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Persönlichkeiten: August Borsig – der „Lokomotivkönig“

Nach heutigen Maßstäben war August Borsig ein „selfmade-man“, einer, dem der wirtschaftliche Erfolg nicht in die Wiege gelegt wurde. Und wie so oft, war er auch kein gebürtiger Berliner sondern einer, der in Preußens Hauptstadt (oder vielmehr vor deren Haustür) sein Glück machte. Insofern bestätigte er Tucholskys aus späterer Zeit stammendes Bonmot, dass alle „wahren Berliner“ in Posen oder Breslau geboren würden. 

Die Eisenbahn beschleunigte den Transport von Waren und Menschen wesentlich. Ihr Aufkommen im 19. Jahrhundert setzte eine Beschleunigung des Alltags in Gang, die noch heute im „Sekundenhandel“ und in „Videotelephonie übers smartphone“ sowie in Dingen wie dem Datei-Transfer in Sekundenschnelle seine Fortsetzung nimmt. Durch die Eisenbahn immerhin wurden schrittweise größere Abschnitte der bekannten Welt für den Einzelnen erreichbar. Jedoch hatten anfangs selbst seriöse Ärzte Bedenken, dass der Mensch für das Reisen in solchen Geschwindigkeiten nicht geschaffen sei. Die einzigen Ängste in Bezug auf den Eisenbahnverkehr, die heute noch angebracht sind, beziehen sich fast ausschließlich auf die Pünktlichkeit (oder Unpünktlichkeit) der Deutschen Bahn AG und ihrer Konkurrenten.

aborsig_braunEin Visionär des Eisenbahnbaus und der Nützlichkeit des Schienenweges war der 1804 in Breslau geborene August Borsig. Als Sohn eines Kürassiers im Ruhestand, der den Zimmermannsberuf im Zivilleben gewählt hatte, war ihm eigentlich ein Weg als Handwerker vorgegeben. So absolvierte Borsig auch eine Zimmermansausbildung, lernte außerdem an der Bauhandwerksschule in Breslau und schien so dem Weg des Vaters nachzufolgen. Nach seiner Umsiedlung in die Hauptstadt Berlin jedoch schrieb er sich in das Berliner „Gewerbeinstitut“ ein, einer Art Wirtschafts- und Handelsschule. Jedoch brach er seine Studien dort nach etwa 18 Monaten schon wieder ab, da etwas anderes sein Interesse geweckt hatte: der Maschinenbau.

Ab etwa 1825 lernte Borsig in der „Neuen Berliner Eisengießerei“ von Franz Egells. Obwohl er weder der beste noch talentierteste Metallwerker seines Lehrganges war, übernahm ihn Egells dennoch nach dem Ende der Ausbildung. Seinen ersten Auftrag, die Montage einer Dampfmaschine im schlesischen Waldenburg, erledigte er einwandfrei und zeigte seine wahre Begeisterung für diese Arbeit. In den 8 Jahren die Borsig für Egells arbeitete, erwarb er auch eine solche wirtschaftliche Sicherheit, dass er 1828 Louise Pfahl heiraten und eine Familie gründen konnte. 1829 wurde sein einziges Kind, der Sohn Albert, geboren.

Borsigwerke 1847
Borsigwerke 1847

1836 nahm Borsig seine Ersparnisse zusammen und kaufte in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fabrik von Egells eine Immobilie vor dem Oranienburger Tor (Chausseestraße 1/Torstraße) Berlins. Dort wollte er „seine“ Maschinen bauen. Das hieß langfristig vor allem: Lokomotiven ! Am 24. Juli 1841 absolvierte dann schließlich die erste Lok aus dem Hause Borsig ihre Jungfernfahrt.

Und diese Fahrt hatte es in sich ! Denn es war eine Wettfahrt nach Zeit auf der Strecke Berlin-Jüterbog gegen die „Adler“ – Lokomotive des den europäischen Markt beherrschenden George Stephenson. Maschinenbau schien damals, zumindest was den Lokomotivbau anging, auf ewig in britischer Hand zu sein. Engländer hatten damals einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung, der dafür sorgte, dass auch die diversen deutschen Staaten und Stätelchen für ihre Eisenbahnen auf britisches „know-how“ zurückgriffen. Nun, Borsigs Lokomotive, mit ihm selbst auf dem „Bock“, schlug das britische Modell zwar nur um 10 Minuten, dies aber stellte einen zuvor unerwarteten Prestigegewinn für die Borsigwerke dar, der Folgen haben sollte.

Denn auf diesem Erfolg aufbauend konnte Borsig bald Staatsaufträge in beträchtlicher Höhe akquirieren und baute noch zu seinen Lebzeiten etwa 500 Lokomotiven für die preußische Eisenbahn. Er konnte ab etwa 1847 die Produktion schrittweise nach Moabit, auf größere Gelände verlagern. Dort baute er sich auch, mitten in „sein“ Industriegebiet, die erste sog. „Villa Borsig“ inklusive Gartenlandschaft. Seinen Arbeitern galt er als nicht unangenehmer Chef. Immerhin richtete er für die Arbeiter seiner Betriebe eine Krankenkasse, eine Sterbekasse und eine Firmen-Sparkasse ein. Aus heutiger Sicht vielleicht nicht gerade viel, aber zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch fast „revolutionär“.

Grabstätte August Borsig
Grabstätte August Borsig

1854 schließlich wird August Borsig eine staatliche Ehre zuteil. Man ernennt ihn zum „Geheimen Kommerzienrat“. Diese Ehre kann er aber nicht lange genießen, da er überraschend am 06. Juli 1854 verstirbt. Kurz nach seinem 50. Geburtstag. August Borsig ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben, wo ihm der Architekt Johann Strack ein Grabmal entwarf. Seine Grabstätte ist so in unmittelbarer Nähe zu seinem ersten Werksgelände gelegen.

Der Rest ist Industriegeschichte. Die Borsigwerke werden von seinen Enkeln noch einmal nach Tegel verlegt werden. Dort wird die Fa. Borsig zeitweise zum größten Lokomotivbauer Europas und zweitgrößten der Welt heranwachsen. Bevor die politischen Zerwürfnisse des 20. Jahrhunderts der deutschen Schwerindustrie insgesamt so zusetzen, dass sie ihre konkurrenzfähige, internationale Stellung nicht mehr halten kann. Kleine Anmerkung am Rande: der den Freunden des Fußball-Vereins Borussia Dortmund bekannte „Borsigplatz“ in ihrer Stadt ist übrigens nach dem Sohn August Borsigs, Albert, benannt.

 

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Spaziertip: der Dorotheenstädtische Friedhof

Berlin ist reich an innerstädtischen Friedhöfen. Wohl kaum eine dieser Ruhestätten für die Ewigkeit ist aber reicher an „Promi“-Grabstätten, als der Dorotheenstädtische Friedhof in der Chausseestraße in Mitte. Auf einem kleinen Rundgang streifen die Augen nicht nur die Namen diverser bekannter Namen aus der Geschichte Berlins.

Ich gebe es zu: Friedhofs-Spaziergänge gehörten bislang nicht zu meinem Repertoire an Freizeitbeschäftigungen. Nicht, dass mir diverse Mythen oder Gruselstories zu schaffen machten, aber bislang gaben mir Grabstätten und die Nähe des Todes persönlich nichts. In gewisser Weise ändert sich das aber gerade, denn ich beginne damit, auch Friedhöfe als Orte der Ruhe für mich zu entdecken, als eine Art gepflegte Parks, deren Bäume im Sommer Schatten spenden und die über Sitzbänke verfügen, auf denen man sich niederlassen und seinen Gedanken nachgehen kann.

Grabstelle Ernst Litfaß
Grabstelle Ernst Litfaß

Vor allem im Innenstadtbereich, im Trubel des Straßenverkehrs, der Werbebotschaften, der singenden smartphones, des Baustellenlärms und der nervigen Radfahrer, die dir über die Füße fahren, ist ein Ort relativer Ruhe hochwillkommen. Mir zumindest. Und so ging ich letztlich mal über den Dorotheenstädtischen Friedhof spazieren, angeregt durch meinen Artikel über Ernst Litfaß, der hier begraben liegt.

Und welchen Namen man hier sonst noch begegnet ! Schriftsteller, Politiker, Bildhauer und Architekten, deren Namen regional und z. T. auch überregional Bedeutung haben, fanden die letzte Ruhe hier. Die Stadt Berlin lässt die prominentesten dieser Grabstellen auch als sog. „Ehrengrabstätten“ nie ablaufen sowie ausgiebig hegen und pflegen.  Mit Ausnahmen allerdings, wie z. Bsp. dem Grab des Architekten Johann Heinrich Strack, dessen Name auf dem Pedestal seiner Büste praktisch kaum noch korrekt zu lesen ist. 😦 Was denn, der Name „Strack“ sagt Ihnen spontan nichts ? Ich nenne dann schnell zwei Stichworte: „Siegessäule“ und „Alte Nationalgalerie“ auf der Museumsinsel.

Der Friedhof selbst besteht seit 1762 und ist nicht sonderlich groß (ca. 17.000 qm), was seine Vorteile hat. Man kann hier in einem überschaubaren Zeitrahmen ein wenig über „Leben und Tod“, über die Vergänglichkeit des menschlichen Strebens nach Ruhm, Geld und weltlichen Ehren nachdenken und hat dennoch danach noch Zeit, den Rest des Tages wieder mit ebendiesem Streben zu verbringen, wenn man will. Der Großstadttrubel erwartet uns weiterhin und unverändert vor den Toren.

Grabstätte August Borsig
Grabstätte August Borsig

Interessant übrigens, in welcher Eintracht eingefleischte Kommunisten wie die Schriftstellerin Anna Seghers und gottesfürchtige Kapitalisten wie der Lokomotiv-König August Borsig  hier auf demselben Friedhof ihre letzte Ruhe fanden. Ideologien spielen scheinbar nach dem Tod keine Rolle mehr. Vielleicht sollten sie es vor dem Tod auch nicht tun… Borsig übrigens hatte in der gleichen Chausseestraße auch einst seine Fabrik erbaut. Praktisch „auf der anderen Straßenseite“. Erst seine Enkel verlegten sie später nach Tegel. So wurde August Borsig also letztlich in unmittelbarer Nähe seiner Fabrik beigesetzt. Das muss man auch erst einmal hinbekommen.

Viele solche Geschichten verbergen sich hinter den Grabsteinen, aber für diesen Beitrag soll es jetzt mal genug sein. Vielleicht machen Sie ja selbst mal einen Herbstspaziergang (oder wann immer es Ihnen einfällt) auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Adresse:

Chausseestraße 126
10115 Berlin

Öffnungszeiten:

Täglich ab 08.00 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Serie „Friedhöfe in Berlin“: