Verschollene Orte: das „Prinz-Albrecht-Palais“

Hier werden die Emotionen hochkochen. Selbst ein sachliches Informationsmedium wie der „Spiegel“ nannte diese Immobilie in der Berliner Friedrichstadt einst einen „verfluchten Ort“ und wollte damit Schauer über die Rücken seiner Leser laufen lassen. Nun, ich selbst halte weniger von Aberglauben und „Flüchen“, verstehe aber, dass man über bestimmte Orte der deutschen Geschichte nur schwer sachlich schreiben kann. Ich versuche dennoch an dieser Stelle, mich einer unaufgeregten Betrachtung  anzunähern, Sie können mir ja feedback zukommen lassen, inwiefern mir das am Ende gelungen sein wird, oder nicht.

Die südliche Friedrichstadt war noch bis ins frühe 18. Jahrhundert hinein ein Sumpf. Nicht im übertragenen, sondern im wortwörtlichen Sinne. Auch der „Soldatenkönig“ Friedrich-Wilhelm hatte seine liebe Not mit diesem Baugrund in seiner Residenzstadt Berlin. Denn er fand kaum jemanden, der sich hier ansiedeln, oder gar einen repräsentativen Bau errichten wollte. Die von ihm angestrebte Stadterweiterung schien zu stocken. Da kam ihm die Geschichte mit dem Baron Vernezobre de Laurieux gerade Recht. Dieser hugenottische Kaufmann, der in den preußischen Adel erhoben worden war, hatte einige Kinder. Darunter auch eine angeblich hübsche, aber sehr unabhängige Tochter.

Wir wissen ja: mit Töchtern machte man damals Familienpolitik, indem man sie mit „guten Partien“ verheiratete. Was die Tochter des Vernezobre aber auszeichnete, war, dass sie einer angebahnten Ehe mit einem Herrn von Forcade partout nicht zustimmen wollte. Nur leider waren die „Anbahner“ ihr Vater und der König Friedrich-Wilhelm gewesen. Autsch. Der Vater der verhinderten Braut geriet damit in Ungnade beim Soldatenkönig, der Widerspruch nicht gut vertrug, wie wir ja aus den unzähligen Familien-Stories seines eigenen Hauses wissen. Um nun wieder Gnade vor den Augen des absoluten Herrschers der Preußen zu finden, erkärte sich Vernezobre aber bereit, das etwas „anrüchige“ Grundstück in der Wilhelmstraße 102 zu bebauen.

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Prinzessin Anna-Amalie

Soweit die Anekdote über die Entstehung des ursprünglichen Palais, das eben das „Vernezobresche Palais“ hieß. Es soll einen „Festungscharakter“ aufgewiesen haben, sagt man. Wahrscheinlich traute der Bauherr der Nachbarschaft nicht. Irgendwann verstarb der Bauherr, hinterließ neben dem Stadtpalais eine Menge Geld, welches die Kinderschar schnell durchbrachte. Ein ebenso bekanntes, wie weit verbreitetes Phänomen. Irgendwann kam es dann in den Besitz der Prinzessin Anna Amalie von Preußen, der jüngsten Schwester Friedrichs des Großen. Die Wilhelmstraße etablierte sich langsam. Zumal der Monarch seine Schwester auch ab und an dort besuchte. Aber auch das auszuführen, würde diesen Beitrag unnötig aufblähen.

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Prinz Albrecht von Preußen (1809 – 1872)

Immerhin war die Immobilie so in den Besitz des Hauses Hohenzollern gekommen. Nach Verfall und diversen Umwegen wurde das Gelände dem Prinzen Albrecht von Preußen zugesprochen, dem jüngsten Sohn der „vielgeliebten“ Königin Luise. Dieser ließ das Palais durch Carl-Friedrich Schinkel renovieren, später noch einmal von einem anderen Architekten erweitern. So bekam es auch den lange vorherrschenden Namen: „Prinz-Albrecht-Palais“. Dass sein Sohn ebenfalls Albrecht hieß und das Palais übernahm, festigte den Namen nur.

Nach 1918, der Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik, behielten die Hohenzollern das Gelände im Besitz. Ausgleichsverhandlungen mit dem Preußischen „Bundesland“ machten dies möglich. Außerdem fand sich zunächst kein rechtes Nutzungsinteresse am „Prinz-Albrecht-Palais“. Immerhin mietete die deutsche Regierung das Gebäude von 1928 – 1931 als Gästehaus für Staatsbesucher.

Die schlimme Geschichte des Hauses beginnt im Jahre 1934. Zu diesem Zeitpunkt wird hier vom NS-Regime der Dienstsitz des Chefs der Gestapo und das Hauptquartier des Sicherheitsdienstes der SS eingerichtet. Die preußische Gestapo residierte direkt nebenan in der Prinz-Albrecht-Straße Nr. 8. Kurz gesagt: das System, welches Bürger bespitzelte und bei vermutetem Widerstand gegen den NS-Staat inhaftierte, folterte und verschwinden ließ, hatte hier sein Nerven- und Steuerungszentrum. Für die Anforderungen der hier arbeitenden Schreibtischtäter wurde das Palais zwischen 1934 und 1939 umgebaut.

Am 23. November 1944 treffen Bomben das Palais und beschädigen es schwer. Nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee werden sämtliche, den Hohenzollern noch zugeschriebene Immobilien von der Besatzungsmacht entschädigungslos enteignet. So gerät in der Folge das Gelände in den Besitz und in die Verwaltung der Stadt Berlin. Prinz Louis-Ferdinand wird übrigens erst im Jahre 1961 endgültig im Namen des Hauses Hohenzollern auf die Besitzrechte am Prinz-Albrecht-Palais und dem zugehörigen Grundstück verzichten.

1949 riss der Berliner Senat das zwar beschädigte, aber durchaus noch wiederherstellbare Palais endgültig ab. Dies, obwohl es sich unter Denkmalschutz befand. In der Folge verkommt das nun an der Sektorengrenze, später der Mauer, gelegene Gelände immer mehr. Es wird zwischenzeitlich sogar an einen privaten Betreiber vermietet, der dort ein sog. „Autodrom“ betreibt, wo zahlende Kunden auch ohne einen gültigen Führerschein mit gemieteten oder eigenen, mitgebrachten Fahrzeugen „herumbrettern“ können.  Dies habe ich noch persönlich erlebt, auch wenn ich selbst nie hier gefahren bin.

Zur 750-Jahrfeier Berlins im Jahre 1987 wird auf dem Gelände, welches mit der schon angesprochenen, benachbarten Immobilie Niederkirchnerstraße 8 (früher Prinz-Albrecht-Straße) zusammengelegt wurde, die Ausstellung „Topographie des Terrors“ eröffnet. Sie wurde weitergeführt und wird seit 1992 von der gleichnamigen Stiftung betrieben. Diese initiierte auch den Gedanken eines Dokumentationszentrums über den Terror und die unheilvolle Wirksamkeit von Gestapo und SD.

Hier begann nun eine Posse, wie sie im wiedervereinigten Berlin scheinbar (Beispiel Flughafen BER) nur allzuoft abgespielt wird: Auf eine architektonische Ausschreibung antwortet auch der Schweizer Architekt Peter Zumthor. Dessen Entwurf gewinnt und die Bauarbeiten im Auftrage der Stiftung beginnen. Wie so oft stellt sich heraus, dass der großzügig mit Glasscheiben und tragenden Betonbalken ausgestattete Bau teurer werden wird, als geplant. Die Kosten sind gedeckelt, Bund und Land geben nichts dazu und der wissenschaftliche Direktor der Stiftung tritt wütend zurück. Zumthor wird entlassen, seine schon fertiggestellten, überdimensionierten Außentreppen werden abgerissen. Ein Scherbenhaufen.

Blick in die Niederkirchnerstraße, Reste der Berliner Mauer, dahinter die "Topographie des Terrors".
Blick in die Niederkirchnerstraße, Reste der Berliner Mauer, dahinter die „Topographie des Terrors“.

2005 wird das Projekt erneut ausgeschrieben und in der Folge ein einfacheres, „unspektakuläreres“ Gebäude für die Dokumentation errichtet. Seit 2010 steht es dem Besucher zur Verfügung. Von hier aus kann man die freigelegten Fundamente der Gestapo-Zentrale besichtigen und einen Rundgang machen, der auch die Mauerreste in der Niederkirchnerstraße miteinbezieht. Die „Topographie des Terrors“ gehört mittlerweile zu den wichtigsten, touristischen Anlaufpunkten für Berlin-Besucher und fehlt selten bei größer angelegten Stadtrundfahrten und -rundgängen.

An den schönen Barockgarten des Barons Vernezobre de Laurieux und das von Schinkel einst mitgestaltete Palais erinnert aber nichts mehr. Die Geschichte von SD und Gestapo, von Figuren wie Reinhard Heydrich und seinen Schergen überlagert an dieser Stelle alles. Wie der „Spiegel“ einst sagte: „verflucht“.

Reihe „Stadtpalais“ in Berlin und Brandenburg:

Teil 1: Das Palais des Prinzen Heinrich in Spandau,
Teil 2: Das Palais des Prinzen Carl in Berlin

Bilder:

  1. Titelbild: Palais um 1837: Von Unbekannt – Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18167991
  2. Anna-Amalie: Von Antoine Pesne – Unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1094789
  3. Prinz-Albrecht: Von Unbekannt – [1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2346650
  4. von mir, (c) by Clemens Kurz, 2016

Quellen:

  1. Laurenz Demps, „Berlin – Wilhelmstraße“, Verl. Ch. Links, Berlin, 4. Auflage, 2010.
  2. wikipedia
  3. „Kreuzberger Chronik“, 2003
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