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Rückblick: Oranienburg by bike

Die Strecke kenne ich. Alle paar Jahre versuche ich, sie wieder mal abzufahren. Solange meine Beine und mein Bike das noch mitmachen. Diesmal war das Wetter auf meiner Seite, es blieb windig und überraschend kühl im Juli. Ein paar Eindrücke von meinem Radelausflug nach Oranienburg, das in diesem Jahre (2016) sein 800-jähriges Stadtjubiläum feiert. 

Impression von der Oberhavel.
Impression von der Oberhavel.

Ich kann es ja jetzt eingestehen: ich hatte bis gestern meine Zweifel daran, ob ich die eigentlich überschaubare Strecke von meiner Wohnung nach Oranienburg durchradeln würde. Allzusehr war mir bewusst, dass weder mein altersschwaches Fahrrad, noch meine relativ untrainierten Beine eigentlich dafür geeignet waren, tatsächlich am Schlossplatz Oranienburg anzukommen.

Und so machte ich mich nach dem Motto auf den Weg: „Fahr, so weit du kommst !“ Nachdem die Packtaschen ordentlich mit Werkzeug, Getränken und einem zweiten Hemd (falls ich das erste zu schnell durchschwitze) gepackt waren, trollte ich mich also von zu Hause fort. Immerhin kannte ich die Strecke ja, war sie in den vergangenen Jahren öfter gefahren, als ich noch meine „guten Fahrräder“ besaß.

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Wachturm in Niederneuendorf.

Schön ist es immer wieder, morgens in Havelnähe unterwegs zu sein. Der Fluss fließt ruhig. Kein Wunder, muss er doch auf seinem Weg zur Elbe auch keine besonderen Höhenunterschiede überwinden. In Niederneuendorf steht sogar noch ein alter Grenzwachturm aus DDR-Zeit. Den kann man besuchen, weil dort eine Ausstellung drin ist, die aber so früh noch nicht geöffnet war. So machte ich die üblichen Fotos und trudelte dann weiter.

In Hennigsdorf schließlich muss man aufpassen, nicht den Weg zu verpassen. Wer hier nicht rechtzeitig abbiegt, gelangt zwar ins Stadtzentrum, aber nicht auf den richtigen Weg. Am „Bombardier“ – Gelände vorbei mogelt man sich hier in Richtung „Stolpe“, vielen Autofahrern vielleicht namentlich bekannt, wenn sie von Berlin nach Hamburg über die Autobahn fahren. Am Wasserwerk Stolpe vorbei, das sowohl Berlin als auch Teile des Landkreises Oberhavel mit Trink- und Brauchwasser versorgt, radelt man auf unterschiedlich gut gepflegten Radwegen nach Hohen-Neuendorf.

DSCI2117_compressedDort machte ich erstmal eine längere Trinkpause an einer Bushaltestelle, die angenehmerweise am Wege lang. Von hier aus gings durch einen angenehm duftenden Waldabschnitt. Am Vorabend hatte es noch geregnet und so roch es fast, als ob es schon „Pilzezeit“ wäre, wie es mein Vater selig wohl genannt hätte. Hier traf ich auch auf zwei Überraschungsbekanntschaften, die im Foto dokumentiert sind, sich aber zu keinem Interview bereitfanden.

In Birkenwerder nun beginnt ein problematischer Streckenabschnitt. Es wird nicht grundlos empfohlen, hier eine Seitenstraße zu benutzen, die zwar über eine solide Oberfläche, aber auch eine unangenehm langsame Steigung verfügt. Puh. Immerhin kommt man dann letztlich zur neo-romanischen Ortskirche Birkenwerder, die auch als Fotomotiv durchaus etwas hergibt.

Kirche in Birkenwerder
Kirche in Birkenwerder

Hier nun weiche ich selbst vom ausgeschilderten und empfohlenen Radweg ab. Eine unangenehme „Odysee“ durch Baustellen, Umleitungen etc. , die mich vor ein paar Jahren ins „Nichts“ führte, hat mich eindrücklich dazu bewogen, jetzt dauerhaft einen anderen, wenn auch vielleicht weniger „idyllischen“ Weg zu fahren. Viel Parallel-Strecke zu Hauptverkehrsstraßen ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber, um nach Oranienburg zu gelangen, schadet es nicht.

Sogar über den „Berliner Ring“ der Autobahn radelt man hier, an Borgsdorf vorbei, immer in Richtung Oranienburg. Wers dann etwas gemütlicher haben will, der biegt schließlich nach „Lehnitz“ ab, dem südlichen Stadtteil Oranienburgs am gleichnamigen „Lehnitzsee“. Bis zum Bahnhof Lehnitz radelt man auf teils abenteuerlich engen Radwegen, bei denen man keinen „Gegenverkehr“ haben möchte (und dennoch bekommt, aber die Oranienburger kennen die Strecke und fahren extrem „gastfreundlich“ !). Hier legte ich meine letzte Pause ein, nahm noch mal einen ordentlichen Schluck aus der Wasserflasche, um keine Krämpfe zu kriegen und machte mich auf den Weg in die „City“.

DSCI2136_compressedDieser Weg wurde natürlich, wie konnte es anders sein, von einer komplett gesperrten Einfallstraße erschwert. So musste ich einen Umweg über eine andere, mir aber ebenfalls nicht unbekannte Straße nehmen, der am Ende den Weg vom Bahnhof zur Gedenkstätte Sachsenhausen schnitt. So konnte ich mehrere Gruppen von Fußgängern passieren, die dorthin auf dem Wege waren. Mich zog es aber mehr zum Schlossplatz hin, den ich dann, schon etwas müde in den Beinen, auch erreichte.

DSCI2168_compressedEndlich Pause. Endlich ein Blick in die offizielle Touristen-information Oranienburgs, die praktischerweise gleich gegenüber des Schlosses liegt. Endlich ein bischen Picknick. Und ein paar hübsche Fotomotive auch noch. Mitsamt Statue der Kurfürstin Luise-Henriette von Nassau Oranien, die dankenswerterweise und posthum der Stadt ihren Namen gab.

Von hier ab beschloss ich, meinen Heimweg per Bahn anzutreten und machte mich auf zum Bahnhof. Ich muss es gestehen: die Hinfahrt war angenehmer und lustiger, als das Zuckeln mit der S-Bahn nach Hause. Mit einem Radel an der Hand noch dazu. Gnadenlos brüllende Babies waren der „Renner“ an diesem Tag (vermutlich steht in irgendeinem modernen Erziehungsratgeber, dass man Kinder nicht mehr trösten und beruhigen soll). Aber auch die Dame, die es schaffte, in Höllenlautstärke fast 45 Minuten am Stück auf ihre Begleiterin einzuquatschen, scheinbar ohne Luft holen zu müssen und der Typ, der so wichtig war, dass er dringend seinem Vater am smartphone von seinem Leben in Berlin erzählen musste, ebenfalls in einem Tone, der den Mitfahrenden keinerlei Chance ließ, ihn zu überhören, vermiesten mir die Fahrt gründlich. Wenn selbst der Kopfhörer kaum Abhilfe schafft…

DSCI2177_compressedAber ich hatte es ja nicht anders gewollt, so war ich dennoch froh, am Rathaus Spandau wieder auf den Drahtesel steigen zu können und ganz langsam und gemütlich die paar Kilometerchen nach Hause zu trudeln. Ob das Rad allerdings noch einen weiteren dieser Ausflüge schafft, wage ich angesichts der Geräusche, die es von sich gab, zu bezweifeln. Die Geräusche, die meinen Gelenken entsprangen, passten dazu aber auch ganz gut.

Vielleicht machen wir ja mal einen Ausflug gemeinsam. Bevorzugt erstmal ohne Fahrrad, :-). Ich würde mich freuen.

In diesem Sinne verbleibe ich ihr

Clemens Kurz

P.S.: Diejenigen von Ihnen, liebe Leser, die mich persönlich und schon länger kennen, wissen natürlich, dass ich an einem 09. Juli nicht ganz zufällig nach Oranienburg gefahren bin. 2016 jährt sich eine für mich persönlich wichtige Sache zum zehnten Male, die in dieser Stadt abgehalten wurde. Also, liebe Freunde aus meiner „Oranienburger Zeit“, ich habs bewusst so gehalten und finds nur schade, dass wir uns nicht getroffen haben. 🙂

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Persönlichkeiten: Luise-Henriette – die tatkräftige Fürstin

Die Ehefrauen der Hohenzollern waren oftmals nur Nebenfiguren im Spiel der politischen Allianzen und Konflikte. Selten gelang es ihnen, aus dem Schatten ihrer Ehemänner hervorzutreten. Aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Einige Fürstinnen und Königinnen haben eigene Akzente gesetzt, die man heute natürlich gerne betrachtet und würdigt.

Eine der Ehefrauen der Hohenzollern, die sich in der kurzen Zeit ihres Lebens ein eigenes Profil zu schaffen verstanden, war Luise-Henriette von Nassau-Oranien. Als Prinzessin aus niederländischem Fürstenhause hatte sie vielleicht auch einen anderen Blickwinkel auf „ihr“ vom 30-jährigen Krieg zerstörtes Brandenburg und die Möglichkeiten, die ein Neuanfang auf der Asche der Zerstörung bot.

Friedrich-Wilhelm und Luise-Henriette
Friedrich-Wilhelm und Luise-Henriette

Begonnen hatte ihr Abenteuer eigentlich als typische, arrangierte Fürstenhochzeit. Holland und Brandenburg wollten ihre gegenseitige Verbindung stärken und da bot sich diese Verbindung an. Luise-Henriette (geb. 1627 in Den Haag) und ihr Mann Friedrich-Wilhelm hatten eigentlich andere „Ziele“ als Ehepartner favorisiert. Aber weder die Hochzeit Luise Henriettes mit dem Englischen Thronfolger Charles, noch die Ehe Friedrich-Wilhelms mit der eigenwilligen Kronprinzessin Christine von Schweden ließen sich verwirklichen. Als Luise Henriette 1646 mit 19 Jahren Friedrich-Wilhelm von Brandenburg heiratete, sah ihre Zukunft im vom Krieg verwüsteten Brandenburg mit dem ihr nicht gerade vertrauten Ehemann eher deprimierend aus.

Aber das Großartige an dieser Fürstin war u. a. ihr calvinistischer Pragmatismus. Wenn man vom Leben Zitronen bekommt, macht man eben Limonade draus, so sagt man heute noch in den auch vom Calvinismus angehauchten USA. Und das hätte auch Luise-Henriettes Motto sein können. Denn die kleine, schwarzhaarige, kränkelnde, schmal gebaute und kreidebleiche Kurfürstin packte ordentlich an, sobald sie Brandenburgischen Boden betrat. Das ihr 1650 von Friedrich-Wilhelm überlassene, ehemalige Hohenzollern-Jagdschloss Bötzow gestaltete sie in Nullkommanichts in einen Musterbetrieb nach holländischem Vorbild um. Ein neues Schlossgebäude, dort drinnen eine Keramik-Sammlung, von Experten gezogene Entwässerungskanäle, eine Stiftung für Waisenkinder, sie ließ nichts aus, um für positive Veränderungen zu Sorgen. Kein Wunder, dass Bötzow schon bald (und bis heute) Oranienburg hieß, nach der Familie, aus der Luise-Henriette stammte. In dieser Stadt steht seit 1858 auch das Denkmal, dessen Foto ich hier als „Beitragsbild“ im Kopf benutze. Oranienburg liebt Luise Henriette noch heute, benennt sein Gymnasium nach ihr. Und das nach Jahrhunderten. Das muss man erstmal hinbekommen.

Dass bedingt durch ihre Familienbande auch viele ihrer niederländischen Landsleute als Fachleute und Künstler ins Land strömten, hat Brandenburg ebenfalls nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Insbesondere von der holländischen Kunst, Sumpflandschaften sinnvoll zu entwässern und damit für landwirtschaftliche oder andere Nutzung vorzubereiten, profitierte Brandenburg nachhaltig. Guter Boden ist schließlich selten in der „Streusandbüchse“. Bis heute.

Das gemeinsame, calvinistische Bekenntnis und die geteilte Sorge um das Wohlergehen Brandenburgs ließen auch die Ehe mit dem Kurfürsten eine positive Wendung nehmen. Aus zeitgenössischen Quellen wird nämlich deutlich, dass sich diese beiden Eheleute schon bald wirklich zugetan waren. Was bei den unterschiedlichen Charakteren (Friedrich Wilhelm galt als ausgesprochen jähzornig, eine Hohenzollern-„Krankheit“, die sich noch öfter im Herrscherhause zeigen sollte, man denke an seinen Enkel, den „Soldatenkönig“ gleichen Namens) sicher nicht zu erwarten gewesen war. Immerhin war die Oranierin eine besonnene, ruhige, aber letztlich ebenso wie ihr Mann sehr zielstrebige Frau.

LUISE_HENRIETTE1Diverse politische Schachzüge des Kurfürsten hat sie mit Rat und Tat begleitet. Friedrich-Wilhelm war ja mit der Kunst Oranienscher Staatsführung aus seinen Jahren als „Exilant“ (1634-38) in den Niederlanden vertraut. So wird ihr etwa auch eine wichtige Rolle beim Abschluss des Vertrages von Oliva von 1660 zugerechnet, der die Lehnshoheit Polens über Friedrich-Wilhelms Provinz Preußen aufhob. Der „Herzog von Preußen“ war jetzt zwar in dieser Funktion noch kein deutscher Reichsfürst geworden, aber dem polnischen König auch nicht mehr zur Rechenschaft verpflichtet. Eine Tatsache, die Friedrich-Wilhelms und Luise Henriettes Sohn später eiskalt lächelnd ausnutzen wird.

Aus der Ehe Luise Henriettes gingen sechs Kinder hervor, von denen aber nur der „schiefe Fritz“, das Sorgenkind und der eben erwähnte lächelnde Sohn, den Vater überlebte und somit den Kurhut von ihm erben konnte. Es ist jener „Friedrich I. IN Preußen“, der sich 1701 in Königsberg die Krone selbst aufsetzen wird. Ohne den Frieden von Oliva undenkbar, aber das ist aber eine andere Geschichte. Immerhin konnte Friedrich sich dafür posthum bei beiden Eltern bedanken.

Aber zu diesem Zeitpunkt im beginnenden 18. Jahrhundert ist seine Mutter bereits verstorben. Luise Henriette von Nassau-Oranien, immer kränklich, was ihr aber nie die Energie für Ausritte und Staatsbesuche im Gefolge ihres Mannes nahm, starb bereits 1667, im zarten Alter von nur 39 Jahren, in Cölln an Tuberkulose. In direkter Nähe zu diesem Ort, in der Grablege der Hohenzollern unter dem heutigen Berliner Dom, fand sie ebenso wie Friedrich-Wilhelm ihre letzte Ruhestätte. Ein Augenzeugenbericht über ihren Todestag, den 16. Juni, endet mit folgenden Worten:

Wir haben verloren, was wir auf dieser Welt nicht werden wieder finden.

In diesem Sinne, gedenken wir doch (auch am 16. Juni) dieser Fürstin, die es sich nicht nehmen ließ, ihr Leben anzupacken, die ihre Rolle als Ehefrau eines den Niederlanden aus eigener Anschauung sehr gewogenen, deutschen Fürsten intelligent und aktiv zu spielen wusste. Eine Frau, die immer auch das Wohl „ihres“ Brandenburg, dessen Dialekt sie zeitlebens nicht so recht beherrschte, im Auge behielt.

P.S.: Die große Verehrung der Niederlande durch den Kurfürsten schlug sich übrigens auch in seiner Kumpanei mit dem holländischen Freibeuter Benjamin Raule nieder. Diese Geschichte können Sie HIER NACHLESEN ! 🙂