Archiv der Kategorie: Rückblicke

Spaß auf dem Fahrrad: Spandau – Staaken und zurück

Es kommt vor, dass ich einfach mal so „Lust“ darauf habe, loszuziehen. Zu Fuß oder auf dem Radl. Einfach mal wieder „raus“ ohne lange Vorbereitung. Vielleicht einen Spaziergang oder eine Radelstrecke testen, auf die ich immer schon Lust hatte, sie zu erkunden. So zog es mich letztlich mal wieder in meinem Heimatbezirk dazu,  „querdurch“ zu fahren. 

Spandau existiert in der Form, die wir heute kennen, noch nicht gar so lange. Erst 1920 wurden z. Bsp. die Dörfer Kladow, Gatow und Staaken endgültig eingemeindet. So ist es keine Überraschung, dass der „Stadtrand“-Ortsteil Staaken auch heute noch Elemente aufweist, die ihn einzigartig machen. Dies kann man ausnutzen, indem man durch die Grünzüge von „Spekte“ und „Bullengraben“ einmal dort-HIN und wieder ZURÜCK radelt.

Schon lange einmal wollte ich in Staaken mal wieder vorbeischauen und für denjenigen, der die interessanten Geschichten dieses Ortsteils kennt, lohnt es sich immer. Wer etwa die „Gartenstadt Staaken“ in die Geschichte der Stadtplanungs-Bemühungen des frühen 20. Jahrhunderts einzuordnen weiß, sieht die heute teils weniger beeindruckenden Häuser-Anordnungen mit anderen Augen. Leider gibt es dort keine Fahrradwege, so daß ein Besuch dort irgendwo zwischen lebensgefährlich und „besser zu Fuß absolvieren“ einzuordnen ist.

Fort Hahneberg befand sich im Sperrgebiet der DDR-Grenztruppen, was immerhin dazu führte, dass es jahrzehntelang einen „Dornröschenschlaf“ führte, der weite Teile des alten Gemäuers nicht nur der heimlichen Plünderung preisgab, sondern auch langfristig konservierte. Seit der unmittelbaren „Nachwendezeit“ kümmert sich ein hochengagierter Verein darum, dieses alte Gemäuer zu erhalten und seine Geschichte Besuchern zu vermitteln.

Auch die alte Dorfkirche Staaken erzählt mehr als eine Geschichte. In unmittelbarer Nähe des ehemaligen „Dorfangers“ gelegen, befand sie sich nach 1961 plötzlich in unmittelbarer Nähe der „Mauer“ auf DDR-Seite. Ein Wachturm in unmittelbarer Nähe ist heute noch auf alten Fotos zu erkennen. Ein Gebietstausch der Siegermächte Sowjetunion und Großbritannien hatte dies möglich gemacht. Die Staakener gefragt hatte dabei niemand. In Wendezeiten aber traf sich hier der sog. „Staakener Kreis“, der politisch denkende Bürger versammelte, die mit dem DDR-Regime in Dialog treten wollten. Vermutlich sind noch längst nicht alle Geschichten dazu bekannt und publiziert. 🙂

Vom ehemaligen Flugplatz Staaken ist heute praktisch nichts mehr zu sehen. Selbst, wenn man die mit dem bezeichnenden Namen ausgestattete Straße „am Zeppelinpark“ entlangfährt. Es erschließt sich heute nicht mehr, warum hier, wo im Ersten Weltkrieg tatsächlich Zeppeline starteten, einst die Lufthansa Piloten ausbilden ließ und die Wartung ihrer Maschinen durchführte. Die Deutsche Teilung und alles, was nach deren Ende geschah (wie etwa die Auflösung des Krankenhauses hier) haben uns der Orte des Andenkens der Luftfahrtgeschichte genommen. Gehen wir ruhig mal davon aus, dass es in Tempelhof ähnlich kommen wird.

Interessant ist, dass der Bezirk Spandau von Berlin sich viel darauf anrechnet, dass der schon erwähnte „Bullengraben“ und der „Spektegrünzug“ gut zu erlaufende und zu er-radelnde Ein- und Ausfall-Möglichkeiten nach Staaken sind. In jedem Falle sind beide Grünzüge auf ihre Art und Weise wichtig. Sie sind sowohl „grüne Lungen“, als auch Entwässerungsgräben anliegender Gebiete. Der Spektegrünzug ist in Teilen sogar ein Naherholungsgebiet, was mir die Begegnungen mit diversen „Walkern“ und Joggern verdeutlichte. Der „Spektesee“ (von uns Einheimischen auch gerne „Kiesteich“ genannt, das ist eine andere Geschichte) soll gar demnächst, auf hochoffizielle Anordnung aus dem Rathaus hin, eine Badestelle bekommen. Die vorbereitenden Arbeiten dafür laufen schon. Mal sehen, wie das ausgehen wird.

Wer jetzt Lust bekommen hat, mit mir mal nach und durch Staaken zu radeln, hat jede Chance, mit mir in Kontakt zu treten und einen Termin auszumachen. Gerne erzähle ich dann diverse „Mauerstories“ etc. 🙂

Ihr Clemens Kurz

Refugium der Königinnen – Charlottenburg

Seit Jahren wird das Schloss Charlottenburg schon restauriert. Vor allem das Dach und die Fassaden brauchten und brauchen noch immer jede Menge „liebevolle Pflege“. Jetzt wollte ich mal „nach dem Rechten“ sehen und mir einen Eindruck davon verschaffen, ob die Gesamtanlage bald wieder im optimalen Zustand präsentiert werden kann. 

Und dann war auch noch „Gewitter“ vorhergesagt worden. Ach, nee! Frühjahr 2017: bisher eine sehr merkwürdige Angelegenheit. Die Anzahl der Tage mit ausreichend Sonnenschein ist überschaubar. Was aber die Besuchergruppen, die dieser Sehenswürdigkeit Berlins ihre Aufwartung machen, nicht fernhält wie ich aus nächster Nähe sehen konnte.

Immerhin seit 2013 läuft das Großprojekt der umfangreichen Restaurierung von löchrigen Dächern, dem Wiederherstellen der Fassade in einheitlicher Farbe und der Reparatur von umweltbedingten Schäden an diversen Schmuckelementen des Schlosses nun schon. Von möglichen Arbeiten im Inneren der Anlage ganz zu schweigen. Immerhin ist man bislang schon bis zum Westteil des „alten“ Schlosses vorgerückt, wo sich jetzt Bauzäune, Gerüste und Schutzplanen konzentrieren. Die „alte Orangerie“ und das ehemalige Schlosstheater müssen hingegen noch etwas warten, bevor sie runderneuert wieder „vorzeigbar“ sein werden.

Dort, wo die Arbeiten schon abgeschlossen sind, ist der Unterschied zu früher in jedem Falle deutlich. Die Fassadenfarbe allein leuchtet jetzt in einer Art, wie ich es zu meinen Lebzeiten noch nie gesehen habe. Ein wenig Sonnenschein und diverse hübsche Winkel für Fotos ergäben sich sozusagen „von selbst“. 🙂

Das barocke „Parterre“ des Schlossgartens befindet sich auch in gutem Zustand. Selbst bei Nieselregen waren die leuchtenden Farben der Baumwipfel und die bunten Blüten der Blumen bereits auffällig mehr als fotogen. Als einziger „Mangel“ ist nach wie vor die Abwesenheit der Fontäne zwischen Karpfenteich und Schloss zu sehen. Der um das Wasserbecken aufgestellte  Bauzaun ist kein Ersatz für das plätschernde Nass. Ich sags, wie es ist: ich vermisse dieses Wasser-Arrangement sehr. Na, da muss ich wohl in Schloss Babelsberg der Freude an Wasserspielen frönen gehen.

Der Wetterlage entsprechend, die eher dazu geeignet war, den Herbst vorwegzunehmen, schlenderte ich zum Mausoleum der Königin Luise herüber. „Memento mori“ – hier wird es ruhiger. Dieser Teil des Schlossgartens mit den geraden Alleen spendet reichlich Schatten.  Wie immer staunte ich sehr darüber, wie sanft die Linien von Luises Abbild auf dem Sarkophag-Deckel gearbeitet sind. Die Königin wirkt auf mich, als ob sie nur ein Nickerchen an einem heißen Sommertag machte. Christian Daniel Rauch, dem Bildhauer dieser Arbeit ist hier in mehrjähriger Arbeit ein Meisterstück gelungen. Seit 1815 ruht diese Arbeit auf einem sog. „Kenotaph“, einem „Scheingrab“. Die Särge mit den sterblichen Überresten der Königin befinden sich unterhalb des Gedenkhalle des Mausoleums.

Wie immer ist dieser Besuch für mich mit persönlichen Erinnerungen aus früher Kindheit verbunden, als meine Mutter gemeinsam mit mir „Dreikäsehoch“ durch den Park spazierte und dabei von Luise erzählte. Irgendetwas zog auch sie immer wieder hierher, genauso wie jetzt mich. Verbundenheit über Generationen.

Interessant am Schlossgarten ist auch das sog. „Belvedere“, welches längere Zeit hinweg renoviert wurde. Jetzt kann die umfangreiche Sammlung von KPM-Porzellan dort auch wieder vom Besucher in Augenschein genommen werden. Wie alle zugänglichen Bauten im Schlossgarten muss allerdings auch hier ein gesonderter Eintritt entrichtet werden, der mit einer „Standard“-Eintrittskarte zum Schloss nicht abgedeckt ist. Darauf gilt es bei einem Besuch zu achten. Man kauft besser eine „Charlottenburg +“ – Karte, die alle zusätzlichen Eintrittsgelder abdeckt sonst erlebt man eine unangenehme Überraschung !

Fazit: es ist noch einiges zu tun, bevor sich Schloss und Park Charlottenburg wieder im besten Zustand zeigen werden und Berlin  optimal repräsentieren können.  Aber man ist dort auf einem guten Weg. Immerhin.

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal ! Vielleicht sind Sie ja dann mit dabei, wenn ich wieder unterwegs bin in Berlind und Brandenburg. 🙂

Ihr Clemens Kurz

Achter Mai: Eindrücke aus Karlshorst

Der Zweite Weltkrieg ist nicht verdrängt oder vergessen. Seine Vorbedingungen und Auswirkungen beschäftigen längst nicht mehr nur Historiker, Professoren und Publizisten. Das Ende dieses „Weltenbrandes“ veränderte das Machtgefüge der Staaten und hinterließ Spuren bis tief ins Persönlichste von Überlebenden, deren Familien und Nachfahren. Ich persönlich bin immer auch noch ein wenig persönlich betroffen, wenn ich das „Deutsch-Russische Museum“ in Karlshorst besuche, wo dieser Konflikt auf dem Europäischen Schauplatz endgültig beendet wurde. 

Das Museum in Karlshorst ist mir an sich gut vertraut. Seit einigen Jahren habe ich mich öfter dort „herumgetrieben“ und Besuchergruppen dorthin begleitet. Vielleicht haben Sie einen meiner diesbezüglichen Beiträge ja gelesen.  Am „V-Day“ (ja, ja es gibt die Kontroverse: in den englischsprachigen Ländern ist es der 07. Mai, in Deutschland der 08. und in Russland der 09. ) war ich jedoch noch nie zuvor am Ort, wo der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Die soeben kurz angedeutete Kontroverse blende ich dabei jetzt einfach mal aus. Das Datum „08. Mai“ hat sich einfach in unserem Land eingebürgert, so dass ich „Reims“ und die eigentliche Kapitulation der Wehrmacht dort am Tag zuvor mal ganz bewusst ignoriere.

Dass das heute in Karlshorst ansässige Museum an jedem 08. Mai ein „Museumsfest“ feiert, erscheint also mehr oder minder angemessen. Man kann ja auch zu diesem Zeitpunkt im Jahr auf gutes Wetter rechnen, oder ? Weit gefehlt in diesem Jahr ! Frischer Wind, tiefhängende Wolken, Regenschauer… Das verrückte Frühjahr 2017 wollte uns klimatisch auch diesen Anlass vermiesen. Die Gäste aber ließen sich davon nicht stören. Das Museum hatte sich auch wieder reichlich Mühe gegeben, ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine zu stellen.

Filmvorführungen im Medienraum, mehrsprachige Führungen durch die Dauerausstellung (deutsch, russisch, englisch), ein Musikprogramm, welches sowohl „im Saale“, als auch draußen „auf der Bühne“ stattfand, sowie verschiedene dem Anlass angemessene Events wie etwa ein ökumenischer Friedensgottesdienst rundeten das Geschehen ab. Ein Freund, der mich an diesem Tag begleitete, wollte schon immer viele Fragen über das Militärgerät im Hinterhof loswerden. Aus welchem Grunde auch immer regten ihn diese Relikte des Zweiten Weltkrieges zum Nachdenken über ihren Gebrauch an und an diesem Tage standen mehrere, kompetente Restauratoren zur Verfügung, die viele Unklarheiten beseitigen konnten. Und die Selbstfahrlafette mit der 10 cm Kanone konnte sogar erklettert und besichtigt werden. Auch das ist nicht die Regel, da die alten, durchgerosteten Gerätschaften sorgsamst gepflegt und restauriert werden müssen.

Auch an einer der an diesem Tag komplett kostenlosen Führungen nahmen wir teil. Ich persönlich lernte viel dabei, was etwas heißen mag, da ich die Dauerausstellung an sich bereits zu kennen glaubte. Aber der Hinweis auf bestimmte Details und das Unterstreichen des Konzepts der Raumaufteilung gaben mir ein besseres Gefühl für die Intentionen der Museumsleute. Die Museumspädagogin, die unseren Rundgang leitete, war so engagiert, dass sie fast „den ganzen Betrieb“ aufhielt, weil sie sich so viel Mühe gab, unsere Fragen zu beantworten und bestimmte Punkte der Museumsarbeit herauszustreichen. Immerhin kam ja die nächste Gruppe schon bald nach uns an die Reihe.

Fazit: Wie immer ein lohnender Aufenthalt dort in Karlshorst. Ich kann immer nur wieder meine Einschätzung unterstreichen, dass es nur wenige Orte in Berlin und Brandenburg gibt, die es an welthistorischer Bedeutung mit Karlshorst aufnehmen können. Und das soll keine Abwertung der vielen, interessanten Ausflugsziele in unserer Region darstellen. Und Karlshorst hat noch ein in meinen Augen bedeutsames „feature“ aufzuweisen: der Eintritt ins Museum ist frei und fast sämtliche, geschichtspädagogischen Maßnahmen, die das (übrigens tatsächlich in binationaler Kooperation von Russland und Deutschland betriebene) Museum anbietet, sind ebenfalls kostenfrei oder auf freiwilliger Spendenbasis anzumelden.

Wer jetzt neugierig geworden ist, hier die „quickfacts“:

  • Das Museum hat die Adresse: „Zwieseler Straße 4, 10318 Berlin“.
  • Es ist mit der Buslinie 296 vom S-Bahnhof „Karlshorst“ oder „Lichtenberg“ sowie dem U-Bahnhof „Tierpark“ zu erreichen.
  • Es hat Dienstags bis Sonntags geöffnet. 10.00 – 17.00 Uhr.

Machen Sie sich ihr eigenes Bild ! 🙂

Potsdam: frischer April-Spaziergang

Die Brandenburgische Landeshauptstadt bietet ja so einiges. Museen, Parks und Festivitäten. Da kann man schon mal ein beliebtes Volksfest dazu nutzen, ein wenig in der Altstadt herumzuspazieren. Und natürlich auf „Motivjagd“ zu gehen. 

Ich muss es gleich zu Beginn anmerken: das, gelinde gesagt, „schwierige“ Wetter machte am von mir gewählten Tag weder das Volksfest noch das Fotografieren zu einem echten Vergnügen. Starker Wind, eine tiefhängende Wolkendecke und gelegentliche Regentropfen, die das Objektiv zu „verzieren“ drohten, hielten meine allgemeine Begeisterung ordentlich in Grenzen.

Aber die Potsdamer und ihre Gäste lassen sich ja bekanntlich das Feiern nicht verderben und so ging auf dem „Festgelände“ am Bassinplatz schon vormittags die Post ab. Mit Blaskapelle usw. Ich selbst mag ja die offensichtlichen Sehenswürdigkeiten im Potsdamer Stadtzentrum fast genauso, wie die einst königlichen Parks, denen ich an diesem Tag aber keine Aufmerksamkeit widmete. Die Kirche „St. Peter und Paul“ am Bassinplatz z. Bsp. ist die bedeutendste, katholische Kirche der Stadt. Was durch ihre Auszeichnung als „Propstei-Kirche“ im Jahre 1992 bestätigt wurde.

Kann man es glauben ? Noch nie zuvor hatte ich die Französische Kirche Potsdams (s. Bild) fotografiert. Dies holte ich auch gleich mal nach. Zumal dieses kleine Kirchlein einiges an Geschichten erzählen kann, oder wussten Sie, dass dies DIE EINZIGE KIRCHE PREUSSENS IST, DIE DER „ALTE FRITZ“ KOMPLETT SELBST FINANZIERT UND SIE DANN DER GEMEINDE GESCHENKT HAT ? Wir wissen es alle, Friedrich hatte es nicht so sehr mit der Religion, aber den Hugenotten der „zweiten Exilgeneration“, die noch sein Vater aus allen Winkeln Europas angeworben hatte, vermachte er doch ihr eigenes Gotteshaus an der Ecke des ehemaligen „Französischen Viertels“ Potsdams.

Das „Holländerviertel“ Potsdams ist ja mittlerweile bekannt aus „Funk und Fernsehen“. Nicht immer wird es dabei auch als Potsdamer Kiez erkennbar. So hat z. Bsp. die US-Serie „Homeland“ das Holländische Viertel als Kulisse für „Amsterdam“ genutzt, als man im Spätsommer 2015 hier für die fünfte Staffel drehte. Ansonsten zeigt sich das einzigartige Ensemble kleiner, roter Backsteinhäuschen immer wieder auch als Quell seltsamer Geschichten aus der Geschichte wieder. Wussten Sie z. Bsp. , dass der „Soldatenkönig“ hier beim Besichtigen des künftigen Baugrundes mit dem Pferd im Schlamm steckengeblieben sein soll ? Eine Anekdote, zugegeben, die nicht unbedingt wahr sein muss. Aber der schlechte Baugrund in Potsdam (ebenso wie in der Berliner Stadtmitte übrigens) ist historisch belegt und ebenso legendär. Das nahegelegene „Bassin“ übrigens, sollte einstmals der Entwässerung des Baugrundes dienen.

Im Holländerviertel wohnten aber weniger die Niederländer, denen das sumpfige, noch immer recht provinzielle Potsdam Mitte des 18. Jahrhunderts wohl nicht attraktiv genug war. Es gibt verschiedene Aufzeichnungen, die uns heute sagen, dass sich maximal 24 Familien aus Holland mit etwa 55 Angehörigen tatsächlich spontan hier ansiedelten. Nein, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wohnten hier vielmehr die Kunsthandwerker, die in den nahegelegenen Schlössern die Verschönerungen innen und außen vornahmen! So etwa der Bildhauer Friedrich Christian Glume, wohnhaft Mittelstraße 25, von dem u. v. a. die „Rossebändiger“-Plastiken auf dem heutigen Film-Museum Potsdam (s. Bild) stammen. Auch der Architekt Gontard und der Querflötenbauer Kirst, von dem der „junge Fritz“ seine Instrumente bezog, wohnten in diesem Kiez. Und es gibt noch viel mehr Geschichten zu erzählen…

Klar, natürlich war ich auch neugierig auf das neue „Palais Barberini“. Womit ich übrigens nicht alleine war, denn tatsächlich sprachen mich Passanten an, ob ich ihnen den Weg dorthin zeigen könne. Ja, ich konnte und spazierte dann auch selbst zum Alten Markt hinüber, wo seit dem 23. Januar 2017 Kunst gezeigt wird. So z. Bsp. eine Sonderausstellung zum Impressionismus u. v. m. … Der Name stammt übrigens NICHT von der „Barberina“, der bekannten Tänzerin, die einst Friedrich den Großen bezauberte, sondern vom römischen „Palazzo Barberini“, an dessen Aussehen hier bei der Ersterrichtung im 18. Jahrhundert Anleihen genommen wurden. Das wiederhergestellte Gebäude wurde übrigens vom „Stadtbild Deutschland e. V.“ (, dem auch ich angehöre) schon 2016 zum „Gebäude des Jahres“ gekürt. ABER HALLO ! 🙂

Und auch der Innenhof des Brandenburger Landtags war für Besucher offen. Da latschte ich natürlich gleich mal rein. In das Parlament, dessen Gebäude sich albernerweise  schon an seiner Außenwand in prätentiösem Französisch selbst als „dies ist kein Schloss“ bezeichnet. Na, ja, warum aber sieht es dann dem alten Stadtschloss der Hohenzollern zum Verwechseln ähnlich ??? Na, egal, jedenfalls ist der Innenhof erstaunlich unspektakulär, nüchtern, ja fast möchte man sagen…“preußisch“, obwohl diese Wortwahl sicher eine Mehrheit der Abgeordneten im Hause „auf die Palme“ bringen würde… Das Dilemma der Stadt. Sie lebt nicht unwesentlich vom Tourismus, der auf den Hinterlassenschaften Preußens basiert (und der fast überall mit dem Konterfei des „alten Fritzen“ wirbt), dessen Geist die Politik aber nicht mal mit der Kneifzange anrühren möchte.

Soweit, so interessant, Als die „steifen“ Windböen mich dann genügend durchgepustet hatten, nutzte ich die erfreulich wohlgeführte Buslinie 638 dann wieder, um in mein „heimatliches“ Spandau zurückgegondelt zu werden. Mit ein paar interessanten, wenn auch keineswegs „perfekten“ Fotos auf der Speicherkarte und ein paar neuen Eindrücken, ganz ohne „Sanssouci“ oder „Neuen Garten“, im Gepäck.

WÄREN SIE DABEIGEWESEN, HÄTTE ICH IHNEN ALL DIE GESCHICHTEN VOM SCHUSTER VOIGT UND WO ER SEINE GEBRAUCHTE HAUPTMANNS-UNIFORM KAUFTE, VOM KURFÜRSTEN, DER SICH IN DIE HAVELLANDSCHAFT VERLIEBTE UND VOM FRANZÖSISCHEN PREDIGER, DER IM HOLLÄNDERVIERTEL WOHNTE, ERZÄHLT. In Gemeinschaft machen Stadtspaziergänge nämlich noch viel mehr Spaß ! Ich hoffe also, Sie beim nächsten Termin zu treffen ! 🙂 Bis dahin, schauen Sie doch vielleicht mal in meine Rubrik der „Rückblicke“ hinein ! 🙂

P.S.: Ich biete auch einen Stadtspaziergang an, der sich mit dem doch recht anderen Verhältnis Berlins zum „alten Fritzen“ beschäftigt. Sprechen Sie mich darauf an, dann verabreden wir einen Termin ! 🙂

Brandenburg an der Havel – „Stadt im Fluss“

Hier kann ich es Ihnen ja gestehen, liebe Leserinnen und Leser: ich mag Brandenburg an der Havel. Vielleicht, weil ich selbst ein „Havelländer“ bin, wenn auch aus Berlin: ein „Spandauer“ halt. Die „Stadt im Fluss“, Brandenburg, ist mir deshalb immer mal wieder einen Besuch wert. Und als Ausgangspunkt askanischer Eroberungen und Kolonisierung im Mittelalter verfügt die ehemalige „Chur- und Hauptstadt“ der Mark auch über ein sattes Maß an Geschichte, das mich persönlich interessiert und anspricht. Sie vielleicht auch ?

Nicht umsonst ist das heutige Bundesland Brandenburg nach der Stadt Brandenburg an der Havel benannt und nicht umgekehrt. Als der erste „Askanier“, der unter seinem „Indianernamen“ Albrecht, „der Bär“ bekannt wurde, 1157 die Brandenburg endgültig in seinen Besitz bringt, verkündigt er praktisch umgehend, er sei jetzt der „Markgraf von Brandenburg“. So erklärt sich die Reihenfolge der Namensgebung. Von hier aus machen sich seine Nachfahren dann daran, aus dieser Mark „etwas zu machen“. Was angesichts der Tatsache, dass in ganz Deutschland dieser Landstrich nur als „Streusandbüchse“ bekannt war, schon etwas aussagt. Nein, hier werde ich jetzt keinen Vortrag zur Regionalgeschichte halten. Aber immerhin sei so auf die Bedeutung dieser Stadt als „Wiege der Mark Brandenburg“ hingewiesen.

Heute gehts hier etwas weniger pompös und deutlich gemütlicher zu. Was ich sehr angenehm finde. Dennoch findet man mehr als einen Grund, sich hier umzuschauen und auch die Fotokamera fleißig arbeiten zu lassen.
Vom Hauptbahnhof fuhr ich mit der Tram erstmal ins Stadtzentrum. Früher hätte ich die Strecke wohl zu Fuß bewältigt, aber heute nicht mehr. Energiesparen für die eigentliche Stadterkundung, :-). In vergangenen Jahren hatte ich es immer versäumt, das „archäologische Landesmuseum Brandenburg“ zu besuchen, diesen Fehler wollte ich nicht noch einmal machen und steuerte schnurstracks darauf zu.

Seit 2008 werden die wichtigsten Ausgrabungsfunde aus der Region hier im historischen Kontext präsentiert. Und das kann sehr interessant sein. Man gibt sich hier im ehemaligen „Paulikloster“ in jedem Falle eine große Mühe, von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Neuzeit alle Funde in solide Erklärungen einzubetten und mit multimedialen Elementen näher zu erläutern. Ich fand das Konzept gelungen und das historische Kloster stellt eine ganz einzigartige Kulisse für dieses Museum dar. Wenn ich jetzt noch anmerken darf, dass die Damen, die im Museum arbeiten, alle höchst freundlich, hilfsbereit und auskunftsfreudig waren… Immerhin ist das ja auch nicht mehr selbstverständlich heutzutage, weshalb es mir positiv auffiel. Wer sich an solchen Themen „ergötzen“ kann wie ich, der sollte also unbedingt einmal hiergewesen sein!

Was kann man sonst noch sehen ? Na, z. Bsp. die „Wuchtbrumme“ unter den alten Kirchen Brandenburgs: St. Katharinen in der Neustadt. Ihr 72,5 m hoher Turm dominiert noch heute die Silhouette Brandenburgs. Was für eine spätgotische „Trutzburg des Glaubens“! Aus dem regionalüblichen Backstein erbaut und noch heute erdrückt sie alle umliegenden Gebäude optisch. Derzeit wird gerade der zu DDR-Zeiten mit giftigen Chemikalien für den Holzschutz „verseuchte“ Turm „entgiftet“. Zumindest werden dafür Spenden eingesammelt, denn immerhin ist der Turm wegen giftigem Staubes schon seit 2005 gesperrt. Was aber dem Besuch im Kirchenschiff keinen Abbruch tut, seien Sie dessen versichert.

Da aber Brandenburg tatsächlich lange aus zwei unterschiedlichen Stadtkernen bestand, mussten auch Brücken über die Havel her. So nimmt es nicht Wunder, dass die „Jahrtausendbrücke“ zwischen der historischen Alt- und Neustadt noch heute eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen Brandenburgs darstellt. Erstmalig eröffnet wurde sie 1929 zum tausendjährigen Jubiläum der Stadt. Ganz in der Nähe finden sich auch Anlegestellen der Havelschifffahrt und die ehemalige Franziskaner-Klosterkirche St. Johannis.

2015, pünktlich zur Bundesgartenschau im Havelland, hatte man diese eigentlich im Zweiten Weltkrieg beschädigte Kirche soweit wiederhergestellt, dass sie als Veranstaltungsort dienen konnte. Ihr Westabschluss ist heute in moderner Glasoptik gestaltet. Einst war hier der preußische General Heinrich-August de la Motte-Fouqué beigesetzt. Von dessen Grab ist aber heute nichts mehr zu finden.

Da das beschädigte Rathaus der „Neustadt“, welches nach der Zusammenlegung von Alt- und Neustadt 1715 als gemeinsamer Verwaltungsmittelpunkt diente, in der Nachkriegszeit abgerissen wurde, finden stattdessen auf dem „Neustädtischen Markt“ einen Flanierbereich und einen Parkplatz wieder. Das „Altstädtische Rathaus“ hingegen ist jetzt der Amtssitz des Oberbürgermeisters. Oder vielmehr der Oberbürgermeisterin, denn Frau Dietlind Tiemann amtiert bereits seit 2003. Der ehemals „neustädtische“ Roland bewacht sie dabei, denn er ist unübersehbar vor dem Rathaus aufgestellt. Dieses Zeichen städtischer Privilegien wie Marktrecht und eigener Gerichtsbarkeit kam mir auffällig bekannt vor: richtig, eine Kopie davon steht vor dem „Märkischen Museum“ in Berlin.

Und auch die Taufkirche des 2011 verstorbenen und auf dem Berliner Friedhof Heerstraße beigesetzten Humoristen „Loriot“ findet sich in der Altstadt. St. Gotthardt ist die älteste Kirche der Stadt. Die historische Domkirche liegt etwas weiter auf der sog. „Dominsel“, die übrigens erst 1929 verwaltungstechnisch mit der Stadt Brandenburg vereinigt wurde ! Die Domkirche St. Peter und Paul feierte 2015 das 850-jährige Jubiläum der Grundsteinlegung. Im dazugehörigen Dom-Archiv, dem ältesten Archiv der Mark Brandenburg, finden sich heute noch unschätzbar wertvolle Dokumente wie die Ersterwähnung Berlins.

Ich selbst gönnte mir nach dem Museumsbesuch ein picknick auf dem Neustädtischen Markt, klapperte ein paar Kirchen ab und fotografierte alles, was sich dafür anbot, abgelichtet zu werden. Und das in aller Ruhe, ohne Eile. So gefällt mir das am Besten. Leider war der „Fritze Bollmann Brunnen“ noch nicht in Betrieb und noch mit einer Schutzabdeckung versehen. So kann ich Ihnen diesen hier also…äh…nur von einem alten Foto her zeigen. Aber ich vermute, sobald hier das Wasser wieder plätschert, wird der „Barbier von Brandenburg“ ungefähr noch so aussehen wie auf dem Bild.

Was mir noch auffiel ist, wie gut sich das Einkaufszentrum „St. Annen-Galerie“ ins Stadtbild einfügt. Hier hat mal jemand „mit Fingerspitzengefühl“ gebaut. Auch das ist in Berlin-Brandenburg nicht mehr die Regel, weshalb ich innerlich applaudierte. Auch die lustigen „Waldmöpse“, kleine, bronzene Fabeltiere aus dem Atelier des schon erwähnten Brandenburgers „Loriot“ (eigentlich: Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, aber seis drum) amüsierten mich immer wieder, wo ich auf sie traf. Auf der diesjährigen Tourismus-Börse sagten mir Vertreter Brandenburgs, dass es mittlerweile 24 von ihnen im ganzen Stadtgebiet gäbe. Offensichtlich vermehren sie sich prächtig. Ich selbst traf zwar nur vier von ihnen, aber jedes Mal musste ich wieder lächeln.

Wer jetzt neugierig darauf geworden ist, selbst einmal Brandenburg an der Havel zu besuchen, der sei auf die örtliche Touristeninformation hingewiesen:

Neustädtischer Markt 3
14776  Brandenburg an der Havel
Tel. 03381/796360
Fax. 03381/7963629
touristinfo@stg-brandenburg.de
http://www.stg-brandenburg.de

Öffnungszeiten:
GANZJÄHRIG
Mo – Sa 9.00 – 20.00 Uhr
MAI bis SEPTEMBER zusätzlich
So & Feiertag 10.00 – 15.00 Uhr
Außerdem stehe ich selbst als ortskundiger Begleiter für einen Stadtspaziergang in Brandenburg an der Havel zur Verfügung. Muss ich das eigentlich noch anmerken ? 🙂
In diesem Sinne
Ihr Clemens Kurz

Auf den Spuren der Reformation in Brandenburg: Spandau

Die Reformation feiert Jubiläum: 500 Jahre Thesenanschlag zu Wittenberg. Wir „modernen“, sprich im Kern konfessionslosen und meist zu einer „Zivilreligion“ neigenden Menschen können uns kaum noch vorstellen, welche geistige, politische und befreiende Sprengkraft dieses Ereignis in sich barg. Der „kleine Augustinermönch“ Luther wirkte in einem sich rapide verändernden, sozialen Umfeld, das die Bedeutung einer veränderten Kirchenordnung multiplizierte. 

Wie aber spielte sich das in Brandenburg konkret ab ? Zogen hier Bauern mordend und plündernd durch die Lande ? Standen gar die „Hussiten“ wieder auf ? Gab es Bilderstürmereien und Gewalt gegen Mönche, Priester und Bischöfe ?

Die Antwort muss lauten: kaum. Im Vergleich zu anderen, deutschen Landstrichen fast gar nicht. Woran mag das gelegen haben ? Daran, dass Brandenburg erst relativ spät „offiziell“ lutherisch wurde ? Und eben auch nicht so richtig „lutherisch“ sondern vielmehr nur „autonom“ von Rom ? Viele Fragen stellen sich da. Und wo könnte man das besser tun, als an einem der Schauplätze, an dem sich ein Schlüsselmoment der Reformation in Brandenburg abgespielt hat: Spandau.

dsci2631_compressedDie Zitadelle Spandau hatte ich mir dabei als Ausgangspunkt gewählt. Diese alte Renaissancefestung „im Wasser“ spielte in der Brandenburger Geschichte so manche Rolle. Entgegen der ursprünglichen Absicht war sie dabei eher weniger ein „Bollwerk“, sondern, trotz ihrer wuchtigen Bastionen und fast 200m langen „Kurtinen“ (Längs- und Querbefestigungsmauern, die ein Quadrat bilden) überwiegend Staatsgefängnis und brandenburgisch-preußischer „Staatstresor“. Es gäbe viele Geschichten zu erzählen, was ich mir aber heute untersage, weil „Reformation“ ja unser Oberbegriff ist.

martinluther-workshopcranachelder_compressed
Dr. Martin Luther

Nur ganz kurz soviel: die Reformation in Brandenburg begann mehr oder minder „im Geheimen“, denn als 1517 Luther offen Reformen von der Kirche einforderte und den Ablasshandel, eine von Fürsten und dem Papst angestiftete, üble „Abzockmasche“ für Christen, anprangerte, traf das offensichtlich überall in Europa, speziell auch in Deutschland, einen Nerv. Durch die Entdeckung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern (erfunden eigentlich schon viel früher in China) und die Gründung diverser Universitäten verbreitete sich Wissen im 16. Jahrhundert nicht nur weiter, sondern auch schneller, als im Hochmittelalter. Es gab also ein „Publikum“ gelehrter, auch Nichtadliger, die mit den in Latein verfassten Thesen Luthers (die vielleicht nicht oder nicht von ihm selbst ans „Schwarze Brett“ der Wittenberger Universität, die Tür der Schlosskirche, genagelt wurden) etwas anzufangen wussten. Männer, die verstanden, worauf er damit hinauswollte.

Ohne jetzt in diverse Details einsteigen zu wollen und diesen Beitrag unnötig aufzublähen sei gesagt, dass der damalige Kurfürst von Brandenburg, Joachim I. , ein Bruder eines der Verursacher der oben erwähnten Abzockmasche war. Sein Bruder Albrecht, Erzbischof von Mainz, hatte die diversen Ablasshändler vom Schlage eines Johannes Tetzel auf den Weg geschickt, weil er sich eine weitere Bischofsmütze „kaufen“ wollte und ebenso wie der Papst Geld brauchte.  Sehen Sie, worauf das hinausläuft ? Richtig geraten: DIESER Joachim von Brandenburg war demzufolge einer der knallhärtesten Gegner Luthers und der Reformation. Seinem Bruder mochte er nicht ans Bein pinkeln. Jedes Nachdenken über die Hintergründe kirchlicher Praxis verbot er für Brandenburg radikal. Da sich Gedanken aber nicht „löschen“ lassen, schlichen dennoch bald erste von „Reformationsvirus“ angesteckte Männer durch Joachims Länder. Sie beeinflussten lokale Magistrate, Ortsgemeinden und andere Einflusspersonen. Als Joachim I. 1535 starb, war das Fundament der Reformation bereits gelegt.

Sein Sohn gleichen Namens, der ihm unter dem Kurhut nachfolgte, beabsichtigte ebenfalls, am „rechten Glauben“, dem, was wir heute „Katholizismus“ nennen, festzuhalten. Er war kein Mann religiöser Dispute und theoretischer Diskurse wie es noch der Vater gewesen war. Nein, er war ein „Genussmensch“, ein Lebemann, der sich mehr der Jagd, den Frauen und dem guten Essen widmete, als über des Menschen Seelenheil nachzugrübeln. Aber er hatte ein gutes Näschen dafür, was die „Zeichen der Zeit“ waren. Außerdem war seine Mutter, Elisabeth von Dänemark, spätestens seit 1527 protestantisch geworden. Natürlich versuchte auch sie, ihre Söhne dahingehend zu beeinflussen. Gegen den Widerstand ihres Mannes, weshalb sie 1528 ins Exil gegangen war.

Was hat aber dieser Joachim (II.) nun mit der Zitadelle zu tun ? Richtig, er ist der Auftraggeber dieses Bauwerkes, dessen Fertigstellung er nicht mehr erleben wird (wir kennen das heute unter dem Begriff „BER“ und wissen, wieviel Geduld man in unseren Landen mit Großprojekten aufbringen muss). Als klassischer Verschwender lässt er den ehemaligen Witwensitz der Mutter, die mittelalterliche Spandauer Burg, nach deren Tod zu einer „modernen“ Festung ausbauen. Ohne Rücksicht auf die Kosten holt er dafür einen italienischen Baumeister, Francesco Chiaramella de Gandino, nach Brandenburg, der gleich 200 Facharbeiter mitbringt. Die ersten „Gastarbeiter“ in der Kurmark, wie man vermuten darf. Und in dessen Geisteskind ging ich nun also spazieren.

dsci2657_compressed
Joachim I.

Und zwar schnurstracks zur Ausstellung „Enthüllt-Berlin und seine Denkmäler“, wo sich die Überreste der ehemaligen „Siegesallee“ aus dem Berliner Tiergarten anfinden. Joachim I. , eben jener „Anti-Reformer“, findet sich hier an prominenter Stelle wieder. Sein Sohn, der „Zitadellenfreund“ leider nur noch als kopfloses Standbild. Nun, das ist kein Beinbruch, denn auf diesen Fürsten treffen wir später noch. (Foto s. u.)

Zurück zur Reformation: Joachim II. , der Sohn und Nachfolger des Mannes auf dem obigen Bild, sah schließlich die Vorteile der Reformation in politischer Hinsicht ein. Kaum hatte er selbst am 01. November 1539 durch die Einnahme des Abendmahls in „beyderley Gestalt“ die Reformation anerkannt (siehe Titelbild dieses Artikels), gab er eine Kirchenordnung in Brandenburg heraus, die im Juli 1540 in Kraft trat und im Vergleich zu den Forderungen diverser Reformatoren nur relativ geringe Veränderungen in der Praxis des Gottesdienstes mit sich brachte. Die vielleicht bedeutsamste: Gottesdienste mussten fortan in deutscher Sprache abgehalten werden, damit die Gläubigen auch verstehen, worum es geht. Latein blieb aber noch lange die Sprache der Gebildeten.

Was aber den politischen Spürsinn Joachims II. anging, so hatte er erkannt, dass er mit dieser Kirchenordnung sich selbst durch die größere Unabhängigkeit von Rom auch mehr Unabhängigkeit innerhalb des Deutschen Reiches erkaufen konnte, wenn er schlicht und ergreifend die Kirche in Brandenburg selbst anführte. Eine Überlegung, die wir historisch z. Bsp. auch vom englischen König Heinrich VIII. kennen. So richtete Joachim II. also ein „Konsistorium“ von Theologen ein, welches ihn als „summus episcopus“ zum obersten Bischof Brandenburgs machte, 1543. Übrigens war selbst Friedrich der Große ab 1740, also fast 200 Jahre später, in seiner Eigenschaft als Kurfürst von Brandenburg noch immer „summus episcopus“, also oberster Bischof, seiner Länder. Für einen in religiöser Hinsicht indifferenten Mann wie Friedrich war das sicher Anlass für gesteigerte Heiterkeit und so manch zynische Bemerkung bei seinen geselligen Runden in Sanssouci.

dsci1369_compressedIn der schon erwähnten Ausstellung auf der Zitadelle finden wir übrigens auch die Büste von Rochus zu Lynar, der den nach 19 Jahren Bauzeit von faulen Bauleuten, vertragsbrüchigen Lieferanten, miesen Materialien und schlammigem Untergrund frustrierten Chiaramella 1578 ablöste. Im Auftrage des nunmehrigen Kurfürsten Johann Georg („oeconomus“, der Sparsame), der dem verschwenderischen Vater nachgefolgt war, führte er erstmal eine rigide Bauordnung ein, damit die Schlamperei beim Bau aufhörte (ach, Lynar, wo bist du, wenn man einen Flughafen baut ?).  Die Zitadelle bekam er aber so am Ende dann 1594 doch „fertiggebaut“. Und darauf kam es ja an. Nur am Rande sei erwähnt, dass auch Graf Lynar ein Protestant war, allerdings ein Calvinist.

dsci2689_compressed
selfie mit Kurfürst

Irgendwann machte ich mich dann auf, zur Spandauer Altstadt hinüberzuspazieren. Denn in der dortigen Kirche St. Nikolai soll der Kurfürst Joachim II. das besagte Abendmahl nach neuem Ritus empfangen haben. Da er gleich noch ein paar seiner Adligen im Schlepptau dabeigehabt haben soll, wird das Ganze auch als „Adelsmesse“ bezeichnet (siehe noch einmal das romantisierende Titelbild dieses Artikels). Vor der Kirche steht aus diesem Anlass seit 1889 ein Standbild Joachims II. Das entschädigt für den „verpassten“ Kurfürstenkopf auf der Zitadelle. Wie aber schon erwähnt, begann mit diesem Akt die „Reformation von oben“ in Brandenburg. Mit der Verkündung der neuen Kirchenordnung von 1540 wurde sie später „offiziell“ und mit der Einrichtung des nur dem Kurfürsten verpflichteten, geistlichen „Konsistoriums“ 1543 schließlich auch von Luther und „Wittenberg“ weitgehend unabhängig. War Joachim II. nun ein überzeugter Protestant ? Eher nicht, aber er sah die Vorteile für sich und seine Länder.

img_0216In der Kirche St. Nikolai finden wir übrigens auch einen Altar, der tatsächlich noch genau derselbe ist, den der von mir oben schon erwähnte Baumeister Graf Rochus zu Lynar einst 1582 finanzierte. Er und seine Familie sind in den Seitenflügeln desselben kniend und betend abgebildet.

Diese und noch viel mehr Geschichten teile ich gerne mit Ihnen. Am liebsten jedoch „vor Ort“, wo sie sich vielleicht am stärksten einprägen. In diesem Sinne lade ich Sie, liebe Leser, auch weiterhin dazu ein, bei meinen künftigen Spaziergängen durch Berlin und Brandenburg mit dabeizusein. Falls Ihnen meine Geschichten aus der Geschichte der Region gefallen, dann schauen Sie doch ab und an mal bei den „Terminen“ nach, lesen auf der „Facebook-Seite“ mit und schließen sich an, wenn ich die kleinen Ausflüge „hinter das Offensichtliche“ unternehme. Bitte empfehlen Sie mich und meine Spaziergänge doch auch als sachkundige Begleitung durch Berlin und Brandenburg weiter ! 😀 DANKESCHÖN !

Ihr

Clemens Kurz

Bildmaterial:

Rückblick: durch den Forst – in Berlin-Spandau

Berlin ist eine grüne Stadt. Nirgendwo wird das deutlicher als an den Stadträndern. Dort vor allem finden sich auch die 18 % Waldfläche, die innerhalb der Stadtgrenzen zu finden sind. Wenn der Berliner „int Jrüne“ raus möchte, kann er das mit dem Nahverkehr also relativ mühelos erreichen. Ein beliebtes Naherholungsgebiet ist seit Jahr und Tag z. Bsp. der Spandauer Forst.

Da machte ich mich also mal auf, dort „nach dem Rechten“ zu sehen. Das Wetter mochte sich nicht so recht entscheiden, wo es denn hingehen mag. Noch gab es Nachtfrost, der den Boden in der Tiefe nicht auftauen ließ, aber die Regenschauer der letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Ergebnis: Schlammige Wege, eine permanente Rutschgefahr.

GEDSC DIGITAL CAMERAAber das hielt viele Wochenend-Wanderer, Familien mit Hunden, ein Damengrüppchen und sogar die ersten Jogger nicht davon ab, es sich schon mal im Forst gemütlich zu machen. Da ließen sich auch diverse Spaziergänger nicht davon abhalten, die Tiere im Wildgehege am Johannesstift, wo man üblicherweise gut einen Spaziergang beginnen kann, mit diversen „Leckerchen“ zu versorgen. Das brachte sogar das sonst eher scheue Rotwild „an den Zaun“. Ich staunte nicht schlecht !

Die Faszination des Waldes an sich machte sich auch jenseits der kleinen, abgegrenzten Gehege bemerkbar. Das Singen der Vögel bei gleichzeitigem Festhalten der kleinen Gewässer an ihrer hauchdünnen Eisdecke bot mir einen Kontrast, den ich aber in vollen Zügen genoss. War da ein Specht bereits dabei, einen Baumstamm zu bearbeiten ? Es hörte sich zumindest so an. Das erinnerte mich daran, dass der gesamte Spandauer Forst, der etwa 1347 ha Fläche im Berliner Stadtgebiet einnimmt (und damit etwas mehr als 8 Prozent aller Berliner Waldflächen bildet), als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Bereits früh im Jahr ist das deutlich hörbar ! Akustisch war ich so schon im Frühling angekommen.

Je weiter man dann auf den Wegen in den Forst voranschreitet, desto seltener trifft man zu dieser Jahreszeit noch andere Wanderer. Das Gefühl „ganz alleine“ im Wald unterwegs zu sein, stellt sich dann immerhin bis zu dem Moment ein, wo man die Geräusche von Flugzeugen wahrnimmt, die den Forst überfliegen, um in Tegel auszuharren, bis am St. Nimmerleinstag der BER in Schönefeld dann endgültig den gesamten Flugverkehr der Hauptstadt abwickeln wird. Dann werden sich andere Berliner über den Fluglärm mokieren.  Anders gesagt: für kurze Zeit kann man sich der Illusion hingeben, inmitten der reinen Natur zu lustwandeln. Bis die „Zivilisation“ sich mit den Geräuschen von Flug- und Autoverkehr wieder zurückmeldet.

Das muss den interessierten Wanderer aber nicht stören. Die frische Luft und die Freude am Wandern an sich reicht ja aus, um ein paar „Störgeräusche“ zu ignorieren. Im Vergleich zu vergangenen Jahren fiel mir jedoch auf, dass die Stockenten noch nicht auftauchten. Sonst waren diese lustigen Gesellen zu dieser Zeit immer schon dabei, auf den letzten Eisplatten der Teiche herumzuwatscheln oder die Wildschweine in den Gehegen zu ärgern. Dieses Mal  jedoch noch kein Zeichen der Ente.

gedc1575_compressedA propos „Wildschweine“. Auch denen begegnet man seit ein paar Jahren wieder immer mehr im Wald. Freilaufend. Gerade in Berlin, wo ja die Außenbezirke mit ihren Forsten sozusagen „Einfallstore“ für das Borstenvieh darstellen, macht sich der „Schwarzkittel“ in seinem Bemühen der Nahrungssuche deutlich bemerkbar. Aufgewühlte Grünflächen in Wohnbereichen und abgescheuerte Baumrinden senden das Signal: „Wildschweine waren hier.“ Für Hundebesitzer, die hier ihren Dackel oder Pudel spazierenführen, wird es dann schon mal brenzlig, denn so ein ausgewachsener Keiler kann 100 kg schwer sein. Maximal sogar 200 kg. Der kann, wenn er in Angriffsmodus geht, auch den mutigsten Mann zum Rennen veranlassen. Und die Bache, die mit Frischlingen unterwegs ist, ist mindestens ebenso gefährlich. Im Jahre 2009 schafften es sogar zwei Wildschweine bis zum Alexanderplatz. Als Gefährdung der Öffentlichkeit mussten sie damals von Jägern „geschossen“ werden.

Wenn sich das Mufflon hinterm Ohr kratzt...
Wenn sich das Mufflon hinterm Ohr kratzt…

Aber diese Gefahr besteht natürlich bei den friedlichen und an menschlichen Besuch, der bei ihnen zu Hause vorbeispaziert, gewohnten Tieren im Spandauer Gehege natürlich nicht. Diese gucken immer neugierig, ob es von diesen bunten Zweibeinern nicht etwas zu futtern gibt. Falls nicht, wetzen sie weiter durchs Gelände, kratzen sich am Baum oder halten ein Schläfchen. Angenehme Zeitgenossen, irgendwie. Ähnlich wie die Mufflons, die Bergschafe, welche „Nachbarn“ der Wildschweine sind. Das Mufflon als solches lebt ja lieber im Gebirge, wo es auch in der Lage ist, seinen Fressfeinden (Wölfen vor allem) auszuweichen. Im Flachland müssen Mufflons eingehegt und geschützt werden, weil sie bei Ansiedlungsversuchen etwa in Ost-Sachsen oder dem Harz vom inzwischen wieder in Deutschland heimischen Wolf praktisch komplett ausgerottet wurden. Außer Hunden, die mit ihren Besitzern hier vorüberschlendern, müssen die Schafe aber in Spandau nichts befürchten. Sogar ein paar kleine Felsen zum Klettern hat man ihnen ins Gehege gestellt. Na, dann: alles Gute, liebe Mufflons.

Fazit eines Spaziergangs durch den Wald: Abgesehen von dem durch Schlamm verdreckten Schuhwerk war es doch wieder schön, ein wenig abzuschalten. Auch wenn ich meine Freunde, die „Stockenten“ vermisst habe, bin ich sicher, sie bald wieder auf diversen Teichen herumschwimmen zu sehen.

In diesem Sinne, wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude beim Spazierengehen in Berlin.

Ihr

Clemens Kurz

GEDSC DIGITAL CAMERA
Die Eiche und ich, Begegnung im Wald. 🙂