Archiv der Kategorie: Persönlichkeiten

Persönlichkeiten: Marga von Etzdorf – die Flugsüchtige

Diese Frau konnte ohne zu Fliegen nicht leben. Ihr Name ist untrennbar mit der „zweiten Generation“ der „tollkühnen Männer UND FRAUEN in ihren fliegenden Kisten“ verbunden. Und dennoch scheint sie außerhalb feministischer Kreise heute fast vergessen: Marga von Etzdorf.

Erstmalig stieß ich auf ihren Namen in der „Fliegersiedlung“ am ehemaligen Flugplatz Gatow in Spandau. Ich gestehe, damals sagte mir ihr Name auch noch nichts. Warum wurde sie als Straßenbezeichnung neben Charles Lindbergh und Amelia Earhart eingereiht ? Das machte mich neugierig.

Marga von Etzdorf, eigentlich Margarete Wolff, war nicht die erste Deutsche mit einer Pilotenlizenz. Dies war Melli Beese, die ich Ihnen vor einiger Zeit bereits vorgestellt habe, liebe Leser. Marga von Etzdorf war nach Melli Beese und Thea Rasche „nur“ die Nr. 3. Nein, Marga von Etzdorf war Extremfliegerin. Langstrecken- und Kunstflüge waren ihr Metier und sie war außerdem eine passionierte Segelfliegerin. Aus Flugzeug-Pilotensitzen war sie praktisch kaum noch mit dem sprichwörtlichen „Brecheisen“ herauszubekommen.

Marga von Etzdorf wurde am 01. August 1907 in Spandau (damals noch „bei Berlin“) geboren. Mir als Lokalpatrioten entlockt diese Tatsache ein Lächeln und vor allem erklärt das die o. e. Namensgebung in Gatow. Ihre Eltern verlor sie schon sehr früh, so dass sie und ihre Schwester bei den Großeltern in der Niederlausitz aufwuchsen. Von diesen Großeltern übernahm sie auch den Namen „von Etzdorf“.

Mit 20 Jahren lernte sie das Fliegen und machte im Dezember 1927 ihren Pilotenschein auf dem Flugplatz Staaken. Unmittelbar im Anschluss erwarb sie auch eine Kunstfluglizenz, was nahelegt, dass die sportliche, junge Frau gerne alle Aspekte der Fliegerei erkundete. Ihr Engagement im Segelflug wird später diesen Gedanken stützen. Zunächst einmal heuerte sie aber bei der Lufthansa an. Als erste Frau, übrigens ! Sie wurde Co-Pilotin auf den Strecken Berlin-Stettin und Berlin-Stuttgart-Basel.

1930 erwarb Marga von Etzdorf mit privaten Mitteln einen Junkers A50 Eindecker, lackierte ihn gelb und nannte ihn fortan: „KiekindieWelt“. Damit unternahm sie kommerzielle Kunst-, Passagier- und Werbeflüge. Das muss ein Anblick gewesen sein, den wir an Jumbos, Tegel, Rosinenbomber und BER-Katastrophen gewöhnten Nachfahren kaum mehr erfassen können. Bei der ersten deutschen Damen-Kunstflugmeisterschaft im Mai 1930 belegte Marga von Etzdorf den 4. Platz.

Im September 1930 flog sie nach Konstantinopel. Im November des selben Jahres über Basel, Lyon, Madrid und Rabat auf die Kanaren. Dafür baute sie Zusatztanks in ihre „KiekindieWelt“ ein. Auf dem Rückflug von den Kanaren musste sie wegen Schlechtwetter auf Sizilien notlanden und bekam die Maschine nicht mehr vom Boden weg, zumindest nicht ohne schwerste Beschädigungen. Die Eisenbahn brachte Marga von Etzdorf wieder nach Deutschland zurück.

Am 18. August 1931 startete sie zum Langstreckenflug nach Japan. Ob ihr dabei bekannt war, dass die britische Fliegerin Amy Johnson gleichzeitig mit ihr dieses Abenteuer gewagt hatte und sie sich damit in unmittelbarer Konkurrenz befanden, weiß ich nicht. In jedem Falle wurde sie bei diversen Zwischenstopps mit der Britin verwechselt. Diese erreichte Japan auch vor Marga von Etzdorf, aber da sie einen Mechaniker mit an Bord hatte, zählte dieser Flug nicht als Alleinflug. Am 29. August 1931 landete Frau von Etzdorf in Tokio, womit offiziell der Flughafen Haneda eröffnet wurde. Auf dem Rückflug aus Japan stürzte die „KiekindieWelt“ mit einem Motorschaden in Thailand ab. MvE musste längere Zeit ins Krankenhaus, die Maschine war ein Totalschaden.

Um wieder auf die Beine zu kommen, hielt sie nun Vorträge über ihre Erlebnisse. Im Juli 1932 musste sie mitansehen, wie Elli Beinhorn, aus demselben Jahrgang wie sie selbst, nach einer „round-the-world-Tour“ wieder in Berlin landete. Was gab es jetzt noch zu tun ? Welche „ersten-Male“, welche Strecken zu fliegen ? Marga von Etzdorf entschied sich schließlich für den „Flug nach Australien“. Dafür stellte ihr die Firma „Klemm Leichtflugzeugbau“ eine Kl32 zur Verfügung. Am 27. Mai 1933 startete sie zu dieser Unternehmung wieder vom heute verschollenen Flugplatz Staaken. Zwei Tage später jedoch verunglückte ihre Maschine in der Nähe von Aleppo in Syrien und erlitt erneut schweren Schaden.

Nachdem die üblichen Formalitäten abgewickelt waren, bat Marga von Etzdorf bei der französischen (Syrien war französisches „Mandatsgebiet“) Flughafenpolizei darum, sich kurz hinlegen zu dürfen. Kaum war sie im Raum alleine, zog sie eine Handfeuerwaffe und erschoss sich. Wikipedia schreibt dazu:

Eine weitere Rückkehr ohne Flugzeug hätte ihren Ruf als Fliegerin zerstört – kein Hersteller hätte ihr mehr eine Maschine anvertraut, kein Sponsor nochmals ihre Unternehmungen finanziell unterstützt. Die Fliegerkarriere der erst 25-Jährigen wäre zu Ende gewesen.

Ihr Grab findet sich übrigens auf dem ehemaligen Invalidenfriedhof in Berlin. Ihr unscheinbarer, kleiner Grabstein, der direkt an der mit dem Namen „Richthofen“ versehenen Wand zu finden ist (für diejenigen, die sich dort auskennen, oder vielleicht den Stein dort suchen wollen), hat die Inschrift „der Flug ist das Leben wert“. Das fasst Marga von Etzdorfs Lebensmotto zusammen. Ebenso wie die Tragik ihres Todes. Ohne Fliegen gab es für sie kein Leben.

Quellen:
– wikipedia
– http://www.dieterwunderlich.de/Marga-von-Etzdorf.htm

Foto der Junkers A50:
Von Softeis aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=219191

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Persönlichkeiten: der „fidele Fürst“ – Pückler

Man kann es nicht mehr abstreiten: 2017 ist Pückler-Jahr. In Potsdam-Babelsberg und seinem Ex-Wohnsitz Branitz in Cottbus wird des Bonvivants und Gartenkünstlers gedacht. Wer aber war Herrmann von Pückler-Muskau ? Betrachten wir mal sein abenteuerliches Leben im Schnelldurchlauf:

Die Eltern Pücklers finden in seinem Leben kaum statt. Seine Mutter war noch sehr jung, als sie ihn 1785 zur Welt brachte und konnte mit „Mutterschaft“ wenig anfangen. Der Vater, ein Misanthrop, hielt sich in Sachen Kinder-Erziehung ohnehin, ganz dem Zeitgeist entsprechend, zurück. Der kleine Herrmann wird früh in die Hände pietistischer Bildungsinstitutionen gegeben, was ihn für das weitere Leben zeichnet: „orthodoxem“ Protestantismus wird er immer feindlich gegenüberstehen, im Alter aus „Protest“ sogar noch katholisch werden.

Ein Jurastudium  bricht der abenteuerlustige Jüngling schnell ab und widmet sich einer Art „Militärlaufbahn“ im Dienste des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. Diese lässt ihm immerhin die Zeit, Reisen nach Italien und Frankreich zu unternehmen und mit einem Freund zusammen 1812 eine England-Reise zu machen, wo er die Gartenkunst als private Leidenschaft entdeckt, die ihn sein Leben lang begleiten wird. 1815 nimmt er schließlich als Beobachter an der „Völkerschlacht bei Leipzig“ teil, wird Verbindungsoffizier zum Stab des russischen Zaren.

In der Folge des „Wiener Kongresses“ fällt sein Landbesitz von Sachsen an Preußen. Pragmatiker, der er ist, heiratet Pückler daraufhin (1817) die Tochter des preußischen Staatskanzlers von Hardenberg, Lucie. Eine Ehe, die nur von ihrer Seite aus auf Liebe und Anerkennung beruht. Für Pückler ist sie nur eine weitere Stufe auf der Leiter des sozialen Aufstieges. Diese Ehe ermöglicht es ihm, 1822 in den Reichsfürstenstand erhoben zu werden. Von nun an dürfen wir vom „Fürsten Pückler“ sprechen. 1826 lässt er sich von Lucie von Hardenberg wieder scheiden.

Jetzt erspare ich Ihnen unzählige, biographische Details und verweise auf Pückler, den „Weltenbummler“. Auf der vergeblichen Suche nach einer vermögenden Erbin, die ihm dabei hilft, seinen hochverschuldeten Landbesitz über Wasser zu halten, begibt er sich 1825 – 1829 wieder nach England und nach Irland. Seine Reiseberichte, die er in die „alte Heimat“ schickt, werden dabei zur gerngelesenen Lektüre. Schließlich verschlägt es ihn 1837 nach Ägypten, wo er als Staatsgast empfangen wird und auf einem Sklavenmarkt eine 12-jährige Sklavin als Mätresse erwirbt. Ja, Sie lesen richtig. Dieses „nubische“ Mädchen mit Namen „Machbuba“ wird er bei seiner Rückkehr nach Muskau bei sich führen. Sie verstirbt aber bereits 1840 und ist dort beigesetzt.

1845 verkauft er seine überschuldete Standesherrschaft Muskau und siedelt nach Branitz über. Dort formte er einen Landschaftspark nach seiner Vorstellung und blieb als Schriftsteller aktiv. Er blieb weiterhin auch „Militär“ und erst das Alter verhinderte, dass er noch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 diente. Am 04. Februar 1871 verstarb Hermann, Fürst Pückler, auf Schloss Branitz. Er ist im dortigen Park in einer mit Gras bewachsenen Pyramide beigesetzt.

Pückler 1840

Der Nachwelt ist er vor allem als Garten-Architekt bekannt, der u. a. in Potsdam-Babelsberg die Gestaltung der unmittelbaren Umgebung des Schlosses aus den Händen von Peter-Joseph Lenné übernahm, mit dem sich die Auftraggeberin, Augusta von Sachen-Weimar-Eisenach (ja, mit diesem Hause blieb Pückler immer freundschaftlich verbunden) überworfen hatte. Dies geschah im Jahre 1843. Seine Gedankenwelt ist in jahrelanger Arbeit nachempfunden worden und kann seit Frühjahr 2017 wieder vor Ort besichtigt werden !!!!

Und natürlich lebt der Fürst Pückler in der Milcheis-Kombination von Erdbeere, Vanille und Schokolade weiter, die im deutschen Sprachraum unter seinem Namen bis heute verkauft wird.

Mein persönliches Fazit: Pückler wird dank Eiskrem und „Weltreisenden“-Flair m. E. n. von der Nachwelt bis heute zu positiv betrachtet. Ein selbstbezogener Karrierist, der sich aus finanziellen Gründen wieder von der ihm zutiefst zugetanen Ehefrau scheiden lässt, der „Soldat“, der letztlich niemals wirklich an der Front stand (und etwa die Schlacht bei Königgrätz 1866 im wahrsten Sinne des Wortes verschlief), der Gutsbesitzer, der seine Immobilien in den Ruin trieb und der Mann, der in Ägypten eine minderjährige Sklavin kauft, um mit ihr Sex zu haben. Sorry, nicht unbedingt ein Vorbild, eine Persönlichkeit, die meinen Respekt verdienen würde. Sein „Händchen“ in Sachen Parkgestaltung und Gartenbaukunst ist jedoch unbestritten und diesen „Nachlass“ des „grünen Fürsten“ kann ich anerkennen, zumal in Branitz etwa und in Babelsberg die öffentlichen Parks ja besichtigt werden können.

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Persönlichkeit: Eleonore Prochaska – die Opferbereite

Es gibt Geschichten, die transzendieren irgendwie Zeit und Kontext, in dem sie sich abgespielt haben. Die erzählen etwas scheinbar immer Gültiges, etwas, worüber man eigentlich lange nachdenken müsste, hätte man die Zeit dafür. Für mich ist eine solche Geschichte immer die von der Kriegsfreiwilligen Eleonore Prochaska aus Potsdam gewesen. Schauen wir mal, warum…

Die Umstände sind eigentlich bekannt. Es ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung Preußens. Der Mann, der scheinbar den Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts verkörperte, Napoleon, hatte es besiegt, hatte es 1806/07 beiseitegefegt, wie eine lästige Fliege. Nur einem recht „herablassenden“ Freund, dem Zaren Alexander, war es zu verdanken, dass es überhaupt noch existierte. Ein Rumpfstaat, seiner westlich der Elbe gelegenen Ländereien beraubt, seiner polnischen Territorien beraubt, in großen Teilen von französischen Truppen besetzt. Zu horrenden „Reparationszahlungen“ gezwungen (nein, diese Praxis war nicht von „bösen Deutschen“ nach dem Krieg von 1870/71 erfunden worden) und in einem Zustand permanenter „Umwälzung“.

Und auch in einem Zustand merkwürdiger Gegensätze gefangen. Noch der „Empereur“ selbst hatte sich z. T. angewidert von der Unterwürfigkeit der Berliner gezeigt, die sie bei seinem Einzug in die Stadt am 27. Oktober 1806 an den Tag legen. Augenzeugen berichten davon, dass alle Insignien Preußens, schwarze Adler, von den Amtsgebäuden, von Kleidung und Fahnenmasten verschwanden. Erste „vive l´empereur“-Sprechchöre kamen auf. In Bonapartes persönlichen Aufzeichnungen spürt man förmlich die Verachtung und den Ekel, den er für solche „Wendehälse“ empfand. Ausnahmsweise kann ich diese Anwandlung des Autokraten nachempfinden.

 

Gneisenau

Andererseits aber gab es auch zähen, fast schon irrationalen Widerstand gegen das „Unvermeidliche“. Die Stadt und Festung Kolberg in Pommern z. Bsp. , unter der Leitung von Major Gneisenau und Magistrat Nettelbeck, ließ sich auch von der längst kapitulierten Provinzialregierung nicht dazu bringen, seine Tore für französische Inspektionen zu öffnen. Zäher, sozusagen „zwischen zusammengebissenen Zähnen“ hervorgepresster Widerstand gegen ein scheinbar „unabänderliches“ Schicksal, das Preußen offensichtlich besiegt und letztendlich vernichtet sehen wollte.  (Später werden die Nazis den „Kolberg“-Mythos für ihre Zwecke missbrauchen, aber das ist eine ganz andere Geschichte…)

Und in dieser Geisteshaltung müssen wir auch das Schicksal der Eleonore Prochaska aus Potsdam sehen. Preußen war irgendwo gefangen zwischen unterwürfiger Bewunderung für die menschgewordene Hybris aus Korsika und einem recht plötzlich aufkommenden Bewusstsein seiner selbst, das sich immer tiefer in alle Bevölkerungsgruppen hineingrub.

Eleonore Prochaska

Marie Christiane Eleonore Prochaska wurde 1785 in Potsdam als Soldatenkind geboren. Die Familie könnte von böhmischen Glaubensflüchtlingen abstammen, was aber trotz umfangreichen Recherchen bisher unbewiesen ist. Nur der Nachname legt das nahe. Ihr Vater war Unteroffizier in der preußischen Armee. Im Jahre 1793 zog er in den Krieg, seine Frau sah sich nicht in der Lage, die Familie „über Wasser“ zu halten in dieser Zeit und so kam die Achtjährige ins „Große Militärwaisenhaus“ in Potsdam, ohne auch nur einen Elternteil verloren zu haben!

Vier Jahre verblieb sie dort und wir können nur erahnen, wie es ihr dort ergangen ist, was sie dort, freiwillig und gezwungenermaßen, gelernt, erlebt und erlitten hat. Kinder können grausam zueinander sein, die Erzieher dort, fast alle ehemalige Soldaten selbst, waren es ganz sicher auch zu ihren Schützlingen.

Als die Zwölfjährige 1797 wieder aus dem Waisenhaus kommt, hat ihr Vater den Militärdienst hinter sich und kann die Familie als Musiklehrer ernähren und bekommt eine Soldaten-„Rente“, die ebenfalls dringend gebraucht wird. Eleonore lebt aber nicht abgeschottet, sondern ist „mittendrin“ im Geschehen. Sie nimmt wahr, was in der Welt geschieht. Wir müssen also davon ausgehen, dass sie sehr wohl Zugang zu Zeitungen, Büchern und anderen Quellen von Nachrichten hat. Das war damals für „Kleinbürger“ und Menschen, die auf der „sozialen Leiter“ weiter unten standen, nicht alltäglich. Wie sehr sich doch die Zeiten verändert haben. Heute sehe ich praktisch jedermann unter 35 im öffentlichen Raum permanent auf smartphones starren, Unfälle damit verursachen etc. Ist das nun wirklich Fortschritt ? Vielleicht.

Eleonore jedenfalls lebte nicht in einer „Blase“ aus privaten Interessen, Familiendramen und Karrierewünschen. Nein, sie nahm sehr wohl war, wie es um „ihr“ Preußen stand. Vielleicht auch, weil sie seit 1810 für einen preußischen Beamten, den Hofbaurat Manger, als Küchenmädchen arbeitete. Nirgendwo sprechen sich Ereignisse, kleine wie große, schneller herum, als in einer Küche oder im Privathaushalt. Wem das nicht bewusst ist, der hat keine Familie oder lebt getrennt von ihr.

Lützows Grabstein in Berlin

Nach dem 17. März 1813, als der Aufruf „an mein Volk“ vom König Friedrich-Wilhelm dem Dritten ergeht, in welchem er die Preußen endlich zum Widerstand gegen Frankreich aufruft, legt Eleonore Prochaska einen Schalter in sich um. Sie verkauft alle ihre Sachen, erwirbt davon Herrnkleidung, verlässt ihren Dienst und schreibt sich als „August Renz“ beim Lützowschen Freikorps ein. Ja, bei der „wilden, verwegenen Jagd“, den schwarz-rot-goldenen Freiwilligen, die vielleicht das Beste verkörpern, das ihr Land damals zu bieten hatte. Obwohl viele von ihnen gar keine Preußen waren, sondern Sachsen, Hannoveraner etc.

Was die Potsdamer Küchengehilfin dazu brachte, nicht wie damals für Frauen üblich, als medizinische Helferin in einem Feldlazarett ihren Beitrag tun zu wollen, sondern an die Front zu gehen, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. In jedem Falle sagen uns die Quellen, sie habe die Strapazen des Soldatenlebens gut gemeistert und sei sogar zum Unteroffizier befördert worden ! Ein Frontkamerad erinnert sich sogar daran, dass ihre Sprache „nicht sonderlich fein“ gewesen sei. Sie fiel also nicht sogleich auf. Außer bei der Schuhgröße. Alle Soldatenstiefel waren ihr zu klein, so brauchte sie eine Spezialanfertigung für die zarten Damenfüße.

Beim Gefecht „an der Göhrde“, wo die Lützowschen Jäger in der Allianz mit preußischen Linientruppen, Russen, Mecklenburgern und Hannoveranern auf die Franzosen trafen,  fiel der Trommler ihrer Einheit. Es war der 16. September 1813 und die Legende will es, dass Eleonore Prochaska die Trommel aufgenommen und ihre Infanterie weiter zum Vormarsch gebracht haben soll. Das ist wohl eher nachträglich hinzugefügt worden. In Warhheit habe sie wohl einen verletzten Kameraden aus der Schusslinie geholt. Kartätschenkugeln sollen ihr daraufhin den Oberschenkel zerfetzt haben. Sie wurde von einem Feldscher, einer Art „Sanitäter“ behandelt, dabei als Frau entlarvt und nach Dannenberg verfrachtet, wo sie drei Wochen später verstarb. Die Quellen schweigen über die genauen Ursachen. Es darf zu hoher Blutverlust in Verbindung mit einer Infektion oder Blutvergiftung angenommen werden. Sie wurde auf dem St. Annen Friedhof in Dannenberg beigesetzt.

In der Folge wurde ihr Mut, ihre Liebe zu Preußen und ihre Bereitschaft, sich über gängige Konventionen hinwegzusetzen, weitgehend gewürdigt. Auf dem Dannenberger Friedhof wurde ihr zu Ehren 1865 ein Denkmal enthüllt. Auf dem „Alten Potsdamer Friedhof“ 1889 eine Gedenksäule errichtet. Ein Schauspiel (Text heute verschollen) wurde ihr zu Ehren verfasst, für das Beethoven die Musik schrieb. Ihr Andenken ist nicht vergessen.

Können wir Gegenwärtigen diese Art der Opferbereitschaft noch verstehen ? Nachdem uns vor allem die NS-Ideologen gezeigt haben, wie man solche Leidenschaft, solche Tugend für die allerabartigsten Ziele missbrauchen kann ? Es scheint, dass wir die Leidenschaften, die Werte und Motivationen unserer Altvorderen nach dieser Zäsur nicht mehr verstehen können. Manchmal bedauere ich das ein wenig.

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Persönlichkeiten: Julius Sternberg – verratener Lokalpatriot

Die Geschichte wird von den „Großen“ geformt und von den „Kleinen“ erlitten. So will es das Sprichwort. Mir erschien das immer zu fatalistisch, zu wenig der Tatsache eingedenk, dass auch Einzelschicksale größere Wirkung haben können. Aber wenn ich an Lebenswege wie den von Julius Sternberg denke, bin ich fast davon überzeugt, dass da doch etwas dran ist. Schauen wir uns diesen „Kleinen“, diesen braven Spandauer einmal kurz an:

Auf dem obigen Foto sehen wir die Familie Sternberg. Aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1933 bei einer Geburtstagsfeier aufgenommen. Ganz links steht der eigentliche Familien-„Patriarch“ – Julius Sternberg. Wie hätte er wissen können, das er sechs Jahre später seine Heimat verlassen musste, weil sie ihn, den Juden, verriet und zum Hass- und Vernichtungsobjekt erklärte ?

Julius und Susanne Sternberg, im Urlaub 1931

Die Sternbergs waren seit 1841 in Spandau ansässig. Sie machten ihre Karriere als Händler. Das Handelshaus „Moses Kiewe Sternberg“ am Spandauer „Markt“ profilierte sich im Laufe der Jahre auch unter seinem Werbeslogan (ja, die gabs auch schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts !) „das Haus der guten Qualität“. Und, wie Kaufleute mir sicher bestätigen können: wer am Ende keine gute Qualität liefert, wird sich nicht durchsetzen können, nicht einmal auf einem so kleinen, regionalen Markt wie in Spandau. Gehen wir also getrost davon aus, dass das Kaufhaus Sternberg, das zwischen den beiden Weltkriegen bis zu 100 Angestellte hatte und wohl in Sachen Herrenoberbekleidung seine Basis hatte, seinem selbstgebastelten Ruf gerecht wurde.

Zu dieser Zeit war der Chef des Hauses bereits in dritter Generation der besagte Julius Sternberg. Ein braver Bürger Spandaus, wie er im Buche steht. 1879 in „Spandau“ geboren, nachdem die Stadt erst zwei Jahre zuvor das regionaltypische „-ow“ am Ende abgelegt hatte (siehe „Treptow“, „Mahlow“, etc.).  Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Feldwebel (s. Foto unten), mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet . Hier wird es bald zu einer seltsamen Skurrilität kommen, aber dazu später mehr. Sternberg jedenfalls war Spandauer mit Leib und Seele. Und er war Jude. Das war kein Widerspruch, das war der „Normalfall“. Bis 1933 jedenfalls.

Feldwebel Julius Sternberg

Im Café seines Kaufhauses ließ er 1927 eine Ausstellung mit historischen Bildern aus Spandau aufhängen. Das Motto damals: „Mit der Heimat eng verbunden.“ Von 1922 – 1935 stand er der jüdischen Gemeinde Spandaus vor. Sternberg, der die einzige „private“ Synagoge in seinem Geschäftshaus in Spandau besaß, „war jemand“ unter den lokalen Honoratioren. Das änderte sich 1933 mit der Machtübergabe an Hitler. Von nun an wurde das Trottoir vor dem Kaufhaus Sternberg mit judenfeindlichen Parolen beschmiert, es rannten SA-Leute mit dementsprechenden Slogans auf Papier oder im Mund durch die Spandauer Altstadt. Die Scheiben wurden eingeworfen… Der blinde Hass tobte sich aus. Ironischerweise hatte Sternberg als verdienter Frontkämpfer aber in dieser Zeit noch eine Belobigung aus dem Sekreteriat des „Reichskanzlers“ Hitler erhalten. Das schützte aber weder ihn noch seine Liebsten. Mehrere Verwandte wurden im Holocaust getötet.

1935 schließlich wurde Sternbergs Privathaus in der Schönwalder Allee 55 erstmalig von der Polizei durchsucht. Absurde Vorwürfe des „Hortens von Kriegswaffen“ führten dazu, dass Julius kurze Zeit in „Schutzhaft“ genommen wurde. 1938 schließlich musste er sein Geschäft aufgeben. Es wurde zunächst verkauft, dann aufgelöst. 1939 gelangten Julius Sternberg und seine engste Familie, vor allem Frau Susanne und Sohn Hans, über London nach Kolumbien, wo sie sich in Bogotá mehr schlecht als recht durchschlugen. Aber die alte Heimat, obwohl sie ihn so schmerzlich im Stich gelassen (in meinen Augen verraten) hatte, ließ Sternberg nicht los.

1950, als Julius Sternberg stolze 71 Jahre zählte, kehrten er und seine Familie zurück nach Berlin. Sternberg selbst fand in der „Breiten Straße“ 21 in Spandau, dem angestammten Sitz des Handelshauses Sternberg, nichts mehr vor, was man ihm hätte zurückgeben können. Die Bombenangriffe vom November 1944 und März 1945 hatten weite Teile der Altstadt zerstört. In seinem Alter wollte Julius Sternberg auch selbst kein Geschäft mehr neu eröffnen. Sein Sohn Hans (geb. 1925) jedoch führte die Familientradition fort und arbeitete für einen Handelskonzern. Für sein Engagement bei der Aufarbeitung der Familiengeschichte erhielt er 1980 das Bundesverdienstkreuz. Hans Sternberg lebt heute in Bad Kissingen.

an der Sternbergpromenade

Julius Sternberg verstarb am 25. Juli 1971. Er ist auf dem jüdischen Friedhof Heerstraße in Berlin beigesetzt.

Heute steht auf dem Grundstück, auf dem sich einst das Kaufhaus Sternberg befand, das Gebäude der „Sparkasse“. Immerhin erinnert seit dem Jahr 2000 eine Gedenktafel der Stadt Berlin an Julius Sternberg. Und seit November 2014 heißt auch die Uferpromenade Spandaus zwischen Dischingerbrücke und Juliusturmbrücke „Sternbergpromenade“. Im April 2016 wurde schließlich eine Informationstafel über die Familie Sternberg an „ihrer“ Promenade enthüllt. Hans Sternberg war dabei noch persönlich anwesend.

Persönlichkeiten: Carl Schuhmann – der Sieger

Die Olympischen Spiele der Neuzeit begannen im Jahre 1896 in Athen. Der Traum des Barons de Coubertin begann, Gestalt anzunehmen. Aber wer kennt noch den ersten, deutschen Olympiasieger und Mehrfach-Gewinner Carl Schuhmann ? 

schuhmann_cavallo_atene_1896Ich stelle mir das alles noch sehr improvisiert vor. Ein paar Sporthallen von Schulen oder Hochschulen, ein paar Matten, wenige Teilnehmer, absurde Wettbewerbe („Tauhangeln“), die deutsche Mannschaft besteht aus ganzen 21 Athleten, die Segel- und Ruderwettbewerbe fallen wegen schlechten Wetters gleich ganz aus. Ganz normale Anfangsumstände halt.

Wir Nachgeborenen können darüber getrost schmunzeln. Wir sind die Mega-Events mit Sponsoren-Allgegenwart und TV-live-Übertragungen gewohnt. Die professionelle Vorbereitung der Teilnehmer über Jahre hinweg, die Auswahl-Wettkämpfe, die Doping-Skandale, die Werbeverträge der Olympia-Goldmedaillen-Gewinner. 1896 traten die Athleten noch um „der Ehre“ willen an. Noch nicht einmal unbedingt für ihr eigenes Land, wie die Tatsache beweist, dass der Deutsche Fritz Traun mit dem Engländer John Boland das Tennis-Doppelturnier gewann. Der erste und einzige Sieg, den sich Athleten aus zwei verschiedenen Ländern teilen.

schuhmann_lotta_atene_1896Gold-Medaillen gab es übrigens noch nicht. Der Dritte bekam auch keinen Preis. Denn nur der Gewinner bekam eine Silbermedaille und der Zweite eine bronzene. Das ist also das Umfeld, in dem Carl Schuhmann vier Olympiasiege feiert. Der erste, deutsche Olympiasieger, ein Mehrfachsieger. Eigentlich war er als Turner nach Athen gereist. Aber weil er schon mal dort war, gewann er auch gleich noch das Schwergewichts-Ringen gegen den baumlangen Griechen Georgios Tsitas (siehe Foto). Dieser Wettbewerb dauert den Aufzeichnungen nach insgesamt über eine Stunde lang und wurde auf zwei Tage verteilt. Seine anderen Siege waren im Pferdsprung und mit den Barren- und Reckmannschaften. Aber, da Schuhmann gerade so viel Spaß hatte, erreichte er auch noch einen dritten Platz im Gewichtheben.

GEDSC DIGITAL CAMERADer Münsteraner Goldschmied, geboren 1869, der vier Olympiasiege für sich verbuchen konnte, starb 1946 in Berlin. Dort befindet sich auch seine Grabstätte auf dem Friedhof Heerstraße. Selbstverständlich ist sie bis heute ein Ehrengrab der Stadt Berlin.

Bildmaterial:

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Geliebter Großvater – ein vergessener Haudegen

Manch ein „Preuße“ ist heute vergessen. Zu Recht oder Unrecht, das muss wohl im Einzelfall entschieden werden. Im Falle des hier von mir porträtierten Haudegens überstrahlte vielleicht der Bekanntheitsgrad seines Enkels den eigenen, was dazu führte, dass er in Vergessenheit geriet. Sein Grab ist ohnehin nicht mehr aufzufinden, obwohl  jeder Brandenburger und Brandenburg – Besucher dessen Ort kennt. Rätselhaft, wie sich uns die Geschichte manchmal als „scheues Reh“ zeigt, das mit viel Geduld gejagt werden will, oder als mysteriöses Wesen, welches oftmals zurückweicht, je mehr man sich ihm zu nähern versucht…

Wir alle kennen die preußischen Hofporträts des Malers Antoine Pesne. Die diversen Prinzen, Prinzessinnen etc. hat er in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Leinwand gebracht. Vor kurzer Zeit aber erst entdeckte ich sein Gemälde eines freundlich lächelnden Mannes mit Harnisch. Er trägt die übliche Perücke seiner Zeit. Sein rechter Arm steht quer über dem Körper und seine Hand formt dabei das, was wir heute eine „Pistole“ nennen würden, die vom Betrachter aus nach rechts zeigt. Merkwürdig. Worauf zielt dieser freundliche Herr im unfreundlichen Kriegsgewand ? Und wer ist er überhaupt ?

Es ist Heinrich-August, Baron de la Motte-Fouqué. Ja, ja, bitte nicht vorschnell „weiterdenken“, denn DER de la Motte-Fouqué, an den Sie vermutlich gerade denken, war auch preußischer Offizier aber eben erst zwei Generationen später. Als es darum ging, den französischen Psychopator Buonaparte, die menschgewordene Hybris Frankreichs, wieder aus dem Geschäft zu drängen. Dies ist aber eine andere Geschichte, die ich HIER schon einmal in Mikro-Fetzen angerissen habe.

1738, Antoine Pesne: Heinrich-August de la Motte-Fouqué

Sein Großvater, eben jener Heinrich-August (oder vielleicht am Beginn seines Lebens gar noch „Henri-Auguste“ ?) hingegen war noch ein Hugenotte vom „alten Schrot und Korn“. Geboren 1698 in Den Haag gehörte er zur ersten im Ausland geborenen Generation dieser französischen Protestanten. Er entstammte einem normannischen Adelsgeschlecht, das auch einst recht ordentlich mit Grundbesitz ausgestattet war. Dank Ludwig, dem „Sonnigen“ von Frankreich, der 1685 das Edikt von Nantes aufhob und mit seinem Edikt von Fontainebleau Frankreich de facto wieder zur „allerkatholischsten“ Nation machte, waren die Protestanten erneut vogelfrei. Kein Wunder, dass es sie in Massen ins Ausland zog, nach Holland, nach Kleve, ins Rheinland und gar nach Brandenburg, wo ihnen der „Große Kurfürst“ die Türen und Tore weit öffnen ließ.

Auch Heinrich-August kam dorthin, aber über einen interessanten Umweg. So geriet er noch im Kindesalter von ganzen acht Jahren als Page an den Hof von Anhalt-Dessau. Richtig, an den vom „Alten Dessauer“, dem Fürsten Leopold. Wie das zustande kam ? Die mir zugänglichen Quellen schweigen sich darüber aus. Immerhin kann es unserem Heinrich-August dort nicht schlecht ergangen sein. Er lernte, arbeitete, wuchs und gedieh prächtig. Als der „Alte Dessauer“ sich 1715 auf einen Feldzug gegen die Schweden nach Stralsund begab und dafür den Jungen de la Motte-Fouqué eigentlich in der Obhut seiner daheimbleibenden Gemahlin lassen wollte, hatte er aber nicht mit dem Feuer des 17-jährigen Hugenotten gerechnet. Wer war mit 17 nicht ein Feuerkopf, der Unsinn trieb ? Richten wir also nicht vorschnell über den späteren Baron (er erbte den Titel erst nach dem Tod seines älteren Bruders Heinrich-Karl 1742) !

Denn sein erster Biograph, der Königsberger Gottfried August Büttner, erzählt die Geschichte, dass sich unser Heinrich-August vom Hof in Dessau davonstiehlt, nach Halle begibt und dort anonym anmustert, um nun doch „mit von der Partie“ sein zu können. Ach, die unreflektierte Wildheit der Jugend ! Kann ich die jungen Leute auch heute noch darum beneiden ? Ich weiß es nicht. De la Motte-Fouqué beginnt in jedem Falle seine Militärlaufbahn als einfacher Soldat. Nicht die schlechteste Art, dieses „Handwerk“ kennenzulernen. Erst später bekommt er die Funktion eines Fähnrichs. 1719 wird er Leutnant, 1723 Hauptmann… Die Details dieser Karriere sind vielleicht nicht so faszinierend.

Soldatenkönig und Alter Dessauer (vorne links)

Spannender ist da schon, dass Heinrich-August auf den Radar des Soldatenkönigs von Preußen gerät und auch dessen Thronfolger, der vierzehn Jahre jünger ist, als de la Motte-Fouqué, ihn schätzen lernt. Das ist erstaunlich, da der „junge Fritz“ eigentlich der Generation und den Militärs seines Vaters recht wenig Respekt entgegenbringt. 1725 bekommt Heinrich-August eine erste Auszeichnung von den Hohenzollern. Es wird nicht das letzte Zeichen der Wertschätzung sein. An dieser Stelle springe ich mal gewaltig. Die diversen Feldzüge, Beförderungen etc. lasse ich mal beiseite.

De la Motte-Fouqué geriet so aber in den Dunstkreis des Thronfolgers Friedrich, wurde von diesem geschätzt, weil er scheinbar auch während des Zerwürfnisses Friedrichs mit dem Soldatenkönig nicht auf Distanz zu ihm ging. Mutig, wenn es denn wahr ist. Immerhin war unser Heinrich-August später auch gerngesehener Gast Friedrichs auf seinem „Musenhof“ in Rheinsberg. 1733 heiratete de la Motte-Fouqué in Halle Elisabeth Madeleine Masson. 1738 gründet ein Freundeskreis Friedrichs in Rheinsberg den sog. Orden der „Bayards-Ritter“, die sowohl der Aufklärung als auch der gegenseitigen Freundschaft verpflichtet sein wollen. „Ordensmeister“ wird Heinrich-August de la Motte-Fouqué. 1739 verlässt er für kurze Zeit dieses Umfeld, weil er sich (wiederum ohne Erklärung durch die Quellen) mit dem „Alten Dessauer“ überwirft. Meine Neugier ist geweckt, kann aber nicht befriedigt werden. Worüber ein Reichsfürst von Anhalt-Dessau und ein „noch-nicht-Baron“ wohl gestritten haben ? In jedem Falle heuert der Hugenotte in Dänemark an, wird aber schon bald vom frisch inthronisierten König Friedrich nach Preußen zurückgeholt. Dieser gibt ihm ein Regiment zur Ausbildung und ernennt ihn zum Obersten.

Und wieder könnte man damit beginnen, aufzuzählen, welche Schlachten in den drei Schlesischen Kriegen Heinrich-August mitgemacht hat. Lesen Sie eine Geschichte dieser Konflikte, wenn Ihnen das etwas gibt, liebe Leserinnen und Leser! Ich werde das auch irgendwann wieder tun, mute Ihnen das an dieser Stelle aber nicht zu. 1751 wurde de la Motte-Fouqué immerhin Generalleutnant und erhielt den Schwarzen Adlerorden verliehen.

Nach der Beendigung des „Siebenjährigen Krieges“ 1763 gab Heinrich-August seine Militärlaufbahn auf und wurde vom König Friedrich mit der „Präbende“ (ja, das ist das Selbe wie die sprichwörtlichen „Pfründe“, die man später immer dem Adel abnehmen wollte) als Dompropst von Brandenburg an der Havel belohnt. Dort verbrachte er seinen Lebensabend in Frieden, bis er am 03. Mai 1774 verstarb. Er wurde in der St. Johanniskirche ebendort beigesetzt. Sein Grabstein und seine Grabstätte sind durch die schweren Beschädigungen des Zweiten Weltkrieges bedingt, die diese Kirche erlitt, nicht mehr vorhanden.

Die erste, biographische Beschreibung des Lebens von Friedrich-August  de la Motte-Fouqué erschien bereits im Jahre 1788 in Königsberg. (Von vielen, seiner russischen Einwohner übrigens heute noch liebevoll „Kenig“ genannt, statt „Kaliningrad“. Danke, ihr Freunde von Kant….) Es ist das schon erwähnte, zweibändige Werk von Gottfried August Büttner. De la Motte-Fouqués Enkel, der Schriftsteller Friedrich dlMF, wird ihm 1823 ebenfalls eine liebevolle Biographie widmen.

Welches Fazit soll ich hier ziehen ? Ein Mann, der mit Mut und Verstand durchs Leben ging, kann niemals ganz in Vergessenheit geraten ? Oder: ein Gemälde erzählt uns oftmals nur einen Teil der Geschichte ? Wer weiß das schon. 🙂

Bildmaterial:

  • Von Antoine Pesne – Friederisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung, ed. Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Munich: Hirmer, 2012), p.file: James Steakley, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29385312
  • von mir, (c) 2016, 2017

Quellen:

  • wikipedia,
  • wikisource.org
  • „Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Königl. Preuß. Generals von der Infanterie, Freiherrn de la Motte Fouque“, Band 1 und 2, Gottfried August Büttner, über „google play“ – books.

Am Anfang war … „der Bär“

Das Mittelalter. Unendliche Weiten. Und ein Mann, der dahin vorrückt, wo noch kein Ritter zuvor geritten war ? 🙂 Na, ja. Diese Legende stammt wohl aus späteren Zeiten, als man mit Deutschtümelei peinlichster Art keine Probleme mehr hatte. Der Anfang der „Mark Brandenburg“ ist jedenfalls komplizierter, als gedacht. Und dennoch: am Anfang steht, wenn man es ganz nüchtern betrachtet, eben doch „der Bär“ aus Ballenstedt. Schaun wir mal:

Nein, eine „Geschichtslektion“ werde ich jetzt nicht abhalten. Ich lasse es damit genug sein, dass ich betone, die „Ostsiedlung“, die Christianisierung und Einverleibung des Elbe-Oder-Raumes durch das Deutsche Reich im Mittelalter wurde Anno Domini 983 durch den sog. „Slawenaufstand“ jäh gestoppt. Nachvollziehbar, dass man als Völkchen, dem es eigentlich gut geht, das sich wohl fühlt in seiner Haut, das noch dazu in einer Region wohnt, die durch den Handel und aufgrund natürlicher Vorzüge (Wasserreichtum, wenig Bodenerhebungen) sich ein ständiges Einkommen sichern kann, keine Lehnsherren von „außen“ haben wollte. Mit der „Nordmark“ wars also im o. e. Jahr erst einmal vorbei. Während in Polen, Pommern, Sachsen oder Mecklenburg so langsam „Strukturen“ der mittelalterlichen Feudalgesellschaft eingezogen wurden, lebten die Stämme der Heveller und Sprewanen urgemütlich in ihrem Territorium. Lässig formuliert: sie machten in und um Brandenburg an der Havel und Köpenick ihr „eigenes Ding“ (siehe Karte unten).

Und das blieb auch lange so, bis ein Condottiere (ja, ich weite diesen Begriff einfach mal ins Hochmittelalter aus, pedantische Historiker mögen mir dies nachsehen oder auch nicht) aus dem Harz sich aufmachte, sich mit Vertrag und Schwert ein eigenes Land zu erobern. Seine Ziele ? Schwer zu sagen. Ich neige zu einer gewissen Nüchternheit und behaupte: hehre Motive mögen ihn sicher nicht bewogen haben. „Christianisierung“ der Elbslawen oder „das Voranbringen der Zivilisation“, „Eroberung für das Reich“ ? Man wird ihn später in dieser Richtung interpretieren. Übersprudelnder Tatendrang, Gier nach Land und das Ziel, in die Geschichtsbücher einzugehen, mögen es jedoch wohl eher gewesen sein, die einen Grafen aufs Schlachtross trieben. Ritter des Mittelalters suchten sich ihre „Jobs“ eben oftmals auch selbst.

Wer also war „Adelbert von Ballenstedt“, den spätere Generationen als „Albrecht, den Bären“ titulieren werden ? Nun, der Beiname wird von mir ehrlich gesagt mehr im Sinne der native-americans interpretiert. Wenn Häuptling „Springender Hirsch“ sich mit seinem Totemtier identifizierte, dann durfte sicher auch ein mittelalterlicher Adliger in Deutschland als „Bär“ bezeichnet werden. Wild und kraftvoll. Ein unzivilisiertes Image, sagen Sie, liebe Leser ? Nun, bis in unser 21. , gar so kultiviertes Jahrhundert ist es ja auch noch ein bischen hin. Denn „der Bär“ wird im Jahre 1100 geboren. Wo, ist der Historie jedoch entgangen. Allzuviele Aufzeichnungen verbrannten in nachfolgenden Kriegen. Immerhin wissen wir, dass er als Sohn des Grafen „Ottos des Reichen“ von Ballenstedt im Harz, geboren wird. Nach dem benachbarten Aschersleben wird übrigens später das Haus benannt werden: „Ascanius“, die Askanier sind da.

Albrecht war umtriebig. Wo immer es etwas Land zu gewinnen, einen Titel abzustauben, oder in einen Krieg zu ziehen ging, war er nur allzugerne mit dabei. Details seiner Sinnsuche erspare ich Ihnen mal, erwähne aber am Rande, dass er als Gefolgsmann des Deutschen Kaisers Lothar an einem vermutlich sinnlosen Feldzug nach Italien teilnahm. Der damalige Markgraf der „Nordmark“ kam dabei zu Tode, Albrecht überlebte und der Kaiser bedankte sich mit dem freigewordenen Titel beim Bären für die Teilnahme. Denn die Nordmark war zu dieser Zeit (1134) nicht mehr als ein „de jure“-Titel, wie der des Bischofs von Brandenburg. De facto herrschten noch immer die Slawen in diesem Gebiet und mit dem Christentum wars auch noch nicht gar so weit her. Ein paar Fürsten waren mehr oder minder pro forma Christen geworden. Allerdings hatte Albrecht zu diesem Zeitpunkt bereits einen netten „Deal“ in der Tasche: er hatte seit etwa 1125 mit dem Heveller-Prinzen Pribislaw (später „Heinrich“, nach der Taufe) eine Art Freundschaftsvertrag geschlossen, der sehr zu Gunsten des Ballenstedters ausfiel. Denn Pribislaw, der, wenn die Quellen nicht irren, gar nicht erbberechtigt als Herrscher der Heveller gewesen wäre, wollte mit Hilfe des Bären in Brandenburg/Havel die Macht ausüben und versprach dafür, den Askanier zu seinem Erben zu machen. „Nach mir die Sintflut“, so kann man auch Herrscher sein und sozusagen „geborgte“ Macht ausüben.

Albrecht gedachte jedoch, langfristig an diesen Zuständen etwas zu ändern. Als sich die Chance für den „Wendenkreuzzug“ ergab, putzte er den Rost vom Harnisch, kletterte auf die Rosinante und schaute sich schon mal zwischen Elbe und Oder um. Immerhin war er ja der Markgraf der Nordmark. Jetzt noch flugs ein Kreuz auf den Umhang genäht und schon konnte der „Binnenkreuzzug“ im Gefolge Dänischer, Polnischer und Sächsischer Fürsten losgehen. Immerhin ist der Weg ins Heilige Land ja auch sehr weit und die Slawen lagen hingegen nahe. Kreuzzugs-Bequemlichkeit. 1147 gings los. Witzigerweise konnten sich aber die Fürsten nicht so recht entscheiden, wohin die Reise gehen sollte und so gingen zwei Heeresgruppen schließlich auf die „Reise“. Eine unter Heinrich dem Löwen von Braunschweig, dem Intimfeind Albrechts, und die andere unter, welche Überraschung, Adelbert von Ballenstedt selbst. Das letztere dann mehr nach Osten unterwegs war, während der Braunschweiger „Löwe“ (schon wieder ein Totemtier !) eher an Mecklenburg und Niedersachsen Interesse hatte, sei hier nur am Rande erwähnt. Albrecht zog also mit einigen Kriegs-Leutchen und Bischöfen im Schlepptau weiter bis nach Stettin, wo ihn überraschenderweise bereits ein Pomeranen (oder darf ich sie schon „Pommern“ nennen ?) – Fürst namens Ratibor erwartete, der längst christianisiert war. Nix wars mit dem „Evangelisation mit dem Schwert“. Aua. Große Schlachten gabs auch keine zu schlagen, da die „Wenden“ sich einfach beim Vorüberziehen der Ritterheere in ihre Fluchtburgen zurückzogen, die Zugbrücke hochzogen und den Spuk abwarteten.

Drei Jahre später trat der von Albrecht so dringend erwartete „Erbfall“ ein: Pribislaw – Heinrich, Fürst der Heveller, verstarb. 1150. Frisch-fromm-fröhlich griff sich „der Bär“ einen Gaul und ritt mit ein paar Gefolgsleuten nach Brandenburg/Havel, um dort seinen Machtanspruch durchzusetzen. Aber, so einfach war es dann doch nicht. Diverse schlechtgelaunte Heveller-Adlige riefen „Jaxa de Copnic“ (im Deutschen später auch als „Jaczow von Köpenick“ bezeichnet) ins Land. Dieser bestens mit Kontakten nach Polen ausgestattete Sprewanen-Fürst rekrutierte ein Heer aus Sprewanen, Polen und unzufriedenen Hevellern, eroberte mit List und Gewalt die „Brandenburg“ vom Bären. Dieser wiederum schlug mit eigenen Kräften zurück, die er sich z. T. vom Bischof Wichmann von Magdeburg auslieh, nahm die Brandenburg am 11. Juni 1157 ein und nannte sich erstmals in einer Urkunde vom 03. Oktober 1157 „Markgraf von Brandenburg“. Das heutige Bundesland feiert deshalb seine Gründung an diesem Tag. Die 850 Jahrfeier 2007 war dabei besonders üppig.

Praktisch sofort holte der neue Markgraf Siedler aus dem Harz, dem Rheinland und sogar aus Flandern („Fläming“ !) ins Land. Die Sicherung seiner Herrschaft vertraute er lieber neuen, als alten Einwohnern an. 1160 gab er der Stadt Stendal das Marktrecht. Etwa um diese Zeit soll er auch eine Burg in Spandau haben errichten lassen. Zunächst als Grenzfestung gegen die Sprewanen. In Stendal soll er 1170 gestorben sein. Beigesetzt wurde er vermutlich im Hauskloster der Askanier in Ballenstedt. Zuvor hatte er seinen jahrzehntelangen Kampf um die Herrschaft in (Nieder-)Sachsen aufgeben müssen. Der schon erwähnte Welfe „Heinrich der Löwe“ hatte sich durchgesetzt. Zehn Jahre später wurde jedoch Albrechts Sohn Bernhard mit dem Herzogtum Sachsen belehnt. Posthume Genugtuung für das Haus Askanien.

Von „Albrecht, dem Bären“ existieren diverse, verklärende Nachbilder. Speziell im Kaiserreich sollte er zu einem „Bringer des Christentums“ für die heidnischen Slawen umgewidmet werden. Das Standbild aus der ehemaligen „Siegesallee“ hält denn auch ein Kruzifix in die Höhe. (siehe Bild oben) Kann man sicher auch dem Fürsten des Mittelalters die Christianisierungsabsicht nicht komplett absprechen, so dürften dennoch Territorialgewinn und der Prestigezuwachs als Markgraf doch die entscheidende Triebfeder für sein Handeln gewesen sein. Müssen wir das heutzutage um jeden Preis verurteilen ? Oder einfach nur zur Kenntnis nehmen ? Entscheiden Sie selbst.

Nachwort: Liebe Leser, Sie kennen sicher die „Schildhornsage“, haben das Schildhorndenkmal im Grunewald vielleicht selbst schon besucht oder auf einer Dampferfahrt über die Unterhavel davon gehört. Ich erspare Ihnen diesen Blödsinn ganz bewusst. Und das mit dem Hinweis darauf, das Jaczow von Köpenick aller Expertenmeinung nach längst Christ war, als er in Konflikt mit unserem Albrecht geriet. Wieder nix mit der Evangelisation ! Oder mit Pferden, die durch die Havel schwimmen… Das Standbild Albrechts aus der schon erwähnten Siegesallee finden wir übrigens heute auf der Spandauer Zitadelle in einer Dauerausstellung wieder.

Bildmaterial:

Quellen: