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Quer durch Berlin auf der Spree – Köpenick und sein Hauptmann

Berlin vom Wasser gesehen. Immer wieder beliebt. Bei schönem Wetter immer wieder eine Freude. Wenn man dann noch von Spandau nach Köpenick und zurück „schippern“ kann, bekommt man einiges zu sehen. Was könnte als Auftakt meiner Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“ also zwangloser sein ? Ein Besuch beim „Hauptmann von Köpenick“ als leichter Einstieg in ein schweres Thema. 

100 Jahre ist es her, dass die letzte, deutsche Monarchie sich auflöste. Meine Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“ befasst sich deshalb mit dieser ein wenig stiefmütterlich behandelten Epoche deutscher Geschichte. Trocken ? Langweilig ? Nicht mit mir ! Also fing ich mal mit dem sicher allgemein bekannten „Hauptmann“ in Köpenick an. Und wenn man dann noch bei schönem Wetter über die Spree „dampfern“ kann, wie sollte ein Anfang des Themas unterhaltsamer und angenehmer daherkommen ?

Ich gestehe: der „Hauptmann“ von Köpenick hinterlässt bei mir schon länger einen zwiespältigen Eindruck. Die ganze „Tränenzieher-Geschichte“ des vom rigiden Kastensystem der Kaiserzeit „Ausgespuckten“, armen Schusters, der sich trickreich verschafft, was ihm zusteht, erscheint viel zu sehr eine gefällige Legende zu sein, als dass sie einem genaueren Hinsehen standhielte. Und so ist es auch. Das, was wir als „Köpenickiade“ im Kopf haben, ist zum guten Teile eher dem Schriftsteller Carl Zuckmayer geschuldet, als den Fakten. Zuckmayer, der geschickt und detailreich in seinem Theaterstück das Bild des geläuterten Kriminellen schildert, der von allerlei Bürokratie an der Resozialisierung gehindert wird, gestaltet diesen Charakter vor dem Hintergrund eines militaristischen, unmenschlichen Systems des Kaiserreiches, welches dem „einfachen Manne“ keine Chance ließ, sich erfolgreich einzugliedern.

Zwar ist diese Betrachtung nicht völlig falsch, vieles, was Zuckmayer uns beschreibt ist einfach faktisch und kann leicht anhand von Quellen nachvollzogen werden. Dennoch ist es nur ein Teil der „Wahrheit“ über das kurzlebige Kaiserreich der Hohenzollern. Das hier auszuführen, würde diesen Beitrag unnötig verlängern. Wer auf dem Ausflug dabei war, dem habe ich meine Argumente ja auch ausgeführt. An dieser Stelle soll es mal ausreichen, zu betonen, dass uns Zuckmayer und die folgenden Verfilmungen seines Theaterstückes, mit so renommierten Darstellern wie Heinz Rühmann oder Harald Juhnke in der Titelrolle, ein stark „gefiltertes“ Bild der Kaiserzeit vermitteln. Ganz sicher auch ein gefiltertes Bild von Friedrich-Wilhelm Voigt, einem Manne, der schon im zarten Alter von 14 Jahren erstmalig straffällig wurde und letztlich eine lange „Karriere“ im Strafvollzug hinter sich hatte, bevor er das Rathaus von Köpenick besetzen ließ. „Opfer der Umstände“ ? Ja, teilweise, aber eben nicht ausschließlich. Auch hier muss präzise und mit Augenmaß differenziert werden, wie so oft beim „Blick zurück“ in die Geschichte.

Wie gesagt, darauf habe ich während unseres kurzen Spaziergangs durch die Köpenicker Altstadt ja schon hingewiesen, Details erübrigen sich dazu an dieser Stelle also. Stattdessen werde ich ein paar Eindrücke von der „Dampferfahrt“ an sich hier ventilieren:

  1. Baukräne, wohin man sieht

    Berlin sollte sein Wappen ändern. Allgegenwärtig im Stadtbild ist schlicht und ergreifend weniger der Bär, als vielmehr der Baukran. Als Mann, der gerne „Schnappschüsse“ von seinen Ausflügen mit nach Hause bringt, knipse ich gerne in alle Richtungen und alle Motive, die mir interessant erscheinen. Bei unserer Spreefahrt fiel es mir schwer, irgendwo einen schönen Blickwinkel hinzubekommen, auf dem KEIN Baukran mit auf dem Bild erschien. So gab ich irgendwann auf und ließ die Kräne erscheinen. Ist halt Realität in Berlin. Es wird gebaut. Viel und potthässlich. Wer etwa die Umgebung des Hauptbahnhofes oder die Region am Ostbahnhof um die „Mercedes – Benz Arena“ betrachtet, könnte denken, die Fassadengestaltung bei diversen Architektenbüros würden die Vorschul- und Krabbelkinder der dortigen Angestellten übernehmen. Klötzchenbildung mit etwas Glas oder mit Schießscharten-Fenstern. Lego-Ästhetik. Einfarbig zumeist. Einem Bau-Ästheten könnten dabei kalte Schauer über den Rücken laufen. Auch wegen der oftmals gewaltigen Dimensionen solcher Bauten. Eine bewusste „Verhässlichung“ Berlins ist im vollen Gange, ein Bauen ohne Rücksicht auf den Ort, eine De-Lokalisierung, die dazu führt, dass manche „Stadtquartiere“ jüngerer Bauart so aussehen, als könnten sie genauso in Hamburg, Frankfurt, Cottbus, Montpellier, San Bernardino oder Shanghai stehen. Man erkennt Berlin nicht wieder. Als Mann, der seine Stadt und deren Besonderheiten auch gerne mit Besuchern teilt und ihnen Berlin zeigt, möchte man ab und an einfach vor Scham im Boden versinken. Vor Peinlichkeit dessen, was dank Leuten wie der Berliner Oberbau-Direktorin Regula Lüscher, seit Jahr und Tag hier in den Märkischen Boden gerammt wird.

  2. Kraftwerk Reuter – West

    Die Berliner Spree ist letztlich in weiten Teilen kein „schöner“ Fluss. Und dies war lange Zeit auch so gewollt. Die Ansiedlung und der Weiterbetrieb von Industrie sowie die Nähe zu diversen Kraftwerken, die lange Zeit hier auch ihr Kühlwasser abzogen, hat eine mächtige Tradition. Eine Tradition, die schon in der Zeit vor der „Reichseinigung“ 1871 ihren Anfang nahm und danach noch einmal massiv beschleunigt wurde. Oberschöneweide, Adlershof, Siemensstadt…wo immer die Spree vorbeikommt, war einst auch Schwerindustrie zu finden.
    Das hat auch Auswirkungen bis heute. Letztlich sind die „fotogenen“, die „hübschen“ Abschnitte der etwa 45 km langen „Berliner“ Spree zahlenmäßig begrenzt. Die Strecke zwischen Lutherbrücke und Treptower Hafen etwa kann mit vielen, interessanten (Foto-) Motiven aufwarten, wie etwa dem Kanzleramt, der Mühlendammschleuse oder der Oberbaumbrücke. Dann wird es stromaufwärts erst wieder kurz vor Köpenick so recht interessant und später darüberhinaus ohnehin, aber so weit ging unsere Fahrt an diesem Tage eben nicht.

  3. „Wappen von Spandau“

    Ein ehrlicher Dank an die Reederei, die uns an diesem Tage durch die Stadt schipperte. Ich werde ihren Namen nicht nennen, um keine „Schleichwerbung“ zu machen, nur den des fast noch „nagelneuen“ Schiffes, welches sie dafür einsetzte, erwähne ich mal: „Wappen von Spandau“. Erst im April in Dienst genommen. Doppelt so viele Toiletten, wie üblich…wer Stunden auf dem Schiff verbringt, weiß das zu schätzen, :-). Die Dieselmotoren hatten auch ordentlich „Druck“, wenn es mal gegen Strömungen anging. Dass die Farben Schwarz-Rot-Gold am Heck wehten, wusste ich „böser, alter, weißer, nationalistischer Mann“ auch zu schätzen in einem Land, dessen Fußballer diese Farben gerade von ihren Trikots verbannt haben.
    Die Getränke waren teuer, aber superkalt. Ein „live – Moderator“ erzählte selbst mir erfahrenem cityguide noch einige Dinge, die selbst ich nicht gewusst hatte. Leider funktionierte die Lautsprecheranlage auf dem hinteren Oberdeck nicht gut und auch die fröhlich dahinquasselnde Damenrunde am Nachbartisch überdeckte manch interessante Info des Sprechers.
    Dankbar bin ich für die Hinweise, wann eine Brücke sehr flach über unsere Köpfe hinwegging, damit wir rechtzeitig die Köpfe einziehen konnten. Stichwort: „Jannowitzbrücke“. Auch hier ein Dankeschön an die freundlichen Mitarbeiter der Reederei !

Uniformrock des „Hauptmanns“ in Köpenick

Fazit: Vergnüglich gings zu auf dem ersten Ausflug der Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“. Das Wetter war gnädig, die schwüle Hitze der vorangegangen Tage war abgezogen und die Sonne beschenkte uns mit schönen Ansichten der Stadt. Dem „Hauptmann von Köpenick“ konnten wir uns direkt „vor Ort“ widmen. Seine Uniform sehen und den Tresor, den er ausräumen ließ. Das Köpenicker Heimatmuseum hat dazu nämlich im Rathaus zwei Informationsräume eingerichtet, die man kostenfrei an jedem Öffnungstag besichtigen kann. Ich denke, es war ein guter Anfang für das Thema. Nicht zuviel trockenes „Blabla“, stattdessen viel entspanntes Dahindampfern auf der Spree und nette Gespräche. Zu denen sich auch noch ein „Zufallsbesucher“ aus den Reihen der anderen Gäste gesellte, der über die Hohenzollern mehr Anekdoten kannte, als sogar ich.

Weiter gehts dann bald mit einem Spaziergang durch den Park Babelsberg. Auch dort wieder halten wir kurz die Zeit an und widmen uns dem „Rad der Geschichte“, welches hier ins Rollen kam. An einer höchst profanen Stelle sogar, aber mehr dazu, sobald es losgeht. Bitte schauen Sie demnächst wieder auf der „Termine“-Seite vorbei, wo ich wie immer die Details bekanntgeben werde. 🙂

Bis bald also wieder Ihr

Clemens Kurz

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Museumsfest 2018 in Karlshorst

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kann ich es ja gestehen: der Achte Mai ist meist ein schöner Tag für mich. Frühling liegt in der Luft und das „Deutsch-Russische Museum Karlshorst“ in Berlin feiert sein Museumsfest. Aus gegebenem Anlass, natürlich. Denn hier endete am 08. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa. Ein Freund erinnerte mich in diesem Jahr rechtzeitig wieder an das Datum und so trabten wir beide denn wieder nach Karlshorst, um beim Museumsfest anlässlich des Achten Mai mit dabei zu sein. 

Hof des Museum. Festtag, Festwetter !

Das Programm, welches die Museumsleute von Karlshorst dort auf die Beine stellen, gefällt mir eigentlich immer recht gut. Es ist nicht zu „rummelig“ oder aufgeblasen. Der Anlass verbietet das m. E. n. auch von selbst. Der Garten hinter dem Museumsgebäude wurde mit Zelten gefüllt. Einige davon boten Informationen an, wie etwa der Verein „Zeitreise Seelower Höhen e. V.“, der im Oderbruch ein ganzes Bündel an hochinformativen Ausflügen anbietet. Wer sich noch an unseren Ausflug vom April erinnert, wird wissen, was ich meine. Andere Vereine informierten über ihre Arbeit, es gab einen Büchertisch und natürlich war auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Ein „SU-100“ Jagdpanzer aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, dessen Inneres seit Jahren schrittweise konserviert wurde, konnte wieder von innen besichtigt werden, was ja sonst nicht so oft möglich ist und die kostenlosen Führungen durch die Dauerausstellung des Hauses boten wieder viel Informationen und Anregungen zum Nachdenken.

Friedensgottesdienst am 08. Mai

Überhaupt war das „nie wieder“ von Krieg, Vertreibung, Gewalt und Massenmord der Rote Faden, der sich durch Vorträge, Gespräche und sogar Gebete zog. Denn das Museum hat an diesem Tag auch traditionell einen ökumenischen Friedensgottesdienst auf dem Programm, den ich persönlich mir nie entgehen lasse. Dass in diesem Jahr beinahe demonstrativ ein russisch-orthodoxer Geistlicher dabei fehlte, wurde vom Museumsdirektor Jörg Morré, mit dem ich ein kurzes Gespräch unter vier Augen führen konnte, damit begründet, dass die russisch-orthodoxe Kirche derzeit mit der Ökumene größere Schwierigkeiten habe. Nun, ja, meinen Informationen nach hat die allzugroße Verweltlichung der „Westkirchen“ den Orthodoxen der „Ostkirchen“ auch wenig anderes übrig gelassen, aber das sei mal dahingestellt, es ist nicht Thema dieses Beitrages. Auch die Ironie, dass beim Gottesdienst Friedensgebete unterhalb der Kanone eines Kampfpanzers, eines Instruments des Krieges, gesprochen werden, entgeht dem Beobachter natürlich nicht (s. Foto oben).

Auch die fast schon „obligatorische“ Kundgebung von Rechtsextremisten, die aus irgendeinem Grund dieses Fest seit Jahren von draußen auf der Straße zu stören versuchten, fiel diesmal möglicherweise dem schönen Wetter zum Opfer. Auch Neonazis gehen am 08. Mai bei strahlendem Sonnenschein vielleicht mal lieber zum Baden, wer weiß das schon. Möglicherweise gab es auch keine Genehmigung für eine Kundgebung wie im letzten Jahr. Gefehlt haben die Krakehler jedenfalls niemandem der Anwesenden. Mir ganz sicher auch nicht.

Soweit zu den erfreulichen Aspekten des Museumsfestes 2018 in Berlin-Karlshorst. Leider beschlich mich in diesem Jahr stärker als in der Vergangenheit auch ein mulmiges Gefühl an diesem Ort, das am Ende des Tages einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterließ. Schon bei der Eröffnung des Festes, bei der u. a. der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Herr Sergej Netschajew, zugegen war, gab es m. E. n. den ein oder anderen kommentierenswerten Vorfall. So sprach ein Vertreter der „Veteranen der Westgruppe der Streitkräfte der Roten Armee“ uns alle gleich mal pauschal als „Genossen“ an. Was in mir die Erinnerung daran weckte, dass dieser sicherlich hochverdiente Offizier einst Truppen kommandierte, die meinem Land, der Bundesrepublik Deutschland, bei entsprechendem Befehl den Garaus gemacht hätten. Die mich, meine Freunde, Bekannten und Verwandten allesamt unter dem Rasseln von Panzerketten dem Staatssozialismus unterworfen hätten. Auch die Bilder vom 17. Juni 1953 erschienen wieder vor meinem geistigen Auge, bei denen T-34s der Roten Armee wie etwa der im Museum zu sehende den Volksprotest plattwalzten. Dazu finde ich im Museum übrigens auch nichts mehr. Hm. Mein Freund bemerkte dazu, dass der gerade erwähnte Veteran halt schon ein älterer Herr sei und das mit den „Genossen“ nicht besser wisse. Er hat natürlich Recht. Dennoch bleibt bei mir das mulmige Gefühl zurück.

Aber das ist natürlich „Schnee von Gestern“, ebenso wie der Heldenkult um Marschall Schukow, der aber durch das Geschenk einer staatlichen, russischen Kulturorganisation (eine Büste von Schukow mit Mütze, eine „ohne Mütze“ hatten wir schon mal im Museum) ein wenig penetrant wieder zutage trat. Sorry, aber wir Deutschen haben spätestens seit 1945 ein gestörtes Verhältnis zu militärischen „Helden“. Vielleicht mehr zu unseren eigenen, als denen der „Sieger“, aber dennoch. Ohne der Tatsache, dass Georgij K. Schukow sicherlich der militärisch fähigste Marschall der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg war, zu nahe treten zu wollen: ihn aber permanent als „Marschall des Sieges“ zu titulieren, wie es wohl in Russland üblich ist, hinterlässt Fragen.

Z. Bsp. die im Museum konsequent ausgeblendete Frage, ob nicht der Sieg von Schukows Truppen in seiner Konsequenz nur dafür sorgte, dass das abscheuliche Hitler-Regime in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) durch den brutalen und intoleranten Stalinismus abgelöst wurde. Eine „Befreiung“ zweifelhafter Natur, wie ich auch bei Besuchen im Treptower Park immer mal wieder Freunden und Besuchern klarzumachen versuche, aber das gehört jetzt nicht hierher.

Auch andere Fragen werden im Museum kleingehalten oder durch das permanente, manchmal unnötig emotional konnotierte Fokussieren auf deutsche Kriegsverbrechen überlagert. Selbst einer der sehr guten Museumsführer gab zu, dass auch ihm bewusst ist, wie sehr der Hitler-Stalin-Pakt für Deutschland den Startschuss für den Angriff auf Polen gab, während er der Sowjetunion Zeit verschaffen sollte, um die während der Schauprozesse der Dreißiger Jahre „geköpfte“ Rote Armee wieder mit fähigen Führungsoffizieren zu versehen. Gegen wen hätte Stalin diese neue, Rote Armee dann aber wohl in Bewegung gesetzt ? Gegen Finnland ? Japan ? Oder stimmt die in englischsprachigen Ländern lange Zeit aufrechterhaltene These, dass die im Hitler-Stalin-Pakt festgeschriebene Abgrenzung der Osteuropäischen Interessenssphären zwischen den zwei Diktaturen auch von Stalin nur als „vorläufig“ angesehen wurde ? Haben die Westmächte jemals darüber nachgedacht, dass sie später einem Manne, der Ostpolen von Hitlers Gnaden annektiert hatte („Katyn“ sei als Stichwort mal genannt. Ein Begriff der noch heute polnisches Misstrauen gegenüber Russland begründet.), die Hand gaben ? Teufel mit dem Beelzebub austreiben ?

SU-100 Jagdpanzer der Roten Armee

Alles Fragen, die m. E. n. in der historischen Forschung legitim sind und die an einem Ort der Forschung und Geschichte durchaus ihre Berechtigung hätten. Auch Fragen, die eine Versachlichung des Dialogs deutscher und russischer Historiker befördern könnten, vielleicht und gerade wenn dazu unterschiedliche Ansichten bestünden. Nur im Gedankenaustausch eines Spannungsfeldes kann fruchtbarer Dialog entstehen, wenn hingegen Zweie derselben Meinung sind, herrscht üblicherweise Langeweile.
Leider reflektiert das Deutsch-Russische Museum, spätestens seit der Umgestaltung der Dauerausstellung im Jahre 2012 solche kritischen Fragen nicht mehr, sondern fokussiert sich auffällig auf deutsche Kriegsverbrechen, den Holocaust und ein m. E. n. pauschales und unreflektiertes Diskreditieren der deutschen Wehrmacht.

Deshalb mein Fazit zu diesem Achten Mai und zum Museum im Jetztzustand:
Das Deutsch-Russische Museum ist immer mehr zum rein Russischen Museum geworden. „Genossen“ bejubeln den „Marschall des Sieges“ Schukow, feiern unkritisch die Rote Armee (wobei sie Kriegsverbrechen von dieser Seite konsequent ausblenden oder mit NS-Verbrechen „gegenrechnen“) oder machen Sonderausstellungen zu deren „Jubiläum“ usw. Das mag im Streitkräftemuseum zu Moskau so üblich und „normal“ sein. Ob das aber auch hierzulande so sein muss, könnte durchaus mal diskutiert werden, finde ich. Auch und gerade an einem Ort, der beiden Völkern und dem Frieden zwischen ihnen gewidmet ist.

 

P.S.: Ein paar ungeordnete Gedanken in diesem Kontext; sie gehören nicht mehr zum Artikel und und dürfen also gerne auch ignoriert werden…
Überhaupt leidet die „Gedenkkultur“ bei uns noch immer daran, dass sie nach 1945 nur den Blickwinkel der Sieger einnehmen durfte und dies bis heute tut. Die letztlich sinnlosen Leiden des einfachen „Landsers“ oder der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg dürfen und durften lange Zeit gar nicht diskutiert werden und stehen auch heute noch immer unter dem „aber Nazi-Deutschland hat ja den Krieg begonnen“-Vorbehalt. Eine Tatsache, die ja nun wirklich kein ernsthafter Historiker bestreitet, die aber weder alliierte Kriegsverbrechen rechtfertigt oder relativiert (sie wollten ja die „Besseren“ sein und Europa von solchem Unwesen befreien) noch die Trauer um die deutschen Gefallenen und Kriegsopfer ausschließen sollte. Selbst sowjetische Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ sollen ja bei Besuchen in Seelow in den 60er und 70er Jahren schon mal ganz sachlich gefragt haben, wo denn die deutschen Gefallenen zu finden seien. Sie waren dann verwundert, wenn sie keine oder nur herumgedruckste Antworten bekamen. Bezeichnend, bis heute.
Mit anderen Worten: Der sachliche, beschreibende Blick auf die Ereignisse des Zwanzigsten Jahrhunderts macht, m. E. n. das Schreckliche der Ereignisse deutlicher, als der mittlerweile übliche hochemotionale, politisch instrumentalisierte und überfrachtete Ansatz, der allzusehr nach Selbstgerechtigkeit und rückblickendem Hochmut riecht. Wer weiß schon, wie er oder sie unter den Bedingungen der Faschismen, Sozialismen und sonstiger „-ismen“ gehandelt hätte ? Hätte man wirklich unter konkretem Verfolgungsdruck seine Menschlichkeit bewahrt und kann sich deshalb das Recht herausnehmen, verachtungsvoll auf die Vorfahren zurückblicken ? Ich zumindest maße mir diese Beurteilung für mich selbst nicht an. Der weitgehend unkritische Blick auf die „Helden“ der Roten Armee befriedigt mein Bedürfnis nach Wahrheit aber auch nicht. Wie immer liegt der beste Weg vermutlich in einer Art von Kompromiss.

Gedenkstätte Seelower Höhen – Ausflug zur Oder

Lange hatte ich es angekündigt, einmal sogar schon gesundheitsbedingt abgesagt, aber endlich machte sich unser kleines Grüppchen auf, die „Gedenkstätte Seelower Höhen“ im Landkreis Märkisch-Oderland zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein und erfrischendem Wind kraxelten wir die Seelower Höhen hinauf, um an diesem einzigartigen Ort der Ereignisse vom April 1945 zu gedenken.

Die Gedenkstätte Seelower Höhen markiert ein trauriges Ereignis der Geschichte. Hier im Oderland, nördlich und südlich der damaligen „Reichsstraße 1“ wurde die letzte, großflächige Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden ausgefochten. Hier erreichte die Rote Armee den entscheidenden Durchbruch auf dem Weg nach Berlin. Hier starben zehntausende Soldaten beider Seiten in einem längst zu Gunsten der Sowjetunion entschiedenen Konflikt.

Das kann selbst Daueroptimisten am „homo sapiens“ zweifeln lassen. Die Fähigkeit der Menschen, ihren Artgenossen unsägliche Dinge anzutun, ist scheinbar grenzenlos. Ehrenwerte Motive werden schnell verbogen, missbraucht und im Namen irgendwelcher „höheren Werte“ pervertiert. Gerade der hochmotivierte Idealist kann für schreckliche Dinge ausgenutzt werden. Das sollte übrigens auch uns, den Nachfahren der Weltkriegsgeneration, eine Mahnung für die Gegenwart sein. Auf beiden Seiten.

Daran musste ich unweigerlich denken, als wir an einem angenehmen, nur leicht windigen, Aprilvormittag in Seelow ankamen und die Gedenkstätte dort besuchten. Und wir waren beileibe nicht die einzigen Besucher. Mehrere Gruppen absolvierten gerade ein geführtes Programm, als wir eintrafen. Sie kraxelten dabei ganz unvoreingenommen auf einem alten T-34 Panzer der Roten Armee herum, der auf dem Vorhof des Museums zu sehen ist.

Von der Roten Armee ging auch direkt nach Ende der Kampfhandlungen 1945 die Initiative aus, entlang ihrer Vormarschroute nach Berlin Soldatenfriedhöfe und Denkmale anzulegen. Ein solches stand z. Bsp. bis 2009 in Küstrin/Kostrzyn, dessen Einnahme der Roten Armee die Vorbereitung zum Sturm auf Berlin vereinfacht hatte. Das zweite dieser Denkmale ist der Soldatenfriedhof hier in Seelow, der zusammen mit dem unterhalb gelegenen Museum seit 1972 die Gedenkstätte bildet. Das dritte Denkmal finden wir an der „Straße des 17. Juni“ in Berlin, ganz in der Nähe des Reichstages.

Das kleine Museum hier in Seelow fasst auf anschauliche Art die Ereignisse des April 1945 zusammen. Im Vorführraum erwartet den Besucher ein 3-D-Modell des Kampfschauplatzes von damals. Und ein kurzer Dokumentarfilm voller originalem Filmmaterial aus dieser Zeit macht dem Besucher den Kontext und den Verlauf der Schlacht deutlich. Er hinterlässt übrigens auch den zuvor schon von mir geschilderten, bitteren Geschmack im Munde angesichts all des Hasses mit dem damals Menschen manipuliert wurden, ihren Artgenossen übelstes anzutun.

Der Soldatenfriedhof oberhalb des Museums erschien uns allen in einem erfreulich gut gepflegten Zustand zu sein. Mit Blick in Richtung Oder gelegen, können die Toten hier tatsächlich in Frieden ruhen. Allerdings, wie schon angedeutet, nur die Toten der einen Seite. Für die Gefallenen der deutschen Seite wurden erst sehr spät Gräber-Abschnitte auf dem Stadtfriedhof Seelow und im südlich von Berlin gelegenen Halbe auf dem dortigen „Waldfriedhof“ angelegt. Selbst Veteranen der Roten Armee, die Seelow besuchten, sollen schon zu DDR-Zeiten öfters erstaunt darüber gewesen sein, dass ihre ehemaligen Gegner, ganz im Geiste des „Sozialismus im Arbeiter- und Bauernparadies“ scheinbar nicht existiert hatten.

In jedem Falle regt ein Besuch hier zum Nachdenken über viele Dinge an. Etwa über die riesige Bronzeskulptur, die den Ort überragt und die aus derselben Werkstatt (Gießerei Noack aus Berlin) stammt, wie die zwei knieenden Rotarmisten-Figuren im Treptower Park. Wir jedenfalls nutzten gemeinsam diesen Ausflug zum anregenden Gespräch, natürlich auch dazu, kräftig zu fotografieren. Und so vergingen schnell ein paar, nur durch ein kurzes Picknick im Museumshof unterbrochene, Stunden hier vor Ort.

Hier lasse ich gerade den „Fachmann“ heraushängen… haha.

Dass wir den Heimweg nach Berlin dazu nutzten, einen Zwischenstopp in Frankfurt/Oder einzulegen, sei hier nur am Rande erwähnt. Das schöne Wetter lockte uns dort fast zwangsläufig in ein Eiscafé und so konnten wir, nachdem wir noch kurz über die Oderbrücke geschlendert waren, mit vielen frischen Eindrücken wieder nach Hause fahren.

In diesem Sinne: vielleicht sind Sie ja beim nächsten Mal mit dabei, wenn ich wieder in Berlin oder Brandenburg unterwegs bin. Ich werde Sie dann in jedem Falle natürlich so früh wie möglich wieder dazu einladen. 🙂 (Siehe Terminseite !)

Ihr

Clemens Kurz

P.S.: Details zur „Gedenkstätte Seelower Höhen“ wie Adresse, Öffnungszeiten und Anreisemöglichkeiten erhalten Sie bei Interesse natürlich auf deren Webauftritt. Hier:
http://www.gedenkstaette-seelower-hoehen.de/cms/

Fotos:

  • von mir, (c) 2018,
  • von A. Schildhauer, (c) 2018, used with permission

in Frieden ruhen – der Dreifaltigkeitsfriedhof II

In der Kreuzberger Bergmannstraße, hin zum „Südstern“ reihen sich vier Friedhöfe aneinander. „Friedrichswerderscher-“ oder „Luisenstädtischer-“ Friedhof kann man da lesen. Wenn man vom Südstern heranspaziert, finden wir den „Dreifaltigkeitsfriedhof“ ganz „hinten links“. Der Zweite seines Namens, denn der „erste“ davon gehört ja zu den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“. Für meine Reihe kurzer Betrachtungen bekannter, Berliner Gottesacker habe ich dann einfach mal hier mal vorbeigeschaut.

Was für ein schöner Tag ! In der Nacht zuvor hatte es ein wenig geschneit. Wie Puderzucker lag eine ganz dünne Schneeschicht über dem Gelände. Sanft knirschte es unter der Schuhsohle, wenn man die Wege zwischen den Grabstätten abschritt. Inzwischen war aber längst die Sonne herausgekommen und legte ihr „winterhartes“, tiefstehendes Licht über den Dreifaltigkeitsfriedhof, über pompöse Grabmale von Familien, die man heute kaum noch kennt und über kleine Familienbegräbnisse völlig Unbekannter.

Wie immer, wenn man auf einem Stadtspaziergang über Friedhöfe unterwegs ist, freut man sich über die relative Ruhe, die man hier vorfindet. Ein paar Vögelchen tschilpten jedoch auch schon in den Bäumen. Und das so früh im Jahr ! Die Natur hat offensichtlich ihre eigene Logik. Ich selbst würde, Mensch oder Nachfahre der Dinosaurier (ja, Vögelchen sind evolutionsgeschichtlich gesehen Nachfahren von Flugsauriern) natürlich einen Daueraufenthalt im Warmen bevorzugen.

Und die Friedhofsverwaltung macht es dem Spaziergänger diesmal ausnahmsweise einmal nicht so einfach, sich hier auf dem etwa 49.000 qm großen Friedhof zu orientieren. Findet man etwa auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“ noch Übersichtstafeln an den Eingängen, die das Wegesystem abbilden, über die Geschichte der Anlage informieren und auf sowohl hübsch gestaltete, wie auch „prominente“ Grabstätten hinweisen, so fehlt hier all dies.  So dass der Besucher gezwungen ist, sich selbst zu orientieren. Was ja auch nichts Schlechtes sein muss. Vielleicht genießt man einen Besuch hier dadurch umso mehr.

Grabstätte Schleiermacher

Aber natürlich sind auch hier einige bekannte Namen zu finden. Ich beschränke mich auf die zwei für MICH interessantesten davon. Zunächst einmal ist auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II natürlich einer der ehemaligen Pastoren der gleichnamigen Gemeinde beigesetzt. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Die Plakette auf seinem Grabstein stammt von Christian Daniel Rauch. Schleiermacher war Theologe und Mitbegründer der „Friedrich-Wilhelms-Universität“ in Berlin (heute „Humboldt-Universität“). Er begegnete mir schon auf einer Plakette an seinem ehemaligen Pfarrhaus Glinka- Ecke Taubenstraße. Welches natürlich in der Berliner Friedrichstadt liegt, durch welche ich Jahr für Jahr immer mal gerne spaziere, aber das ist ein anderes Thema. Wer bei diesen Spaziergängen dann dabeisein möchte, nimmt bitte Kontakt zu mir auf oder wartet auf die Bekanntgabe entsprechender Termine auf der Facebook-Seite und hier im Blog auf der Termine-Seite. Zurück zu Schleiermacher: dieser Mann versuchte Forschung und Wissenschaft mit dem christlichen Glauben zu versöhnen und musste sich deshalb harsche Kritik von Theologen und Wissenschaftlern gefallen lassen. Der gebürtige Breslauer fand nun also hier 1834 seine letzte Ruhe. Besser ist das auch, denn  ein Grab in seiner Geburtsstadt wäre vielleicht, wie so viele andere Ruhestätten prominenter Preußen und anderer Deutscher, nach Kriegsende eingeebnet oder geschändet worden. Man denke an das Grab des Freiherrn von Seydlitz o. ä. Fälle.

Grabstätte von Menzel

Die zweite Grabstätte, der ein versierter „Stadtspaziergänger“ natürlich seine Reverenz erweisen sollte, ist die des Malers Adolph von Menzel. Diesem Vorbereiter der Moderne wollte ich hauptsächlich einen Besuch abstatten. Was gibt es nicht alles für herzallerliebste Anekdoten über diesen Mann zu erzählen. Jeder cityguide, der etwas auf sich hält, kennt ein paar davon. Mir gefällt diejenige am Besten, bei der er mit seiner Art einen hohen Militär, den Feldmarschall Wrangel, so sehr auf die Palme bringt, dass dieser ihn eine „eklige, kleine Kröte“ nennt. Auch seine Geduld mit „Modellen“, die von ihm porträtiert werden wollten, war gleich 0. Bei seiner Beisetzung hier folgte aber gar die kaiserliche Familie dem Sarg. So sehr schätzten sie die Wirkung seiner Gemälde. Die Büste auf seiner Grabanlage ist übrigens ein Werk von Reinhold Begas.

Das Schöne an den innerstädtischen Friedhöfen ist vor allem, dass sie zumeist verkehrsgünstig zu erreichen sind. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und U-Bahnen erreicht man sie zumeist gut. Mit dem Fahrrad sowieso. Insofern steht meine Empfehlung, auch den „Dreifaltigkeitsfriedhof II“ und seinen Nachbarn den „Friedrichswerderschen“ Friedhof, zu dem ein Durchgang besteht, einmal zu besuchen. Und sei es nur, um im Schatten der Bäume ein wenig zu verschnaufen. Das leicht ansteigende Gelände, welches der Tatsache geschuldet ist, dass dort einst ein Weinberg angelegt worden war, lädt in jedem Falle dazu ein !

Zu erreichen über den U-Bahnhof „Südstern“ (Linie 7), dann in die Bergmannstraße weiterspazieren.

 

Friedhöfe vor dem Halleschen Tor – versteckte Gräber mitten in der Stadt

Alte Berliner Friedhöfe haben auf mich eine gewisse Anziehung, das gebe ich offen zu. Hier, wo die Verblichenen ruhen, findet oftmals auch die gestresste Städterseele einige Momente des Friedens und der Ruhe. Friedhöfe ersetzen manchem Anwohner wohl auch die manchmal fehlenden Parks und laden zu Spaziergängen ein, wie ich mehr als einmal beobachten konnte. 

Liebe Leser, erinnern Sie sich an meine kleine Reihe von Besuchen auf Berliner Friedhöfen ? Vor einiger Zeit empfahl ich diese als geruhsame Stadtspaziergänge im Großstadtgedrängel. Zur Erinnerung hier noch einmal der erste Teil. Die anderen Teile sind unten auf dem ersten Artikel verlinkt.

Vor nicht allzu langer Zeit fiel mir nun ein kleines Büchlein in die Hände, welches sich ebenfalls mit den vermeintlich schönsten der „Berliner Friedhöfe“ befasst. In knappen Kapiteln wird die Anlage und die Geschichte der „Gottesacker“ dargestellt und auf die prominentesten Grabstätten verwiesen. Dieser Hinweis war beim Besuch der „Friedhöfe vor dem Halleschen Tor“ auch notwendig, da sich hier die vielleicht bekanntesten Verblichenen beinahe schon „verstecken“ zwischen auffälligeren Grabmalen, deren Besitzer erst einmal weniger bekannt zu sein scheinen.

Und so machte ich mich an einem frischen Sonnentag im Winter auf, diese Anlage einmal aufzusuchen. Natürlich nicht ohne die obligatorische Kamera, das besagte Büchlein und etwas Zeit und Lust, einen Spaziergang jenseits des Straßenlärms von Kreuzberg zu machen. Eigentlich handelt es sich ja um 6 unterschiedliche Friedhöfe, die aber im Laufe der Zeit so weit „zusammengewachsen“ sind, dass wir sie trotz der ein oder anderen noch vorhandenen Grenzmauer mal als Einheit behandeln wollen.

Etwa ab 1735 genehmigte der damalige, preußische König Friedrich-Wilhelm mehreren Kirchgemeinden seiner Residenzstadt Berlin die Anlage neuer Begräbnisstätten jenseits der damaligen „Akzisemauer“, die etwa auf der Höhe des Halleschen Tores verlief. Diese, oftmals auch „zweite“ Berliner Mauer (nach der mittelalterlichen Stadtmauer) genannte Grenze sollte sowohl mögliche Deserteure der Berliner Garnison an der Flucht hindern, als auch die Steuer für durchlaufende Waren an ihren Toren einziehbar machen. Die sog. „Akzise“ halt.

Im Laufe der Zeit mussten die Flächen für Begräbnisse erweitert werden, andere Gemeinden schlossen sich an und das Ensemble, welches wir heute kennen, entstand. Die Stadt erweiterte sich und schloss im 19. Jahrhundert die Begräbnisstätten ein. Heute hören wir selbst an einem ruhigen Wintertag eigentlich permanent den Straßenlärm angrenzender Hauptstraßen. Wenn auch gedämpft und damit muss man schon zufrieden sein.

Allen, die sich ein wenig auskennen, muss ich eine kleine Enttäuschung bereiten: nein, das Grab des Komponisten Felix Mendelssohn – Bartholdy habe ich nicht gefunden. Immerhin ein schöner Aufhänger, um hier im Frühjahr oder Sommer noch einmal vorbeizuschauen !
Da ich vom Mehringdamm aus die Anlage betrat, lenkte ich meine Schritte zunächst zum Grabstein des Schriftstellers und Dirigenten ETA Hoffmann. Dieser Künstler, der lange Zeit in unmittelbarer Nähe des Gendarmenmarktes in der Berliner Friedrichstadt wohnte, ist für seine merkwürdig „somnambulen“ Märchengeschichten bekannt, wie etwas „Klein Zaches, genannt Zinnober“. Als Staatsbeamter war er außerdem für seine bissige Kritik am postnapoleonischen Zensurwesen in Preußen bekannt. Den „Amadeus“ schenkte er sich übrigens selbst. Eigentlich war sein dritter Vorname „Wilhelm“ wie uns sein auffällig unauffälliger Grabstein bedeutet.

Die Anlage war relativ menschenleer, aber dennoch begegneten mir vereinzelte Familien, die sich hier ebenso wie ich einen Spaziergang gönnten. Ob diese verstorbene Verwandte besuchten oder nur etwas frische Luft schnappten, fragte ich sie natürlich nicht. Wir dürfen nicht vergessen: auf einigen der Friedhöfe vor dem Halleschen Tore fanden noch bis vor wenigen Jahren Beisetzungen statt.

Das unauffälligste der „Prominentengräber“ ist vielleicht die Doppelgrabstätte von Rahel und Karl-August Varnhagen von Ense. Offen gestanden wäre ich fast daran vorbeigeschlendert, ohne einen Blick darauf zu werfen. Mein kleines Büchlein hielt mich aber rechtzeitig davon ab.
Auf die Bedeutung der Berliner Salons und der hinter ihnen stehenden Salonniéren gehe ich ja auf meinen Stadtspaziergängen in der Friedrichstadt ein, vielleicht begleiten Sie mich einmal dabei ? Rahel Varnhagens Bedeutung als Soziale Katalysatorin der Aufklärung in Berlin habe ich schon vor einiger Zeit in einem Kurzporträt hier im Blog gewürdigt. Lesen Sie es einfach nach, wenn Sie mögen. 🙂

Und so stieß ich im Vorbeischlendern später auch noch auf den Lehrer Carl-Friedrich Schinkels, den Schöpfer des modernen Postwesens in Deutschland, den Erfinder einer Kur gegen grünen Star und eine Hinweistafel  für den Architekten von Schloss Sanssouci. Ein „Eldorado“ für Stadtspaziergänger und sonstige Flaneure, die mit den Namen „Gilly“, „von Stephan“, „von Graefe“ oder „Knobelsdorff“ etwas anfangen können. Und es liegt so verkehrsgünstig ! Der Ausgang des U-Bahnhofes „Mehringdamm“ liegt in unmittelbarer Nähe des Einganges zur Anlage. Aber NICHT NUR deshalb empfehle ich allen, die gelegentlich etwas Ruhe schöpfen wollen, einen Besuch auf den „Friedhöfen vor dem Halleschen Tor“.

Ihr

Clemens Kurz

Quelle:

  • Ingolf Wernicke, „Berliner Friedhöfe“ in der Serie „Berlin kompakt“, Jaron Verlag 2017

Gedenkstätte Hohenschönhausen – bedrückend nah, erschütternd wahr

Kaum zu glauben, liebe Freunde der kleinen Ausflüge und Stadtspaziergänge in Berlin und Brandenburg, aber es gibt tatsächlich noch einige Orte von historischer Bedeutung in Berlin, wo ich mich noch nie habe sehen lassen. Einer davon war bis vor kurzem die „Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“. Dies habe ich nun geändert, vor allem, weil mich eine zeitlich befristete Sonderausstellung dorthin gelockt hatte. Schaun mer mal….

Liebe Stadtspaziergänger und -gängerinnen, es gibt Orte, die mich spontan verstummen lassen. Die durch ihre Geschichte, die durch alte Hallen weht, eine Schwere aufs Gemüt legen, welche oft nicht leicht erklärlich ist. Vor allem, wenn man keine persönlichen Erfahrungen oder Erfahrungen von Freunden und Verwandten mit diesen Orten verbinden kann. Einer dieser Orte ist für mich, neben einigen anderen in unserer Region, die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Wer sich ihr zu Fuß nähert, so wie ich es getan habe, wähnt sich unmittelbar vor der Genslerstraße, welche die Adresse des Komplexes ist, fast wieder in der unseligen, alten Zeit der zweiten, deutschen Diktatur. Riecht fast noch den Trabbi-Zweitakter-Abgas-Gestank, der einem Ost-Berlin-Besucher nach dem Überschreiten der Grenzanlagen sofort in die Nase stieg. Es können einem kalte Schauer über den Rücken laufen, wenn man durch die Metalltüren und Zäune das Gelände betritt, welches noch immer wie ein tristes, innerstädtisches Gefängnis aussieht.

Und genau deshalb weiß ich nicht genau, ob ich mich darüber freuen soll, dass mir beim Eintreten in das ehemalige Stasi-Gefängnis eine kleine Gruppe fröhlich vor sich hin babbelnder und offensichtlich von keinerlei „spiritus loci“ angekränkelter Jugendlicher entgegenkam, die ihren Gruppenrundgang wohl gerade abgeschlossen hatten. Sie tippten schon wieder auf ihren smartphones herum, kramten Zigaretten hervor (wann ist Rauchen wieder „cool“ geworden ?) und scherten sich nicht einmal um das Gästebuch, welches doch das ein oder andere Lob oder wenigstens ein „ich war hier am XX.XX.20XX“ gerne aufgenommen hätte.

Mich hatte es hauptsächlich wegen der Sonderausstellung „der rote Gott“ hierher gezogen. Eine Exposition, die sich ausschließlich dem perversen Personenkult um den „Generalissimus“ Stalin widmete ? Hatte es sowas in den letzten paar Jahren schon gegeben ? Ich konnte mich dessen nicht erinnern, wurde neugierig und nun stand ich hier. Eisiger Wind pfiff durch den Hof. Ein wenig verloren trabte ich erstmal etwas hin und her, bevor ich den Hinweis zur Sonderausstellung bemerkte.

Und diese war tatsächlich das Herkommen wert. In großartiger Kleinarbeit wurde hier zunächst Stalin als Person, sozusagen „im Kurzporträt“ vorgestellt, bevor es dann an bestimmte Themen-Komplexe ging. Von dem Verhältnis der KPD in der Weimarer Republik zu Stalin über Stalin im Zweiten Weltkrieg bis zum eigentlichen Ausstellungsschwerpunkt, dem Stalin-Kult in der SBZ und später der DDR, konnte man sich voranarbeiten. Viele Original-Druckwerke wurden hier präsentiert und zweisprachig (auch in Englisch) kommentiert. Büsten von Stalin, eine ehemalige Statue aus Ulan-Bator, verklärende Gemälde und besondere Absurditäten dieses Personenkultes wurden schonungslos ehrlich gezeigt. Oder hätten Sie aus „der hohlen Hand“ gewusst, dass Eisenhüttenstadt noch bis November 1961 „Stalinstadt“ hieß ? (Ironisch: auf Russisch wäre das „Stalingrad“ gewesen…wie hat man wohl damals diese beiden Städte unterschieden ?) Ist es ansonsten Allgemeinwissen, dass die Sowjetunion erst am Rande ihres Untergangs, im Jahre 1991, die Existenz des fatalen „Hitler-Stalin-Paktes“ von 1939 einräumte ? Die „Befreier“ (Ost-) Europas wollten nicht zugeben, dass sie gar zu gerne Polens Osten (Weissrussland) mit Zustimmung des Irren aus Braunau annektiert hatten. Solcherlei Fakten finden sich, ganz beiläufig in Bildkommentaren präsentiert, in der Ausstellung.

Überhaupt beeindruckt diese Sonderausstellung durch viele, unbekannte Details, die auch im offiziellen, oberflächlichen Narrativ deutscher Geschichtsschreibung in Vergessenheit gerieten oder einfach unerwünscht sind. So war ich überrascht, zu erfahren, dass Stalin mehr Politbüro-Mitglieder der KPD hat ermorden lassen, als Hitler. Brüderliche Fürsorge und „Genossenschaft“ der Arbeiterklasse war in der KPdSU längst dem Cäsarenwahn Stalins gewichen, der überall „Spione“ und „Abweichler“ witterte. Auch, dass Stalin sich seit 1929, seinem 50. Geburtstag, „Führer“ nennen ließ, ein Begriff, den wir ja sonst nicht zu Unrecht auf den anderen, verrückten Schnauzbartträger der Weltgeschichte anwenden, war mir neu.

So könnte ich noch viele, interessante Details hier anführen, welche die Ausstellungsverantwortlichen berücksichtigt haben, aber vielleicht würde ich ja Ihnen, liebe Leser, damit den Anreiz nehmen, auch einmal selbst vorbeizuschauen. Bis zum 30. Juni 2018 können Sie selbst diese Ausstellung noch besuchen.

Auch die Dauerausstellung über die Geschichte des Ortes ab 1945, zunächst als Lager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, dann als Stasi Gefängnis mit nahegelegenen Dienststellen des DDR-Geheimdienstes ist sehenswert. Persönliche Zeugnisse von Ex-Häftlingen erinnern als Video-Clips an deren Eindrücke, diverse Exponate machen die manchem vielleicht zu „trockenen“ Fakten dann doch lebendig. Und die Höhepunkte sind natürlich Gruppenführungen durch die Haft-Zellen-Blöcke, welche zumeist von Zeitzeugen durchgeführt werden. Diese Führungen müssen gebucht werden und sind kostenpflichtig, aber dennoch absolut bezahlbar. Lohnend ! Während die Sonder- und Dauerausstellungen hingegen kostenfrei besucht werden dürfen. Auch lohnend ! 🙂

Adresse:

Genslerstraße 66,
13055 Berlin,

Öffnungszeiten:

täglich, 09.00 – 18.00 Uhr

Anfahrt:

(öffentliche Verkehrsmittel): Straßenbahn M5 von Alexanderplatz, Richtung „Zingster Straße“, bis Haltestelle „Freienwalder Straße“, von dort etwa 10 Minuten Fußweg.

Rückblick: Hussitenfest 2017 in Bernau

Alljährlich feiert die Stadt Bernau bei Berlin ihr „Hussitenfest“. Seit 1832. Nur die DDR hat diese Tradition kurz unterbrochen, aber im Jahre 2017 fand nun schon das 26. Hussitenfest der nachsozialistischen Zeit statt. Zur Freude der Bernauer und ihrer vielen Besucher. Etwa 25.000 – 30.000 Besucher werden geschätzt jedes Jahr das Wochenende in der Stadt am äußersten Rand der „S-Bahn“-Erreichbarkeit genießen. Da muss man doch einfach mal vorbeigehen und nachschauen, warum:

Bernau kann seine Existenz bis ins Hochmittelalter zurückverfolgen. Die beliebte Legende der Stadtgründung durch Albrecht, „den Bären“ ist zwar nachweislich wohlmeinender Unsinn, aber das ficht die Bernauer nicht an, die in ihrem jährlichen Festumzug mit dargestellten Episoden aus der Stadtgeschichte immer den „Bären“ als ersten durch die Stadt reiten lassen. Von diesem bis zum durch einen Schlager aus den Zwanzigern bekanntgewordenen „Zickenschulze aus Bernau“ und darüber hinaus erwartet den Besucher eine bunte und fröhlich-laute Bilder-Revue aus dem Bernau von einst und jetzt.

Schon deshalb fahre ich immer gerne am Samstag zu diesem dreitägigen Fest, weil ich den Festumzug gerne sehe. Das Wetter meinte es denn in diesem Jahr auch gut mit allen Beteiligten. Wattewölkchen, Sonnenschein, ein leichter, kühlender Wind und Temperaturen, die einen Aufenthalt erträglich machten gab es. Wie mir eine Freundin mitteilte, waren also bereits die Züge nach Bernau gut gefüllt und an der Strecke des Umzuges selbst wartete dann auch reichlich Volk auf das Geschehen. Wie immer hatten die Bernauer, die direkt an der Strecke wohnen, die besten Plätze mit der besten Sicht auf den Festumzug. Beneidenswert.

„Hussiten“ in Bernau ! Achtung, Achtung !

Etwa eine gute Stunde dauert dieser fröhliche Parforce-Ritt durch die Stadtgeschichte. Viele Vereine, Initiativen und Einzelpersonen beteiligen sich daran. Man sagt, dass jährlich zwischen 1.500 und 1.700 Personen an der Vorbereitung und vor allem der Durchführung des Umzuges beteiligt sind. Die Freude daran, ist allen Teilnehmern jedenfalls anzumerken. Sogar den „Hussiten“, die jetzt endlich auch mal IN der Stadt herumlaufen dürfen, nachdem ihnen im Jahre 1432 das Erobern Bernaus ja bekanntermaßen NICHT gelungen war. Das ist ja eben der Anlass für dieses Fest und daher kommt auch dessen Name.

das neue Mühlentor

Allerdings lag mein letzter Besuch in Bernau dann doch einige Jahre zurück, so dass mir also einige Veränderungen auffielen; nicht alle davon konnte ich begrüßen. Immerhin hat die Stadt jetzt wieder ein „Mühlentor“. Seit 2013 grüßt dieses neuerrichtete Stadttor in historischem Gewand wieder diejenigen, die durch die Mühlenstraße die Bernauer Altstadt betreten oder verlassen wollen. 1885 war es einstmals abgerissen worden, weil die immer größeren Pferdefuhrwerke einfach nicht mehr hindurchkamen. Im Zeitalter der Fußgängerzonen konnte man es jedoch verantworten, diesen Bau aus der historischen Stadtbefestigung wiederaufzubauen.

Auch die Kirche St. Marien stand wieder zur Besichtigung offen. Hier erinnert eine Gedenkplatte an die Tatsache, dass in dieser Kirche 1632 die sterblichen Überreste des Schwedenkönigs Gustav-Adolf während der Überführung des Leichnams in seine Heimat aufgebahrt worden waren. Die reine Dimension dieses Gotteshauses allein lässt die Spekulation zu, dass es Bernau zu Luthers Zeiten wirtschaftlich nicht allzu schlecht gegangen sein kann. Bevor die Pest und der Dreißigjährige Krieg die Stadt entvölkerten, natürlich. Durch die Ansiedlung der Hugenotten ab 1699 übrigens konnten diese Verluste allerdings schrittweise wieder ausgeglichen werden. Eine lange Geschichte.

Ich will es einmal kurz machen und meinen Gesamteindruck kurz wiedergeben:

Schönes Wetter, nette Begleitung, ein fröhlicher Festumzug, eine Altstadt, die vor Menschen nur so wimmelte. Ein guter Tag. Einziger „Wermutstropfen“ für mich ist die Tatsache, dass das Hussitenfest schrittweise immer mehr „verrummelt“ sozusagen. War im Jahre 2010 etwa die „Kirmes“ noch deutlich vor dem Mühlentor zu finden und so manches Fotomotiv war noch deutlicher eingrenzbar, so ist doch mittlerweile die „Budenkultur“  allzusehr in die Stadtmitte eingerückt. Für meinen Geschmack jedenfalls. Als Schnappschuss-Fotograf, der nicht regelmäßig in Bernau knipst, fällt mir das schon auf. Es ist aber nur meine persönliche Ansicht.

Ich empfehle aber in jedem Falle allen einen Besuch beim Hussitenfest in einem der kommenden Jahre. Da die 39.000 – Einwohner-Stadt in ihrem Stadtkern überschaubar ist, geht auch kaum jemand langfristig verloren, was die Familienfreundlichkeit eines Bernau-Besuchs erhöht! Bis nächstes Jahr dann ! 🙂

Ihr/Euer

Clemens Kurz