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Persönlichkeiten: Johannes „Hanne“ Sobek – das Idol

Gerade erst habe ich den Beitrag über die alte Heimat von Hertha BSC veröffentlicht, da wurde mir klar, dass die „Plumpe“ ohne Hanne Sobek vielleicht nur die halbe Geschichte erzählt. Also, wer war dieser Sportler, mit dem Hertha seine einzigen beiden deutschen Meistertitel gewann ?

Hanne Sobek
Hanne Sobek

Wie oft habe ich schon drauf hingewiesen: einige der „größten Berliner“ wurden oftmals gar nicht hier in der Stadt geboren. Hilde Knef, Schinkel, Menzel… So auch Hanne Sobek, der im mecklenburgischen „Mirow“ gebürtig ist. Und dies im Jahre 1900. Von diesem Spieler angeführt, erreichte Hertha BSC sechsmal in Folge das deutsche Meisterschaftsendspiel (1926-31) und gewann immerhin zwei mal auch den Titel (1930+31). Man kann es das „goldene Zeitalter“ der Hertha nennen. Einem nationalen Titel kamen sie nur in den späten Siebzigern noch einmal so nahe, als sie zweimal die Chance erhielten, den DFB-Pokal zu erringen, aber beide Male unterlagen. Auch damals inspiriert von einem Einzelspieler, in diesem Falle Erich „Ete“ Beer.

Zurück zu Hanne Sobek. Dieser war auch Nationalspieler, trug 10 Mal das Nationaltrikot und erzielte für Deutschland 2 Treffer. Seine Karriere in der Auswahl begann er, als er noch für Alemannia 90 spielte, im Jahre 1923. Sein letztes Länderspiel bestritt er 1931. Von 1925 – 1939 lief er für Hertha BSC auf und blieb dem Verein auch in der schwierigen Nachkriegszeit verbunden, obwohl er in diesen Jahren die Mannschaft von „Union Oberschöneweide“ erfolgreich trainierte (ein sehr weit entfernter Vorgänger des heutigen 1. FC Union Berlin) und mit diesem Club erst durch die „Flucht“ in den Westen wieder um Titel mitspielen durfte. Abenteuerlich, aber es waren ja auch abenteuerliche Zeiten.

Puh, das waren sehr schnell sehr viele Zahlen. Tut mir leid, war nicht bös gemeint, aber ich wollte den Spieler und Trainer erst einmal vorstellen, bevor ich auf dessen Wirkung zu sprechen komme. Sobek war und ist bis heute Hertha BSCs einzige, gedankliche Verbindung zu ihrer goldenen Zeit von 1926-31. Sein Name, sein Mythos, seine große Verbundenheit zum Fussballsport in Berlin sind geradezu legendär. Und deshalb überrascht es auch nicht wirklich, wenn man davon erfährt, dass ein Sportgelände im Stadtteil Wedding (nach diversen Umstrukturierungen „nur“ noch ein Ortsteil vom Bezirk „Berlin-Mitte“, aber ich bin old-fashioned und mag die Bezirke so, wie sie vor der Gebietsreform waren) 1999 den Namen „Hanne-Sobek-Sportanlage“ bekam. Schließlich lag das „Herz der Hertha“, der Sportplatz „Plumpe“, ja im Wedding, am Gesundbrunnen. Auch der Bahnhofsvorplatz des Bahnhofes Gesundbrunnen (S-Bahn-Ring-, U-Bahn- und Regionalbahn-Umsteigebahnhof) erhielt den Namen Hanne Sobeks im Jahre 2006. Die Nähe zur ehemaligen Plumpe gibt dieser Namensgebung einen Sinn, auch wenn der Platz selbst eher nicht so beschaulich daherkommt.

Aber die Verbindung von Sobek und Hertha riss auch nach seiner Zeit bei „Union“ nicht ab. Von 1959 – 1963 trainierte er das Team der Hertha, brachte sie in die Bundesliga und konnte Hertha zu zwei weiteren Stadtmeisterschaften führen. Für einige Monate im Jahr 1965 ließ er sich sogar als Vorstandsvorsitzender von Hertha BSC in die Pflicht nehmen, als der Zwangsabstieg aus der Bundesliga drohte. Diesen konnte aber auch er nicht verhindern, dennoch sagt es viel über Sobeks Verbundenheit mit seinem alten Club aus, dass er hier den Sündenbock gab.

HANNE_SOBEKEin einziger „Schatten“ drohte über Sobeks Karriere aufzuziehen, als im Zuge der „Entnazifizierung“ in den Nachkriegsjahren auch über seine gesellschaftlichen Kontakte in der NS-Zeit recherchiert wurde. Immerhin war Sobek in der „society“ Berlins während der gesamten 30er Jahre ein „bunter Hund“ gewesen, den jeder kannte und der selbst mit jedermann vertraut war. Er war damals ebenso mit dem Schauspieler Hans Albers befreundet, wie mit dem Jongleur Enrico Rastelli bekannt und wurde von der zwielichtigen Halbwelt bewundert. Sobek konnte jedoch keinerlei Fehlverhalten oder unangemessene Verbrüderung mit den Nazis nachgewiesen werden. Sein Freispruch gilt bis heute als „supersauber“ und „erster Klasse“ ! Immerhin wurde inzwischen auch bekannt, dass er sich in einer Nordberliner Arbeiterkneipe 1935 auch schon mal mit der SA geprügelt hatte, allerdings weniger aus politischen, als aus persönlichen Gründen (ein Mannschaftskamerad war von den Braunhemden provoziert worden). Immerhin hatte „Hanne“ Rückgrat. Allerdings nicht genug, um nicht im Zweiten Weltkrieg dann doch noch Mitglied der NSDAP zu werden. Aber selbst ein Historiker des neuen Jahrtausends bescheinigte Sobek vor einigen Jahren:

Der Historiker Koerfer sagt über Hanne Sobek: „Bei den Nazis war er nicht mal ein Mitläufer.“

Hanne Sobek verstarb 1989 in Berlin. Die Wiedervereinigung der Stadt hat er selbst nicht mehr erlebt und leider auch nicht das geschichtsträchtige Aufeinandertreffen von Union und Hertha in einem Freundschaftsspiel am 27. Januar 1990, unmittelbar nach dem Mauerfall. (Ich selbst werde bis an mein Lebensende diesen Tag und dieses Spiel nicht mehr vergessen. Ich war dabei und bin stolz drauf, dabeigewesen zu sein, aber vielleicht gehört das nicht hierher.) Dennoch war m. E. n. Sobek im Geiste anwesend an diesem Tag. „Seine“ Hertha und Union konnten wieder gegeneinander antreten. Ein Stück „Normalität“ war in Berlin wiederhergestellt.

Um die Bedeutung Sobeks zu unterstreichen zitiere ich hier abschließend eine (unbestätigte) Aussage aus berufenem Munde:

Sepp Herbergers Würdigung seines Weggefährten in der Nationalmannschaft gilt bis heute: „Hanne Sobek war für mich der größte Fußballspieler, den Berlin je besessen hat.“

So isses. Und nicht anders.
Ihr

Clemens Kurz

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Wedding: ein „verschollener Ort“ – die „Plumpe“ am Gesundbrunnen

Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, mein Vater war ein noch größerer Fußball-Fan als ich selbst. Lange hatte er nach dem Zweiten Weltkrieg noch bei meiner Großmutter im Wedding gelebt. Nun, ja, er war ja auch erst 12, als der Krieg endete. Aber so hat er zwar die „große Zeit“ von Hertha BSC nicht mehr persönlich erlebt, aber er kannte von Freunden und Bekannten her noch alle „Heldengeschichten“ um Hanne Sobek, die „Plumpe“ am Gesundbrunnen und die Herkunft des Blau-Weißen Fußballvereins. Er selbst hat an der „Plumpe“ noch viele Spiele erlebt, bevor die Immobilie verkauft werden musste. Ich selbst bin hingegen schon ein Kind der „nächsten Generation“ und kenne Hertha BSC selbst nur noch aus dem Berliner Olympiastadion.

PLUMPE2Aber fangen wir mal von „vorne“ an. Hertha BSC war letztlich ein Arbeiter-Verein, sowie Fussball von Anfang an mehr der Sport der „einfachen Leute“ war. Heute wie damals amüsierte sich die „high society“ eher beim Pferdesport oder Tennis. Im alten „Arbeiterbezirk“ Wedding siedelte sich Hertha 92, der Namensvorgänger noch ohne die Buchstaben „BSC“, im Jahre 1904 an. Zuvor spielte man auf dem Gelände des heutigen „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks“, dem sog. „Exer“, weil es mal das Exerziergelände des Alexanderregiments war.

Da der nun genutzte Sportplatz im Wedding einst dem Kneipier Joseph Schebera gehörte, sprach man noch lange (bis 1924) vom „Schebera“-Sportplatz, der sogar immer noch existiert und „Nord-Nordwest“-Gelände heißt.  Noch vor dem Ersten Weltkrieg begann Hertha 92 damit, sich auf den Schebera-Platz Gegner von internationalem Renommée einzuladen. Die auch heute noch bekannten „Tottenham Hotspurs“, „Blackburn Rovers“ oder der „FC Sunderland“ fanden sich hier ein. Auch die erste Berliner Meisterschaft wurde hier bereits 1906 errungen.

PLUMPE4Na, ich werde jetzt nicht weiter Zahlen und Daten herunterrattern, sondern darauf hinweisen, wie wichtig eine feste Spielstätte auch damals schon für die Fußballvereine war. Traditionell musste mangels Eigentum eine Pacht für die Nutzung des Geländes gezahlt werden und im Gefolge der Wirtschaftkrise und Inflation 1923 musste Hertha 92 einsehen, dass sie nicht mehr in der Lage waren, diese Gebühren an die Nachfolge-Gesellschaft Scheberas zu zahlen. Daher rührt dann auch die Fusion mit dem finanzkräftigeren „Berliner Sport Club 1899“, die das Überleben am Gesundbrunnen sicherte. Was lernen wir daraus ? Richtig: „Hertha BSC“ gibt es als Namen hauptsächlich deshalb, weil der Verein hier am Gesundbrunnen verbleiben wollte. Schließlich legte man sogar soviel Geld zusammen, dass ein eigenes Grundstück, direkt gegenüber des bisherigen, in Privatbesitz verbleibenden, Schebera-Platzes erworben und mit dem Ausbau desselben begonnen werden konnte. Dies wurde dann zur eigentlichen „Plumpe“ an der sog. „Millionenbrücke“ (siehe Bild oben). Der Name „Plumpe“ stammt übrigens von den Wasserpumpen des Luisenbades am Gesundbrunnen. In der besten Zeit konnten auf diesem Platz 35.000 Zuschauer die Spiele sehen, davon 3.600 auf überdachten Plätzen.

Nun, da ich aber keine Geschichte von Hertha BSC schreiben, sondern nur auf die Plumpe hinweisen wollte, erwähne ich nur kurz die „großen Zeit“ der Hertha Ende der zwanziger- , Anfang der dreißiger Jahre, als man die bis heute einzigen zwei deutschen Meistertitel gewinnen konnte. Untrennbar damit verbunden ist natürlich der Name „Hanne Sobek“. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Plumpe leider nicht wirklich. Ca. 200 Bombenkrater hatten den Rasen zerlegt und ein Brand am 06. Mai 1945 fackelte den größten Teil der Holztribüne ab, da kein Löschwasser zur Verfügung stand. Die Wiederherrichtung der Plumpe dauerte bis Dezember 1950. Jetzt fasste das Gelände aber nur noch 20.000 Zuschauer.

PLUMPE5Zur Einführung der Bundesliga 1963 musste Hertha BSC dann aber ins Olympiastadion umziehen, weil die Plumpe zu klein geworden war, um die Auflagen des DFB zu erfüllen und außerdem am Gesundbrunnen auch keine Flutlichtanlage zur Verfügung stand. Von 1965 – 68 kehrte man noch einmal zur Plumpe zurück, da Hertha BSC damals nur in der Regionalliga spielte, für die die Auflagen geringer waren. 1968 kehrte man dann aber in die Bundesliga und damit ins Olympiastadion zurück. Im Zuge des Bundesligaskandals von 1971 wurden Herthas Schulden dann so immens, dass man die Plumpe schließlich verkaufen und den Berliner Senat dazu bringen musste, sie zum Bauland zu erklären. Das letzte Spiel sollte hier am 22. Oktober 1974 stattfinden. Als Gegner war der Traditionsclub „1. FC Nürnberg“ eingeladen, aber sintflutartige Regenfälle verhinderten den Anpfiff. Ein Ende im Schlamm. Der „Himmel weinte“, bevor Herthas große Vergangenheit wenige Tage später in einer Baugrube begraben wurde.

Ich persönlich denke, die „Plumpe“ am Gesundbrunnen war Hertha BSCs Verbindung zur alten Zeit. Zur Größe der Stadt- und deutschen Meisterschaften ebenso wie zur Tradition des „kleine-Leute-Clubs“ der Weddinger Arbeiter. Seit den 70er Jahren ist Hertha BSC zum „Hauptstadtclub“ geworden, der keine „Kiez“-Verbindungen mehr aufweist, auch keine mehr aufweisen kann. Nun müssen alle Berliner, aus allen Bezirken angesprochen werden und die Geschäftsstelle saß ja schon zu meinen „Fan“-Zeiten in den 80er Jahren, als man sich noch „Stadionausweise“ ausstellen lassen musste, um in „voller Kluft“, sozusagen als „Hertha-Frosch“ (weiß heute noch jemand, was das war ?), ins Olympiastadion zu dürfen, in Charlottenburg.

Und dennoch ist für die aussterbende Generation der „alten Fans“, die noch mit meinem Vater gemeinsam Hertha am Gesundbrunnen zugejubelt haben, die „Plumpe“ ein Sehnsuchtsort, ein Ort, wo der Verein ein gerüttelt Maß an Bodenhaftung hatte. Ein „verschollener Ort“, auf dem heute Wohnblöcke stehen. Ruhe in Frieden, „Plumpe“.