dort im Jahre 2016.

Der Berliner Dombauverein (s. link oben) schreibt zur Denkmalskirche das Folgende. Ich hätte es nicht besser machen können, deshalb erlaube ich mir, zu zitieren:

Die Denkmalskirche des Berliner Domes war
ein relativ großer, eingeschossiger Bau mit
einer flachen Kuppel mit Oberlicht, der wie
eine übergroße Apsis auf der Nordseite aus
dem Bau hervorragte. Sie war ein Teil des
Gebäudeensembles Berliner Dom mit der
großen Predigtkirche im Zentrum, um das
sich in zwei Achsen die weiteren Bauten
gruppieren. In einer Ost-West-Achse folgen
aufeinander die breitgelagerte Säulenhalle
am Lustgarten, der Zentralraum in der Mitte
und im Osten zur Spree der besonders reich
ausgestattete Chor. Die Predigtkirche im
Zentrum ist nach außen kenntlich gemacht
durch die alles überragende Kuppel über ei-
nem hohen Tambour.

Das zeigen alte Fotos von vor 1945. Das Innere wird so beschrieben:

Im Inneren waren an einem zentralen Raum
unter einer ovalen, flachen Kuppel, die auf
einem breiten zum Tambour erweiterten Ar-
chitravkranz über raumhohen Säulen ruhte,
fünf Konchen angeordnet, fünf Kapellen,
gleichsam kleinere Zentralräume.

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Predigtkirche des Berliner Doms, Innenraum, links unten unter der Orgelempore die Nischen für die Sarkophage des Großen Kurfürsten und seiner Frau Dorothea

Wie man also sehen kann, sehr aufwändig und zielgerichtet angelegt. Der Domarchitekt Carl-Julius Raschdorff hat hier vielleicht eine seiner schönsten, für begrenzten Raum gedachten, Arbeiten überhaupt abgeliefert. Allein schon deshalb ist es eben bedauerlich, dass dieses Kleinod  uns Zeitgenossen heute nicht mehr für die Betrachtung zur Verfügung steht. Die Sarkophage des „Großen Kurfürsten“ und seines Sohnes, des „schiefen Fritzen“ sind heute längst in die Predigtkirche umgezogen. Die Bismarck-Sitzplastik ist, wie schon erwähnt, enthauptet und der gerettete Kopf in der Hohenzollerngruft, schlecht ausgeleuchet und an den Rand gedrängt, heute fast nur noch Makulatur. Immerhin gibt es Hoffnung für die Fürstengruft, die in den kommenden Jahren überarbeitet und ihre thematische Zugänglichkeit für die Besucher verbessert werden soll.

Die Denkmalskirche ruht aber sanft in Ahrensfelde. Vermutlich auf absehbare Zeit…

Fotos:

  • verwaltet vom „Berliner Dombau Verein“, der an einer Verbreitung der Bilder vom Inneren und Äußeren der Denkmalskirche sehr interessiert ist ! Bei Nutzung informieren Sie bitte den DBV und verlinken zu ihm (siehe link im Text oben).
  • von mir, Geknipst 2016. Wie immer liegen alle diesbezüglichen Rechte bei mir, die ich aber gerne freigebe, wenn man mir vermittelt, wie und wo das Foto verwendet werden soll und ich diese Nutzung befürworte. Einfach Kontakt aufnehmen…

Quellen:

  1. wikipedia,
  2. DBV-Zeitung Nr. 10, Berliner Dombau Verein,
  3. „die Geschichte des Berliner Doms“, Dr. Peter Goralczyk, Rüdiger Hoth, Berliner Dombau Verein

Verschollene Orte: das „Prinz-Albrecht-Palais“

Hier werden die Emotionen hochkochen. Selbst ein sachliches Informationsmedium wie der „Spiegel“ nannte diese Immobilie in der Berliner Friedrichstadt einst einen „verfluchten Ort“ und wollte damit Schauer über die Rücken seiner Leser laufen lassen. Nun, ich selbst halte weniger von Aberglauben und „Flüchen“, verstehe aber, dass man über bestimmte Orte der deutschen Geschichte nur schwer sachlich schreiben kann. Ich versuche dennoch an dieser Stelle, mich einer unaufgeregten Betrachtung  anzunähern, Sie können mir ja feedback zukommen lassen, inwiefern mir das am Ende gelungen sein wird, oder nicht.

Die südliche Friedrichstadt war noch bis ins frühe 18. Jahrhundert hinein ein Sumpf. Nicht im übertragenen, sondern im wortwörtlichen Sinne. Auch der „Soldatenkönig“ Friedrich-Wilhelm hatte seine liebe Not mit diesem Baugrund in seiner Residenzstadt Berlin. Denn er fand kaum jemanden, der sich hier ansiedeln, oder gar einen repräsentativen Bau errichten wollte. Die von ihm angestrebte Stadterweiterung schien zu stocken. Da kam ihm die Geschichte mit dem Baron Vernezobre de Laurieux gerade Recht. Dieser hugenottische Kaufmann, der in den preußischen Adel erhoben worden war, hatte einige Kinder. Darunter auch eine angeblich hübsche, aber sehr unabhängige Tochter.

Wir wissen ja: mit Töchtern machte man damals Familienpolitik, indem man sie mit „guten Partien“ verheiratete. Was die Tochter des Vernezobre aber auszeichnete, war, dass sie einer angebahnten Ehe mit einem Herrn von Forcade partout nicht zustimmen wollte. Nur leider waren die „Anbahner“ ihr Vater und der König Friedrich-Wilhelm gewesen. Autsch. Der Vater der verhinderten Braut geriet damit in Ungnade beim Soldatenkönig, der Widerspruch nicht gut vertrug, wie wir ja aus den unzähligen Familien-Stories seines eigenen Hauses wissen. Um nun wieder Gnade vor den Augen des absoluten Herrschers der Preußen zu finden, erkärte sich Vernezobre aber bereit, das etwas „anrüchige“ Grundstück in der Wilhelmstraße 102 zu bebauen.

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Prinzessin Anna-Amalie

Soweit die Anekdote über die Entstehung des ursprünglichen Palais, das eben das „Vernezobresche Palais“ hieß. Es soll einen „Festungscharakter“ aufgewiesen haben, sagt man. Wahrscheinlich traute der Bauherr der Nachbarschaft nicht. Irgendwann verstarb der Bauherr, hinterließ neben dem Stadtpalais eine Menge Geld, welches die Kinderschar schnell durchbrachte. Ein ebenso bekanntes, wie weit verbreitetes Phänomen. Irgendwann kam es dann in den Besitz der Prinzessin Anna Amalie von Preußen, der jüngsten Schwester Friedrichs des Großen. Die Wilhelmstraße etablierte sich langsam. Zumal der Monarch seine Schwester auch ab und an dort besuchte. Aber auch das auszuführen, würde diesen Beitrag unnötig aufblähen.

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Prinz Albrecht von Preußen (1809 – 1872)

Immerhin war die Immobilie so in den Besitz des Hauses Hohenzollern gekommen. Nach Verfall und diversen Umwegen wurde das Gelände dem Prinzen Albrecht von Preußen zugesprochen, dem jüngsten Sohn der „vielgeliebten“ Königin Luise. Dieser ließ das Palais durch Carl-Friedrich Schinkel renovieren, später noch einmal von einem anderen Architekten erweitern. So bekam es auch den lange vorherrschenden Namen: „Prinz-Albrecht-Palais“. Dass sein Sohn ebenfalls Albrecht hieß und das Palais übernahm, festigte den Namen nur.

Nach 1918, der Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik, behielten die Hohenzollern das Gelände im Besitz. Ausgleichsverhandlungen mit dem Preußischen „Bundesland“ machten dies möglich. Außerdem fand sich zunächst kein rechtes Nutzungsinteresse am „Prinz-Albrecht-Palais“. Immerhin mietete die deutsche Regierung das Gebäude von 1928 – 1931 als Gästehaus für Staatsbesucher.

Die schlimme Geschichte des Hauses beginnt im Jahre 1934. Zu diesem Zeitpunkt wird hier vom NS-Regime der Dienstsitz des Chefs der Gestapo und das Hauptquartier des Sicherheitsdienstes der SS eingerichtet. Die preußische Gestapo residierte direkt nebenan in der Prinz-Albrecht-Straße Nr. 8. Kurz gesagt: das System, welches Bürger bespitzelte und bei vermutetem Widerstand gegen den NS-Staat inhaftierte, folterte und verschwinden ließ, hatte hier sein Nerven- und Steuerungszentrum. Für die Anforderungen der hier arbeitenden Schreibtischtäter wurde das Palais zwischen 1934 und 1939 umgebaut.

Am 23. November 1944 treffen Bomben das Palais und beschädigen es schwer. Nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee werden sämtliche, den Hohenzollern noch zugeschriebene Immobilien von der Besatzungsmacht entschädigungslos enteignet. So gerät in der Folge das Gelände in den Besitz und in die Verwaltung der Stadt Berlin. Prinz Louis-Ferdinand wird übrigens erst im Jahre 1961 endgültig im Namen des Hauses Hohenzollern auf die Besitzrechte am Prinz-Albrecht-Palais und dem zugehörigen Grundstück verzichten.

1949 riss der Berliner Senat das zwar beschädigte, aber durchaus noch wiederherstellbare Palais endgültig ab. Dies, obwohl es sich unter Denkmalschutz befand. In der Folge verkommt das nun an der Sektorengrenze, später der Mauer, gelegene Gelände immer mehr. Es wird zwischenzeitlich sogar an einen privaten Betreiber vermietet, der dort ein sog. „Autodrom“ betreibt, wo zahlende Kunden auch ohne einen gültigen Führerschein mit gemieteten oder eigenen, mitgebrachten Fahrzeugen „herumbrettern“ können.  Dies habe ich noch persönlich erlebt, auch wenn ich selbst nie hier gefahren bin.

Zur 750-Jahrfeier Berlins im Jahre 1987 wird auf dem Gelände, welches mit der schon angesprochenen, benachbarten Immobilie Niederkirchnerstraße 8 (früher Prinz-Albrecht-Straße) zusammengelegt wurde, die Ausstellung „Topographie des Terrors“ eröffnet. Sie wurde weitergeführt und wird seit 1992 von der gleichnamigen Stiftung betrieben. Diese initiierte auch den Gedanken eines Dokumentationszentrums über den Terror und die unheilvolle Wirksamkeit von Gestapo und SD.

Hier begann nun eine Posse, wie sie im wiedervereinigten Berlin scheinbar (Beispiel Flughafen BER) nur allzuoft abgespielt wird: Auf eine architektonische Ausschreibung antwortet auch der Schweizer Architekt Peter Zumthor. Dessen Entwurf gewinnt und die Bauarbeiten im Auftrage der Stiftung beginnen. Wie so oft stellt sich heraus, dass der großzügig mit Glasscheiben und tragenden Betonbalken ausgestattete Bau teurer werden wird, als geplant. Die Kosten sind gedeckelt, Bund und Land geben nichts dazu und der wissenschaftliche Direktor der Stiftung tritt wütend zurück. Zumthor wird entlassen, seine schon fertiggestellten, überdimensionierten Außentreppen werden abgerissen. Ein Scherbenhaufen.

Blick in die Niederkirchnerstraße, Reste der Berliner Mauer, dahinter die "Topographie des Terrors".
Blick in die Niederkirchnerstraße, Reste der Berliner Mauer, dahinter die „Topographie des Terrors“.

2005 wird das Projekt erneut ausgeschrieben und in der Folge ein einfacheres, „unspektakuläreres“ Gebäude für die Dokumentation errichtet. Seit 2010 steht es dem Besucher zur Verfügung. Von hier aus kann man die freigelegten Fundamente der Gestapo-Zentrale besichtigen und einen Rundgang machen, der auch die Mauerreste in der Niederkirchnerstraße miteinbezieht. Die „Topographie des Terrors“ gehört mittlerweile zu den wichtigsten, touristischen Anlaufpunkten für Berlin-Besucher und fehlt selten bei größer angelegten Stadtrundfahrten und -rundgängen.

An den schönen Barockgarten des Barons Vernezobre de Laurieux und das von Schinkel einst mitgestaltete Palais erinnert aber nichts mehr. Die Geschichte von SD und Gestapo, von Figuren wie Reinhard Heydrich und seinen Schergen überlagert an dieser Stelle alles. Wie der „Spiegel“ einst sagte: „verflucht“.

Reihe „Stadtpalais“ in Berlin und Brandenburg:

Teil 1: Das Palais des Prinzen Heinrich in Spandau,
Teil 2: Das Palais des Prinzen Carl in Berlin

Bilder:

  1. Titelbild: Palais um 1837: Von Unbekannt – Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18167991
  2. Anna-Amalie: Von Antoine Pesne – Unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1094789
  3. Prinz-Albrecht: Von Unbekannt – [1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2346650
  4. von mir, (c) by Clemens Kurz, 2016

Quellen:

  1. Laurenz Demps, „Berlin – Wilhelmstraße“, Verl. Ch. Links, Berlin, 4. Auflage, 2010.
  2. wikipedia
  3. „Kreuzberger Chronik“, 2003

Verschollene Orte: der Anhalter Bahnhof

Der „Anhalter Bahnhof“ am Askanischen Platz in Berlin war einst das „Tor zur Welt“ und erster Eindruck ankommender Reisender von Berlin zugleich. In unmittelbarer Nähe zur Berliner City gelegen, entwickelte sich der Anhalter im Laufe der Zeit zum verkehrsreichsten der Berliner Kopf-Bahnhöfe. Seine Dimensionen und sein opulentes Dekor beeindruckten und waren repräsentativ zugleich. Wie so vieles überstand der Bahnhof die Bombenteppiche des Zweiten Weltkrieges nur schwer beschädigt. Und über den Rest möchte man eigentlich schweigen…

Welche Bedeutung das Aufkommen der Bahn für den Güter- und Personenverkehr hatte, können wir heute kaum noch erahnen. Die Bahn ist zwar noch immer ein beliebtes Transportmittel, aber durch diverse „huch, im Winter fällt Schnee“ – Skandale um ausfallende Heizungen, oder sonstige Probleme beim Einhalten ihres eigenen Fahrplanes, hat das Image der Bahn in den letzten Jahrzehnten doch etwas gelitten.
Wie auch immer: Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Transport tiefgehend und die Gewichte verschoben sich schnell. Behielt die Binnenschifffahrt dabei ihre Bedeutung zunächst weitgehend bei, so übernahm die Eisenbahn doch schrittweise den Verkehr auf Mittel- und Fernstrecken von den Ochsenkarren und Pferdekutschen.

Der Bahnverkehr in der Hauptstadt Berlin wurde dabei von sog. „Kopfbahnhöfen“ übernommen. Das Konzept eines einzigen „Kreuzungsbahnhofes“ als Hauptbahnhof (oder überhaupt eines einzigen Hauptbahnhofes) ist in Berlin ein „Nachwendeprodukt“ und somit noch verhältnismäßig jung an Jahren. Die Umgestaltung des ehemaligen „Lehrter Bahnhofes“ zum Hauptbahnhof hat also kein historisches Vorbild und über die x-beliebige Optik dieses heutigen „Zentralbahnhofes“ will ich gar nicht erst anfangen, nachzudenken.

Franz Schwechtens Siegerentwurf für den Bahnhof 1871/74
Franz Schwechtens Siegerentwurf für den Bahnhof 1871/74

Der Anhalter jedenfalls war anders. Er folgte einem Vorgängerbau von 1841 und wurde  1880 sowohl vom Eisenbahnskeptiker Bismarck als auch vom Kaiser Wilhelm selbst eröffnet. Letzterer soll bei dieser Gelegenheit das „Zeitalter der Bahn“ ausgerufen haben und wäre damit schon zu diesem Zeitpunkt sicher zu spät drangewesen, weil das Zeitalter der Schienenwege bereits im vollen Lauf war.

Schon die Dimensionen der Bahnhofshalle waren für damalige Verhältnisse großzügig. 34 m Höhe und 62 m Länge waren damals üppig. Vom „Anhalter“ aus, der seinen Namen der einstigen Berlin-Anhaltischen Eisenbahn verdankte, begaben sich Reisende bevorzugt nach Dresden (ab 1882), nach Leipzig und Frankfurt/Main, Wien oder Budapest, nach Rom, Marseille oder Athen. Vom Januar 1916 bis Kriegsende 1918 startete hier sogar der sog. „Balkanzug“, der als Ersatz für den nicht mehr verkehrenden „Orientexpress“ gedacht war. Endstation des Balkanzuges war Istanbul.

dsci2863_compressedStaatsgäste wurden ebenfalls am „Anhalter“ empfangen. So traf z. Bsp. am 21. Mai 1913 der Zar Nikolaus II. hier in Berlin ein. Die Umgegend des Askanischen Platzes und des Bahnhofes musste also „schick“ sein und bleiben. Kein Wunder, dass also noch zu Kaisers Zeiten hier ein „Business-Hotel“ der gehobenen Kategorie namens „Excelsior“ gebaut wurde. Auf eigene Kosten ließen es die Eigentümer des Hotels 1928 mit dem gegenüberliegenden Bahnhof durch einen 100 m langen, unterirdischen Fußgängertunnel verbinden.

Der Zweite Weltkrieg hat die Umgegend des Askanischen Platzes massiv getroffen. Bahnhof, Excelsior und andere Bauten wurden schwer beschädigt. Später abgerissen. Um den Bahnhof gab es diesbezüglich die ein oder andere Kontroverse, da er sowohl schon seit den 30er Jahren unter Denkmalschutz stand, als auch von Fachleuten als „wiederaufbaufähig“ eingeschätzt wurde. Eine Bewertung, die sich während des Abrisses in den 50er Jahren bestätigen sollte, da die noch stehenden Seitenwände der Bahnhofshalle und Teile des Portikus einer „unsachgemäßen“ Sprengung zunächst widerstanden.

dsci2877_compressedAls Erinnerung und Würdigung ist deshalb ein kleiner Teil des Portikus erhalten geblieben, der von 2003 – 2005 saniert wurde. Die auf diesem, zu beiden Seiten der ehemaligen Uhr, angebrachten allegorischen Figuren „Tag“ und „Nacht“ befinden sich heute als Originale im Deutschen Technikmuseum Berlin, welches sich interessanterweise z. T. auf dem Gelände des Bahnbetriebswerkes des ehemaligen „Anhalters“ südlich des Landwehrkanals befindet. Abgüsse der beiden Figuren sind jedenfalls noch immer auf der Ruine zu sehen. Im besagten Technikmuseum findet sich übrigens auch ein hübsches, kleines Modell des „Anhalters“ im Maßstab 1:87, von dem aus eine Modelleisenbahnstrecke betrieben wird.

Einziges Überbleibsel des Anhalter Bahnhofes ist ansonsten nur ein unterirdischer S-Bahnhof gleichen Namens, der seit 1939 den Fernbahnhof mit dem Berliner Nahverkehr verband. Bis auf das Foto des Portikusrestes stammen übrigens alle Bilder dieses Beitrages aus der Vorhalle dieses S-Bahnhofes, in der mittels großen Bildern an den „überirdischen Anhalter“ erinnert wird.

Anmerkung: Es gäbe noch viel mehr Geschichten vom „Anhalter“ zu erzählen. Z. Bsp. davon, dass der Excelsior-Tunnel in den 80er Jahren dann bei Straßenbauarbeiten eingerissen und zugeschüttet wurde. Insofern erhebt meine kleine Erinnerung an den Anhalter Bahnhof keinen Anspruch auf Vollständigkeit ! 🙂

Noch eine Anmerkung: ich denke gerade darüber nach, ob und inwiefern die diversen Hotels für Geschäftsleute, welche derzeit am „Hauptbahnhof“ entstehen (oder schon entstanden sind), mit dem alten „Excelsior“ vergleichbar sind. Solche Kurzzeit-Obdachstätten für alle, die nicht länger in der Stadt bleiben, scheinen ja Tradition zu haben. Optisch sind die rund um „Washingtonplatz“ und Hauptbahnhof entstandenen Absteigen jedenfalls kein Genuss. Da hatte das Excelsior einst immerhin mehr zu bieten…

Verschollene Orte: der Flugplatz Staaken

Berlin und die Luftfahrt. Das ist eine Geschichte für sich und bestimmt haben Historiker darüber schon viele Bücher verfasst. Innerhalb der Stadtmauern gibt es bis heute nur noch einen, betriebsbereiten Flughafen: Tegel. Und auch diesen nur, bis die „neverending story“ in Schönefeld doch noch einen guten Abschluss findet. Aber die Geschichte der Stadt hält mehr Flugplätze bereit…

Schon vor einigen Monaten brachte ich hier in den Blog einen Beitrag über das älteste, Berliner Flugfeld ein, den ehemaligen Flugplatz Johannisthal. Aber Berlin und die unmittelbare Umgebung haben noch viel mehr verlassene Orte der Luftfahrtgeschichte zu bieten. Der vielleicht prominenteste, weil noch bis 2008 in Betrieb befindliche, ist wohl das heutige „Tempelhofer Feld“, der ehemalige Flughafen Tempelhof THF.

Vergessen hingegen ist der Flugplatz Staaken am westlichen Stadtrand Berlins. So gut wie nichts findet sich noch von den Anlagen des Flugfeldes. Das Rollfeld ist heute ein „Solarpark“ und nur eine kleine Straße namens „Am Zeppelinpark“ erinnert an die Existenz des Staakener Flugplatzes. Der aber eine interessante Geschichte hatte, weshalb ich hier mal ein paar Eckpunkte erwähnen möchte.

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges wurde dem Militär klar, dass man in Potsdam, Gotha und Friedrichshafen nicht genügend militärische Zeppeline bauen kann und so wird von der „Luftschiffbau Zeppelin GmbH“ 1915 ein Gelände südlich der sog. „Eichholzbahn“ im damals noch selbständigen Ort Staaken gekauft. Dort errichtet man zwei riesige Luftschiff-Hallen und beginnt mit der Produktion. Ein Jahr später, 1916 wird das erste Luftschiff, LZ-75, fertiggestellt und übergeben. Insgesamt werden in Staaken bis Kriegsende 12 Luftschiffe gebaut.

Zeppelin-Staaken R VI
Zeppelin-Staaken R VI

Im selben Jahr 1916 nutzt man die Kapazitäten Staakens dann auch zur Fertigung des „Zeppelin-Staaken R VI“-Langstrecken-Bombers. Ein Doppeldecker mit über 42 m Spannweite, der damit das größte Bombenflugzeug des Ersten Weltkrieges darstellt. Insgesamt 9 dieser „Giganten“ werden bis Kriegsende gefertigt. Sie flogen Einsätze in Frankreich und England. Staaken macht also (Militär-) Luftfahrtgeschichte.

Nach dem Krieg ist durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages erst einmal Schluss mit der Militärluftfahrt. Stattdessen werden in Staaken zivile Verbindungen mit Zeppelinen und Flugzeugen eingerichtet. 1922 etwa ein Liniendienst nach London. Da ist Staaken (komischerweise aber nicht das Rollfeld, das weiter im Brandenburger Landkreis Osthavelland liegt !) schon seit zwei Jahren ein Ortsteil im „Groß-Berliner“ Bezirk Spandau.

Szene aus "Metropolis"
Szene aus „Metropolis“

Ab 1923 werden dann in der noch verbliebenen Luftschiffhalle (eine musste auf Anordnung der Alliierten abgerissen werden) Filme gedreht. So hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht (was ich deswegen für plausibel halte), dass Szenen für Fritz Langs bahnbrechendes Meisterwerk „Metropolis“ in Staaken gedreht worden seien. Staaken macht also wieder Geschichte. Ab 1934 ist dann aber mit dem Drehen Schluss.

sorry für das "verfassungsfeindliche Symbol" am Querruder. Ist halt ein Originalbild.
sorry für das „verfassungsfeindliche Symbol“ am Querruder. Ist halt ein Originalbild.

Aber noch einmal macht Staaken Geschichte, denn am 10. August 1938 fliegt von Staaken aus eine Focke-Wulf 200 mit der Kennung „D-ACON“ (und dem Namen „Brandenburg“) nonstop nach New York. Die erste bodengestützte Passagiermaschine, der dies gelingt. In knapp 25 Stunden. Auf der Rückreise landet sie jedoch triumphal gefeiert…in Tempelhof. Ein Zeichen dafür, dass Tempelhof längst die Nr. 1 der Flughäfen Berlins geworden ist und Staaken letztlich nur noch Schulungsflugplatz und Servicestützpunkt ist. Witziges Detail: Die FW-200 besaß mit knapp 33 m Spannweite fast 10 m WENIGER Spannweite als eine „Zeppelin-Staaken R VI“ von 1917.

Na, und nun ist das Ende Staakens als Luftstützpunkt schnell erzählt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird Staaken aufgegeben. Die Rote Armee übernimmt die Anlage praktisch ohne Gegenwehr, kann aber aufgrund der Lage unmittelbar an der „Sektorengrenze“ zum Britischen Sektor Berlins nur wenig damit anfangen. Auch der „Gebietsaustausch“ mit den Briten, der dafür sorgt, dass die Betriebsgebäude des Flugplatzes Staaken dann komplett in die „Sowjetisch Besetzte Zone“ fallen, hilft nicht mehr viel. Gegen 1948 wird der Standort zu Gunsten anderer Flugplätze aufgegeben.

Heute erinnert, wie eingangs bemerkt, nur noch eine kleine Straße mit dem Namen „am Zeppelinpark“ an den ehemaligen Flughafen. Die Heimat der „Giganten-Bomber“, der „Metropolis-Kulissen“ und der Zeppelin-Haltetürme ist aber tatsächlich „verschollen“. Tempus fugit.

Verschollenes Berlin: die „Berolina“ am Alex

Ja, eigentlich müsste ich eine neue Rubrik aufmachen, denn die Statue der „Berolina“ ist ja wohl eher eine verschollene „Sache“ und weniger ein Ort. Aber egal, sie ist tatsächlich unter geheimniskrämerischen Umständen verschwunden und somit eine stadthistorische „Legende“ geworden.

Die Allegorie auf Berlin, die in „Neulatein“ (Marke: „Borussia“ für Preußen, davon profitieren heute noch diverse Fussballvereine) benannte „Berolina“, wurde im 19. Jahrhundert in Form einer Statue materialisiert. Anlässlich des Besuches des Italienischen Königs Umberto I. ließ man 1889 am Potsdamer Platz eine Statue der Berolina aus Gips aufstellen. Emil Hundrieser wurde dafür als Bildhauer gewonnen.

BEROLINA2Offensichtlich muss diese reine Schmuck-Statue ohne geplanten, dauerhaften Wert den Zeitgenossen so gut gefallen haben, dass man Hundrieser später auch damit beauftragte, eine dauerhafte, aus Kupfer getriebene Berolina zu schaffen. Das Ergebnis war eine ca. 1 Tonne schwere und 7,55 m hohe Statue, die auf einem Granit-Sockel stand, der nochmal einige Tonnen wog und immerhin auch 6,25 m Höhe besaß. Das Standbild zeigt eine kräftige, junge Dame, wehrhaft in ein Kettenhemd gehüllt und mit einem Eichenkranz und einer Mauerkrone auf dem Haupt, deren linker Arm halberhoben lässig von sich fort weist. Dafür soll die 26-jährige, ehemalige Blumenverkäuferin Anna Sasse dem Künstler Modell gestanden haben. Am 01. Dezember 1895 (andere Quellen sprechen vom 17. Dezember) wurde die Berolina vor dem Haus „Alexanderstraße 70“ in der Berliner Stadtmitte enthüllt. Später, nämlich 1905, wurde unmittelbar hinter dem Standbild das Kaufhaus Tietz errichtet.

Alexanderplatz 1905 mit neueröffnetem Kaufhaus Tietz (links)
Alexanderplatz 1905 mit neueröffnetem Kaufhaus Tietz (links)

Als nach dem Ersten Weltkriege Pläne aufkamen, den Alexanderplatz zu einem noch größeren Verkehrsknotenpunkt umzugestalten und dafür mehrere U-Bahnlinien hierher zu führen, geriet die Berolina in Nöte. Denn der Umgestaltungsplan für den „überirdischen“ Alexanderplatz, welcher u. a. auch die Errichtung des „Alexanderhauses“ und des „Berolinahauses“ in Bahnhofsnähe nach sich zog, sah ausgerechnet an ihrem Standort einen U-Bahnausgang vor. Der Magistrat Berlins wollte daraufhin das „wilhelministische“ (wie sich Geschichte manchmal wiederholt, aber das sehen wir später noch) Denkmal komplett entsorgen. Weg mit den Symbolen der Kaiserzeit ! 1927 wurde sie tatsächlich abgebaut. Von den Medien begleitete Proteste vieler Berliner jedoch führten dazu, dass die Berolina am Ende nur ein wenig „umzog“ und einen neuen, scheinbar „zeitgemäßeren“ Basalt- und Betonsockel erhielt, als sie am 10. Dezember 1933 erneut enthüllt wurde. Vor dem Alexanderhaus stand sie dann ungefähr dort, wo sich heute die „Weltzeituhr“ befindet (siehe Foto oben).

Im Zweiten Weltkrieg wurden später ja viele Denkmäler abgebaut, um für ihren reinen Metallwert eingeschmolzen zu werden. Ich habe beim Thema des Reiterstandbilds Kaiser Wilhelms I. in Spandau schon einmal darauf hingewiesen. In diesem Zusammenhang geriet auch die Berolina ins Visier der „Wertstoffsammler“. Als die Berliner davon „Wind bekamen“ wurden sie trotz NS-Diktatur und Krieg sauer. Proteste standen zu erwarten. Deshalb wurde die Berolina dann „bei Nacht und Nebel“ mehr oder minder heimlich, so sehr das an einem zentralen Ort wie dem Alexanderplatz überhaupt möglich ist, abgebaut und zersägt. Wann genau, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Irgendwann 1943 oder 1944. Von nun an verliert sich die Spur von Hundriesers Statue. Ihr Sockel wurde 1958 ebenfalls abgebaut und es gibt nur Vermutungen, wo sich dieser heute befinden könnte.

Die beiden in etwa identischen Bauten des Architekten Peter Behrens (1868-1940), das Berolinahaus (rechts) und das Alexanderhaus (links) entstanden zu Beginn der 30er Jahre im Zuge der Umgestaltung des Alexanderplatzes. Beide Bauten, Stahlskelettbauten nach amerikanischem Vorbild im Stil des Bauhauses errichtet, wurden nach der Wende umfassend renoviert und entsprechend den Vorgaben des Denkmalschutzes erneuert. Im Hintergrund hinter der S-Bahn-Trasse das Kaufhaus Wertheim und das rote Rathaus. Ganz links ist die "Berolina" Statue zu erkennen, die als Wahrzeichen der und symbolische Allegorie der Stadt Berlin gilt. Das etwas ungeschlachte Denkmal war zunächst für einen Staatsempfang in Gips ausgeführt worden, es folgte eine neuere Ausführung in getriebenem Kuopfer. Diese wurde zum Ende des Krieges eingeschmolzen.
Alexanderplatz 1934, ganz links die Berolina,

Aber ein rühriger Verein, der sich für eine Neu-Errichtung der Berolina einsetzt, wurde im Jahre 2000 gegründet. Er drängte zunächst darauf, die Berolina nahe ihrem ursprünglichen Ort wiederaufzustellen, nachdem man sie neu gegossen hätte. Dafür wurden Spenden gesammelt und Freunde geworben. Die Senatsverwaltungen für Bauwesen und für Stadtentwicklung haben aber die Berolina komplett aus den Planungen für den Alexanderplatz und Umgebung herausgelassen. Angeblich aus „städtebaulichen Gründen“. Na, wir kennen das ja schon aus den Zwanziger Jahren. „Nieder mit dem Wilhelminismus !“ und insofern darf man mit einigem Recht darüber spekulieren, dass das alte Symbol der Stadt einfach nicht mehr ins neue (Welt-?) Bild der Politiker hineinpasst, die hier den Planungsrahmen vorgeben. Und diesmal ist außer den wenigen Aktivisten des besagten Fördervereins auch niemand mehr da, der protestiert.

So hat Berlin also kein Identifikationsbild auf seine Geschichte, auf seine Wehrhaftigkeit, das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Bürger und seine Unabhängigkeit mehr. Das im Jahre 2002 bewusst als Gegenbild zur alten Berolina geschaffene und am Hausvogteiplatz aufgestellte Kunstwerk, taugt dazu m. E. n. nicht, zumal es auch eher einen Bezug zum „Berolina-Haus“ herstellt, als an die Tradition der alten Berolina anzuknüpfen.

Man hofft bei dem Verein allerdings darauf, dass sich irgendwo im Stadtgebiet, jenseits der Senatsplanungen ein neuer Ort finden wird, an dem man eine neue, „klassische“ Berolina aufstellen kann. Die Hoffnung stirbt wohl zuletzt.