Friedrichstadt „auf eigene Faust“ …

Berlin bietet Abwechslung. Jeden Tag etwas anderes, etwas neues. Ich freue mich also immer darauf, hier unterwegs zu sein, etwas interessantes zu erleben und etwas von meiner persönlichen Begeisterung für Berlin mit Freunden, mit Bekannten und deren Gästen zu teilen. 

Da war ich natürlich angemessen überrascht, als zu meiner angekündigten Stadtführung durch die Friedrichstadt niemand erschien. Es waren dort viele Besuchergruppen an diesem Tag unterwegs, ich hörte Spanisch, Italienisch, eine asiatische Sprache, die ich nicht identifizieren konnte u v. m. Alle Teilnehmer dieser Touren hatten ordentlich etwas dafür bezahlt, interessante Orte zu sehen und etwas aus Berlins Geschichte erzählt zu bekommen. Ich bot die gleiche Sache an diesem Tag mal „für lau“ an und scheinbar nimmt heutzutage niemand so ein Angebot mehr ernst. Selbst Schuld, Leute ! Ich hätte so manch amüsante und dennoch nachprüfbare Geschichte zu erzählen gehabt…

DSCI1994_compressedNa, mir auch recht, denn so konnte ich die Friedrichstadt auf eigene Faust durchstreifen und mir ein paar Orte anschauen, die mir persönlich am Herzen lagen. Wie z. Bsp. die Adresse, an der im frühen 19. Jahrhundert Rahel Levin ihren literarischen Salon betrieb. Wer da nicht so alles verkehrte. Ein Humboldt-Bruder (der, der später Botschafter beim Vatikan wurde), ein Prinz aus dem Hause Hohenzollern (der „tolle“ Louis-Ferdinand) oder ein Theologe (Schleiermacher), der die Wissenschaft mit dem Glauben aussöhnen wollte. In Zeiten ohne TV und Internet muss es da recht unterhaltsam zugegangen sein. Anspruchsvolle Geselligkeit und der „chatroom“ war noch aus echtem Mauerwerk gefertigt. Salons als solche waren eben „In-Treffpunkte“ der intellektuellen „Szene“ ihrer Zeit. Heute erinnert an dem Gebäude (Foto, das orange-rote Haus in der Mitte) eine Tafel im Hauseingang an Frau Levins Salon. Eine Plakette und ein ihr zugeschriebenes Zitat erinnern an die prominente Salonniere.

DSCI2037_compressedAuch das Objekt, welches heute auf dem Grundstück des ehemaligen „Ordenspalais“ des Prinzen Carl steht, nahm ich mir mal unter die Lupe.  Schließlich hatte ich gerade erst einen Artikel hier im Blog über diesen Bau veröffentlicht. Heute finden wir hier einen Plattenbau, in welchem sich ein Jugendclub und eine Grundschule befinden. Profan und bau-ästhetisch m. E. n. nicht gar so ansprechend. Städte können auch hässlicher werden, Berlin „schafft das“. So nachdenklich wie der Reitergeneral „Zieten aus dem Busch“ hier oben im Beitragsbild zu diesem Artikel bin ich manchmal auch, wenn ich mir die Wandlungen Berlins anschaue. Im „Verschlimmbessern“ werden wir wohl immer besser. Schade auch.

Auch über die scheinbar inkonsistente Art und Weise, in der die Umzüge diverser Bundesministerien nach Berlin vonstatten gingen, konnte ich ein wenig philosophieren. Wo so manche Behörde ohne groß zu zögern auch in historisch-politisch umstrittene Bauten einzog, da haben andere Ministerien m. E. n. Steuergelder in signifikanter Höhe vergeudet, um sich „repräsentative, moderne“ Bauten in der Hauptstadt zu errichten, obwohl andere Optionen zur Verfügung gestanden hätten.

ehemaliger Eingang zum "Block II" der Deutschen Bank Zentrale an der Mauerstraße
ehemaliger Eingang zum „Block II“ der Deutschen Bank Zentrale an der Mauerstraße

Ich hebe hier mal auf die markantesten Beispiele beider Konzepte ab, weil sie beide in der Friedrichstadt anzutreffen sind. Da wäre das Bundesministerium des Inneren, das sich für Unsummen von Steuermillionen ein neues Gebäude zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof errichten ließ, obwohl seit Jahren die Räume des ehemaligen DDR-Innenministeriums leer stehen und sich sogar in Bundeseigentum befinden. Dieser ehemalige „Deutsche-Bank-Komplex“ zwischen Mauer-, Glinka-, Behren- und Jägerstraße steht unter Denkmalschutz, hat aber praktisch seit Jahr und Tag kein Nutzungskonzept aufzuweisen. Etwas Modernisierung und „Schwuppdiwupp“ hätte man in guter Lage ein Innenministerium gehabt.

Bundesfinanzministerium
Bundesfinanzministerium

Denn so geht es eben auch. Das Bundesministerium der Finanzen macht es vor: ohne Skrupel vor den „Geistern der Vergangenheit“ des Gebäudes nistete man sich im ehemaligen „Haus der Ministerien“ ein und residiert bis heute dort. Dass der Bau in der Wilhelmstraße seine „Karriere“ als Reichsluftfahrtministerium von Göring begonnen hat, stört dort ja auch niemanden. Ein DDR-Innenministeriumsgebäude hätte also auch in der gesamtdeutschen Republik Karriere machen können. Zumal dieser Bau sein Leben zwar als „Kathedrale des Kapitals“ begann, aber immerhin nicht von Nazis erdacht und errichtet wurde.

Nun gut, jetzt hat es ein Ende mit meinem Eifern gegen Steuergeldverschwendung. Ebenso wie dieser Beitrag jetzt sein Ende findet. Ich hoffe, Sie, liebe Leser, haben erkannt, wie interessant es in der Berliner Friedrichstadt zugehen kann, wenn man weiß, worauf man zu achten hat oder mich dabei hat, der Sie auf interessante Fakten hinweisen kann.

In diesem Sinne, vielleicht wieder bis bald,

Ihr

Clemens Kurz

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