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Friedhöfe: Waldspaziergang „in den Kisseln“

Zu den Orten, von denen man sich im Großstadtgewirr vielleicht am ehesten „Ruhe und Frieden“ verspricht, gehören sicherlich Parks und Friedhöfe. Wobei manchmal beides sich oft angenehmerweise überlappt und Friedhöfe auch interessante Parklandschaften abgeben, auf denen es sich gut spazierengehen lässt. Ein solcher „Gottesacker“ ist sicher der Spandauer Waldfriedhof „in den Kisseln“.

Sie wissen es ja vielleicht schon, liebe Leserinnen und Leser, dass ich vor ein paar Jahren damit begann, mich ein wenig auf den Friedhöfen der Stadt Berlin umzuschauen. Und wer meine älteren Beiträge kennt, weiß ja auch, dass ich nicht aus morbider Neigung dorthin gehe, vielleicht um Tote heraufzubeschwören, dem Teufel zu huldigen oder sonstige, finstere Rituale abzuhalten. Nein, anfänglich erstreckte sich meine Neugier rein auf Prominentengrabstätten, auf die ich während der Recherche für den ein oder anderen Stadtausflug hingewiesen wurde.

Später dann kam der angenehm beruhigende Aspekt eines Friedhofs-Spazierganges für mich hinzu. Es hat einfach etwas sehr schön Calmierendes, wenn man im langsamen Tempo, „super-entschleunigt“ sozusagen, durch die Reihen der Grabstätten schreitet, sich den gelegentlich aufwändigen Grabschmuck anschaut oder die alten Familiengrabstätten aus alten Zeiten bewundert. Zumeist sind Friedhöfe auch gut mit Bäumen bewachsen, so dass man auch im Hochsommer hier etwas Schatten findet. Ich persönlich empfinde das als angenehm.

So bietet etwa der 1886 eröffnete und ca. 60 ha große Waldfriedhof „in den Kisseln“ in Spandau dem langsamen Spaziergänger ebenfalls eine gute Gelegenheit, ein wenig sein „memento mori“ aus dem Hinterkopf ins Bewusstsein zu holen. Den Namen hat dieser Ort übrigens von einer alten Flurbezeichnung bekommen. „Küsseln“ wurden einst Kiefern-bewachsene Sandhügel genannt. Man kann sich also vorstellen, welcher Baum hier vorherrscht und wie die Bodenqualität bewertet werden muss.

„Ihren im Weltkrieg 1914 – 1918 gefallenen Söhnen, die Stadt Spandau“

Man wird aber auch nachdenklich an solchen Orten. Wenn man etwa zu diversen Grabfeldern für Opfer der Weltkriege gelangt. Oftmals mit interessanten Gedenksteinen, Plastiken oder Sinnsprüchen geschmückt, wird man oft erst hier ein wenig beklommen. Bekommt erst hier manche Details zu erfahren, die man eigentlich gar nicht „fassen“ möchte. So etwa auf dem Gräberfeld für die Gefallenen Spandauer des Ersten Weltkrieges. Das Erstaunliche nämlich ist, dass viele von ihnen Todesdaten von nach dem 11. November 1918 haben. Der Waffenstillstand wurde an diesem Tag unterschrieben, aber hier finden wir Opfer vom Dezember oder Januar 1919. Opfer von Kriegsverletzungen ? Gasvergiftungen ? Opfer der Revolutionswirren, für die man keine anderen Beisetzungsplätze fand ? Auf den ersten Blick ist das nicht zu erkennen. Es lässt den Besucher etwas ratlos zurück.

Auf dem Spandauer Friedhof „in den Kisseln“ finden sich mehrere Grabfelder für Soldaten und andere Opfer von Krieg und Diktatur. Es finden sich auch noch alte Familiengrabstätten, die einstmals die „Außenmauer“ des alten Friedhofes bildeten, bevor dieser zu Anfang des 20. Jahrhunderts erstmalig erweitert wurde. Schon damals war er und ist es bis heute geblieben, der wichtigste Friedhof Spandaus, sozusagen sein „Zentralfriedhof“.

Grabstätte Koeltzes in Spandau.

Seine Bedeutung ist auch daran zu ersehen, dass diverse Bürgermeister, Berliner Stadtälteste und sonstige Lokalpolitiker hier eine eigene „Abteilung“ haben. So ist etwa der erste, letzte und einzige „Oberbürgermeister“ Spandaus, der tatkräftige Friedrich Koeltze, hier beigesetzt. Wie es heißt, auf eigenen Wunsch übrigens nicht mit vollem Namen „Friedrich Wilhelm Georg“, sondern nur als „Fritz“ Koeltze.

Nun, auch die „Totenruhe“ kann natürlich nicht immer Priorität haben und so sind die eifrigen Grünpfleger des städtischen Friedhofs immer damit befasst, Rasenkanten zu trimmen, Äste zu beschneiden etc. Maschinenlärm und gelegentlich vorbeiflitzende Fahrzeuge der Friedhofsbetreuer mindern den Eindruck von Ruhe und Frieden gelegentlich etwas, aber man ist ja, die Spandauer mögen mir diese Aussage verzeihen, immer noch in Berlin, wo es eben immer etwas lebendiger zugeht, als anderswo.

Die Inschrift auf einem einzelnen Grabstein hat mich immerhin ein wenig mitgenommen, weil sie sich so merklich von den biblischen Sinnsprüchen und diversen rührseligen „wir vermissen dich“ – Botschaften abhob: „warum nur, warum“. Der unbewältigte Schmerz der Hinterbliebenen, das völlige Unverständnis darüber, wie ihre Lieben (es war ein Doppelgrab) ihnen vermutlich so abrupt entrissen werden konnten. Darüber lässt und ließe sich viel nachgrübeln. Über die Unvermeidlichkeit des Todes und die Tatsache, dass er oftmals zum „falschen Zeitpunkt“ für das persönliche Umfeld eintritt. Die krampfhafte Untröstlichkeit derer, die keinen Halt in Dingen wie dem Glauben, irgendeiner obskuren Philosophie oder Ähnlichem finden, sprang mich aus diesen drei Worten auf dem Grabstein an und machte mich ein wenig beklommen.

Nun, die Glocken des Turmes der „Feierhalle“ (da es kein kirchlicher Friedhof ist, kann man es nicht „Kapelle“ nennen) weckten mich dann aus meinen Überlegungen und so beschloss ich, meinen Vormittagsspaziergang wieder am Haupteingang zu beenden. Ich empfehle es weiter, sich hier ein wenig Ruhe beim Spazierengehen zu verschaffen, sich ein wenig mit Zeit und Vergänglichkeit, mit Krieg undTrost, Ruhe und gelegentlichem Fluglärm auseinanderzusetzen. Es erdet den Besucher ein klein wenig. Auch wenn der Friedhof „in den Kisseln“ kein ausgesprochener „Prominentenfriedhof“ sein mag, so ist er in jedem Falle die Zeit wert, sich ihn anzuschauen.

Nachtrag vom 12. November 2018:
Wenn der Friedhof „in den Kisseln“ für etwas Schlagzeilen machte in den letzten Jahren, dann war das die „Invasion der Schwarzkittel“. In anderen Worten: Wildschweine haben es sich auf dem Gelände gemütlich gemacht.
Wer es noch nicht wusste: seit Jahren schon dringen aus den Brandenburger Forsten Wildschweinfamilien nach Berlin ein. Da sie unverantwortlicherweise von Anwohnern gefüttert werden, haben sie oftmals die natürliche Scheu vor dem Menschen verloren und vermehren sich so fleißig, dass die Außenbezirke mit ihren Parks und Forsten schon öfters von ihnen heimgesucht wurden. Die Grünflächen vor meinem Wohnhaus z. Bsp. wurden vor einigen Jahren regelmässig von Wildschweinen aufgewühlt. Wer morgens das Haus verließ, sah die Spuren ihrer Suche nach Nahrung deutlich. Ein einzelnes Wildschweinpaar soll (ich habs nicht persönlich gesehen) sich vor einigen Jahren sogar bis zum Alexanderplatz durchgeschlagen haben. Einzelne Forsten haben zwischenzeitlich schon besonders beharrliche „Rotten“ zum Abschuss freigegeben.  Allerdings nicht durch private Jäger sondern nur durch Angestellte und Beauftragte der Forstämter.

die „wilde Wutz“

Langer Vorrede, kurzer Sinn: auch das eigentlich gut durch Zäune gesicherte Gelände des Friedhofes „in den Kisseln“ wurde irgendwann vom „wilden“ Borstenvieh entdeckt. Da Wildschweine keine dummen Tiere sind, fanden sie, wie so oft, einen Weg aufs Gelände. Wühlten sich sozusagen „unter den Zäunen durch“. Das Spandauer Bezirksamt, dem dieser Friedhof untersteht, versucht also seit längerer Zeit, diese Einfallsmöglichkeiten zu sperren. Durch Fundamente unter den Zäunen etc. Derweil haben es sich aber manche Schwarzkittel schon auf dem Gelände gemütlich gemacht. Das geht soweit, dass sie Grabstätten beschädigen und Absperrungen durchbrechen. Mittlerweile haben sich Betroffene Familienangehörige an das Bezirksamt gewandt und um Abhilfe gebeten.
Erst im September 2018 wurde in der Lokalpresse bekannt, dass ca.  150 Unterschriften gesammelt und über einen Vertreter der Friedhofsgärtnerei der Verwaltung überbracht wurden. Die Frage ist natürlich: wie bekommt man die „wilde Wutz“, wenn sie es gemütlich hat, wieder vom Gelände ? Na, ja, wir wissen, der Amtsschimmel wiehert laut, aber läuft sehr, sehr langsam. Ich bleibe dran und werde verfolgen, ob etwas passiert. Vermutlich gibts bald einen „Runden Tisch“ mit Vertretern von Tierschutzverbänden, der „Farm der Tiere“ und dem Rennschwein Rudi Rüssel….

Anfahrt:
am besten mit den „Öffentlichen“:
von „Rathaus Spandau“ mit dem Bus 134, Richtung „Wasserwerk Spandau“, bis Station „Friedhof in den Kisseln“.

Geöffnet:

07.30 Uhr – 18.00 Uhr

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Rückblick: Themenreihe „Kaiserwetter ??? 1918 – 2018“

Hier mal wieder ein Beitrag „in eigener Sache“. Ein Rückblick nämlich auf die diesjährige Themenreihe „Kaiserwetter ??? 1918 – 2018“. Ich hatte sie aus Anlass des 100sten Gedenkens an das Ende der Monarchie in Deutschland durchgeführt, um ein wenig die untergegangene Epoche zu durchleuchten. Und dies so „ungezwungen“ und so wenig „trocken und oberlehrerhaft“ wie nur möglich. Schauen wir mal, wie das so lief…

Ihnen kann ich es ja gestehen, liebe Leserinnen und Leser: anlässlich bestimmter Jubiläen, Jahrestage oder Gedenk-Daten mache ich gerne mal einen Ausflug. In das dem Anlass entsprechende Museum, Schloss, zu dem passenden Fest oder sonstiger Veranstaltung. Anlässlich des Endes der Berliner Luftbrücke z. Bsp. trabe ich gerne mal zum Militärhistorischen Museum Flugplatz Gatow. usw.

„Themenreihen“ aber, eine Reihe unterschiedlicher „Clemens Kurz Stadtspaziergänge“, die sozusagen unter einer „Überschrift“ stehen, mache ich eigentlich selten. Da muss mich eine Sache schon sehr interessieren, so dass ich möglichst viele Freunde und Bekannte daran teilhaben lassen will. Da aber Freizeit selten eine Zeit für langweilige Schulveranstaltungen ist, wollte ich das Thema diesmal mit hübschen Sommerspaziergängen u. ä. verbinden. Schauen wir mal, wie das so lief:

  • Zunächst mal begannen wir den ganzen Spaß mit einer Dampferfahrt. Altmodisch ? Aber bei strahlendem Sonnenschein ein paar Getränke auf einem Schiff zu sich zu nehmen und dabei Berlin von der Wasserseite zu sehen, stimmt mich persönlich immer fröhlich. Eine Fahrt nach Köpenick über die Spree sollte Gelegenheit sein, um über den „Hauptmann“ nachzudenken, über die sozialen Hierarchien und Spannungen des Hohenzollernstaates.
  • Ein Picknick im Park von Schloss Babelsberg, ebenfalls bei großartigem Sommerwetter, wiederum war Anlass, um über das Zustandekommens des Deutschen Reiches in der bekannten Form zu reflektieren. Warum wurde die „Deutsche Frage“, die seit dem frühen 19. Jahrhundert im Raume der Geschichte stand, auf diese Art und Weise „beantwortet“. Wie und warum kam die „kleindeutsche Lösung“ zustande. Dabei frisches Obst auf einer Decke im Grase am Ufer der Havel zu verdrücken und den Ausflugsdampfern diesmal beim Vorüberfahren zuzusehen, entspannte die Stimmung deutlich.
  • Ein Besuch des „Grunewaldturmes“, von dem aus man einen schönen Blick über die Berliner Unterhavellandschaften hat, wiederum brachte uns zum Thema der Auswirkungen der Reichsgründung auf die Region. Wie entwickelten sich die Bevölkerungszahlen, was brachte die Beschleunigung der Bau- und sonstigen Wirtschaftstätigkeit für Möglichkeiten und Probleme mit sich ? Wie wichtig war (und ist ???) die sog. „Sommerfrische“ für den Berliner und was hatte das für Konsequenzen für den Nahverkehr und den damaligen „Speckgürtel“, der seit 1920 z. T. längst eingemeindet ist ? Schon wieder war das Wetter angenehm. Sonnig und in Havelnähe sogar mit frischem Sommerwind.
  • Die zu meinen Lieblingsausflügen gehörende Berlin-Tour „Kaiserwetter“, die der Themenreihe auch den Namen gab, beantwortet immer wieder ein paar Fragen zum Thema „wie sah sich das Kaiserreich selbst, wie stellte sich der Staat im öffentlichen Raum dar und wie wollte er gesehen werden ?“ Vom Berliner Tiergarten bis in die historische Mitte hinein sind noch einige Relikte dieser Zeit zu finden und wer sie genau betrachtet, sieht ein bestimmtes Selbstverständnis, dessen innere Widersprüche aber gut „verdeckt“ waren. Der letzte „Tag der offenen Baustelle“ auf dem Berliner Humboldtforum schloss diesen Termin ab.
  • Abschließend gaben uns die „Staatlich Preußischen Schlösser und Gärten“ einen sehr schönen Ausflug zum Neuen Palais in Potsdam vor. Ihre Sonderausstellung „Kaiserdämmerung“ befasst sich mit den letzten Tagen der Monarchie im Gebäude, mit der Kaiserfamilie und ihrem Auszug in Zeiten von Umsturz und politischer Unsicherheit. Das Thema schloss sozusagen auch unsere Themenreihe sinnvoll ab. Die Frage, woran die Monarchie letztlich scheiterte, ist unter Historikern sicherlich nur z. T. umstritten. Dennoch gibt diese Frage einen hübschen Stoff für Diskussionen her.

Mein Fazit:
Die Idee, ein paar ernstere, historische Fragen im kleinen Kreise mal an authentischen Orten und in zwangloser Form zu erörtern, gefällt mir immer noch gut. Das hat teilweise gut funktioniert. Dennoch hatte ich mir z. T. dann doch mehr Teilnehmer gewünscht. Schließlich konnte, wer jetzt nicht viel über „alte Zeiten“ reden wollte, sich ja ein wenig in der Sommersonne brutzeln, beim Picknick oder auf dem Dampfer entspannen, einen Spaziergang durch Berlin genießen oder einen Aussichtsturm erklettern und von dort Ausschau in die schöne Landschaft halten. Das Thema war ja kein Zwang…
Wars die Sommerzeit, die vielen Verreisenden nicht passte oder die Unsicherheit wegen der Sommerhitze, ob man auch genügend hydriert war ? Ehrlich gesagt haben dann doch manche Ausflüge gut geklappt und Spaß gemacht. Insofern bleibt mein Schluss aus alledem ein wenig ambivalent. So etwas noch einmal zu machen, zumal ich bis auf einen einzigen Ausflug für alle anderen einiges an Vorbereitungszeit und Lernaufwand betrieben habe, überlege ich mir dann jeweils dem Anlass entsprechend zukünftig sehr genau.

Damit ist die Freiluft-Saison der „Clemens Kurz Stadtspaziergänge“ auch praktisch für dieses Jahr beendet. 🙂 Der „goldene Herbst“ mag zwar noch ein paar Foto-Ausflüge oder ähnliches nach sich ziehen, aber das wird alles eher spontan erfolgen, wenn überhaupt.

In diesem Sinne vielen Dank an alle, die 2018 mit mir „an der frischen Luft“ unterwegs waren. Ich hoffe, ihr hattet/Sie hatten ein wenig Freude und eine gute Zeit auf einem „Clemens Kurz Stadtspaziergang“.
Ich hoffe, euch/Sie auch bei dem ein oder anderen „Winterausflug“ 2018/19 zu Museen, Schlössern, Ausstellungen oder ähnlichen Zielen wiederzusehen ! Wie immer werden diese hier auf der Termine-Seite und auf der FB-Seite so früh wie machbar bekanntgeben. SEID DABEI ! 🙂

Euer/Ihr

Clemens Kurz

Besuch im Neuen Palais zu Potsdam

Das Neue Palais in Potsdam. Immer ein wenig im Schatten vom intimeren „Sanssouci“, immer etwas in der „zweiten Reihe“. Nett anzuschauen von außen, vor allem in Verbindung mit den „communs“, welche heute von der Potsdamer Universität genutzt werden. Immer ein wenig „Stiefkind“ des Parks Sanssouci. Und dennoch einen Besuch wert, wie wir anlässlich der Sonderausstellung „Kaiserdämmerung“ feststellen konnten. 

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kann ich es ja gestehen: es gab und gibt noch immer Orte in meiner Region Berlin-Brandenburg, die selbst ich noch nie gesehen habe. Wo auch ich noch nie einen Fuß hinein gesetzt habe. Bis vor kurzem war ein solcher Ort das „Neue Palais“ in Potsdam. Seit Jahren hatte ich mir einen Besuch dort vorgenommen, wollte dieser „Fanfaronnade“ des Alten Fritzen mal einen Besuch abstatten, aber aus höchst unterschiedlichen Gründen klappte das zuvor nie. Umso froher war ich, als es endlich einmal funktionierte und ich mit Freunden hier am westlichen Rand der Parkanlage von Sanssouci gemeinsam im Schloss unterwegs sein konnte.

„Kaiserdämmerung“ lag als Motto über dem Ausflug. Die „Staatlich Preußischen Schlösser und Gärten“, SPSG, hatten aus Anlass der 100sten Wiederkehr des Endes der Monarchie in Preußen eine Sonderausstellung aufgelegt. Eine Ausstellung, deren Schlüsselstationen sich dem Leben des letzten Kaisers und seiner Kaiserin im Neuen Palais widmen sollte, vor allem unter dem Blickwinkel der letzten Tage und Wochen des Paares hier, bevor die Revolution und die Siegermächte des Ersten Weltkrieges ihnen die Heimat nahmen.

Es gelang uns, einen Führungstermin zu ergattern und so trabten wir in kleiner Gruppe durch die Räume und ließen uns über Räumlichkeiten und Besonderheiten des kaiserlichen Haushalts informieren. So zeigte man uns z. Bsp. den Verlauf des unterirdischen Tunnels, der ab 1896 die extern gelegene Schlossküche mit dem Wohnflügel des Kaiserpaares verband.  Der Monarch wollte bei Schlechtwetter keine regennassen Lakaien im Schloss haben. Skurril, aber wahr. 🙂 An bestimmten Stellen wurde auch Mobiliar oder Kleidung des kaiserlichen Haushaltes gezeigt, welches extra vom niederländischen „Huis Doorn“, dem Exilsitz des letzten Kaisers, ausgeliehen worden war. Insofern wird es diesen Rundgang durchs Neue Palais in genau dieser Form vielleicht nie wieder geben. Das beeindruckt schon.

Im Nachhinein, als unser kleines Grüppchen sich im Park noch ein wenig beim „Lustwandeln“ erquickte, waren wir uns jedoch darüber einig, dass das eigentliche Thema, die Zeiten der „Kaiserdämmerung“ vielleicht in der Führung ein wenig zu kurz kamen. Wer alleine oder mit audioguide unterwegs gewesen wäre, hätte vermutlich ähnlich viel (durch die Aufsteller) erfahren, ohne jedoch Nachfragen stellen zu können. Wovon ich zuvor Gebrauch gemacht hatte, ohne immer ein zufriedenstellende Antwort zu erhalten. Insofern blieb der Eindruck unserer Führung zumindest ambivalent, vielleicht sogar ein bischen enttäuschend.

Aber mal ehrlich: können solche Banalitäten mir den Besuch verderben ? Nein, nicht wirklich. Zumal das Wetter es wieder mal gut mit uns meinte und entgegen dem morgendlichen Wetterbericht, doch noch so einiges an Spätsommer-Sonne über uns schien. Bei frischem Wind zwar, aber auch der machte unseren Spaziergang erträglich und war noch weit vom wirklich unangenehmen Herbstwetter entfernt.

Mein Fazit: Unterwegs mit netten Menschen, bei Wetter, welches uns die Wetterfrösche noch am Morgen gar nicht zugestehen wollten. Die Sonderausstellung (und damit das Neue Palais in Potsdam) war überraschend gut besucht, ein wenig Beine vertreten im Park war auch noch drin und so blicke ich auf einen gelungenen Tag mit guten Gesprächen an einem noch immer einzigartigen Ort zurück. Mein erster Besuch im Neuen Palais war sicher keine Zeitverschwendung. 🙂

in diesem Sinne also bis bald wieder

Ihr

Clemens Kurz

Ausflug ins Vergnügen: Flugplatzfest Gatow 2018

Ihnen kann ich es gestehen, liebe Leser, eigentlich mag ich den „ganz großen Rummel“ nicht mehr so. Im Gegensatz zu meinen Jugendjahren fühle ich mich im „Getümmel“ von Menschenmassen nicht mehr so wohl. War ich deshalb so lange nicht mehr bei einem Fußballspiel ? Wer weiß. In jedem Falle erinnerte ich mich vor ein paar Wochen daran, wie ich im Jahre 2017 das Gatower „Flugplatzfest“ besucht habe. Kurze Zeit später erkrankte ich dann schwer, kam ins Krankenhaus blabla,… Soweit ist das allen Freunden bekannt. Leider kamen damals meine mit dem Smartphone gemachten Fotos nicht in der cloud an und irgendwie wurden sie auch auf dem Telefon gelöscht. Soweit, so ungünstig. Da freute ich mich doch umso mehr, als ich die Ankündigung für das Gatower Flugplatzfest 2018 las. 

Und so machte ich mich mal wieder auf den Weg zum ehemaligen Militärflugplatz Gatow, wo neben dem Flugplatzfest auch der „Tag der Reservisten“ der Bundeswehr begangen wurde. Und das Gelände ist auch für solche Festivitäten geeignet. Weitläufig genug, um diversen Verbänden, vom Technischen Hilfswerk THW bis zur Such-Hundestafel des Deutschen Roten Kreuzes DRK, die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeit vorzustellen. Vereine, die sich verschiedener, historischer Themen widmen, Modellbauer, die vom Lastwagen bis zum Leopard-Panzer alles zusammenbasteln und lackieren, die evangelische Militärseelsorge und natürlich der Bundeswehr-Reservistenverband treten hier öffentlich auf und mit den Besuchern in Kontakt.

Dabei ist das alles, wie schon im letzten Jahr, erfrischend familienfreundlich. Was sich dann spätestens am frühen Nachmittag darin zeigt, dass hier die Familien zu dominieren scheinen. Kinderwagen und kleine Gäste, die an Muttis oder Papas Hand durchs Gelände ziehen, gibts dann zu Hauf. Das Wetter spielte auch mit. Ich kann mich an Besuche hier in Gatow erinnern, bei denen über das offene Gelände auch an schönen Tagen ein kühler, Frösteln erzwingender Wind wehte. Nichts davon heute. Selbst als es sich um die Mittagszeit ein wenig zuzuziehen begann, blieben die Temperaturen auch bei leicht auffrischendem Wind angenehm.

Englischer Doppeldecker „Miss Lucy“. Noch immer flugfähig !

Und dann wieder die Besonderheiten. Eigentlich ist Gatow seit 1994 als echter Flugplatz geschlossen. Für die Umstellung vom Standort „RAF (Royal Air Force, Großbritannien) Gatow“ zum Bundeswehrstandort „General-Steinhoff-Kaserne“ mit Flugfeld gab es noch ein paar genehmigte Landungen in den 90er Jahren. Einige Großexponate, die im jetzigen „Militärhistorischen Museum Flugplatz Gatow“ gezeigt werden, flogen, so teilte es mir einmal ein Museumsguide mit, noch selbst nach Gatow und landeten hier unmittelbar, bevor sie außer Dienst gestellt wurden.
Ich schrieb „eigentlich“, denn immer zum Flugplatzfest werden für Kleinflugzeuge und einige, wenige „Einmotorige“ Sondergenehmigungen für Starts und Landungen erteilt. In diesem Jahr veröffentlichte der Veranstalter einen Tag vor der Eröffnung des Festes eine Liste von 18 Fliegern, die an diesem Wochenende diese Erlaubnis erhielten. Die Reste der großen Start- und Landebahn, die noch zum Museumsgelände gehören und einigermaßen in brauchbarem Zustand sind, werden dafür genutzt. Ich selbst sah heute eine Einmotorige landen, während ich noch ein wenig „im Suchmodus“ übers Gelände schweifte. Im letzten Jahr flogen sogar zwei einmotorige Propellerflugzeuge kleine „Schauluftkämpfe“ über dem Gelände.

Hier endlich der Beweis: Darth Vader und einige Spießgesellen streiften hier herum !

Und dann das Thema „Darth Vader“… Im letzten Jahr traf ich diesen Star-Wars-Schurken erstmalig hier. Und fragte mich natürlich: „Was will der denn hier ?“ Will er Leute für das Imperium rekrutieren ? Brauchen die neue Piloten, Sturmtruppler etc. ? 🙂 Wie gesagt, Star Wars Fans in voller Montur waren hier auch 2018 vertreten. Was jedoch einen Fan dazu bringt, die Montur der „Bösen“ anzulegen, ist mir bis heute nicht klar. Das konnte ich mit den Fans auch in diesem Jahr im Gespräch nicht recht klären. Wollten wir als Jugendliche, als wir Star Wars für uns entdeckten, einst nicht alle bei der „Rebellenallianz“ mitmachen ?

1:4 – Modell eines „Zeppelin-Staaken“-Bombers aus dem Ersten Weltkrieg.

Der neue Hangar 3 war auch einen Besuch wert. Nach dem Umbau präsentiert er sich verändert. Will einen kurzen, mit Hilfe von Personenportraits für den Besucher „besser zugänglichen“ Einstieg in das Thema der militärischen Luftfahrt Deutschlands bieten. Hier versammelten sich übrigens schon am Vormittag viele Besucher, weil hier Vertreter des Museums als Ansprechpartner zur Verfügung standen und über den Umbau der location Auskunft gaben. Im letzten Jahr konnte ich mir hier schon mal einen Plan des neuen Hangars 3 anschauen. Diese Planungen jetzt „in die Realität“ umgesetzt zu sehen, beeindruckt schon ein wenig.

Leider hatte der Depot-Hangar 8 eine Mittagspause, während der ich natürlich genau dort vorbeischauen wollte. Die mehrstündige Pause hatte sich aber nicht nur bis zu mir nicht herumgesprochen, ein offensichtlich enttäuschter, anderer Gast maulte lautstark in Richtung seiner Begleiterin herum, dass er „ja nur deshalb hergekommen sei“. Nun ja, ich fand, es gab noch sehr viel mehr zu sehen, aber was solls.

Shuttle-Bus zum öffentlichen Nahverkehr. Wir wurden verwöhnt…

Eine schöne, neue „Bequemlichkeit“, die es im letzten Jahr noch nicht gab, war auch der Shuttle-Bus, der Besucher fast direkt von der Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs zum Museumsgelände fuhr. Ein Bundeswehr-Personenbus erfüllte diese Funktion und hatte, so kurz die Fahrt auch nur sein mag, echten Reisebus-Komfort. WOW ! Zwar war das nicht der Bequemlichkeit der Besucher geschuldet, sondern Protesten der „Besserverdienenden“ aus der zwischen Haltestelle und Museum gelegenen „Fliegersiedlung“, die durch Fußgänger, Rad- und Autofahrer, die ihre verkehrsberuhigten Spiel- und Wohnstraßen passieren müssen, ihr Wochendvergnügen und ihre Vorgärten in Gefahr sehen, aber dennoch: einem „geschenkten Gaul“ schaut man nicht ins Maul.

Somit kann ich ein sehr positives Fazit meines Besuches ziehen. Shuttle-Service, gutes Wetter, viel zu sehen, Darth Vader, viele Besucher. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr !

Euer

Clemens Kurz

Im grünen Walde steht ein Turm

Sommer, Sonne, Sommerfrische. Stadtmenschen mögen einfach das Naturidyll und das schon seit „Kaisers Zeiten“. Wenn es eines schlagenden Beweises für diese Aussage bedurft hätte, so könnte sie im Berliner „Grunewaldturm“ ihren Ausdruck finden. Wenn die Havelboote fröhlich vor sich hinsegeln, im Grunewald die Blätter rauschen und ein Biergarten auch noch unter dem Turm zu finden ist, dann kann man fein zurückdenken. An Zeiten, in denen noch keine Hochhäuser am Horizonte zu erkennen waren und selbst das Spandauer Rathaus erst im Bau befindlich war…

Ihnen, liebe Freunde der kleinen Stadtausflüge in Berlin und Brandenburg, kann ich es ja gestehen: manchmal ödet mich die Hauptstadt an. Speziell, wenn ich an die Architektur der letzten 15 Jahre denke. Herrje, was da an Monumenten der Bedeutungslosigkeit, der architektonischen Langeweile und Kreativlosigkeit geschaffen wurden ! Vom „upper West“ Hochhaus über die schrecklichen Hotels am Hauptbahnhof für Lobbyisten, die nur ein paar Stunden im Bundestag verbringen wollen, bis zum Bundesinnenministerium an der Spree reicht die Palette des Grauens und Erbrechens. Das Bundeskanzleramt mit seiner „Waschmaschinenoptik“ als letztes, kreatives Gebäude dieser Stadt ? Auch die Wohnviertel, die gerade berlinweit aus dem Boden gestampft werden, lassen an Inhumanität kaum zu wünschen übrig, worauf mich jüngst ein Freund aufmerksam machte, der ganz sachlich das Fehlen von Grün und Rasenflächen, von Bäumen und Alltagsinfrastruktur in einem dieser neuen „Pseudokieze“, der in unserer Nähe gerade eröffnet wurde, beklagte.

Da ist es uns sicher nicht zu verdenken, dass wir beide kurzfristig Lust hatten, ein wenig im „Historismus“ zu schwelgen. Ein wenig Grün für die Augen, ein wenig Naturspaziergang für die Füße und die Seele und ein wenig imitierte „Backsteingotik“ von Franz Schwechten. Für den Augengenuss. Angesichts dessen, was sonst gerade so in Berlin passiert, ist man für solch eine im wahrsten Sinne des Wortes „Aussicht“ dankbar.

Gesagt, getan und schon spuckte uns der Bus am Turm aus. Die Havelchaussee ist und bleibt ein Fahrerlebnis, als Fahrer oder Gefahrener. Scheue Blicke auf die Havel, ein nettes Auf und Ab der hügeligen Uferlandschaft und der Grunewald ist immer bereit zum Spaziergang. Der Grunewaldturm selbst, der einst als „König-Wilhelm-Turm“ geplant, dann vom letzten Kaiser als „Kaiser-Wilhelm-Turm“ tituliert und 1948 in „Grunewaldturm“ umbenannt wurde, steht wie eh und jeh seit 1899 dem Ausflügler zur Verfügung. Die 205 Stufen bis zur Aussichtsplattform muss man bei entsprechender Hitze vielleicht gemächlicher nehmen, die Aussicht selbst aber belohnt den Besucher wie seit 1899. Der Bauplatz, einst „Karlsberg“ genannt, ist einfach gut gewählt.

Blick auf die Unterhavel vom Grunewaldturm

Und dann steht man oben, hört selbst im Hochsommer den Wind in die Kuppel fahren, und genießt den weiten Blick. Auf die Berliner Unterhavel, nach Schwanenwerder, auf den Grunewald, den Teufelsberg, in die „City“ (ja, wir konnten mühelos den Fernsehturm am Alexanderplatz ausmachen) und nach Spandau hinein. Das Spandauer Rathaus ist auszumachen und obwohl ich alter „Blindfisch“ sie erst nicht finden konnte, zeigte mir mein Kumpel mit dem Feldstecher sogar die Spandauer Kirche St. Nikolai. Dass der Blick von Süden und Südost nach Spandau demnächst durch ein weiteres Hochhausquartier auf dem Gelände der ehemaligen Spandauer Hauptpost versperrt werden wird, sei hier im Anschluss an meine einleitenden Worte nur schnell angemerkt. 😦

In jedem Falle ist am Grunewaldturm einfach alles „unecht“, aber hübsch. Ein Bau des Historismus halt. Falsche Backsteingotik. Der rote Baustoff passend für die Region gewählt. Kleine Balkone, deren Türen aber aus Sicherheitsgründen versperrt sind. Ziergiebel, Türmchen, kleine Verzierungen hier und dort, die das Auge erfreuen und sogar teilweise kleinen Pflanzen Raum zum Wurzeln schlagen bieten. Dies muss jedoch aus Gründen der Statik irgendwann unterbunden werden. Zwei Große Adler an der Grunewald- und Wasserseite. Dann die Halle mit der überlebensgroßen Statue des ersten Namensgebers. Immerhin sollte jeder Besucher wissen, WEM der Kreis Teltow, zu dem der Grunewald bis 1920 gehörte, dieses Bauwerk einst widmete.

Kaiserstandbild von Ludwig Manzel

Wir können uns sicher kaum vorstellen, wie wichtig solche „Ankerpunkte“ der Sommerfrische zu Kaisers Zeiten und auch noch danach einst gewesen sind. Kein „Netflix“, kein Internet, kein Fernsehen, kein Rundfunk, Bücher manchmal noch zu teuer… Irgendwie musste sich „der kleine Mann“ ja auch damals die geringe Freizeit vertreiben und die Gedanken mal vom oft prekären Alltag ablenken.
„Sommerfrische“ in Berlin-Brandenburg. Möglichst am Wasser und mit Parks oder Wäldern in der Nähe. Was konnte es schöneres für einen Sonntagnachmittag geben ? Daraus entstanden sogar „Klassiker“ des örtlichen Schlagers wie der „Bolle“, welcher sich zu Pfingsten in der Schönholzer Heide in eine Schlägerei verwickeln ließ. Gaststätten, die Ruderbooten Stege zum Anlegen anboten, waren damals keine Seltenheit. Man putzte sich selbst heraus, ging vorher zur Kirche oder auch nicht, achtete darauf, dass auch der Nachwuchs „präsentabel“ war und dann…raus. Mit der Bahn, mit dem Fahrrad, nur raus „int Jrüne“. Picknick mitgenommen, vielleicht durfte man ja im nahegelegenen Biergarten „selber Kaffe kochen“.

Da spielt der Grunewaldturm eine Rolle. Wie auch einst die Gastronomie an Orten wie Klein-Glienicke oder Treptow. Zwar sind die Tage, in denen die gebeutelten „Proletarier“ ihre kalten, feuchten Hinterhofwohnungen für wenige Stunden der „Sommerfrische“ verließen, sind natürlich vorbei. Dennoch macht „Sommerfrische“ auf den Spuren unserer Vorfahren auch heute noch Spaß. Mein Kumpel und ich jedenfalls ließen es uns noch ein wenig im Biergarten gutgehen, spazierten dann „ins Grüne“ des Waldes hinaus und wurden schließlich von einem „historischen“ BVG-Bus wieder zurück „in die Stadt“ gefahren. 🙂 Es gibt sehr viel schlechtere Dinge, die man mit einem sonnigen Sommertag anfangen kann.

Quer durch Berlin auf der Spree – Köpenick und sein Hauptmann

Berlin vom Wasser gesehen. Immer wieder beliebt. Bei schönem Wetter immer wieder eine Freude. Wenn man dann noch von Spandau nach Köpenick und zurück „schippern“ kann, bekommt man einiges zu sehen. Was könnte als Auftakt meiner Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“ also zwangloser sein ? Ein Besuch beim „Hauptmann von Köpenick“ als leichter Einstieg in ein schweres Thema. 

100 Jahre ist es her, dass die letzte, deutsche Monarchie sich auflöste. Meine Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“ befasst sich deshalb mit dieser ein wenig stiefmütterlich behandelten Epoche deutscher Geschichte. Trocken ? Langweilig ? Nicht mit mir ! Also fing ich mal mit dem sicher allgemein bekannten „Hauptmann“ in Köpenick an. Und wenn man dann noch bei schönem Wetter über die Spree „dampfern“ kann, wie sollte ein Anfang des Themas unterhaltsamer und angenehmer daherkommen ?

Ich gestehe: der „Hauptmann“ von Köpenick hinterlässt bei mir schon länger einen zwiespältigen Eindruck. Die ganze „Tränenzieher-Geschichte“ des vom rigiden Kastensystem der Kaiserzeit „Ausgespuckten“, armen Schusters, der sich trickreich verschafft, was ihm zusteht, erscheint viel zu sehr eine gefällige Legende zu sein, als dass sie einem genaueren Hinsehen standhielte. Und so ist es auch. Das, was wir als „Köpenickiade“ im Kopf haben, ist zum guten Teile eher dem Schriftsteller Carl Zuckmayer geschuldet, als den Fakten. Zuckmayer, der geschickt und detailreich in seinem Theaterstück das Bild des geläuterten Kriminellen schildert, der von allerlei Bürokratie an der Resozialisierung gehindert wird, gestaltet diesen Charakter vor dem Hintergrund eines militaristischen, unmenschlichen Systems des Kaiserreiches, welches dem „einfachen Manne“ keine Chance ließ, sich erfolgreich einzugliedern.

Zwar ist diese Betrachtung nicht völlig falsch, vieles, was Zuckmayer uns beschreibt ist einfach faktisch und kann leicht anhand von Quellen nachvollzogen werden. Dennoch ist es nur ein Teil der „Wahrheit“ über das kurzlebige Kaiserreich der Hohenzollern. Das hier auszuführen, würde diesen Beitrag unnötig verlängern. Wer auf dem Ausflug dabei war, dem habe ich meine Argumente ja auch ausgeführt. An dieser Stelle soll es mal ausreichen, zu betonen, dass uns Zuckmayer und die folgenden Verfilmungen seines Theaterstückes, mit so renommierten Darstellern wie Heinz Rühmann oder Harald Juhnke in der Titelrolle, ein stark „gefiltertes“ Bild der Kaiserzeit vermitteln. Ganz sicher auch ein gefiltertes Bild von Friedrich-Wilhelm Voigt, einem Manne, der schon im zarten Alter von 14 Jahren erstmalig straffällig wurde und letztlich eine lange „Karriere“ im Strafvollzug hinter sich hatte, bevor er das Rathaus von Köpenick besetzen ließ. „Opfer der Umstände“ ? Ja, teilweise, aber eben nicht ausschließlich. Auch hier muss präzise und mit Augenmaß differenziert werden, wie so oft beim „Blick zurück“ in die Geschichte.

Wie gesagt, darauf habe ich während unseres kurzen Spaziergangs durch die Köpenicker Altstadt ja schon hingewiesen, Details erübrigen sich dazu an dieser Stelle also. Stattdessen werde ich ein paar Eindrücke von der „Dampferfahrt“ an sich hier ventilieren:

  1. Baukräne, wohin man sieht

    Berlin sollte sein Wappen ändern. Allgegenwärtig im Stadtbild ist schlicht und ergreifend weniger der Bär, als vielmehr der Baukran. Als Mann, der gerne „Schnappschüsse“ von seinen Ausflügen mit nach Hause bringt, knipse ich gerne in alle Richtungen und alle Motive, die mir interessant erscheinen. Bei unserer Spreefahrt fiel es mir schwer, irgendwo einen schönen Blickwinkel hinzubekommen, auf dem KEIN Baukran mit auf dem Bild erschien. So gab ich irgendwann auf und ließ die Kräne erscheinen. Ist halt Realität in Berlin. Es wird gebaut. Viel und potthässlich. Wer etwa die Umgebung des Hauptbahnhofes oder die Region am Ostbahnhof um die „Mercedes – Benz Arena“ betrachtet, könnte denken, die Fassadengestaltung bei diversen Architektenbüros würden die Vorschul- und Krabbelkinder der dortigen Angestellten übernehmen. Klötzchenbildung mit etwas Glas oder mit Schießscharten-Fenstern. Lego-Ästhetik. Einfarbig zumeist. Einem Bau-Ästheten könnten dabei kalte Schauer über den Rücken laufen. Auch wegen der oftmals gewaltigen Dimensionen solcher Bauten. Eine bewusste „Verhässlichung“ Berlins ist im vollen Gange, ein Bauen ohne Rücksicht auf den Ort, eine De-Lokalisierung, die dazu führt, dass manche „Stadtquartiere“ jüngerer Bauart so aussehen, als könnten sie genauso in Hamburg, Frankfurt, Cottbus, Montpellier, San Bernardino oder Shanghai stehen. Man erkennt Berlin nicht wieder. Als Mann, der seine Stadt und deren Besonderheiten auch gerne mit Besuchern teilt und ihnen Berlin zeigt, möchte man ab und an einfach vor Scham im Boden versinken. Vor Peinlichkeit dessen, was dank Leuten wie der Berliner Oberbau-Direktorin Regula Lüscher, seit Jahr und Tag hier in den Märkischen Boden gerammt wird.

  2. Kraftwerk Reuter – West

    Die Berliner Spree ist letztlich in weiten Teilen kein „schöner“ Fluss. Und dies war lange Zeit auch so gewollt. Die Ansiedlung und der Weiterbetrieb von Industrie sowie die Nähe zu diversen Kraftwerken, die lange Zeit hier auch ihr Kühlwasser abzogen, hat eine mächtige Tradition. Eine Tradition, die schon in der Zeit vor der „Reichseinigung“ 1871 ihren Anfang nahm und danach noch einmal massiv beschleunigt wurde. Oberschöneweide, Adlershof, Siemensstadt…wo immer die Spree vorbeikommt, war einst auch Schwerindustrie zu finden.
    Das hat auch Auswirkungen bis heute. Letztlich sind die „fotogenen“, die „hübschen“ Abschnitte der etwa 45 km langen „Berliner“ Spree zahlenmäßig begrenzt. Die Strecke zwischen Lutherbrücke und Treptower Hafen etwa kann mit vielen, interessanten (Foto-) Motiven aufwarten, wie etwa dem Kanzleramt, der Mühlendammschleuse oder der Oberbaumbrücke. Dann wird es stromaufwärts erst wieder kurz vor Köpenick so recht interessant und später darüberhinaus ohnehin, aber so weit ging unsere Fahrt an diesem Tage eben nicht.

  3. „Wappen von Spandau“

    Ein ehrlicher Dank an die Reederei, die uns an diesem Tage durch die Stadt schipperte. Ich werde ihren Namen nicht nennen, um keine „Schleichwerbung“ zu machen, nur den des fast noch „nagelneuen“ Schiffes, welches sie dafür einsetzte, erwähne ich mal: „Wappen von Spandau“. Erst im April in Dienst genommen. Doppelt so viele Toiletten, wie üblich…wer Stunden auf dem Schiff verbringt, weiß das zu schätzen, :-). Die Dieselmotoren hatten auch ordentlich „Druck“, wenn es mal gegen Strömungen anging. Dass die Farben Schwarz-Rot-Gold am Heck wehten, wusste ich „böser, alter, weißer, nationalistischer Mann“ auch zu schätzen in einem Land, dessen Fußballer diese Farben gerade von ihren Trikots verbannt haben.
    Die Getränke waren teuer, aber superkalt. Ein „live – Moderator“ erzählte selbst mir erfahrenem cityguide noch einige Dinge, die selbst ich nicht gewusst hatte. Leider funktionierte die Lautsprecheranlage auf dem hinteren Oberdeck nicht gut und auch die fröhlich dahinquasselnde Damenrunde am Nachbartisch überdeckte manch interessante Info des Sprechers.
    Dankbar bin ich für die Hinweise, wann eine Brücke sehr flach über unsere Köpfe hinwegging, damit wir rechtzeitig die Köpfe einziehen konnten. Stichwort: „Jannowitzbrücke“. Auch hier ein Dankeschön an die freundlichen Mitarbeiter der Reederei !

Uniformrock des „Hauptmanns“ in Köpenick

Fazit: Vergnüglich gings zu auf dem ersten Ausflug der Themenreihe „Kaiserwetter ? 1918/2018“. Das Wetter war gnädig, die schwüle Hitze der vorangegangen Tage war abgezogen und die Sonne beschenkte uns mit schönen Ansichten der Stadt. Dem „Hauptmann von Köpenick“ konnten wir uns direkt „vor Ort“ widmen. Seine Uniform sehen und den Tresor, den er ausräumen ließ. Das Köpenicker Heimatmuseum hat dazu nämlich im Rathaus zwei Informationsräume eingerichtet, die man kostenfrei an jedem Öffnungstag besichtigen kann. Ich denke, es war ein guter Anfang für das Thema. Nicht zuviel trockenes „Blabla“, stattdessen viel entspanntes Dahindampfern auf der Spree und nette Gespräche. Zu denen sich auch noch ein „Zufallsbesucher“ aus den Reihen der anderen Gäste gesellte, der über die Hohenzollern mehr Anekdoten kannte, als sogar ich.

Weiter gehts dann bald mit einem Spaziergang durch den Park Babelsberg. Auch dort wieder halten wir kurz die Zeit an und widmen uns dem „Rad der Geschichte“, welches hier ins Rollen kam. An einer höchst profanen Stelle sogar, aber mehr dazu, sobald es losgeht. Bitte schauen Sie demnächst wieder auf der „Termine“-Seite vorbei, wo ich wie immer die Details bekanntgeben werde. 🙂

Bis bald also wieder Ihr

Clemens Kurz

Museumsfest 2018 in Karlshorst

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kann ich es ja gestehen: der Achte Mai ist meist ein schöner Tag für mich. Frühling liegt in der Luft und das „Deutsch-Russische Museum Karlshorst“ in Berlin feiert sein Museumsfest. Aus gegebenem Anlass, natürlich. Denn hier endete am 08. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa. Ein Freund erinnerte mich in diesem Jahr rechtzeitig wieder an das Datum und so trabten wir beide denn wieder nach Karlshorst, um beim Museumsfest anlässlich des Achten Mai mit dabei zu sein. 

Hof des Museum. Festtag, Festwetter !

Das Programm, welches die Museumsleute von Karlshorst dort auf die Beine stellen, gefällt mir eigentlich immer recht gut. Es ist nicht zu „rummelig“ oder aufgeblasen. Der Anlass verbietet das m. E. n. auch von selbst. Der Garten hinter dem Museumsgebäude wurde mit Zelten gefüllt. Einige davon boten Informationen an, wie etwa der Verein „Zeitreise Seelower Höhen e. V.“, der im Oderbruch ein ganzes Bündel an hochinformativen Ausflügen anbietet. Wer sich noch an unseren Ausflug vom April erinnert, wird wissen, was ich meine. Andere Vereine informierten über ihre Arbeit, es gab einen Büchertisch und natürlich war auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Ein „SU-100“ Jagdpanzer aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, dessen Inneres seit Jahren schrittweise konserviert wurde, konnte wieder von innen besichtigt werden, was ja sonst nicht so oft möglich ist und die kostenlosen Führungen durch die Dauerausstellung des Hauses boten wieder viel Informationen und Anregungen zum Nachdenken.

Friedensgottesdienst am 08. Mai

Überhaupt war das „nie wieder“ von Krieg, Vertreibung, Gewalt und Massenmord der Rote Faden, der sich durch Vorträge, Gespräche und sogar Gebete zog. Denn das Museum hat an diesem Tag auch traditionell einen ökumenischen Friedensgottesdienst auf dem Programm, den ich persönlich mir nie entgehen lasse. Dass in diesem Jahr beinahe demonstrativ ein russisch-orthodoxer Geistlicher dabei fehlte, wurde vom Museumsdirektor Jörg Morré, mit dem ich ein kurzes Gespräch unter vier Augen führen konnte, damit begründet, dass die russisch-orthodoxe Kirche derzeit mit der Ökumene größere Schwierigkeiten habe. Nun, ja, meinen Informationen nach hat die allzugroße Verweltlichung der „Westkirchen“ den Orthodoxen der „Ostkirchen“ auch wenig anderes übrig gelassen, aber das sei mal dahingestellt, es ist nicht Thema dieses Beitrages. Auch die Ironie, dass beim Gottesdienst Friedensgebete unterhalb der Kanone eines Kampfpanzers, eines Instruments des Krieges, gesprochen werden, entgeht dem Beobachter natürlich nicht (s. Foto oben).

Auch die fast schon „obligatorische“ Kundgebung von Rechtsextremisten, die aus irgendeinem Grund dieses Fest seit Jahren von draußen auf der Straße zu stören versuchten, fiel diesmal möglicherweise dem schönen Wetter zum Opfer. Auch Neonazis gehen am 08. Mai bei strahlendem Sonnenschein vielleicht mal lieber zum Baden, wer weiß das schon. Möglicherweise gab es auch keine Genehmigung für eine Kundgebung wie im letzten Jahr. Gefehlt haben die Krakehler jedenfalls niemandem der Anwesenden. Mir ganz sicher auch nicht.

Soweit zu den erfreulichen Aspekten des Museumsfestes 2018 in Berlin-Karlshorst. Leider beschlich mich in diesem Jahr stärker als in der Vergangenheit auch ein mulmiges Gefühl an diesem Ort, das am Ende des Tages einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterließ. Schon bei der Eröffnung des Festes, bei der u. a. der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Herr Sergej Netschajew, zugegen war, gab es m. E. n. den ein oder anderen kommentierenswerten Vorfall. So sprach ein Vertreter der „Veteranen der Westgruppe der Streitkräfte der Roten Armee“ uns alle gleich mal pauschal als „Genossen“ an. Was in mir die Erinnerung daran weckte, dass dieser sicherlich hochverdiente Offizier einst Truppen kommandierte, die meinem Land, der Bundesrepublik Deutschland, bei entsprechendem Befehl den Garaus gemacht hätten. Die mich, meine Freunde, Bekannten und Verwandten allesamt unter dem Rasseln von Panzerketten dem Staatssozialismus unterworfen hätten. Auch die Bilder vom 17. Juni 1953 erschienen wieder vor meinem geistigen Auge, bei denen T-34s der Roten Armee wie etwa der im Museum zu sehende den Volksprotest plattwalzten. Dazu finde ich im Museum übrigens auch nichts mehr. Hm. Mein Freund bemerkte dazu, dass der gerade erwähnte Veteran halt schon ein älterer Herr sei und das mit den „Genossen“ nicht besser wisse. Er hat natürlich Recht. Dennoch bleibt bei mir das mulmige Gefühl zurück.

Aber das ist natürlich „Schnee von Gestern“, ebenso wie der Heldenkult um Marschall Schukow, der aber durch das Geschenk einer staatlichen, russischen Kulturorganisation (eine Büste von Schukow mit Mütze, eine „ohne Mütze“ hatten wir schon mal im Museum) ein wenig penetrant wieder zutage trat. Sorry, aber wir Deutschen haben spätestens seit 1945 ein gestörtes Verhältnis zu militärischen „Helden“. Vielleicht mehr zu unseren eigenen, als denen der „Sieger“, aber dennoch. Ohne der Tatsache, dass Georgij K. Schukow sicherlich der militärisch fähigste Marschall der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg war, zu nahe treten zu wollen: ihn aber permanent als „Marschall des Sieges“ zu titulieren, wie es wohl in Russland üblich ist, hinterlässt Fragen.

Z. Bsp. die im Museum konsequent ausgeblendete Frage, ob nicht der Sieg von Schukows Truppen in seiner Konsequenz nur dafür sorgte, dass das abscheuliche Hitler-Regime in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) durch den brutalen und intoleranten Stalinismus abgelöst wurde. Eine „Befreiung“ zweifelhafter Natur, wie ich auch bei Besuchen im Treptower Park immer mal wieder Freunden und Besuchern klarzumachen versuche, aber das gehört jetzt nicht hierher.

Auch andere Fragen werden im Museum kleingehalten oder durch das permanente, manchmal unnötig emotional konnotierte Fokussieren auf deutsche Kriegsverbrechen überlagert. Selbst einer der sehr guten Museumsführer gab zu, dass auch ihm bewusst ist, wie sehr der Hitler-Stalin-Pakt für Deutschland den Startschuss für den Angriff auf Polen gab, während er der Sowjetunion Zeit verschaffen sollte, um die während der Schauprozesse der Dreißiger Jahre „geköpfte“ Rote Armee wieder mit fähigen Führungsoffizieren zu versehen. Gegen wen hätte Stalin diese neue, Rote Armee dann aber wohl in Bewegung gesetzt ? Gegen Finnland ? Japan ? Oder stimmt die in englischsprachigen Ländern lange Zeit aufrechterhaltene These, dass die im Hitler-Stalin-Pakt festgeschriebene Abgrenzung der Osteuropäischen Interessenssphären zwischen den zwei Diktaturen auch von Stalin nur als „vorläufig“ angesehen wurde ? Haben die Westmächte jemals darüber nachgedacht, dass sie später einem Manne, der Ostpolen von Hitlers Gnaden annektiert hatte („Katyn“ sei als Stichwort mal genannt. Ein Begriff der noch heute polnisches Misstrauen gegenüber Russland begründet.), die Hand gaben ? Teufel mit dem Beelzebub austreiben ?

SU-100 Jagdpanzer der Roten Armee

Alles Fragen, die m. E. n. in der historischen Forschung legitim sind und die an einem Ort der Forschung und Geschichte durchaus ihre Berechtigung hätten. Auch Fragen, die eine Versachlichung des Dialogs deutscher und russischer Historiker befördern könnten, vielleicht und gerade wenn dazu unterschiedliche Ansichten bestünden. Nur im Gedankenaustausch eines Spannungsfeldes kann fruchtbarer Dialog entstehen, wenn hingegen Zweie derselben Meinung sind, herrscht üblicherweise Langeweile.
Leider reflektiert das Deutsch-Russische Museum, spätestens seit der Umgestaltung der Dauerausstellung im Jahre 2012 solche kritischen Fragen nicht mehr, sondern fokussiert sich auffällig auf deutsche Kriegsverbrechen, den Holocaust und ein m. E. n. pauschales und unreflektiertes Diskreditieren der deutschen Wehrmacht.

Deshalb mein Fazit zu diesem Achten Mai und zum Museum im Jetztzustand:
Das Deutsch-Russische Museum ist immer mehr zum rein Russischen Museum geworden. „Genossen“ bejubeln den „Marschall des Sieges“ Schukow, feiern unkritisch die Rote Armee (wobei sie Kriegsverbrechen von dieser Seite konsequent ausblenden oder mit NS-Verbrechen „gegenrechnen“) oder machen Sonderausstellungen zu deren „Jubiläum“ usw. Das mag im Streitkräftemuseum zu Moskau so üblich und „normal“ sein. Ob das aber auch hierzulande so sein muss, könnte durchaus mal diskutiert werden, finde ich. Auch und gerade an einem Ort, der beiden Völkern und dem Frieden zwischen ihnen gewidmet ist.

 

P.S.: Ein paar ungeordnete Gedanken in diesem Kontext; sie gehören nicht mehr zum Artikel und und dürfen also gerne auch ignoriert werden…
Überhaupt leidet die „Gedenkkultur“ bei uns noch immer daran, dass sie nach 1945 nur den Blickwinkel der Sieger einnehmen durfte und dies bis heute tut. Die letztlich sinnlosen Leiden des einfachen „Landsers“ oder der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg dürfen und durften lange Zeit gar nicht diskutiert werden und stehen auch heute noch immer unter dem „aber Nazi-Deutschland hat ja den Krieg begonnen“-Vorbehalt. Eine Tatsache, die ja nun wirklich kein ernsthafter Historiker bestreitet, die aber weder alliierte Kriegsverbrechen rechtfertigt oder relativiert (sie wollten ja die „Besseren“ sein und Europa von solchem Unwesen befreien) noch die Trauer um die deutschen Gefallenen und Kriegsopfer ausschließen sollte. Selbst sowjetische Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ sollen ja bei Besuchen in Seelow in den 60er und 70er Jahren schon mal ganz sachlich gefragt haben, wo denn die deutschen Gefallenen zu finden seien. Sie waren dann verwundert, wenn sie keine oder nur herumgedruckste Antworten bekamen. Bezeichnend, bis heute.
Mit anderen Worten: Der sachliche, beschreibende Blick auf die Ereignisse des Zwanzigsten Jahrhunderts macht, m. E. n. das Schreckliche der Ereignisse deutlicher, als der mittlerweile übliche hochemotionale, politisch instrumentalisierte und überfrachtete Ansatz, der allzusehr nach Selbstgerechtigkeit und rückblickendem Hochmut riecht. Wer weiß schon, wie er oder sie unter den Bedingungen der Faschismen, Sozialismen und sonstiger „-ismen“ gehandelt hätte ? Hätte man wirklich unter konkretem Verfolgungsdruck seine Menschlichkeit bewahrt und kann sich deshalb das Recht herausnehmen, verachtungsvoll auf die Vorfahren zurückblicken ? Ich zumindest maße mir diese Beurteilung für mich selbst nicht an. Der weitgehend unkritische Blick auf die „Helden“ der Roten Armee befriedigt mein Bedürfnis nach Wahrheit aber auch nicht. Wie immer liegt der beste Weg vermutlich in einer Art von Kompromiss.